Into the City - Schauplatz: Quellenstraße

16. Mai 2012

Rein in die viertgrößte Stadt Österreichs: Wien Favoriten. Unzählige Friseurläden, Kebap-Imbisse und die verschiedensten Sprachen prägen diesen Gemeindebezirk. Hier, in der Quellenstraße, fand die Eröffnung eines Projekts statt, das die nahelebenden Bewohner und viele Interessierte die nächsten Wochen begleiten wird. Ganz unter dem Motto „Urban Sounds Of Turkey” trafen in Festivalzentrum türkische Chöre ein, gefolgt von Musiker Hakan Vreskala.

Einer der Superar - Chöre, der türkische und Wiener Lieder bei der Eröffnung zum Besten gab

In der Zwischenzeit konnte man die vielen Kunstprojekte bestaunen, einen 3D-Wrestling Film ansehen, sich selbst als DJ versuchen und die ersten Entwürfe des Workshops Post it! betrachten.Installation - die Quellenstraße und Umgebung

Und spätestens um 21 Uhr waren dann wirklich alle Gäste eingetroffen: pünktlich zum Open Air-Konzert von DJ n Ipek Ipekcioglu!

Fröhlich unter die Besucher hatte sich auch Wolfgang Schlag gemischt, Kurator von Into the City.  Seit sieben Jahren organisiert er dieses Projekt, welches versucht die verschiedenen Stimmungen in Wien einzufangen und widerzuspiegeln. Was genau das für dieses Jahr bedeutet, erklärt er hier:

Quellenstraße

Was Bordelle mit den Wiener Festwochen zu tun haben, könnt ihr hier nachhören:

Night of Lovesongs

Er schafft es ernste Themen so zu verpacken, dass sie nicht nur gesellschaftskritisch sind, sondern auch Grundlage für Gespräche und Unterhaltung. Dieses Jahr gibt’s dieses besondere Projekt:

Paradis Artificiels

Woher er all diese Ideen hat, verriet er uns hier:

Wo und wie Ideen gefunden werden

Wie er so viele Leute motivieren konnte, mitzumachen, beschreibt er uns hier:

Netzwerke

Anastasia Lopez


Post It!ITC will immer so viele und unterschiedliche Bewohner, „Communities” wie möglich erreichen, jeder, der kommt, ist willkommen. Eine der Aufgaben ist natürlich auch, das „typische Festwochenpublikum” erst einmal hierher in die Quellenstraße zu „lotsen”, zu überzeugen, dass hier auch etwas Faszinierendes stattfindet, das mindestens genauso spannend ist wie die Produktionen im 1. Bezirk.

Wolfgang  Schlag darüber, warum dieses Projekt mit dem typischen Wiener Festwochen-Publikum gescheitert wäre, welche Zielgruppe ihn besonders interessiert und was ihm bei diesem Projekt deswegen wichtig ist:

Was Wolfgang Schlag interessiert

DJn Ipek, Tochter türkischer Migranten, die in  Berlin lebt ist extra zum Auflegen für die ITC - Eröffnung nach Wien gekommen.

Einen Favoriten (haha!) hat Schlag bei den diesjährigen drei Themen, die jedes für sich sehr komplex sind, nicht: Die Projekte rund um das Festivalzentrum Quellenstraße, Paradis Artificiels und die Gran Lux -Veranstaltungen sind ihm alle gleich wichtig. Wie er auf die Gran Lux-Analogfilm-Produktion gekommen ist und wie sie sich zu dem, was sie jetzt ist, entwickelt hat:

Gran Lux

Ein Projekt der ITC-Reihe, das ihn nachhaltig beeindruckt hat, war das 2009 stattfindende „Asian Village”. Der Kurator erklärt, worauf er an diesem Wochenende, das 15.000 Menschen in die Gumpendorfer Straße lockte, stolz ist, und was für diesen Erfolg notwendig war:

Fundort: Ein Hinterhof im 15. Bezirk

Die Planung für die Wiener Festwochen 2013 läuft jetzt schon auf Hochtouren, in der nächsten Saison wird sich Wolfgang Schlag einen lang gehegten Wunsch erfüllen:

ITC 2013

ITC befasst sich mit politisch brisanten Themen wie Migration oder Prostitution, auf die Frage, ob ihm jemals aus politischer Richtung „auf die Finger geklopft” wurde, kann der Kurator aber getrost mit „Nein” antworten, manchmal werde aber schon mit der Stirn gerunzelt:

Stirnrunzelthemen

Die Festwochen haben schon eine Tradition darin, auch unangenehme Themen anzusprechen und diese niederschwellig-„volksnah”  mit den kreativsten Konzepten „an den Mann zu bringen”. Für ITC ist das Hauptthema Kunst im sozialen Kontext, und man sieht sich als soziale Intervention im Stadtraum.

