Semantikcamp auf dem Theatertreffen der Jugend – Teil 2

16. Juni 2016

Dr. Schaper-Straße wills wissen:

Semantikcamp auf dem Theatertreffen der Jugend – Teil 1

15. Juni 2016

Dr. Schaper-Straße wills wissen:

Semantikcamp auf dem Theatertreffen der Jugend

15. Juni 2016

Das „Semantikcamp“ ist eine Sozioperformanceinstallation, neu auf dem Theatertreffen der Jugend und verlangt nach der unerforschten Jugend. Es will ihre Haltung provozieren. Will Romane, Essays und Kurzgeschichten. Will sich über die Bedeutung des Theaterspiels unterhalten. Will kollektive Erfahrungen betrachten. Will Körperbilder betanzen. Will zum dadaistischen Spiel anstiften. Will ihre Ästhetik und ihre jugendkulturellen Alltagspraxen klauen. Will postpostkapitalistisch sein. Will über Pop ernsthaft reden. Will Kunstdenken.

Das Semantikcamp interviewte Teilnehmer*innen des Theatertreffens der Jugend, um mit ihnen über Theater, Ästhetik, Theorie oder ihre persönlichen Coming-of-Age-Szenen zu sprechen. Oder sonst halt alles, was unter den Nägeln brennt.

Finale! Preisverleihung der 34. Bayerischen Theatertage

14. Juni 2016

Die 34. Bayerischen Tage wurden am 10. Juni 2016 mit der Vergabe der Publikumspreise, des ZÜNDSTOFFS und einer großen Abschlussparty beendet.

Die Preisträger:

Publikumspreis »Beste Inszenierung« (gestiftet von Dr. med. Michael Blank, Zahnärzte Obermünsterstraße)

Allegro Brillante / Three Loves / DisTanz (UA) / The New 45
Choreographien von Choreographien von George Balanchine, Maria Barrios, Dustin Klein, Richard Siegal

BAYERISCHES STAATSBALLETT II / Junior Company, München

 

Publikumspreis »Beste Inszenierung Junges Theater« (gestiftet von 24 Autobahn Raststätten)

Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute [10+]
von Jens Raschke

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Foto: Alba Falchi

Foto: Alba Falchi

 

ZÜNDSTOFF 2016 (undotierte Auszeichnung des Arbeitskreises Kinder- und Jugendtheater Bayern)

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Foto: Alba Falchi

Foto: Alba Falchi

 

Rund 14.000 Besucher (Auslastung ca. 78%) sahen in den beiden Festivalwochen über 50 Produktionen von 35 bayerischen Theatern.

Das Theater Regensburg bedankt sich bei allen Mitarbeitern des Hauses, bei den Gästen, die uns viele Stunden Theater, Musik und Tanz geschenkt haben und bei dem Publikum, das mit auf die Expedition durch das »Wilde Bayern« gekommen ist.

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Foto: Alba Falchi

 

Es geht weiter!
Die nächsten Theatertage finden vom 30.4. – 14.5.2016 am Theater Hof statt.

