Fit fürs Abi: Resümee

1. Februar 2010

Als Calvin, der etwas schulfaule Held in Bill Wattersons Comicbänden “Calvin und Hobbes” einmal in den Ferien krank wird, besteht er darauf, dass er diese zwei Wochen Ferien jetzt nachholen dürfe, da er ja auch zu Hause hätte bleiben müssen, wenn Schule gewesen wäre. Im letzten Bild des Comics sieht man ihn eifrig mit seinem treuen Stofftiger Hobbes das Gesetzbuch studieren, sicher, dass es darin irgendeine entsprechende Stelle geben müsse.

Krank war ich am Wochenende auch, über die weitere Analogie kann man nachdenken, ich finde jedenfalls die Geschichte lustig. Nach der Podiumsdiskussion am Freitag habe ich leider nichts mehr mitbekommen und könnte nur vom Hörensagen schreiben. Nach der “Räuber”-Vorstellung gab es eine “Final-Night-Party” im TIK. Anschiend lief alles entspannt und angemessen, aber nicht herrausragend.

Zur Podiumsdiskussion: “Es muss nicht immer Schiller sein - zeitgenössische Dramen in den Deutschunterricht!” war der Titel und das kann man so stehen lassen, fanden die Diskussionsteilnehmer anscheinend nach der ersten Runde und diskutierten die meiste Zeit lieber über ein Fach “Theater” an der Schule. Auch interessant. Ein besonderes Merkmal der Diskussion war übrigens, dass es sehr viel Austausch mit dem Publikum gab, das leider nicht sehr zahlreich erschienen war (keine einziger Lehrer war anwesend)! So hörte man Schüler-, Lehrer-  (auf der Bühne!), Theater- und Verwaltungsmeinungen und die meisten waren sich einig: Theater böte eine geeignete Ergänzung zum Deutschunterricht. Im Gegensatz zu Montag fehlte leider jemand, der in den entsprechenden Entscheidungsgremien sitzt und erklären könnte (oder von dem man dies wenigstens verlangen könnte), warum dies denn dann nicht auch so gemacht wird. Ein wenig unter ging auch eine Diskussion darüber, welchen Stellenwert ein solches Theaterangebot für Schüler haben sollte. Ab welcher Klasse soll es Unterricht werden? Wieviele Stunden? Ein benotetes Fach? Wahlfach/Pflichtfach? Sind nicht auch Sportvereine, politische oder soziale (Jugend-)Arbeit und andere Kunstformen sehr förderungswürdig und sollten besser mit der Schule vernetzt sein? Man hörte viele Meinungen, aber eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen kam erst ganz zum Schluss und damit leider ein wenig zu kurz. Wie am Montag bleibt nur festzustellen, dass viel zu wenig öffenltich über diese Fragen diskutiert wird.

Übrigens gab es viele Leute an unserem Haus, die beklagten/warnten/zynisch bemerkten, dass bald wohl viele andere Häuser das “Fit-fürs-Abi”-Konzept übernehmen würden. Persönlich finde ich, dass es gar kein wünschenswerteres Ergebnis gäbe! Es gibt offensichtlich einen Bedarf an diesem Austausch und dem Diskussionen, die hier stattgefunden haben, und das bestimmt nicht nur in Baden-Baden.

In diesem Moment endet unsere Kindermärchen-Vorstellung,  der normale Spielbetrieb läuft jetzt schon wieder zwei Tage, morgen tritt hier Bruno Ganz auf (das ist keine Schleichwerbung, die Vorstellung ist ausverkauft). An den Schulen müssten jetzt eigentlich die ersten Vorabi-Klausuren geschrieben werden - und nicht nur in Deutsch. Schule ist nicht Theater und Theater ist nicht Schule, aber die beiden haben doch ähnlich Ziele. Hoffen wir, dass sie sich nicht aus den Augen verlieren. Und der Blogger nicht am Pathos erstickt.