Kooperationen kommen bei ITC auch immer wieder vor, ein Muster lässt sich aber nicht erkennen, da man immer versucht, „auf der Reise zu bleiben”, es sei auch nur einmal  vorgekommen, dass zwei Mal am gleichen Ort oder mit dem gleichem Partner gearbeitet wurde, es sei…

Kooperationen und stete Suche nach etwas Neuem

Diana Peutl

Kritikerrunde trifft auf Profi Kritiker - Die Kritikerrunde macht sich startklar, Teil 2

14. Mai 2012

“Der erste Satz ist der bedeutendste, er soll den Leser packen und zum Weiterlesen animieren.” Das ist wohl eine der schwierigsten Sachen beim Schreiben einer Kritik. Aber nicht nur das haben wir am 3. Mai von Gert Korentschnig, Leiter des Resorts Kultur und Stellvertretender Chefredakteur des Kurier gelernt. Mit einer Kritik muss eine breite Leserschaft erreicht werden, es soll ein Überblick gegeben werden, sowohl für die, die nicht vor Ort waren.

Gert Korentschnig mit wertvollen Tipps zum Thema "Kritiken"Beim Schreiben einer Kritik fließen die eigenen Gedanken in das Geschriebene, deshalb braucht man eine Meinung zum Thema, man muss es beurteilen und durchschauen.

Gut zu bedenken ist auch der Titel, der fast noch wichtiger ist, als der erste, einleitende Satz. Viele Leser schenken nur ihm Beachtung und wenn sie sich davon nicht genug angesprochen fühlen, blättern sie einfach weiter. Titel sollen humorvoll, abwegig, ironisch und raffiniert sein, am besten ist ein schräger Zugang zum Thema. Einen solchen Titel dann tatsächlich zu finden, ist immer schwer.

Notieren, notieren...Laut Korentschnig werden die Leser nicht nur wegen dem Inhalt von einem Thema fasziniert, sondern auch wegen der Länge und des Sprachstils. Es gilt „kurz fassen”! Bei langen Kritiken droht man den Leser zu verlieren. Zu vermeiden ist das Verwenden von Worten, wie gut und schlecht, diese haben keinerlei Aussage über etwas und begründen nicht, warum nun etwas als gut oder schlecht empfunden wird. Es gibt so viele Eigenschaftswörter mit denen man Dinge beschreiben kann, auch abgesehen von interessant und super.

Ein weiterer zu beachtender Punkt beim Schreiben von Kritiken ist, dass sie kein Wissen voraussetzen sollen. Kritiken werden vor allem von Menschen gelesen, die nicht vor Ort waren. Vorher gilt es aber zu überlegen, wie viel man davon verraten will oder darf. Bei Filmen ist es beispielsweise ein Tabu das Ende zu verraten.

Eine Kritik soll also immer einen anziehenden Titel, einen spannenden ersten Satz und einen aufschlussreichen Mittelteil beinhalten und mit einem gut formulierten Fazit enden. Der Mittelteil, der nicht nur aus eigener Meinung besteht, sondern ebenfalls den Inhalt, Hintergrundgeschichten, Schauspieler, Regisseur und die Inszenierung erklärt bzw. erzählt, ist der Hauptteil einer Kritik.

Ein guter Rat, den uns Gert Korentschnig mit auf den Weg gegeben hat, ist, Demut vor den Künstlern und dem Regisseur zu haben. In jedem Stück steckt viel Arbeit und diese sollte man sich bewusst machen. Ist man auch von der Aufführung enttäuscht oder hat Teile davon nicht verstanden, jedes Werk hat Respekt verdient und ist mit riesigem Aufwand verbunden, dazu zählen auch Dinge, die meist links liegen gelassen oder vergessen werden, wie die richtige Lichtstimmung, das Bühnenbild oder die Übersetzung, die ebenfalls in einer Kritik zu erwähnen sind.

Gert Korentschnig arbeitet seit über 15 Jahren als Kritiker. Er schreibt hauptsächlich Kritiken über klassische Musik, aber auch andere Kulturereignisse und Politikkommentare. Meinem Eindruck nach liebt er seine Arbeit, auch wenn sie mit sehr viel Recherche, Vorbereitung und Wissen verbunden ist und einiges an Erfahrung dazu gehört. Ich bin mir sicher, wir alle haben viel von ihm gelernt und hoffe, dieses Wissen auch anwenden zu können.