Langsam kommt man auch ans Ziel

14. Juni 2016
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Schauburg – Theater am Elisabethplatz
von Bernadette Niedermeier
Das Münchener Jugendtheater Schauburg bringt „Die Entdeckung der Langsamkeit“mit zu den bayerischen Theatertagen. Mit Beat Fäth als Regisseur haucht das Ensemble dem bekannten Roman von Sten Nadolny neues Leben ein, allerdings in deutlich verkürzter Form, da 400 Seiten nicht in 90 Spielminuten passen. Da dieses Stück für Jugendliche ab 13 ist, wird der Schwerpunkt auf die Jugendzeit der Hauptfigur John Franklin gelegt.
John ist aufgrund seiner Langsamkeit und seiner verzögerten Wahrnehmung in der Schule ein Außenseiter. Beim Ballspiel dient er „nur“als Schnurhalter, wird verspottet und sogar geschlagen. Selbst sein eigener Vater will John los werden und ist deshalb froh, als der sich auf ein Schiff flüchtet, um Seefahrer und Entdecker zu werden.
Das Stück zeigt, wie aus dem verspotteten Jungen letztlich ein hoch geachtetes Mitglied der britischen Gesellschaft wird. Dies wird in Episoden erzählt. Dazu gehört Johns erste Seeschlacht.Hier tötet er versehentlich einen dänischen Soldaten, weil er zu langsam ist, den Griff um dessen Hals zu lockern. Aus einer weiteren Seeschlacht geht er als Held hervor und verschafft sich so das erste Mal in seinem Leben Anerkennung und Respekt. Er heiratet und gründet eine Familie. Es bleibt sein großer Traum, die Nordwestpassage zu entdecken und schließlich erhält er das Kommando über ein Expeditionsschiff Richtung Arktis. Dort rettet er seine Mannschaft und das Schiff durch überlegtes Handeln und genaue Beobachtung der Naturgegebenheiten vor einem todbringenden Sturm.
Während seiner letzten Expedition stirbt Franklin an einem Schlaganfall.Schauspieler und Bühnenbild. Das Bühnenbild ist sehr spartanisch gehalten und besteht im Wesentlichen aus weißen Bögen, die Schiffsbüge darstellen, sozusagen als Angelhaken für die eigene Visualisierung, denn sonstige Ausstattung und Requisiten gibt es nicht. Ein Highlight der Aufführung sind die Klang- und Soundeffekte. Auf die Sekunde genau mit der Musik abgestimmt, springen die Darsteller über die Bühne oder setzen selbst ein Instrument an die Lippen. Sogar Prügeleien sind auf die Klänge abgestimmt. Die Kompositionen von Taison Heiss erzeugen immer wieder eindrucksvolle Stimmungen.
Während der Seeschlacht etwa trommeln, flöten und tröten die Schauspieler wild
drauflos.John Franklin wird von Greulix Schrank verkörpert, und zwar im Wortsinn. Die Langsamkeit wird zum Ausdruck gebracht, indem er im ganzen Stück nur einen Satz spricht. Er besteht die Herausforderung, allein durch Mimik und Gestik die Gefühle und Sorgen von John Franklin darzustellen. Als Gedankenstimme dient Peter Wolter. Gemeinsam mit den anderen fünf Schauspielern wird der Lebensweg von John Franklin auf moderne, minimalistische Weise gezeigt, wobei auch Elemente aus dem Tanztheater einfließen. Das Ergebnis ist ein interessantes Stück mit Tiefgang, das davon erzählt, dass man trotz eines Handicap nicht aufgeben sollte und seine Ziele
verwirklichen kann.

Faszination Multiversum

14. Juni 2016

Von Michael Geißelbrecht

Foto: Jochen Quast

Foto: Jochen Quast

 

Theater Regensburg | Die Welten des Stücks „pest“ des Regensburger Autors Konstantin Küspert drehen sich nicht nur um die Sonne, sondern besonders um die Entscheidungen der Protagonisten. Jede theoretisch mögliche Alternative eröffnet ein neues Universum. Ja oder nein, links oder rechts, Kopf oder Zahl. Ein Münzwurf entscheidet, in welcher Welt die Reise weitergeht. Die Inszenierung von Katrin Plötner fokussiert zwei Welten und stellt die Protagonisten in wechselnder Besetzung vor große Entscheidungen und visualisiert die parallelen Universen allein getrennt von einer mobilen Wand, die menschliche Existenzen auch mal von der Bühne räumt.

Was willst du einmal werden?

Kernphysiker oder Fußballprofi? – Vor dieser Entscheidung steht der junge Georgios und sie hat gewaltigen Einfluss nicht nur auf seine eigene kleine Welt. Es entstehen zwei parallele Szenarios, in denen sich Georgios einmal dem Vater und dessen Wunsch nach einer Profikarriere des Sohnes fügt und einmal erfolgreich widersetzt. Als Kernphysiker unterläuft ihm jedoch ein großer Fehler bei einem Test im Kernkraftwerk und es kommt zum Super-GAU.

