Skurrile Infantilität im Spießbürger-Outfit

31. Mai 2016
Foto: Christian Flamm

Foto: Christian Flamm

von Carloline Riedl

Theater Wasserburg | Einen „Peter Pan“, der gar keiner ist, hat Uwe Bertram da inszeniert. Denn auf der Bühne handelt es sich zunächst einmal um das reservierte Ehepaar Darling, das in einem mit Puppen ausstaffierten Kämmerchen sitzt. Aus Gedankenspielen folgt die sehnsüchtige Flucht in eine geträumte Welt ohne Probleme. Susan Hecker und Hilmar Henjes schlüpfen nun als die Darlings in die Rollen der Wendy und des Peter Pan.
Willkommen im Land Nirgendwo! Hier werden phantastische Erlebnisse wahr: Seeräuber bekämpfen, Nixen jagen, mit Feen in der Sprache der Glocken sprechen – noch einmal Kind sein. Ist das des Pudels Kern? In einer einfachen Kindheit leben, in Erinnerungen, die bereits schwinden, weil sie „vom Traumboot aus auf die Zauberinsel hinübergeworfen“ wurden? Die alternative Erwachsenenwelt scheint doch so starr und trist. Diese Frage stellt Bertram konsequent im ganzen Stück.
Der Widerstreit zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt ist schon im Bühnenbild präsent: Schränke, deren Inhalt zum Teil in Schubladen aufgeräumt ist und zum anderen Teil aus Puppen und Puppenteilen besteht, die aber selbstverständlich sortiert sind – Mutti will ja Ordnung! Doch man sieht es den Darlings förmlich an, wie gern sie ihre spießbürgerlichen grauen Strickwesten ablegen würden. In nicht vollkommen geglückter Befreiung singen sie schließlich „Dreams are my reality“ und Soft Cell’s Text „I’ve got to run away, I’ve got to get away“ aus dem Disco-Klassiker „Tainted love“. Nik Mayr kontrastiert in seiner Musik schließlich ebenso die beiden in diesem Stück möglichen Welten, denn ein Teil der musikalischen Gestaltung ist aus Adaptionen berühmter Werke für Kinder – wie zum Beispiel Peter und der Wolf und die Nussknacker-Suite – konzipiert. Letztendlich sind es auch die ausgewählten Instrumente, die die Antwort auf die Frage erahnen lassen. Die dumpfen, tiefen Töne der blechernen Tuba und das gelegentliche Ertönen einer Ratsche erwecken den Anschein einer dümmlichen Infantilität.
Das Bild der romantischen Alltagsflucht, des niemals Erwachsenwerden kippt. Die verlorenen Jungs – Ann-Sophie Ludwig, Nik Mayr, Annett Segerer und Regina Alma Semmler – unterstreichen diese Naivität in einem vollkommen überzeichneten Schauspiel und einer doch dämlich klingenden Intonation.
So passt der Traum vom Nimmerland ganz gut in dieses düstere Bühnenbild, denn – wie es auch die Darlings einsehen müssen – ist die Welt nicht in schwarz-weiß gemalt. Die Inszenierung zeigt überzeugend, dass sowohl nostalgisches Schwelgen in Kindheitserinnerungen als auch das angepasste Spießertum inklusive strengem Dutt nicht als Lebensentwürfe taugen. Bertrams skurriles Konzept von James M. Barries Werk erschüttert den Mythos Peter Pan und irritiert durch viele „Als-ob“-Momente, die den Kopf nicht ruhen lassen – während und nach der Vorstellung.
Eine durchaus kurios anmutende Inszenierung, die es verlangt und die es lohnt, sich darauf einzulassen! Leider hatte das Regensburger Publikum nicht die nötige Ausdauer und das Velodrom hatte sich nach der Pause sichtlich geleert.

Nashörner sind auch nur Menschen

31. Mai 2016

Von Johannes Frank

Theater // an der Rott | Aus Niederbayern kam ein ganzer Zoo nach Regensburg. Im Gepäck hatten sie das „Theaterstück über Zivilcourage“ mit dem Titel „Was das Nashorn sah als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ von Jens Raschke für Menschen ab 10 Jahren. Der Intendant Dr. Uwe Lohr erklärte in der Einführung knapp die Handlung der Tierparabel, nannte aber den historischen Kontext um den Zoo im KZ Buchenwald bewusst nicht, um die Phantasie der Zuschauer nicht zu beeinflussen.