(BT)

Fit fürs Abi: Sturm und Drang im Jahr 2010

29. Januar 2010

Gestern war also „Räuber“-Tag Nr.1. Um 16.00 Uhr hielt Stephanie Käthow vom Literaturarchiv Marbach einen Vortrag mit dem Titel „ … lg Fritz – Friedrich Schiller und seine Räuber im Zeitalter von SMS und Internet.“ Ein munterer, angenehmer Auftritt, mit vielen kleinen Details und Anekdoten aus Schillers Leben doch hätte ich mir an der ein oder anderen Stelle, wenn man schon so einen Titel wählt, mehr Gedankenspielerei gewünscht, die auch dramentheoretisch bestimmt ergiebig wäre (und vermutlich bereits Gegenstand zahlreicher Theater- und Filmwissenschaftlicher Diplomarbeiten, Dissertationen u.Ä. ist). Als danach eine Fragerunde eröffnet wurde, stieß Käthow leider auf breites Schweigen. Sie nahm noch Glückwünsche von Festivalleiterin Annelie Mattheis entgegen und beendete die Runde dann sehr bald in souveräner Weise. Schade eigentlich.

Das war schon symptomatisch für den weiteren Abend, aber zunächst einmal habe ich eine brillante Räuberaufführung gesehen. Harry Fuhrmanns Inszenierung läuft schon seit 2007 hier am Haus und wurde in einer Art Koproduktion zusammen mit seiner Schauspieltruppe „fliegende Fische“ enttwickelt. Schauspielerisch hat mich vor allem Mattes Herre als Franz schwer beeindruckt, aber das ist bei der starken Besetzung nun wirklich Geschmackssache. Der Text ist dezent und kaum merklich modernisiert, Bühnenbild und Kostüme sind gleichermaßen originell wie effektvoll.

Ein besonderes Gadget ist die Verwindung von zwei Puppen: Die eine, deutlich überlebensgroße, stellt Maximilian Moor dar und ersetzt diese Rolle auch, die andere ist eine verkleinerte Version von Sebastian Mirow als Karl Moor, und spiegelt in der zweiten Hälfte der Inszenierung seine Kindheitserinnerungen, sein Innenleben und/oder Gewissen wider. Mir ist das als Mittel völlig unvertraut – ich habe selbst die Augsburger Puppenkiste nie wirklich bewusst gesehen – deshalb bin ich in der Hinsicht leicht zu beeindrucken, aber die Art, wie die Puppenspieler ihren Figuren Leben einhauchten, fand ich doch sehr bemerkenswert, wenn ich mich auch gefragt habe, ob der halbverhungerte Maximilian Moor bei aller Puppenspielerkunst mit einem menschlichen Darsteller nicht noch eindrücklicher gewesen wäre. Aber vielleicht hat Fuhrmann auf diesen Effekt bewusst verzichtet. Bei den Puppenspielern muss man leider auch beginnen, wenn man von den weniger angenehmen Dingen des Abends sprechen will. Zunächst nämlich erlitt einer der drei Puppenspieler auf der Bühne einen Schwächeanfall und brach fast zusammen. Verrückter- und ebenso beeindruckenderweise bemerkte dies die im Publikum sitzende Ulrike Langbein, die eigentlich für eine andere Spielerin und zu einem anderen Tag einspringen sollte, hechtete schnell hinter die Bühne und übernahm ab der zweiten Szene.

Geschmackloser Weise sorgte dieser Vorfall – von dem ich, um ehrlich zu sein, überhaupt nichts bemerkte und erst in der Pause erfuhr, für viel Gelächter im Publikum. Das verstärkte sich noch, als drei zuspätgekommene Schüler, die es irgendwie geschafft hatten, 2 Sixpacks Bier in die Vorstellung zu schmuggeln. Damit warteten die drei Revolutionäre dann, bis es einmal still war auf der Bühne, um dann die Bierdeckel knallen zu lassen und laut anzustoßen – gefolgt von lautem Gelächter versteht sich.