Apokalyptische Zustände

Katrin Plötner inszeniert die parallelen Welten als postapokalyptische Landschaften, die von weißen und schwarzen Plastikfetzen überzogen sind. Das fünfköpfige Ensemble (Sina Reiß, Ulrike Requadt, Patrick O. Beck, Michael Haake und Jacob Keller) wechselt ständig die Rollen – auch untereinander, sodass z.B. der Vater unter anderem je nach Welt sowohl von Patrick O. Beck als auch Ulrike Requadt gespielt wird – und verleiht den Figuren in redundanten Episoden nuanciert verschiedene Persönlichkeiten, die schon ausreichen, um eine andere Entscheidung authentisch zu begründen. Zusätzlich treten die Verbliebenen als Kommentatoren in grünen Jacken auf und sprechen Erzählertext, kreieren Sound oder bedienen die Windmaschine. Eine besondere Schauspielerleistung herauszuheben ist schwer, aber gerade das durchweg hohe Niveau des Quintetts und die häufigen Rollenwechsel während des Stücks unterstützen das Gefühl, sich auf nichts wirklich festlegen zu können. Das ist im Kontext der vielen Parallelwelten, deren Gesamtheit als „Multiversum“ bezeichnet wird, durchaus ein probates inszenatorisches Mittel, macht es aber auch natürlich schwerer, der Handlung zu folgen.

Spannendes Gedankenexperiment

„pest“ ist ein Stück, aus dem ich fasziniert und perplex gleichermaßen herausgegangen bin. Die Uneindeutigkeit lässt einen noch lange über das theoretisch Mögliche nachdenken. Die Inszenierung ist nicht primär Unterhaltungstheater, sondern ein spannendes Gedankenexperiment, auf das man sich aber auch einlassen muss.

Wild und teuflisch

14. Juni 2016

Von Leonie Dinkloh

The Black Rider, v.l.n.r. Christian Baumann, Andreas Thiele, Fotografin_Hilda_Lobinger

The Black Rider, v.l.n.r. Christian Baumann, Andreas Thiele, Fotografin: Hilda Lobinger

 

Metropoltheater München | Für das letzte Gastspiel der 34. Bayerischen Theatertage öffnete sich am Freitagabend im Theater am Bismarckplatz der Vorhang für „The Black Rider“, ein schräges, verrücktes und spannendes Musical, das man auf jeden Fall gesehen haben sollte.
Grundlage der Handlung ist die „Freischütz“-Geschichte: Der Schreiber Wilhelm (Philipp Moschitz) muss jagen lernen, um die Förstertochter Klärchen (Sybille Lambrich) zur Frau nehmen zu dürfen und die Försterei zu erben. Er geht einen fatalen Pakt mit dem Teufel (Viola von der Burg) ein, der ihm zwar ein paar Schuss zielsichere Munition anbietet, aber im Gegenzug das Ziel des letzten (und natürlich entscheidenden) Schusses selbst bestimmen will.