    WAS DAS NASHORN SAH, ALS ES AUF DIE ANDERE SEITE DES ZAUNS SCHAUTE (c) Sebastian Hoffmann

WAS DAS NASHORN SAH, ALS ES AUF DIE ANDERE SEITE DES ZAUNS SCHAUTE (c) Sebastian Hoffmann

Schon die erste Szene berührte. Die vier Schauspieler traten zunächst als Musiker auf und spielten mit Gitarre, Geige, Cello und Ukulele „Somewhere over the rainbow“. Sie standen vor aufeinander gestapelten Holzpaletten im warmen, satten Scheinwerferlicht. Dynamisch gestalteten sie dieses Bühnenbild immer wieder um, indem sie die Paletten herumwuchteten und sich dahinter verschanzten. Die Schauspieler David Baldessari, Max Gnant, Johanna Martin und Constanze Rückert brillierten alle vier in den Tierrollen, die sie verkörperten. Alle Schauspieler zeichneten sich durch große Körperspannung aus, Max Gnant war als herumspringender Papa Pavian geradezu ein leichtfüßiger Akrobat. Auch das Murmeltiermädchen bestach mit ihrer komischen Redeweise mit zusammengebissenen Szenen. Die beiden, ein Ehepaar von stolzen, schwarzen Schwänen mit französischem Akzent und ein Muffllonpärchen stellen den kleinen „Schwarzweißphotozoo“. Am Anfang wird von einem Nashorn aus Bengalen erzählt, das auf mysteriöse Weise umkommt. Es gehörte auch zum Zoo, stirbt aber ganz plötzlich. Rätselhaft. Dann kommt ein Neuer in das Gehege. Ein russischer Bär. Er erkundet alles neugierig und hinterfragt das Gefängnis, das hinter dem Zoo liegt, wo die „Gestiefelten“ über die „Gestreiften“ herrschen und sich verzweifelte, dürre, zitternde Gefangene in den Elektrozaun werfen. Außerdem ist die Luft verpestet vom Rauch der Öfen, wo die Leichen verbrannt werden. Deutlicher kann man die Konzentrationslager der Nazizeit nicht darstellen. Die Tiere wollen diese Realität nicht wahr haben und verschließen die Augen, bis auf den mutigen Bären, der einen Plan ersinnt, der für ihn schlimm enden wird. Aber in dieser Welt hatte auch das Nashorn keine Chance, denn sein Herz zersprang, als es das Ausmaß des Grauens wahrnahm.

Diese Tierfabel für Kinder hat es in sich und schreckt nicht vor der grauenvollen Realität der NS-Geschichte zurück. Frei nach Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“ In „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaut“ von Regisseur Markus Steinwender wird einem auf beeindruckende Weise ganz schön viel zugemutet.

Interview mit Matthias und Klaus

29. Mai 2016

Franzi und Franzi führen ein spannendes Interview mit Matthias und Klaus. So könnt ihr viel über die Arbeit am Theater und über das Festival erfahren.

Revolution am Haidplatz

29. Mai 2016

Von Caroline Riedl

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Theater Regensburg | Die Geschichte vom Zusammenleben des Autors Marc-Uwe Klings und dem Känguru – das sind die „Känguru-Chroniken“, die Daniel Thierjung szenisch einrichtete. Marc-Uwe, interpretiert von Michael Haake, ist Künstler – oder besser gesagt Kleinkünstler – und beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Känguru offenkundig überrumpelt. Aus seiner Überforderung und aus der Aufdringlichkeit seitens des Kängurus entwickelt sich schließlich eine Freundschaft, die allerlei lustige Erlebnisse mit sich bringt. Gerhard Hermann im Kängurukostüm und in sichtlich in die Jahre gekommener Lederjacke überredet Marc-Uwe zu ebenso subversiven, das kapitalistische Ausbeutersystem untergrabenden, wie sinnlosen Aktionen. So erklärt Hermann mit Fistelstimme, welche Hunde die bessere Flugbahn haben, bestellt Whopper bei McDonald’s und dank überzeugendem Schluchzen des manipulativen Kängurus tritt Marc-Uwe schließlich der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung – e.V.! – bei.
Die Schauspieler schaffen es in ihrer Lesung, das Publikum in das Geschehen zu holen. So entsteht das Gefühl, dem ausufernden Kneipenbesuch durchaus in ähnlicher Stimmung beiwohnen zu können. Ebenso lässt sich Marc-Uwes Wut auf das Beuteltier, die häufig in sympathisierende Resignation umschwenkt, nachvollziehen. Und auch der romantische Kommunismus des Kängurus stachelt das rebellische Herz zur Revolution an. Eine humoristische Systemkritik, die mehr als nur zum Schmunzeln anregt.

