MAN MUSS DANKBAR SEIN. Von Volker Schmidt

 

Man muss dankbar sein

Von Volker Schmidt. Am 02.10.2009 im MRS in Wien

Inszeniert von Jérôme Junod im Rahmen des ZORN!-Theaterfestivals

xr8w3693

Meine sehr geehrten Damen und Herren: es darf getanzt werden.

Österreich ist mittlerweile eine Billiglohnrepublik, in heimische Fabriken werden Vertreter von Hilfsorganisationen geladen um so die Unterstützung zu bekommen, die Österreich wieder zum Zuge kommen ließe. Andere Länder, die einst als Billigproduktionsländer galten, sind obenauf in der weltweiten Wirtschaft. Auch Österreich will wieder ganz nach oben und dafür sorgen Liesl, Hanni und Kathi, Näherinnen in einer Wiener Textilfabrik. Sie reden sich dabei um Kopf und Kragen, versuchen ein gutes Bild ihrer Arbeitsbedingungen zu schaffen, denn: man muss dankbar sein. Doch nach und nach bekommt die überschwängliche Freude über den Besuch der Vertreter tiefe Risse und in einem wilden Strudel aus verdrängten Erinnerungen, wieder erwachenden Träumen, indischer Musik und überbordenden Tanzeinlagen zeigt sich das wahre Bild hinter der Fassade der Dankbarkeit. Den drei Frauen stehen dabei ein schmieriger Vertreter, ein hinkender Hausmeister und der gewalttätige Firmenchef zur Seite.

es gibt keinen grund für schlechte laune
die schlechte laune machen, haben keine disziplin
lassen sich gehen
ich lasse mich nicht gehen
bin bereit, bin stets bereit denn
man muss dankbar sein

(Liesl aus „Man muss dankbar sein“)

Liesl ist immer die Erste. Sie mag die Ruhe, die schlafenden Maschinen und den tanzenden Staub. Sie ist halt ein wenig naiv, die Liesl, aber: sie ist dankbar. Vor ihrer Anstellung in der Fabrik hat sie als Prostituierte gearbeitet, diese Zeit ist jetzt aber vorbei. Heute kann sie wieder träumen. Träumen von einem eigenen Zimmer, einem Flachbildfernseher und einer Karte für den Opernball.

Kathi, die Zweite im Bunde ist ganz „Zack-Zack“. Mit ihrer schnellen Arbeit und ihrer Firmentreue hofft sie auf eine Anstellung in einer Industrienation, denn „jeder will das, der was will“. Natürlich wird sie dann Postkarten schreiben, an Liesl zum Beispiel, die einfach nicht weg will. Nur keine Aufregung, keine Lohnverhandlungen, alles schön mitmachen, das ist Kathis Motto, denn: man muss dankbar sein.

Dann ist da noch Hanni. Dass Hanni erst während der Präsentation vor den NGOs erwacht und vollkommen apathisch und mit verschmierter Schminke auftritt missfällt sowohl ihrem Chef, als auch ihren beiden Kolleginnen, dass ihr etwas angetan wurde interessiert zuerst nicht (es wird auch im weiteren nicht wirklich darauf eingegangen, was denn nun mit ihr geschehen ist. War es vielleicht das System das sie so zugerichtet hat?), denn immerhin geht es hier um etwas und ein Lächeln für die Vertreter muss schon sein. Hanni ist eine Rebellin, sie kämpft gegen die ungerechten Arbeitsbedingungen in der Fabrik. Ein Streik muss her, das ist Hanni klar und als sie dann auch noch Liesl davon überzeugt die Arbeit niederzulegen, ist der Streit mit der linientreuen Kathi vorprogrammiert.

Der vor dem Chef kriechende Hausmeister, der aalglatte NGO-Vertreter und der proletenhafte, seine Näherinnen prügelnde Chef sind wortlose Gestalten, mal im Vordergrund präsent, mal im Hintergrund aktiv, denen der unvermittelt ausbrechende indische Gesang in den Mund gelegt wird. Man hat in dieser Fabrik ja etwas vorbereitet für die NGOs, denn das Betriebsklima hier ist ausgezeichnet.

Ausgezeichnet miserabel, wie der Zuschauer spätestens bei Verlassen des Saales weiß.