„Einer wie du trifft nicht mal eine angepflockte Kuh!“

In dem Stück ist alles drin: Witzige Sprüche und Szenen – zum Beispiel als der tollpatschige Wilhelm seine ersten Schießversuche startet, die das Publikum immer wieder zum Lachen bringen – dynamische und schwungvolle Tänze und natürlich die emotionale Ebene, als klar wird, dass der Teufel Wilhelm hinters Licht geführt hat.
Die einzigen Requisiten sind Regenschirme – in allen Größen, Farben und Formen –, die das Bühnenbild zwar einfach, aber nicht weniger lebhaft wirken lassen. Mithilfe der Regenschirme werden die Schauspieler zu Bäumen, sie dienen als Gewehre oder Schreibwerkzeuge, als Kutschenräder oder als ausgebreitete Schwingen des Teufels. Die Musik von Tom Waits – eine Mischung aus schrägen, düsteren und wunderschönen Melodien – sorgen für eine spannende Atmosphäre, die das Publikum sofort in den Bann zieht. Auch wenn vielleicht manche der Schauspieler leichte gesangliche Schwächen zeigten und die Lieder oft etwas merkwürdig und verrückt klingen, überzeugen doch (fast) alle durch ihre vielschichtigen, stimmgewaltigen Darstellungen.
Kommentiert wird das Geschehen vom rollstuhlfahrenden „Oheim“ (Christian Baumann) und seinem Diener (Andreas Thiele), die in ihren Szenen durch skurrile Bilder und lustige Anekdoten dem Stück einen ganz eigenen Humor verleihen.

Wenn die magische Kugel daneben trifft

Nach einer fünfzehnminütigen Pause beginnt der zweite Teil, der sich zeitweise etwas in die Länge zieht, aber dem ersten in Humor und Spannung in nichts nachsteht.
Wilhelm scheint die Bedingung des Teufels nicht ganz verstanden zu haben, als er sich für seine letzte Prüfung abermals treffsichere Kugeln besorgt. Denn der alles entscheidende Schuss wird vom Teufel selbst gelenkt und tötet Klärchen an ihrem Hochzeitsmorgen.
Das Gesamtkonzept ist atemberaubend: Schwungvolle Choreographien, starke Bilder und tolle Songs, dargeboten von einem sehr guten Ensemble und einer ebenso guten Band – zu Recht bedacht mit donnerndem, langanhaltendem Applaus und nicht wenigen Jubelrufen. Ein sehr faszinierender und wilder Theaterabend – der perfekte Abschluss für das „wilde Bayern“

 

 

Die Jagd nach der Droge Glück

10. Juni 2016

„Superman ist tot“ erzählt voller Menschlichkeit von Liebe, Spaß und tragischer Sucht

Foto: Christian Flamm

Foto: Christian Flamm

Von Anja Seemann

Theater Wasserburg | Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, von einem Superhelden gerettet zu werden oder selbst Superkräfte zu haben? Fliegen zu können, wann und wohin man will, Spidermans geschärfte Sinne und Reflexe zu haben oder die Muskeln von Captain America? In dem Jugendstück „Superman ist tot“ von Holger Schober inszeniert Jörg Herwegh die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die in einer existenziellen Krise stecken und nach der härtesten und am schwierigsten zu bekommenden Droge suchen: Glück.

Romeo und Julia der Comic-Welten  

Die Liebe von Karl und Luisa beginnt wie bei allen großen Liebespaaren der Literatur: Ihre Weltanschauung und Hintergründe sind so gegensätzlich wie Tag und Nacht. Zwar sind beide Comic-Fans, doch Karl steht auf das Marvel-Universum, Luisa dagegen mag lieber Superman, Wonder Woman & Co. aus den DC Comics. Was die beiden trotzdem verbindet, ist ihr tagtäglicher Kampf gegen sich selbst. Mal urkomisch in Form von Rollenspielen, wenn Karl und Luisa sich neue Superhelden mit abgefahrenen Superkräften ausdenken und als „Orgasmusman“ oder „Leathergirl“ gegeneinander antreten; mal in Form von Realitätsflucht – ebenso witzig gespielt, aber inhaltlich bitter – wenn sich die beiden im Alkohol- und Drogenrausch verlieren. Luisa arbeitet als Apothekerin. Sie kennt die Wirkungen und Nebenwirkungen euphorisierender Stoffe, hat mit ihnen aber keinerlei Erfahrung. Karl dagegen ist ein Junkie. Beim Nachgespräch mit dem Regisseur und den Schauspielern betont Herwegh, dass er sich dieses Stück nicht wegen der Drogenthematik ausgesucht habe, sondern wegen der Liebesgeschichte. Das Stück zeigt von der Begegnung im Comic-Laden bis zum endgültigen Absturz in filmschnittartigen Aneinanderreihungen verschiedene Stationen dieser Liebe.