Sturm und Drang für Blöde. Ganz Abgesehen von der Respektlosigkeit kann ich darin keinen Protest gegen gar nichts sehen. Sie riskieren so gut wie nichts, und ich würde es mir auch nicht wünschen: Wenn man schon bei solchem Verhalten auf Strafe statt Einsicht setzen muss ist schon sehr viel schief gegangen. Schauspieler auf der Bühne können ohne aus ihrer Rolle zu fallen nun einmal nicht reagieren, sich nicht wehren und können auch ganz gewiss nichts dafür, dass die Schüler an diesem Tag ins Theater mussten. Niemand hätte die drei davon abgehalten, in der Pause oder meinetwegen auch während der Vorstellung zu gehen. So wurden sie gegangen: Noch vor der Pause holte sie die eloquente Einlasschefin Frau Mann aus dem Publikum und schmiss sie aus dem Haus. Auch nach der Pause war es dann allerdings nicht so recht ruhiger, und richtig reif wirkten die lautstarken „Wuhu!“-Rufe bei einem harmlosen Kuss zwischen Karl und Amalia nicht gerade. Persönlich enttäuschend fand ich auch, dass bisher noch kein Lehrer oder sonstiger Betreuer in irgendeiner Form Verantwortung übernommen und sich entschuldigt hat.

Das Nachgespräch fiel übrigens, da kaum jemand anwesen war, anschließend aus. Ich erwarte mal, dass das Publikum heute eher so interessiert wie an den ersten drei Festivaltagen sein wird, sonst wäre es doch ein unschöner Abschluss.

(BT)

Fit fürs Abi: Festivalzeitung

28. Januar 2010

Wie schon erwähnt hat unser Festival auch eine eigenes Festivalzeitungsteam, das in den Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) täglich berichtet und dort sehr präsent vertreten ist. Redaktionsmitglied Stefanie Siess hat mir auf meine Bitte hin ein kleines Resümee über die letzten Tage zugeschickt. (BT)

 

Die letzten vier Tage haben wir Aufführungen und Workshops besucht, Interviews geführt und vor allem viele Stunden am Computer verbracht, um Berichte über die Veranstaltungen und die Mitwirkenden des Sternchenthemen- Festivals zu schreiben.

Wir, das sind Julian Bauer, Katrin Genter, Aylin Hoffmann und ich, Stefanie Siess.

Katrin hat ihr Abitur schon hinter sich, wir anderen sind noch Schüler.

Als Redaktionsteam der Festivalzeitung verfassten wir Artikel, die dann in der BNN erschienen. Wir durften alle Veranstaltungen umsonst besuchen und mit interessanten Menschen wie dem Leiter des Jungen Theaters Konstanz, Felix Strasser, oder dem Poetry- Slammer Lars Ruppel sprechen. Die Leute waren immer sehr freundlich zu uns, ließen uns bei ihren Workshops zusehen und gaben uns bei Interviews bereitwillig Auskunft.

Auch die Aufführungen waren sehr interessant und auch wenn ich über diese Sternchenthemen kein Abitur mehr schreiben werde (ich bin in der 11. Klasse) habe ich sie mir gerne angesehen und fühle ich mich viel schlauer als zuvor.

Die Inszenierungen waren originell und überhaupt nicht langweilig und kamen auch beim Rest des Publikums gut an, wie mir mehrere Schüler erzählten.

Auch die Meinungen zu den Workshops waren durchweg positiv, wir hatten also nicht einmal die Chance eine negative Kritik zu schreiben!

Die Arbeit in der Festivalzeitungsredaktion hat uns viel Spaß gemacht, unsere Ansprechpartner Christine Klotmann, die Presse- und Öffentlichkeitsbeauftragte des Theaters und Andreas Jüttner, Kulturredakteur der BNN, waren immer präsent (Danke!!), wir wurden gut versorgt und das Essen in der Kantine war lecker.

Die Woche war für uns alle eine gute Erfahrung und wir haben einiges über das journalistische Schrieben und das Theater gelernt.