Jérôme Junod und sein Ensemble heben das Stück von Volker Schmidt aus den Angeln. Auf wilde Textbombardements folgen exakt choreographierte Musicalsequenzen (die Darsteller singen nicht selbst, das indische Wort versagt es ihnen), die Zuseherin/ der Zuseher ist nicht länger mehr nur Schauender, er ist Teil der Inszenierung. Das Publikum übernimmt den Part der NGO-Vertreter und wird direkt angesprochen: schon vor Beginn der Vorstellung geht der Hausmeister (Patrick Seletzky) mit einem Putzwagen durch das Foyer des Max-Reinhardt-Seminars, stellt ein Begrüßungsschild vor die Eingangstür des Theatersaals und rollt gar noch einen rot-weiß-roten Teppich für das Publikum aka. die Vertreter aus.

Im Inneren des runden Raumes (die Zuschauer nehmen links und rechts neben der Tür Platz) wartet bereits Liesl (Olga Wäscher) auf die eintreffenden Damen und Herren, aber „es geht noch nicht los.“ Liesl steht vor drei Nähmaschinen, der zu nähende Stoff ergibt den österreichischen „Flaggenteppich“. Im hinteren Teil des Raumes steht ein Schreibtisch, überall lehnen und liegen leere Stoffrollen. Links neben der Tür im Publikum sitzt ein im weißen Anzug recht auffällig gekleideter Herr, einer der Darsteller, wie sich später herausstellen wird. Noch während Liesl spricht und immer wieder deutlich macht, wie glücklich sie über die Anwesenheit der Vertreter, als auch über ihre Lebensumstände ist, kommt Kathi (Nadine Kiesewalter) hinzu, vollgepackt mit Einkaufstüten. Und dann geht es erst richtig los.

Das gut gelaunte, spielwütige Ensemble (zu nennen sind noch Karoline Bär, Ulrich Brandhoff und Robert Finster) zeigen in jeder Szene was sie können, sprachlich, darstellerisch, als auch tänzerisch. Dies anzusehen macht Spaß, bringt zum Lachen. Wie die Inszenierung von bitterem Ernst in Komik kippt, gar zur grotesken Musicalshow wird ist faszinierend, leider aber nicht immer fesselnd. Zu lang sind die Tanzszenen, zu verwirrend die an verschiedenen Stellen gleichzeitig stattfindenden Aktionen der Darsteller. Während man als Zuschauer dem Seelenstriptease Liesls lauscht, zieht im Augenwinkel der erhobene rechte Arm des Fabrikchefs vorbei. Es passiert eine Menge in diesem Theaterraum, nicht immer aber hat das Publikum die Zeit und die Möglichkeit dazu alles mitzubekommen.

Womöglich hätte man sich hier mehr auf den Text verlassen sollen, der ohnehin voller Zündstoff ist. Anhand kurzer Sätze wird Schicht für Schicht die saubere Oberfläche der ach so angenehmen Fabrikwelt frei gekratzt, darunter kommen Wünsche und Hoffnungen ans Tageslicht, wird die gesellschaftliche Inbesitznahme des Individuums deutlich. Die Vergangenheit Liesls wird missbraucht um Mitleid bei den Vertretern zu erregen, diese groteske, unmenschliche Weise das Leid der Näherin zu „Profit“ zu machen wird dank der tollen Darsteller umso schockierender. Die Prostitution hat Liesl noch nicht losgelassen, nur die Freier haben jetzt ein anderes Gesicht. An ebensolche starken, ergreifenden Szenen reihen sich überdrehte, nicht immer passend scheinende Einfälle, die für den Zuschauer nicht immer schlüssig sind.

 

xr8w3827


Am Ende tanzen sie alle wieder. In schimmernden Outfits und zu lauter Musik ergeben sie sich der perfekt einstudierten Choreographie. Die Revolte innerhalb der Fabrikmauern ist aussichtslos, auch Hanni gesteht sich dies ein. Liesl wird nicht auf dem Opernball tanzen, es heißt arbeiten, denn noch ehe man das Wort Streik hervorbringt, ist man auch schon ersetzt. Es gibt zu viele andere, die dankbar wären. Die Monotonie des Tanzes am Ende gibt auch die Monotonie der Gegebenheiten wieder: solange die Nähmaschinen in ihrem Takt schlagen, solange funktioniert dieses Spiel. Der Einzelne hat keine Träume zu träumen, er hat im Takt der Maschinen seine Arbeit zu erledigen, denn nur so läuft die Welt rund.