Ist Superman so tot wie Gott?

Die Tragik von Karl und Luisa liegt darin, dass sie um sich selbst und um den anderen kämpfen, aber niemals wirklich einen Sieg davon tragen. Wie bei ihren Helden in den Comics jagt ein Gegner den nächsten und jeder neue Bösewicht ist stärker und gerissener als der vorherige. Karl verliert seinen letzten Kampf, und es bleibt ungeklärt, ob Luisa das Kind in ihrem Leib daraufhin aus einer Kurzschlussreaktion heraus tötet, sie selbst diese Tat überhaupt überlebt oder warum genau das Stück „Superman ist tot“ heißt. Haben Karl und Luisa wie Nietzsche mit dem Stichwort „Gott ist tot“ am Ende den Glauben an Superhelden getötet?
Die 70 Minuten in Karls und Luisas Welt bedeuten Seelen-Striptease verpackt in Situationskomik, knackig-witzige Formulierungen und zwei Helden, die wir – um den Batman-Film „The Dark Knight“ zu zitieren – „brauchen, aber nicht verdienen“. Man muss kein Comic-Nerd sein, um von diesem Stück gefesselt zu werden!

Foto: Christian Flamm

 

Stereotype Zwischentöne

10. Juni 2016

Das Theater Bamberg behandelt mit „Das schwarze Wasser“ die Themen Integration und Chancengleichheit
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Von Julia Deppe

Theater Bamberg | Wie funktioniert Integration? Gibt es so etwas wie Chancengleichheit? Können mehrere Kulturen in einem Land friedlich zusammenleben? Und wie gehen Jugendliche mit kulturellen und sozialen Unterschieden um? Roland Schimmelpfennigs Stück „Das schwarze Wasser“ behandelt aktuelle Themen und passt somit gut in den politischen Spielplan des Theaters Bamberg. Es ist die zweite Regiearbeit Sibylle Broll-Papes seit Beginn ihrer Intendanz.
In einer lauen Sommernacht treffen zwei Gruppen Jugendlicher aufeinander. Frank, Olli, Freddi und Cynthia stammen aus der gutbürgerlichen Schicht, während Karim, Murat, Leyla und Aishe Kinder von Gastarbeitern sind. Sie alle verbringen die Nacht zusammen, schwimmen, tanzen, trinken, flirten und überwinden kulturelle und soziale Schranken. Zwanzig Jahre später treffen sie wieder aufeinander, doch die sozialen Unterschiede sind deutlicher denn je. Während die einen Rechtsanwalt oder Lehrer geworden sind, arbeiten die anderen als Kassiererin oder Döner-Verkäufer.

„Die Gesellschaft hat zwei Gesichter“

Sechs Darsteller sprechen abwechselnd die Texte, inklusive der Regieanweisungen von Schimmelpfennig. Dabei wechseln sie in der Erzählung sowohl Ort als auch Zeit. Der schnelle Wechsel der Repliken, der eine gute Zusammenarbeit der Darsteller untereinander voraussetzt, ist dabei perfekt abgestimmt. Die Bühne ist leer bis auf acht kleine Leinwände, die den Sternenhimmel, die Lichter einer Großstadt oder auch ein schwarzes Wasser projizieren. Zusammen mit der Livemusik von Jan Schöwer bilden diese Projektionen den Rahmen der Handlung und treiben sie voran. Allerdings passiert ansonsten nicht viel. Durch die narrative Erzählweise und die permanenten Zeitsprünge ist es teilweise schwer, der Geschichte zu folgen. Die Musikeinsätze waren zwar sehr gelungen, aber führten leider nur bedingt zu Abwechslung auf der Bühne.
Wie geht unsere Gesellschaft mit Neubürgern um? Wie werden sie integriert? Und welche Chancen haben sie auf dem Arbeitsmarkt? Die Inszenierung zeigt, wie sich zwei Gruppen zunächst vorsichtig annähern, sich jedoch wieder aus den Augen verlieren und dann nebeneinander existieren, ohne sich anzusehen. Von Chancengleichheit für die „Gastarbeiterkinder“ ist keine Rede. Das Thema des Stückes ist durchaus aktuell, nur wurde es oberflächlich und stereotypisch behandelt. Gibt es wirklich nichts dazwischen? Gibt es nichts zwischen Rechtsanwalt und Döner-Verkäufer? Oder zwischen Kassiererin und Schuldirektorin? Diese Fragen bleiben offen. Durch die narrative Erzählweise kommt außerdem keine Spannung auf und so können sich selbst 90 Minuten sehr in die Länge ziehen.