 

(Stefanie Siess)

Fit fürs Abi: Kohlhaas-Tag-Nachtrag2

28. Januar 2010

… und abends gab es auch noch die Liebeslyrik-Lounge. Bei der Liebeslyrik-Lounge tragen drei Schauspieler mal mehr, mal weniger spontan selbst mitgebrachte oder vom Publikum eingereichte Liebesgedichte vor und beantworteten nebenbei noch ein paar Liebeslyrik-und Liebesleben-Zusammenhangs-Fragen.  ”Wir haben das gestern schon einmal versucht, sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit”, bemerkte Moderator Berth Wesselmann gepflegt zynisch. Am Dienstag saß er noch selbst auf dem Sofa, zusammen mit Sarah Sanders und Anne Leßmeister, diesmal war das Verhältnis umgedreht. Es waren zwei Männer, Christoph Lüdke und Michael Miensopust, der “Kohlhaas”-Regisseur, und erneut Sarah Sanders. Auch sonst gab es ein paar Änderungen: Auf der Bühne standen nun Sessel, die Fragen wurden aufpoliert (meine persönlichen Favoriten: “Hast du dir schonmal jemanden schön getrunken” und “Mit wem hast du das erste Mal eng umschlungen getanzt, welches Lied war es - und was macht die Person heute?”) und eben als Moderator der am Dienstag so souveräne Berth Wesselmann eingeführt, der die Fragen auch mal ins Publikum weiterreichte oder mal eben ein Tucholskygedicht aus dem Ärmel schüttelte. In dieser etwas entspannt-gemütlicheren  Atmosphäre kamen die Gedichte viel besser zur Geltung und wenn von Anwesenden selbst geschriebene Gedichte vorgetragen wurden, waren das wirklich schöne Momente und weder gefühlsüberladen noch peinlich.  Im Übrigen waren auch einfach mehr Zuschauer da.

So gab es am Ende viel Applaus und während ich vor dem Festival das Ganze noch als etwas verkrampften Versuch, wirklich ALLE Abiturthemen zu präsentieren, angesehen habe, find ich es gerade irgendwie schade, dass die Lounge heute Abend nicht noch einmal stattfindet. Und nein, ich besitze keinen einzigen twilight-Band und habe “Titanic” höchstens einmal gesehen.

(BT)

Fit fürs Abi: Kohlhaas-Tag-Nachtrag1

28. Januar 2010

Ich  bin im übrigen ein klein wenig in Verzug, was das Geschehen von gestern betrifft, also hier einmal meine Eindrücke von dem Rest des Tages:

Michael Miensopusts Kohlhaas-Inszenierung war die erste hauseigene Produktion, die im Rahmen des Festivals gespielt wurde und ist ursprünglich einmal für unsere kleinere Bühne im “TIK” (=Theater im Kulissenhaus) entwickelt worden. Das gesamte Bühnenbild besteht aus einer geschickten Anordnung  von Stühlen und hier merkt man die einmal vorhandene Nähe dann doch manchmal, wenn in bedeutungsvollen Momenten ein Stuhl umgeworfen wird - der Effekt verpufft etwas, wenn man statt in zwei Metern Abstand im zweiten Rang sitzt. Ansonsten aber  schadet die Übertragung auf die große Bühne kaum, die Präsenz der beiden Schauspieler, Henning Bormann als Kohlhaas und Edgar M. Marcus in sämtlichen anderen Rollen, ist da sehr beeindruckend. Die Inszenierung ist sicherlich auch sehr abigerecht: Es ist sehr viel originaler Kleisttext enthalten, und die Kürzungen konzentrieren die Handlung auf das, was wohl auch in der Schule vorrangig behandelt werden dürfte: Der Kampf um Recht und das Sichverlieren im Unrecht.  

