Bei den Schillertagen meint das ein Gastspiel von „Die Räuber“, das nach den herkömmlichen Theaterregeln abläuft und ganz für Zeitgenossen von 2009 gedacht und gemacht ist.
Von Anne Richter
Es fängt schon gut an: Die Techniker von der Schaubühne aus Berlin tragen ein schwarzes T-shirt mit dem Aufdruck „Zeitgenossen“. Und wirklich, die Inszenierung von Lars Eidinger mit Schauspielschülern der Ernst-Busch-Hochschule Berlin und Urs Jucker als Vater und Pater aus dem Schaubühnen-Ensemble hält dem Anspruch, aus Schillers Räubern von 1782 Zeitgenossen zu machen, stand.
Die besondere Qualität dieser Arbeit fußt im Simultanbühnenbild von Christoph Rufer, das einen gleichzeitigen Ablauf der beiden Handlungsstränge um die konkurrierenden Brüder Karl und Franz ermöglicht. Die Brüder, die sich in Schillers Drama nie begegnen, sehen sich in dieser Inszenierung ständig in die Augen. Jeder handelt in seiner Welt, sprich im eigenen Bühnenbereich. Rechts ist etwas tiefer gelegt, der gepolsterte Fernsehraum im Schloss von Moor; links erhöht die Plattform für die Räuberbande, anfangs mit Biertisch bestückt und mit einem auch als Wachturm dienenden Baum als Böhmischer Wald.
Aber alles Denken und Handeln der Brüder dreht sich nur um den jeweils anderen, den man hier nicht nur vorm inneren Auge hat. Mit schneller Schnitttechnik verzahnt Lars Eidinger die parallel verlaufenden Szenen. Wachsam beäugen die jeweils Stummen das Spiel der anderen Partei.
In knappen zwei Stunden erzählt die Inszenierung von Lars Eidinger vom Untergang einer Familie. Am Anfang hängt Vater Moor bis zur Unbeweglichkeit als Tonne auswattiert vorm Fernseher. Trotz Beatmungshilfe ist jeder Atemzug von ihm eine hörbare Kraftanstrengung. Am Ende atmet der Vater – bis auf die Haut abgemagert ist hier im wörtlichen genommen – immer noch, nur seine beiden Söhne liegen tot in seinem Schoß.
Dazwischen proben die Räuber den Aufstand, Franz spinnt seine Intrigen und Amalia such Trost im Singstar. Der Einsatz und die Auswahl der Musik ist ein weiteres Qualitätsmerkmal der Arbeit: Rod Stewart, Simon and Garfunkel, Queen und Mariah Carey stehen für die großen Emotionen des Dramas. Aus Sicht von heutigen 22-jährigen, so alt war Schiller bei der Uraufführung und nicht viel älter sind auch die Darsteller auf der Bühne, sind diese Pop-Schnulzen „uralt“. Darum treffen sie genau den Punkt des Altmodischen, aber doch zeitlos gültigen der extremen Gefühle in Schillers hoher Sprache.
Altmodisch, ernst und doch brennend aktuell ist die Gruppe zorniger junger Männer gezeichnet, die gegen die Macht der Väter anrennt. Jeder für sich spielt eine volle Charakterstudie, deren Not man verstehen kann. Die Gruppendynamik von Jungendlichen funktioniert nach wie vor gleich. Nach dem Ausstieg, bei Schiller dem Gang in die Wälder, treten die Räuber in Unterwäsche und Waffen auf. Nun ähneln sie ihren Kollegen aus Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ und schlagen mit gleicher Härte und gleichem Überraschungseffekt zu. Auch das ist in seiner Konsequenz stimmig. Schillers Figuren sind Zeitgenossen, wenn sie auch etwas altmodisch sprechen.
Diese Inszenierung wurde in diesem Blog auch im Rahmen des Festivals „radikal jung“ in München am 19.4. besprochen. Der YouTube-Trailer der Inszenierung ist dort auch zu finden.
Schlagworte: Räuber, Schaubühne, Schillertage 2009, Schlagwort hinzufügen