Wenn man am Ende den Saal verlässt hat man viel gesehen, viel gehört, viel gespürt. Ganz rund mag die Sache vielleicht nicht für jeden gewesen sein, das Premierenpublikum zeigte sich jedoch begeistert. Der Ball rollt, irgendwo mag er vielleicht eine Delle haben, das Spiel mit ihm jedoch und dass soll gesagt sein, macht trotzdem großen Spaß und regt zum Nachdenken an.

Cornelius Edlefsen

 

xr8w3702                   Fotocredit: Gerhard Wartha

 

MAN MUSS DANKBAR SEIN. Von Volker Schmidt

 

Ficki ficki oder zack zack — Wer überleben will, muss sich entscheiden

Liesl, Kathi und Hanni sind Näherinnen in einer Wiener Textilfabrik. In Volker Schmidts Stück Man muss dankbar sein könnte sie laut Regieanweisung genauso in einer anderen europäischen Großstadt stehen. Wichtig indes ist die zeitliche Ausrichtung auf die Zukunft, „wenn alles einmal um den Globus gegangen ist.”  Wähnen wir uns in Wien. Der Regisseur Jérôme Junod hat mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Lydia Hofmann alles daran gesetzt, die Funduskiste Austrias vollends auszuschöpfen, von rotweißen Haarbändern bis zu BILLA-Sackerln. Es stimmt der Ort: Die imposante Arena zeugt mit allerlei Illusionsmalerei unter dem goldenen Kronleuchter noch von der monarchistischen Vorgeschichte des Reinhardt Seminars im Palais Cumberland, seit 1866 Wohnsitz König  König Georgs V. von Hannover, II. Herzog von Cumberland.  Den roten Teppich aus dem Foyer ins Zentrum der Arena bildet eine meterlange österreichische Flagge, deren Ende zu drei Nähmaschinen führt. Singer und Pfaff sind vertreten, alles wirkt original wie das überdimensionierte Manner-Schnittenpack vor der Fensterreihe im Hintergrund.

Liesl stellt sich als Erste vor: “Ich bin der Prolog.” Sie bleibt nicht lange anonym. Wir erleben sie als sehnsuchtsvolle Figur, die in ihrem Staunen über der Welten Schönheit aufgeht. Doch ihr Alltag sieht weit anders aus: “Jeder Stich ist ein Stück Leben.”, durchlebt sie die Tag- und Nachtgleiche der Industrietristesse. Die Zuschauer bittet sie, ihre Schilderungen aus der Fabrik zu vergessen, denn “das gehört nicht hierher.”