Nach der Vorführung sah ich auch einmal Menschen in der “Festivallounge”! Da befindet sich eine Ausstellung von der “Lesebühne” und unsere Ausstattungsassistentin Raliza Ivanova hat den Raum auch recht gemütlich eingerichtet. Den meisten hat die Kohlhaas-Aufführung gefallen, was zwar nicht zwingend bedeute, dass sie jetzt öfter ins Theater gehen (schade eigentlich) aber sie glaubten, das Werk jetzt mehr verstanden zu haben als zuvor (Na also). Die Schüler von VOR der Aufführung, die mit so hohen Erwartungen hinein gegangen waren, konnte ich aber leider nicht mehr finden.

(BT)

Fit fürs Abi: Workshopzeit

28. Januar 2010

Guten Morgen! Es ist 11:00 Uhr und wieder Workshopzeit. Die ersten Workshops am Dienstag und Mttwoch scheinen im Großen und Ganzen gut funktioniert zu sein, was ich persönlich sehr beeindruckend finde, wenn man bedenkt, dass sie 3-4 Stunden dauern, die Teilnehmer fast Klassenstärke haben (es sind etwa 15-20 Personen) und die meisten Leiter Schauspieler und keine Pädagogen sind (unsere Theaterpädagogin kann sich leider nicht durch 10 teilen, auch wenn ich manchmal den Eindruck habe, dass sie es duch 4 oder 5 durchaus hinbekommt). Ein wenig Kommunikationsschwierigkeiten scheint es bezüglich des “Nachbereitungs-” im Wort “Nachbereitungsworkshop” zu geben. Die meisten scheinen hier eher ein wenig Abivorbereitung erwartet zu haben (es geht aber eher um Besonderheiten der Inszenierung). Vielleicht hätte das Theater das klarer vermitteln können, vielleicht hätten die Lehrer aber auch die Schüler besser darauf vorbereiten können, dass dies am Theater kaum zu erwarten sein dürfte. Wenn ich aber überlege, wie viele Standbilder und kleine Mini-Szenen ich in meinem Deutsch-LK im letzten Jahr entwickeln musste, kann auch ein “Präsenz auf der Bühne”-Workshop nicht ganz verkehrt sein. Für die meisten ist es denn auch, ob Schule-nützlich oder eben nicht, eine schöne Erfahrung.

(BT)

Fit Fürs Abi?

27. Januar 2010

In 15 Minuten beginnt die erste “Kohlhaas”-Vorstellung für heute. Im Foyer stapeln sich die Schüler, die sich immernoch nicht in die Festivallounge trauen, obwohl natürlich  überall Schilder stehen, wie ich inzwischen erfahren und anschließend auch wahrgenommen habe.

 Die Festival-Idee an sich, trifft aber auf breite Zustimmung. “Das ist auf jeden Fall eine sehr gute Idee” finden die meisten. Auch wenn manche den kleinen Etikettenschwindel bemerken “Man muss auf jeden Fall noch die Bücher lesen. ” und außerdem wird man natürlich auch nur aufs Deutsch-Abi vorbereitet. Am ersten Punkt kann man wohl nichts ändern, aber für den zweiten schwebt mir fürs nächste Jahr eine landesweite Kooperation mit verschiedensten Einrichtungen vor: “Fit fürs Deutsch-Abi am Theater”, “Fit fürs Sport-Abi im KSC-Stadion”, “Fit fürs Chemie-Abi im Klärwerk”, “Fit fürs Englisch-Abi bei Starbuck’s”. Jetzt kommt jedenfalls erstmal Kohlhaas, zumindest ruft das die Inspizientin gerade per Generalruf durchs Haus. 

“Ich erhoffe mir auf jeden Fall ein besseres Verständnis für das Stück”,  sagte mir vorhin eine Schülerin. Dann mal los und viel Erfolg, auch fürs Abi dann.