Carina Habel

Gab´s da was gratis? Ja - zwei Stunden Musik vom Allerfeinsten

13. Mai 2012

Geschätzte 40.000 Menschen fanden sich am Freitagabend auf dem Rathausplatz ein. Gab’s da etwas gratis? Ja - zwei Stunden Musik vom Allerfeinsten.

Die Finalisten des Eurovision Young Musicians - Bewerb 2012,  sieben Jugendliche die, um es stark zu untertreiben, „ihr Handwerk” ziemlich gut beherrschen. Keiner älter als achtzehn, absolvierten sie ihre Auftritte, aufgrund derer sie von der Jury unter Leitung von Markus Hinterhäuser, dem zukünftigen Künstlerischen Direktor der Wiener Festwochen, bewertet werden würden, mit Bravour und großer Professionalität. Doch nur einer kann Erster sein: Diese Rolle fiel dem siebzehn Jahre jungen, norwegischen Bratschisten Eivind Ringstad zu, der kurz vor Ansetzen seines Bogens noch einen neugierig-nervösen Blick ins Publikum, das den gesamten Rathausplatz füllte, geworfen hatte. Nachher bei der Preisverleihung gefiel ihm sein Platz im Zentrum der Aufmerksamkeit anscheinend nicht so gut, über das gewonnene Stipendium dürfte er sich aber trotzdem gefreut haben.


Wie sich der junge Gewinner anhört, wenn er uns auf der Afterparty seine Anfänge als Musiker und seine Motivation zum Üben auseinandersetzt, hören sie hier:

Interview mit dem Gewinner

Den zweiten Platz belegte der ebenfalls siebzehnjährige Emmanuel Tjeknavorian, ein Violinist dessen stimmstarke Fanbase sich direkt hinter der extra aus Polen mit angereisten und ebenso energiereichen Unterstützungstruppe der achtzehnjährigen Querflötistin aufgestellt hatte. Diese schaffte es aber leider nicht aufs Siegertrepperl: Publikumsliebling und jüngster Finalist Narek Kazazyan mit seinem wohl exotischsten Instrument, dem Kanun, das einer Zither ähnelt, belegte den dritten Platz.

Begleitet wurden alle Finalisten vom Radiosymphonieorchester des ORF unter der großartig energiegeladenen Leitung von Cornelius Meister, dessen Begeisterung jeden Anwesenden mitreißen musste! Musikalisch führte das Blechbläserseptett Mnozil Brass, denen laut Eigenaussage „keine Musik zu minder” ist, humoristisch und als locker-flockiges Gegenstück zur seriösen Klassik der Jungmusiker durch den Abend. Highlight war eindeutig ihre Interpretation der Bohemian Rhapsody, durch die man schmunzelnd bis lauthals lachend ein gewisses Talent der Blechbläser für Gesang und Tanztheater erkennen konnte. Die freche Ankündigung des norwegischen Bratschisten mit der „Wickie”- Titelmelodie hingegen ging einigen Zuschauern dann doch zu weit.

Ein ehemaliger „European Young Musicians”-Finalist trat an diesem Abend außer Konkurrenz auf: Martin Grubinger, der zwar etwas unroutiniert, aber deswegen nicht weniger sympathisch den Abend moderierte, fühlte sich an den verschiedensten perkussiven Instrumenten, mit Rückendeckung seines zehnköpfigen „Percussive Planet Ensemble” und Unterstützung von „Mnozil Brass” sichtlich mehr zuhause, ließ er doch erst, enthusiastisch hinter dem Marimbaphon herumhüpfend, ein breites Grinsen das gar nicht mehr aufhören wollte, blicken.

Klassik von Jungmusikern und alten ORF-Hasen, ein Schlagzeug-Spektakel und eine kabarettistisch veranlagte Blechbläsertruppe - dafür stellen sich 40.000 Wiener schon mal in einer lauen Sommernacht auf den Rathausplatz.

Diana Peutl

Die Festwocheneröffnung - ein Erlebnis!

13. Mai 2012

Die Festwocheneröffnung - ein Erlebnis, das mir noch sehr lange erhalten bleiben wird. Nicht nur deshalb, weil es meine erste war, sondern weil meine Erwartungen um einiges übertroffen wurden.

Die sieben hochbegabten FinalistInnen des Musikwettbewerbs Eurovision Young Musicians begeisterten mich besonders, da sie großteils mein Alter haben und mit ihrer Liebe zur Musik schon sehr weit gekommen sind. Martin Grubinger hat die Balance zwischen Moderator und Entertainer perfekt getroffen, und letzten Endes konnte man ihn in seinem eigentlichen Element sehen: mit den Sticks in der Hand und seinem Percussive-Planet-Ensemble!

