Othello

othello

Die so genannte Leuchtturminszenierung von „Othello“ sorgte in Bochum für vier ausverkaufte Vorstellungen im großen Haus. Das liegt sicherlich hauptsächlich am großen Staraufgebot, zu dem unter anderen Regielegende Peter Sellars und Oscar Preisträger Philip Seymour Hoffman gehören.Sellars bringt eine monumentale, viereinhalb Stunden lange Version von „Othello“ auf die Bühne, bei dem der Text komplett und ungekürzt blieb.Der Inhalt ist sicherlich den meisten bekannt und trotzdem soll er in ein paar Sätzen zusammengefasst werden.Othello, der Mohr, ist unsterblich und gegen den Willen ihres Vaters, in Desdemona verliebt. Die beiden haben heimlich geheiratet. Der Feldherr Othello befördert Cassio und nicht Jago, was den Ausgangspunkt der folgenden Intrigen ausmacht. Jago zieht seine Fäden und bewerkstelligt zu erst einmal, mit Hilfe des unglücklich verliebten Roderigo, dass Cassio wieder entlassen wird. Jago streut Zwietracht und deutet eine Affäre zwischen Desdemona und Cassio an. Othello kann seine Eifersucht nicht unter Kontrolle bringen; Desdemona ihn nicht besänftigen und alles endet in Mord und Totschlag.Sellars inszeniert Shakespeares großes Stück als Kammerspiel mit acht Darstellern.
Bis auf ein paar Stühle, Mikrophone und einem Bett aus über vierzig Monitoren gibt es auf der Bühne kaum etwas. Das Stück muss demnach komplett von seinem Ensemble getragen werden.

Obwohl der original Text benutz wurde, unternahm der Regisseur einige Änderungen. So wurde zum Beispiel aus Montano eine Frau, die auch gleichzeitig die Hure ist. Emilia, die Frau Jagos, wurde stark aufgewertet und so sollten, laut Sellars, acht gleichberechtigte Figuren entstehen und kein Stück der drei Hauptfiguren.Seine Begründung ist simpel, wenn er im Publikumsgespräch die heutige Gesellschaft in den Mittelpunkt rückt. In dieser seien starke Frauen in hohen Positionen mittlerweile an der Tagesordnung – und das zu Recht. Seine Änderungen seien also sicherlich im Sinne Shakespeares.Des Weiteren wurde die Rassenfrage entschärft. Othello ist nun nicht mehr der einzig Schwarze in einer weißen Gesellschaft; vielmehr sind Jago und Desdemona die einzig Weißen. Auf der Textebene jedoch gibt es noch immer rassistische Beleidigungen, die ungeahndet im Verlauf untergehen. Das ist befremdlich und interessant.Jago (Hoffman) ist in dieser Version nicht mehr der Urböse Verräter, wie noch von Shakespeare gezeichnet, sondern eine innerlich zerrissene und leidende Figur.
Er hat begründeten Verdacht, dass seine Frau eine Affäre zu seinem Vorgesetzten, Othello hat. So findet er sich wieder zwischen Loyalität zu diesem auf der einen Seite und den Rachegelüsten gegen ihn auf der anderen. Letzten Endes zerstört er nicht nur sich selbst, sondern gleich alle anderen mit ihm. Sellars Jago würde sagen: So habe ich das alles gar nicht gewollt.

Geheimnisse regieren die venezianische WeltGeheimnisse die die Liebe retten sollen, wie zum Beispiel bei dem Versuch von Desdemona den Verlust des geliebten Taschentuchs vor ihrem Gemahlen geheim zu halten. Oder eben auch welche, die die Liebe zerstören sollen, wie die Intrigen Roderigos und Jagos zeigen.Es entsteht langsam aber sicher eine Geschichte über Liebe, Misstrauen, Enttäuschung und Eifersucht. Sellars untersucht wie schnell Liebe in Gewalt umschlagen kann und zeigt, wie auch schon in seinen früheren Werken, Ähnlichkeiten zum heutigen Amerika auf. So sieht der Doge nicht nur aus Versehen aus wie der neue Präsident Obama und Cassios lang aufgebauter Ruf wird so schnell zerstört wie Colin Powells, nach dem er über die Massenvernichtungswaffen im Irak log. Und wenn ihm vom Doge die Möglichkeit offen gelassen wird, Jago zu foltern, erinnert es nicht von ungefähr an Guantanamo.
So zeigt sich, dass „Othello“ ein sehr modernes Stück sein kann. Zum Glück bleibt Sellars Inszenierung hier zurückhaltend. Die Kommunikation passiert zwar häufig über Mobiltelefone, Konferenzschaltungen und Textnachrichten und die Kostüme sind einigermaßen modern; aber alles bleibt in Maßen und zurückhaltend. An keiner Stelle wird es unangenehm und gezwungen sondern bleibt stets glaubwürdig.

Ein vier Stunden langes Kammerspiel kann nur mit den richtigen Darstellern funktionieren, denn ansonsten ist schnell die Luft raus. Peter Sellars gelang es ein hervorragendes Ensemble um sich zu scharen. John Ortiz’ Othello ist zu erst verliebt, schließlich verrückt und zerstört. Mit Leichtigkeit verdeutlicht er die unterschiedlichen Emotionen. Die naive und später verzweifelte Desdemona wird berührend gespielt von Jessica Chastain. Der unumstrittene Star allerdings blieb Philip Seymour Hoffman. Er verleiht seinem Jago eine unangenehme Spannung, die er über die gesamte Zeit halten kann. So nimmt man ihm ab, wie er der Idee von Rache immer mehr verfällt. Es ist eine Freude dem Wechsel der Emotionen zuzuschauen, der vor einem entfacht wird.

So ganz gelingt es Peter Sellars nicht, acht gleichberechtigte Charaktere zu schaffen, obgleich das gesamte Ensemble eindrucksvoll agiert. Dafür sind die Hauptdarsteller einfach zu gut.
Im Publikumsgespräch verglich der Regisseur das Werk Shakespeares mit einem Berg, der erklommen werden will. So sei es eine anstrengende Reise, die aber mit der Ankunft am Gipfel belohnt wird. Und so ist es dann auch. Müde und geschafft verlassen nicht nur die Darsteller die Bühne, sondern auch die Zuschauer das Theater.

Wenn man für sein vieles Geld ein gigantisches Spektakel erwartete, so wurde man sicherlich enttäuscht. Wenn man sich allerdings ein solides, brillant gespieltes Kammerspiel erhoffte, so wurde man vollends zufrieden gestellt. Der einzig negative Aspekt, für den die Inszenierung nichts konnte, waren die schlechten Übertitel. Eher sporadisch wurde der Text übersetzt und man war gut beraten, sich gar nicht erst von ihm ablenken zu lassen.
Man darf gespannt sein, wie New York im September auf „Othello“ reagieren wird. Bochum, jedenfalls, hat es gefallen!

(Janine Wahrendorf)

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