“Man muss dankbar” lautet die Losung und ihre dazukommende Kollegin Kathi kann ihr nur beipflichten. “Wir verstehen, dass sie nicht verstehen […]” und so stellt sich schnell heraus, dass man als Zuschauer, im Halbrund auf roten Bierkisten sitzend, einer Non-Governmental Organisation (NGO) zugehört. Das Billiglohnland Österreich sucht Anschluss an die Industrienationen, hat seine Fassade eigens für die Präsentation aufpoliert, seine Arbeiter auf Kurs gebracht und deren graue Kittel mit Namensschildern auf Deutsch wie Hindi versehen. Ihre Texte sitzen und einen sich im Lauf von Ober- und Unterfaden. Jetzt darf kein Fehler unterlaufen. Der NGO-Vertreter im edlen weißen Zwirn hat die Fäden in der Hand. Er muss überzeugt werden und so schmeißen sich Liesl und Kathi sprichwörtlich ins Zeug und nähen, bis die Nadeln glühen. Nur eine will sich nicht fügen. Hanni. Laut Kathi wurde sie von der Gewerkschaft unter Drogeneinfluss manipuliert und taucht entsprechend derangiert mit verlaufener Wimperntusche aus einem Stapel T-Shirts auf. Störfaktoren wie sie müssen vor den Gästen der Industriestaaten kaschiert werden. Wo Hanni wider die Firmenideologie aus der Reihe tanzt, warum nicht Tanzen? Der Fabrikschef, der bisher nur im Hintergrund am Schreibtisch saß und Liesl verprügelte, nun jedoch auf seiner nackten, vor Nationalstolz schwellenden Brust den Bundesadler trägt, wird eingespannt und auch das schlaksige Faktotum legt seine Stoffrollen ab, um sich in die Tanzformation einzureihen. Dessen Bewegungen sind nicht ganz so geschmeidig wie die seiner Mittänzer, doch soll Österreich erneut erblühen, wird jede Arbeitskraft verlangt. Der Plan scheint aufzugehen. Es folgen Tanz- und Gesangseinlagen im Bollywood-Stil statt des von Volker Schmidt vorgesehenen Volksliedes. Denn wo die Welt doch “eine Kugel ist”, berühren sich hinten und vorn “von oben nach unten”. Österreich und Indien liegen nunmehr ein Steinwurf entfernt. Die Darsteller Karoline Bär, Nadine Kiesewalter, Olga Wäscher,
Ulrich Brandhoff, Robert Finster und Patrick Seletzky haben sich in der Choreographie von Christina Schollenbruch ihren Teil von Bollywood abgeschaut und leisten Beachtliches. “Ist Ihnen nicht zu heiß? Soll ich ein wenig lüften?”, lautete Liesls erste Ansprache an das Publikum. In einer filmreifen Szene reißt nun der NGO-Vertreter das Fenster auf — von außen, indem er im Scheinwerferspot aus dem Abendblau in den Saal einsteigt. Kühle Luft strömt herein und steht in Kontrast zu den heißen Rhythmen. Es finden sich drei Liebespaare, in deren Zentrum Liesl als Braut glänzt und als zum Höhepunkt ihres Glücks sich der goldene Kronleuchter von der Decke senkt, erstrahlen alle im seligen Lächeln und wiegen sich im Wiener Walzer. Mit einer weiteren Choreographie ruft Hanni nun deutlich martialischer zum Streik auf und schwenkt als österreichisches Marianne-Abbild die National-flagge über ihrem Haupt.

Tanzeinlagen wie diese überdecken Töne der Sehnsucht in den Figuren, ein Denken, das immer wieder in Halbsätzen stockt. Liesl träumt von ihrem Besuch des Opernballs und ist überzeugt, es müsse nach ihrer Vergangenheit als meistbietend gehandelte Jungfrau, nach diesem “ja, ich komme” nun auch “ein Nein” geben. Hanni lehnt sie gegen Kathi auf, denn Liesls Pfaff näht anders als deren systemtreue Singer. Es kommt zum Umsturz der Verhältnisse. Kathi landet wie ein Püppchen mit spitzem Kussmund auf dem Boden. Ihr Nähmaschinen-koffer schlägt hart neben ihr auf. Noch einmal baut Hanni vor ihr die Singer auf, doch handelt es sich um keinen Akt des Trostes, denn: „Das ist vorbei!“. Deutlich geben Hanni und Liesl ihr zu verstehen, dass es ihr trotz dicker Brillengläser an Weitsicht fehle und die Veränderung, die Karriere jenseits der Fabriksmauern liege.

Sich ihre Arbeitskittel von den Körpern reißend, verwehren sie sich dem “zack zack” wie “ficki ficki” und wagen in glitzernden Hotpants einen letzten Tanz mit ihren durchtrainierten Vorgesetzten: Bollywood meets Techno. Lichtblitze durchzucken den Raum. Drückerfüßchen und Unterfaden sind für die drei Näherinnen damit passé. Ihre Zukunft liegt im Irgendwo. Sie brechen auf im Glauben an ihre Utopie, in der  “Raum ist für die Liebe” und “ein Tag ein Tag ist”. Ihr “Guten Tag, meine Damen und Herren” klingt nach Zuversicht auf ein Morgen, befreit aus dem Maschinentakt. Die Industriefarce zeigt indes, dass dieses Morgen bitterböse globalisierte Gegenwart bedeutet. Österreich ist Indien. Die Welt ist rund. Wer sich dem versperrt, blickt auch nur durch Kathis dicke Brille. Jérôme Junod gelingt es in beeindruckender Art, bei allem Slapstick, überschminkten Patriotismus und Bollywood-Glanz  die Nachdenklichkeit des Stückes und seiner Figuren im Lot zu halten, selbst wenn die Nähmaschinen nur so rattern, dass es eine wahre Zuschauerfreude ist.

Degna Martens

 

 

                 

 

Kommentieren