Was die Zuschauer von den Wiener Festwochen halten und wer ihr persönlicher Favorit war, könnt ihr hier nachhören:

Was verbinden Sie mit den Wiener Festwochen?

Werden Sie Vorstellungen besuchen?

Wer war heute Abend Ihr persönlicher Favorit?

Eurovision Young Musicians oder Eurovision Song Contest?

Das Rathaus erstrahlt in buntem Licht!

Anastasia Lopez

Sie sind zu spät.

13. Mai 2012

Massen von Kunst- und Kulturinteressierten wohnen am elften Mai der Eröffnung der Wiener Festwochen am Rathausplatz bei, im Glauben, sie wären die allerersten. Doch das sind sie nicht – sie sind zu spät dran. Denn die Festwochen wurden schon längst eröffnet.

Das BOEM* an der Koppstraße

Jawohl. 12 Tage zuvor wurden die Wiener Festwochen eröffnet – im ehemaligen Lagerraum eines Eckcafés in der Koppstraße im 16. Wiener Gemeindebezirk. Und zwar von Alexander Nikolic. Dieser lud nämlich am Vorabend des Weltarbeitertages zur ersten öffentlichen Probe der „New BOEMIAN GASTARBEITER OPERA“ ein.

Inspiriert von der 1977 im damaligen Jugoslawien uraufgeführten Gastarbeiteroper inszeniert Nikolic den fünfteiligen „Probenparcours“. Dieser findet unter Einbindung der Öffentlichkeit und mit Unterstützung des von ihm und Sasa Miletic gegründeten Chores „Hor 29.Novembar“ (das Datum der Gründung der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien), rund um das BOEM*, besagtes Eckcafé, welches von Nikolic und zwei weiteren Künstlern betrieben wird, statt.

Akt 1mit dem Motto „Aufbruch – Aneignung“, findet im ehemaligen Lagerraum des BOEM* statt: ebenerdig, separat zu betreten und seit fast genau zwei Jahren Schauplatz von Ausstellungen und anderen Veranstaltungen zu Themen wie Arbeit, Migration oder interkultureller Identität. Am Beginn des Abends ist dem neugierigen Publikum, das sich in der baustellengleichen Stätte, die wir alle laut Programmheft als „Poliere und Lehrlinge des Geschmacks“ Stück für Stück „gemeinsam bauen und zusammenstückeln“ sollen, überhaupt nicht klar, welcher Grad an Partizipation – und vor allem: Partizipation woran?, denn nichts deutet darauf hin, was gleich passieren wird – zwischen diesen frisch verputzten Wänden auf uns wartet.

Neben Nikolic, der im Wiener Slang und mit deutlichem Einfluss des Meidlinger Ls verkündet, dass es bald losgeht, bemerkt man vorerst nur einen Videokünstler, Martin Hollerweger, und Michael Kalivoda, einen bärtigen Mann mit Mikrofon, die, wie sie nachher im Gespräch erklären, den Abend dokumentieren. Sie sind die zwei anderen Künstler hinter dem Projekt, Alexander Nikolics „Wingmen“ sozusagen. Sie sind es, mit denen Nikolic in ihrer gemeinsamen WG vor mehr als zwei Jahren die Idee entwickelte, eine Infrastruktur zwischen ihrem Wohnen, dem künstlerischen Schaffen und den Menschen im Grätzel zu kreiren.

Gesagt, getan, übernahm das Trio recht bald das BOEM* von gegenüber. Der Lagerraum wurde zur „Galerie“ umfunktioniert (auch bei ihrer ersten Ausstellung, „Die Schönheit der Arbeit“ wurde sie in eine Baustelle verwandelt - das sei aber nur Zufall und nicht die Regel, erklären sie), das Café aber ganz absichtlich so belassen wie es schon immer gewesen war, um die Stammkundschaft nicht zu verschrecken und eine Entfremdung aufgrund des Betreiber- und auch Nutzungswechsels des BOEM* zu unterbinden.

Wie heute werden sie auch die BOEM* - nicht nur Kaffeehaus, nächsten vier Akte, als Zwischending von Künstler, Techniker und Zuschauer, dokumentieren. Diese „Mosaikteilchen“ werden Anfang Juni, zusammengesetzt, multipliziert zum End-Produkt der fünf Akte dieses „Probenparcours“ im WUK in Form der New BOEMIAN GASTARBEITER OPERA zu sehen sein.