(BT)

Fit fürs Abi: Prozess-Nachgespräch

27. Januar 2010

… und noch ein paar Worte zum gestrigen “Prozess”-Nachgespräch:

Neben Philipp Hochmair war auch Armin Schöpflin eingeladen, ehemals Vorsitzender der Polizeidirektion Baden-Baden und Rastatt. Es moderierte Benjamin Bracher, Chefdramaturg an unserem Haus. Diesmal ging das Konzept, einen Experten zum Thema (Überwachungs-/Unrechtsstaat in diesem Fall) einzuladen ein wenig besser auf als am Montag, vielleicht weil bedeutend weniger Menschen auf der Bühne waren, vielleicht weil Phillip Hochmair mit einer tragischen Geschichte - er wurde zu unrecht des Fahrraddiebstahls bezichtigt - direkt einen Dialog herstellte. Pflichtbewusst verteidigte Armin Schöpflin natürlich unseren Rechtsstaat und wies auf die diversen Rechtsvorschriften hin, die einen Fall wie den von Josef K. in der Bundesrepublik Deutschland unmöglich machten. Es war nett anzusehen wie Hochmair, barfuss und noch mit der Anstrengung von zwei Monolog-Vorstellungen im Nacken und Schöpflin, im Anzug und sehr solide auftretend, von Bracher moderiert und vieldeutig und unterhaltsam mimisch kommentiert, beide souverän ihre Standpunkte klar machten. Hochmair stellte dar, wie die Angst vor der eigenen Schuld in den Menschen selbst entstehen kann, Schöpflin, dass die Situation in Deutschland dazu eigentlich keinen Anlass bietet: “Wenn es in Deutschland zu einer Verurteilung kommt, kann man in den allermeisten Fällen davon ausgehen, dass es dafür sehr gute Gründe gibt.” Bleibt vielleicht die Frage, ob ein Mensch nicht durch ganz wenig äußerlichen Anlass selbst in eine Abwärtsspirale von Schuldgefühlen geraten kann und ob es überhaupt möglich ist, so etwas zu verhindern. Die Zuschauerfragen zielten dann allerdings erwartbarerweise doch hauptsächlich auf Hochmairs “Prozess”-Interpretation. Manche vermissten eine klare Antwort in der Vorführung, die Hochmair allerdings auch überhaupt nicht geben wollte. Für ihn war es eine sehr persönliche Herangehensweise und “man muss selbst entscheiden, was man darin sieht”. Das meiste lässt sich wohl in dem kurzen Dialog zusammenfassen, als eine Schülerin als letzte Bemerkung spitz fragte, inwiefern sie denn jetzt “Fit fürs Abi” seien: Theater kann keine klausurreifen Antworten geben - “die stehen, wenn überhaupt, in der kommentierten Fischer-Edition”, bemerkte Benjamin Bracher - es kann aber den Schülern Impulse geben, diese Antworten selbst zu finden.

(BT)

Fit fürs Abi: Theatrale Intervention

27. Januar 2010

Guten Morgen allerseits! Hier zunächst einmal ein Bericht von unserem U22-Jugendclub-Mitglied Benjamin Buchmüller über die Theatrale Intervention am Montag und Dienstag, bei der der Jugendclub mit einer öffentlichen Performance die Stadt unsicher machte:

 

Als wir uns am Dienstagnachmittag aufmachten, den urbanen Alltag ins Wanken zu bringen, hatten wir einen solchen Erfolg kaum mehr für möglich gehalten. Anhaltende Kälte und Eisglätte schienen die Fußgängerzone Baden-Badens fast leergefegt zu haben; niemand würde auf der Straße sein, um sich irritieren zu lassen. Beim Performen im öffentlichen Raum geht es darum, die geplante Handlung ungekünstelt, natürlich, so als wäre sie selbstverständlich auszuführen. Es ist nicht die Tat selbst, die die Aufmerksamkeit des Ungewöhnlichen auf sich zieht, sondern der Ort, an dem sie stattfindet (bspw. Zähneputzen am Brunnen). Bereits am Montag haben wir in Kleingruppen Passanten mit Ferngläsern aus nächster Nähe beobachtet, den Herzschlag von Bäumen, Schaukelpferden und  Mülltonnen mit Stethoskopen überprüft, für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum gesorgt, indem zuvor vereinsamte Koffer umgehend weitergetragen wurden, um erneut abgestellt zu werden. Nicht selten erntete unser – doch ganz normales! – Verhalten verdutzte Blicke und Kopfschütteln. Doch noch viel öfter setzten sich die verunsicherten Passanten zur Wehr, ergriffen das einzige Mittel, um am geliebten Alltag festzuhalten: Weitergehen und ignorieren. An jenem Dienstag geschieht dann das Unverhoffte: Einige Passanten machen spontan mit. Es scheint doch eine gewisse Wirkung zu haben, wenn 16 hier und da verstreute Jugendliche mit einem Schlag Mitten im Gehen regungslos einfrieren, mit nacktem Finger aufeinander zeigen, plötzlich rückwärts laufen oder umkehren.