Fotos: Martin Kaufhold

 

Sitcom pur

10. Juni 2016


Von Anja Seemann

Staatstheater Nürnberg | Oft entscheidet schon der allererste Satz, ob das Publikum in eine Inszenierung einsteigt. Und als die Scheinwerfer auf Colin (Pius Maria Cüppers) und seine Frau Kathryn (Adeline Schebesch) fallen und Colin in überspitztem Tonfall sagt „Ich kann nicht behaupten, dass mich diese Orangenmarmelade vom Hocker reißt“, hallen bereits die ersten Lacher durch das Velodrom. Doch Klaus Kusenberg verlässt sich bei der Inszenierung der Komödie „Alle lieben George“ von Alan Ayckbourn nicht nur auf Klischees und stereotype Charakterisierungen, er gibt der Handlung und den Figuren auch Momente, in denen es tiefer geht und nicht der Klamauk, sondern echte Empfindungen im Vordergrund stehen.

„Als Erstes trifft es immer Menschen, die voller Leben sind, ist es euch nicht aufgefallen? Die Arschlöcher dagegen sterben nie.“

Und solche Momente braucht es auch bei einer Handlung, in der sich alles um drei Mittelstandspaare und deren Beziehung zu einem todkranken Mann dreht: Der Arzt Colin und seine Frau Kathryn spielen zusammen mit dem Geschäftsmann Jack (Michael Hochstrasser) und seiner Frau Tamsin (Josephine Köhler) in einer Laientheatergruppe. Die Proben für ein Stück sind im vollen Gange, als Colin die Nachricht erreicht, dass bei George Riley, einem seiner Patienten und der beste Freund von Jack, Krebs diagnostiziert worden ist. Schnell steht für alle Beteiligten fest: George hat nur noch sechs Monate zu leben und in dieser Zeit muss man sich mit vollem Einsatz um ihn kümmern. Kurzerhand wird George mit in die Theaterproduktion aufgenommen und Jack kontaktiert Georges Exfrau Monica (Elke Wollmann), die mittlerweile mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem Bauer Simeon (Thomas Nunner) auf dem Land lebt.

Wen lieben alle denn wirklich?

Nach und nach entwickelt sich zwischen den drei Frauen ein regelrechter Wettstreit darum, wer sich um den offenbar ewig junggebliebenen und attraktiven George kümmern darf und warum – sehr zum Missfallen ihrer Männer. Es kommt zu Streitereien und Lügen, die Grenzen zwischen echter Fürsorge für George und Eigennutz der Figuren verschwimmen. Immer mehr scheint es so, als ob alle nur vorgeben, George zu lieben, denn jeder liebt sich selbst doch eigentlich am meisten.
Über zwei Stunden lang wird einem Phantom namens George nachgejagt, das als Figur selbst nie in Erscheinung tritt. Die Situationskomik funktioniert, auch die Dynamik zwischen den Charakteren verliert dank der soliden schauspielerischen Leistungen nie an Fahrt, sodass sich der Zuschauer selbst nach dem hundertsten Wortgefecht immer noch unterhalten fühlt – mehr als gute Unterhaltung darf man von „Alle lieben George“ aber nicht erwarten.

 

Fotos: Marion Barle