Genug aber der Vorankündigungen – Es geht los! Als Erstes erwartet uns Mitschunkeln und – wer den Text kennt – Mitsingen, sonst kulturschockmäßig überwältigtes Zuhören, wie der Hor 29. Novembar, dessen Motto „ko peva zlo ne misli“ übersetzt „Wer singt, denkt nichts Böses“ heißt, serbokroatische, deutsche und italienische Partisanenlieder aus seinem mehrsprachigen Repertoire zum Besten gibt.

Auf diese leidenschaftlich-laute stimmbandliche Eskapade folgt etwas für die grauen Zellen: Branimir Stojanovic, Psyhoanalytiker, Aktivist und Philosoph aus Belgrad, erklärt uns, wie und warum der heutige Arbeiter ganz wie der Gastarbeiter in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, nur ein Gast ist. Damals Gast in Österreich, zwar zum Hier-Arbeiten eingeladen, zum Hier-Leben aber nicht willkommen, heute ein Gast im kapitalistischen System, seine Identität und Macht verleugnend. Sein Vortrag wird satzweise aus dem Serbischen ins Deutsche übersetzt, was durchaus künstlerisch wertvoll ist und eine passende Stimmung erzeugt, die darauf aufmerksam macht, dass etwas, was in einer anderen Sprache gesagt wird, genauso eine Bedeutung hat wie wenn es gleich verständlich auf Deutsch daherkommt (eine Tatsache, die im täglichen Ottakringer Alltag fallweise vielleicht zu oft vergessen wird), aber: In Kombination mit der Zigarettenrauchbelastung, die mindestens so hoch ist wie in einem schlecht belüfteten Ottakringerstraßen-Club, wird die Konzentration der Zuschauer schon ein wenig in Mitleidenschaft gezogen.

Blick in die "Baustelle" - der Chor steht ganz hinten!Dann ist es auch schon wieder aus. Nach dem stürmisch-fußstampfenden Auftakt ist das zwar überraschend und fühlt sich noch unfertig an, auch kam das Publikum innerhalb dieser einen Stunde irgendwie nicht wirklich zum Partizipieren, aber das ist am ersten Abend, der ja mit „Aufbruch“ betitelt ist, schon okay. Die Zuschauerbeteiligung soll sich mit der Zeit steigern, erklärt Matthias Pees, leitender Dramaturg der Wiener Festwochen, genauso wie die anfängliche Baustelle mit jedem wöchentlichen Proben-Akt wohnlicher und am Abend des fünften Aktes schließlich fertig renoviert sein soll.

Nun also „entlässt“ Nikolic, der auf Serbokroatisch und Deutsch durch den Abend geführt hat, das Publikum. „Raucht eine Zigarette, redet, trinkt, verliebt euch!“ ist das Motto – Bier und Vodka sind an der Türschwelle einer improvisierten „Bar“ erhältlich, also nichts leichter als das! Das Publikum dünnt sich langsam aus und immer mehr nimmt der Anteil der Freunde von Mitwirkenden und von Anrainern und BOEM*-Kunden zu, Künstler und Publikum vermischen und formieren sich neu zu einem bunten, heterogenen und darin doch wieder homogenen Haufen. Hier finden die Festwochen auch für jene statt, die nicht auf dem Rathausplatz sein werden, die sich keine Karten für die Oper oder für Cate Blanchett kaufen werden.

Diana Peutl

Die Kritikerrunde beim Warmschreiben bzw. Niederschreiben der Erwartungen an die Lecture Performance

Die Kritikerrunde macht sich startklar - Teil I: “Interviews”

11. Mai 2012

Zum Start in die Kritikerrunde beschäftigten wir uns bereits Ende April in einem Workshop mit Mona Moore - landesweit bekannt für ihre Interviews und ihre raue Stimme -  eingehend mit… „Interviews”.

Auf geht´s! Nach den Einzelinterviews mit der ganzen Runde.

Zuerst wurden wir einzeln in den Seminarraum gebeten, ohne jegliche Vorbereitung oder Ahnung, was darin passieren würde. Mona Moore saß alleine an einem Tisch, bat mich mich zu setzen, schaltete ihr Aufnahmegerät ein und fing an Fragen zu stellen. Diese Übung vermittelte sofort das Gefühl eines Interviewten. Für Manche vielleicht positiv aber für mich ein definitiv negatives Erlebnis. Zuerst war ich nervös, weil ich nicht wusste, was passieren würde und dann, als sie anfing Fragen zu stellen, wurde ich panisch, dass ich hoffentlich eine Antwort auf alle Fragen hätte. Schließlich wird alles, was man sagt, aufgenommen und wenn ich nervös werde, fange ich an zu plappern, also hatte ich Angst, dass ich etwas falsches sagen würde.