Was bleibt von all diesen wunderbaren Erfahrungen, die in so simpler Weise zeigen, wie unser Alltag und seine Grenzen funktionieren? Ganz klar: Wenn es wärmer wird, wollen wir den urbanen Alltag mit neuen Ideen erneut ins Wanken bringen.

Vielen Dank an dieser Stelle an Denis Leitfeld, Tessa Theisen und Atis Gürpinar vom Performance-Kollektiv „Und zwar …“!

(Benjamin Buchmüller)

 

Fit fürs Abi: Proc/zesse

26. Januar 2010

So. Die erste „Prozess“-Vorstellung für heute ist durchgelaufen. Die Regisseurin Andrea Gerk und Schauspieler Philipp Hochmair haben Kafkas Text radikal gekürzt, sodass, so wie ich es verstehe, alles, was nicht unmittelbar Josef K.– das ist der arme Kerl im „Prozess“, der wegen irgendetwas Unbestimmbaren verhaftet, verhört, angeklagt, in den Wahnsinn getrieben und schließlich umgebracht wird – zu tun hat, herausgeworfen wurde. So sieht man K. in dieser Interpretation langsam verfallen, um sich am Ende noch einmal aufzubäumen und in einem Moment von deutlicher Klarheit zugrunde zugehen. Dabei ist die ganze Zeit eine Distanz zum Text zu spüren: Abstruse Bilder, die nur lose mit dem Gesagten in Verbindung stehen und von Hochmair in einer Art Dia-Show präsentiert werden, sowie die bewusst unangemessene Musik (manchmal ist für einen Bruchteil einer Sekunde ein Gong zu hören, der ohne richtig zu erklingen, sofort wieder verschwindet) verstören und verstärken so die Wirkung von Kafkas Text, obwohl sie eigentlich gegen ihn arbeiten. Das ist ein ganz krasser Gegensatz zur „Process“-Vorstellung gestern: Auch hier wurde zwar verfremdet, indem die vier Schauspieler immer wieder nach vorne traten und das Geschehen mit dem Roman-Text kommentierten und die untermalende Musik von einem offen auf der Bühne sichtbaren DJ aufgelegt wurden. Es gab jedoch eine klare Im-Kreis-dreh-Metapher (Die Vinyl-Platten, die sich drehende Bühne), eine klar erkennbare szenische Handlung und eine lineare Entwicklung K.s von einem selbstbewussten Bankangestellten zu einem völlig gebrochenen Häufchen Elend. Man mag das eine als zu unscharf und das andere als platt empfinden, für mich sind zumindest beides gültige Interpretationen. Der „Process“ jedenfalls hat gestern zu einem doch recht intensiven Nachgespräch geführt. „Wir wollten die Figuren bewusst überzeichnen und nur in ihrer Aufgabe, K. zu verwirren, darstellen“, sagte Jana Alexia Rödiger, die einzige weibliche Darstellerin. Und den meisten Zuschauern gefiel auch, wie die nicht-K.-Personen zwischen den drei übrigen Schauspielern aufgeteilt waren und wie Albtraumfiguren auf ihn einwirkten. Mal sehen, wie dann das Nachgespräch zur zweiten „Prozess“-Aufführung heute Abend verläuft. Das Konzept, Schülern den Text noch einmal auf ganz neue Weise darzubieten, scheint jedenfalls bisher aufzugehen.

(BT)