Kurzer Prozess, langer Applaus

29. Mai 2016

Ein aberwitziger Parforceritt in Pastelltönen durch einen modernen Kafka

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Von Michael Geißelbrecht

Mit der Premiere von „Der Prozess“ eröffnete gestern das Theater Regensburg die 34. Bayerischen Theatertage. Regisseurin Mélanie Huber inszenierte die Adaption von Stephan Teuwissen als absurd komisches Traumspiel, der aber nie seine Ernsthaftigkeit verliert und so tief im Leben der herrlich überzeichneten Figuren verwurzelt bleibt. Sie schaffte es, einem begeisterten Publikum die kafkaeske Komik in Pastelltönen schmackhaft zu machen.

Töne und Rhythmus sind integraler Bestandteil der Inszenierung. Aus Klopfen und Bellen und einem vielstimmigen Chor hat der Musiker Martin von Allmen einen beeindruckenden Klangteppich geschaffen, der das pastellfarbene Grundrauschen im Zusammenwirken mit gewollt komischen Choreografien und Gesten farbenreich koloriert. Die Inszenierung ist eine stimmige Komposition über die Lächerlichkeit des Seins, destilliert aus beißender Situationskomik und tiefsinnigem Kafka-Text.

Benno Schulz spielt den Getriebenen mit Bravour. Weil ihm der Prozess gemacht wird, stolpert er durch die sich ständig wandelnden hölzernen Kulissen aus Rahmen, Podesten und Treppen. Er ist beharrlich auf der Suche nach Gerechtigkeit und der immer nächsthöheren gerichtlichen Instanz. Was er findet, sind Karikaturen von Menschen, die zwischen Bürokratie und animalischen Trieben eine Vielzahl an Neurosen gebildet haben. Der Advokat Huld, hypochondrisch leidend verkörpert von Gunnar Blume, taugt als Rechtsbeistand wenig, verbringt er die meiste Zeit doch unter einer überdimensionalen Decke. An dessen Fußende sammelt sich allerhand Getier, Christin Wehner gibt als sein Hausmädchen gekonnt lasziv Josefs Verführerin, während Jacob Keller zum Schreien komisch den unglücklichen Kaufmann Block verkörpert. Patrick O. Beck predigt schließlich die Türhüterparabel wie einen Witz von seiner Sperrholzkanzel herab. Lacht er zunächst noch herzhaft, bleibt ihm dieses Lachen schnell im Halse stecken und wird zu einem wehklagenden Schluchzen.

Ob nun am Ende Josef von Schuld oder der Suche nach persönlicher Gerechtigkeit getrieben ist, Benno Schulz wird es offensichtlich von einer enormen Spiellust. Seine Verliererrolle spielt er aufopferungsvoll und mitleidserregend intensiv – wenn er sich verzweifelt schreiend an die sich verschiebenden Kulissen klammert, stockt einem der Atem – und avanciert so zum Gewinner des Abends.

„Tigermilch“

29. Mai 2016

Ein schöner Clip von Franzi über das Stück „Tigermilch“.

Erfahrungsraum Theater

29. Mai 2016

Highlights vom Erfahrungsraum Theater

„Nachtgeknister“

29. Mai 2016

Hier ein paar Highlights des Stückes „Nachtgeknister“.

„Räuberhände“ Nachgespräch

29. Mai 2016

Nach der Aufführung „Räuberhände“ gab es noch 10 Minuten Zeit für ein Nachgespräch, bevor es dann zur Preisverleihung ging!

„Beef, Burger & More“

29. Mai 2016

Wir bedanken uns ganz herzlich bei dem Team von „Beef, Burger & More“ für die großartige, schmackhafte, gehaltvolle sowie gleichzeitig unterhaltsame Verpflegung während des Festivals.