Danach fing es richtig an. Mona Moore erzählte von ihrem Leben, ihren Erlebnissen und Erfahrungen mit Interviews. Sie erklärte uns zum Beispiel, dass “Off The Record” inoffizielle aufgenommene Details sind, die aber aus privaten Respektgründen unter keinen Umständen veröffentlicht werden dürfen. Mona machte uns auch darauf aufmerksam, dass man schauen sollte, dass die Antworten immer länger als die Fragen sind und dass man keine zu langen und komplizierten Fragen stellt, da der Künstler im Vordergrund steht und nicht der Interviewer. Interessant fand ich auch, als sie uns erklärte, was eine „Gretchenfrage” ist, nämlich eine Frage, die dem Gefragten meist unangenehm ist, da sie direkt ist und von dem Gefragten eine bisher versteckte Absicht entlarvt.

Hier sind die wichtigsten Punkte, die ich aus dem Workshop zusammenfassen konnte:

  • Hintergrundinfos und gezieltes Vorbereiten sind die Grundvoraussetzung eines gelungenen Interviews - Nichts ist peinlicher, als wenn ein befragter Autor darauf kommt, dass der Interviewer sein Buch nicht genau kennt.
  • Sicher sein, dass die Technik passt - Ein ganzes Interview umsonst, weil die Batterie des Aufnahmegeräts leer war, kann vermieden werden.
  • Gute Fragen stellen und keine Standardfragen - Der Fragende, Gefragte und das Publikum sollten daran interessiert sein und man sollte originelle Fragen stellen und definitiv Keine, deren Antworten nach einer Suche im Internet sofort herausgefunden werden können.
  • Spontan auf Antworten reagieren - Damit ein Fluss entsteht, sollte man keine “Ja oder Nein” Fragen stellen und auf alle Antworten spontan reagieren. Man sollte auch die Antworten mit den nächsten Fragen inhaltlich verbinden, so bekommt man das Meiste aus dem Gespräch raus.
  • Körpersprache beachten - Wenn zu dem Gefragten kein Augenkontakt besteht, gibt es keinen Anhaltspunkt und somit fühlt sich der Gefragte distanziert und nicht respektiert.

Die Notizblätter füllen sich!

Obwohl der Einstieg in den Workshop mich abgeschreckt und verunsichert hat, gab er mir einen guten Einblick in das Gefühl des Interviewten. Mona Moore vermittelte uns außerdem ein Fingerspitzengefühl für Interviews in ihrem sehr informativen Workshop.

Mary Sarsam und Anastasia Lopez

PTSdT(4) >> “Étiquette”, “Ok Ok”, “This is my father” und “Rabbit” (Vol.3)

10. Mai 2012

Dienstag, den 24. April 2012:
Heute die vierte Ausgabe der Performance-Theater-Stücke-des-Tages. Langsam gehen mir Ideen aus euch mit langen Texte bei Laune zu halten ;-) - aus diesem Grund werde ich ab heute etwas kürzer und prägnanter zu schreiben. Und versuche dennoch das Informative beizubehalten…

“Étiquette” (Rotozaza, Ant Hampton & Silvia Mercuriali, England)

Es ist Dienstag Nachmittag im beschaulichen Oldenburg und entscheide mich vor den Abendveranstaltungen weitere kleine Performances am Nachmittag zu machen. Die Wahl fällt heute auf “Etiquette” und “Ok Ok”. Ich begegne am Infocontainer meiner ersten Mitspielerin für Etiquette, einer Frau aus Oldenburg. Wir werden kurz in die “Vorstellung” eingewiesen, sitzen vor einen Tisch auf dem verschiedene Sachen liegen und bekommen Kopfhörer aufgesetzt. Dann die Stimme aus dem Kopfhörer. Sie kommt mir seltsam bekannt vor. Ich solle immer tun, was er mir sagt. Ich tue es auch immer brav. Mal soll ich etwas bewegen wie etwa die Figur, mal etwas mit der Knete kneten (welch Wortspiel!) oder etwas mit Kreide die schwarze Platte auf dem Tisch zeichnen. Genauso meine Mitspielerin. Und so entstehen Geschichten, genau genommen drei kleine, die zu einer großen Ganzen werden. Man bedient sich Hendrik Ibsens “Nora” und stellt die Endszene in der sie Thorvald verlässt, nach. Dieser Text wurde von anderen Darstellern eingesprochen und ist zu hören. Andere Dialoge spricht man mit dem Partner gegenüber - und bekommt sie durch die Kopfhörer vorgesagt. Manchmal etwas befremdlich fremde Worte in den Mund zu nehmen, aber allen in allem eine wunderbare Erfahrung. Mit das schönste ist das Entstehen der Bilder im “Stück”. Man spielt mit Wassertropfen, kleinen Botschaften, etwas Theaterblut, Knetgummi oder Spielfiguren aus Kinderzeiten.

Knete, Haufen, Kugel, Hügel, Grab, Wiese, Lichtung, Zukunft, Hoffnung, ...

Knete, Haufen, Kugel, Hügel, Grab, Wiese, Lichtung, Zukunft, Hoffnung, ...

Ant Hamptons Konzept geht voll und ganz auf. Die 30 Minuten am Tisch sind eine wunderbare Mischung verschiedener kleiner Geschichten die mit einprägsamen und einfach-funktionierenden Bildern zum Leben erweckt werden. Danke für diese Nora-Fortsetzung! Im Filmbereich gäbe es für diese Pilotfolge 10 von 10 Punkten.

The End. Fade to black.

The End. Fade to black.


“Ok Ok” (Ant Hampton, England und Gert-Jan Stam, Niederlande/Deutschland)

Diesmal hieß der Treffpunkt Hotel Rosenbohm. Wir standen zu viert draußen und unterhielten uns über das was war und vielleicht kommt. Wir gingen in den Performanceraum und bekamen zuerst wieder eine Einweisung. Dann ging es “auf die Bühne”. Vier gemütliche Sessel im Viereck, jeweils einem anderen gegenüber, einen rechts und einen links, nahmen wir uns vom Tisch am Eingang jeweils ein Skript der Marke “Eine Frau” oder “Ein Mann” - jedes lag doppelt da; und das Lesen ging los. Die Skripts waren inhaltlich alle gleich. Nur an verschiedenen Stellen markiert. Und das was markiert war musste gelesen werden - wie?..das war einem selbst überlassen.

Innen warten die Textbücher...

Innen warten die Textbücher...

Das Skript war natürlich so ausgelegt, das es “Komplikationen” geben musste: Da wurden farbig-markierte Schrägstriche in Texten von anderen gesetzt, rhetorische Fragen gestellt und Theater- und Leseformen und -arten in Frage gestellt: Großartig. Das Textbuch war in viele Details durchdacht und besaß die ein-oder-andere tolle Wendung, so das es bis zur letzten Seite - Pardon, vorletzten Seite - nie langweilig wurde.

Vier Personen: Lesen. Lesen. Lesen. Lesen.

Vier Personen: Lesen. Lesen. Lesen. Lesen.

Wir vier hatten sehr viel Spaß und ich hätte wie bei “Blind Lunch” oder “Étiquette” durchaus Lust das Ganze noch einmal zu machen. Großartig!..und jedem zu empfehlen. Wenn ich es noch einmal mache, verrate ich auch noch einige Leckerbissen - *ähh… Leckertextstellen. Applaus für Autoren und (Mit-)Leser.


“This is my father” (Ilay den Boer, Israel/Niederlande)

Erlebt man einen Performer am Morgen beim Frühstück im Hotel fällt es schwer diesen Moment am Abend im Zuschauerraum zu vergessen bzw. auszublenden. Vor allem wenn er genauso witzig mit seinem Vater umgeht wie auf der Bühne. Ich muss dazu sagen: An diesem Tag feierte sein Vater Geburtstag - genauer gesagt seinen 53. - und schon am Morgen machte er seinen Spaß wie eben erwähnt, Abends. Früh stellte Ilay seinem Vater eine Serviette auf das Frühstück und gab ihm irgendetwas in den Kaffee/Tee - schon eine besondere Art jemanden zu zeigen, wie sehr man ihn liebt. Aber zurück zum eigentlichen Thema.

"This is my Father" (unkommentiert, 5)

"This is my Father" (unkommentiert, 5)

Die Vorstellung ging so los wie das Frühstück im Hotel. Locker, flockig, familiär. Es sollte darum gehen zu vergleichen wie sehr sich Vater und Sohn unterscheiden. Christlich und Jüdisch, ohne und mit Mutter aufgewachsen, in den 60/70ern oder 90ern groß geworden. Es ging um Sport und Hobbys, Reisen und Familie, Erfahrungen und einschneidende Momente im Leben. Man bekam am Anfang der Performance einen Lebenslauf des Vaters ausgeteilt und durfte Fragen stellen was bestimmte Momente im Leben des Vater bedeuten und daran versuchten dann die beiden - bzw. eher Ilay - Unterschiede der beiden herauszufinden. Das das während die beiden auf der Bühne Fußballspielend und mit dem Publikum agierend immer mehr abgleitet in den Ernst des Lebens, bekommt man als Zuschauer erst mit, wenn es bereits zu spät ist.

"This is my Father" (unkommentiert, 4)

"This is my Father" (unkommentiert, 4)

Über das Fußballspielen und eine Geschichte in Illay Lebens wird die Situation immer ernster.

"This is my Father" (unkommentiert, 3)

"This is my Father" (unkommentiert, 3)

Kurz gefasst wurde Ilay als Kind mehrmals geschlagen, gehänselt und vorgeführt auf Grund seines jüdischen Glaubens. Und das von seinen Fußballfreunden aus der eigenen Mannschaft. Dies findet in einer performativ-inszenierten halben Stunde statt, die einen exakt von Anfang bis Ende nicht mehr loslässt. Am Ende sitz man sprach- und bewegungslos im Zuschauerraum und braucht Zeit das gesehene zu Verarbeiten. Ich habe diese “Verarbeitung” in Bilder gefasst. Lasst einfach eure Phantasie und Erfahrung sprechen.

"This is my Father" (unkommentiert, 2)

"This is my Father" (unkommentiert, 2)

Grandioses autobiografisches Performancetheater, welches nicht mit dem klassischen Zeigefinger arbeitet, sondern einen persönlich in heutige Formen von Antisemitismus hineinzieht. Bravo!

"This is my Father" (unkommentiert, 1)

"This is my Father" (unkommentiert, 1)


“White Rabbit, Red Rabbit” (Nassim Soleimanpour, Iran)

Alle guten Dinge sind drei. Und dabei ist erstmal Bergfest…

Groupie-Gruppe.

Groupie-Gruppe.

Diesmal trug die bekannte Schauspielerin Anna Thalbach das Stück vor…wie es war erfahrt ihr in einigen Tagen ;-) - und wie gewohnt, Gruppen- und Endbild.

Das Ende_in.

Das Ende_in.

Bis morgen, euer Eric…

Wiener Festwochen - jugendFREI

10. Mai 2012

jugendfrei1

Mit dem 11. Mai, pünktlich zur Eröffnung, starten wir hier, das heißt die diesjährige Kritikerrunde von Festwochen jugendFREI mit Berichten über die Wiener Festwochen.  Wir, das sind Anastasia, Carina, Diana, Denise, Fanny, Mary und Melanie - alle zwischen 15 und 19 Jahre alt. Vorbereitet sollten wir sein - nach zwei Workshops zu den Themen “Interviews” und “Kritiken verfassen”.

Wir wünschen euch viel Spaß sowie anregende Lesemomente und Augenblicke!

PAZZ reloaded! Es geht weiter…

8. Mai 2012

Das PAZZ ist zurück!

Wie jetzt, fragt ihr euch vielleicht…und so einfach es klingt, so kompliziert ist es auch ;-)

Zusammengefasst fünf Punkte:
1. In Oldenburg hat mich das Internet nicht gemocht und ich konnte nicht wirklich bloggen; deswegen:
2. Die Entscheidung in Ruhe das Festival zu besuchen und euch nachträglich von zu Hause aus alles zu berichten. Da aber:
3. der Heidelberger Stückemarkt dazwischen kam, habe ich mich entschieden mit den nachträglichen PAZZ-Blogs noch zu warten. Und damit es
4. nicht zu viel Text auf einmal ist, werde ich synchron zum Geschehen vor zwei Wochen die Blogeinträge posten - so dass es auch nicht auf einmal zu viel Text wird. Abschließend
5. ist zu sagen, das es heute als “Reaktivierung” der Gedanken an das PAZZ-Festival eine große Bildergalerie - erst mal ganz ohne viel Text - gibt, damit ihr wieder in das Geschehen von vor zwei Wochen reinkommt…

Ich wünsche euch also jetzt von Herzen viel Spaß beim zweiten Teil des Festivalblogs “PAZZ 2012 in Oldenburg”! Mit besten Grüßen, diesmal aber aus Hildesheim, euer Eric!

7. Mai 2012

…und damit geht der Stückemarkt 2012 zu Ende. Doch wir wissen ja: Nach dem Stückemarkt ist vor dem Stückemarkt.

In diesem Sinne. Auf Wiedersehen Stückemarkt.

img_0070

Auf Wiedersehen Heidelberg.

img_0074

Schön wars!

Für die Junge Bühne

Eure Vanessa