Wer ist eigentlich dieser Peer Gynt?

Von Julius Busch

Peer Gynt hat viele Gesichter. Er erfindet sich jeden Tag neu, hat immer den passenden Schraubenschlüssel parat, um die Schrauben der Wahrheit ein wenig zu lockern. Doch eins ist klar: Er will etwas aus sich machen, mehr noch, er will Kaiser werden. Dabei ist er sich für keine Flunkerei zu schade. Doch was ist Hirngespinst, was Realität? Regisseur Michael Talke nimmt den Zuschauer mit seiner Produktion “Ich, Peer Gynt” vom “Moks”-Theater Bremen mit auf eine Reise, in der Wirklichkeit und Illusion ineinander übergehen.

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Enthusiastisch kommt Mathias Bleier in den Raum gesprungen, begrüßt einige Zuschauer per Handschlag. Überschwänglich stellt er sich vor – Peer Gynt der Name. Stolz berichtet er von seiner Beliebtheit, die so groß sei, dass sogar die “Peer Gynt Suite” für ihn komponiert wurde. Schnell wird einem klar, dass dieser Kerl mit einer großen Portion Selbstbewusstsein daherkommt. Plötzlich wird die Selbstschwärmerei von einem bedrohlichen Kerl namens Aslak (Christoph Rinke) und seiner Bande unterbrochen, die ihn piesacken. Die Bande wird gespielt von Schülerinnen und Schülern eines Darstellendes-Spiel-Kurses des Alten Gymnasiums in Bremen. Die Inszenierung setzt an dieser Stelle geschickt chorisches Sprechen ein, um eine besonders bedrohliche Wirkung zu erzielen.

Der Zuschauer lernt Peer Gynts Mutter (Irene Kleinschmidt) kennen, die ziemlich verwirrt wirkt, in den entscheidenen Momenten jedoch immer einen flotten Spruch auf der Zunge hat und für Lacher im Publikum sorgt. Sie leidet sehr darunter, dass ihr Mann ein Trinker war und den Familienbesitz ver hat. Als sie Peer fragt, wo er gewesen sei, bekommt der Zuschauer die erste seiner eigenartigen, unterhaltsamen Geschichten zu hören. Seine Erzählungen werden mit viel Humor bildlich dargestellt und gerade die Momente, in denen die Grenzen zwischen Realität und Illusion am schwammigsten sind, fesseln am meisten.

Als er auf die schöne Solveig trifft, ist es Liebe auf den ersten Blick, was die Inszenierung klischeehaft mit steigenden Herzluftballons und einem leuchtenden Herz, das von der Decke heruntergefahren wird, darstellt. Man kann jetzt nur noch schwer erkennen, was Einbildung ist und was echt, doch genau das ist der Reiz dieses Stückes. Peer verstrickt sich immer mehr in ein Netz aus Lügen, bis er von Zuhause wegrennt.

Nun übernimmt Solveig die Rolle der Erzählerin, überredet Peer dann aber schließlich, nach Hause zurückzukehren. Dort findet er seine Mutter im Sterbebett. Musiker, als Skelette verkleidet, symbolisieren den Einzug des Todes, als sich Peer mit seiner Mutter auf eine letzte Fantasiereise begibt. Das bedrückte Schweigen in den Reihen zeugt davon, dass diese Momente besonders bewegten. Nach dem Tod der Mutter wird die Bühne besetzt von maskierten Figuren, die Peers Gesicht tragen und vorgeben, er zu sein. Jetzt beginnt er zu begreifen, wie wichtig es ist, man selbst zu sein. Die Rückkehr Solveigs macht das glückliche Ende perfekt. Besonders der Schluss setzt die Moral der Geschichte nahezu perfekt um.

Das Stück wird begleitet von Musikern der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, deren Einsätze die Emotionen des Stückes unterstützen. Besonders die Momente, in denen sie direkt in das Stück eingreifen, sind sehr humorvoll. Teilweise werden auch bekannte Melodien, wie zum Beispiel “In der Halle des Bergkönigs”, integriert. Alle Schauspieler verkörpern ihre Rollen sehr glaubwürdig, am stärksten hervorzuheben sind jedoch die Leistungen von Mathias Bleier und Irene Kleinschmidt (Peer Gynt und seine Mutter), die das Publikum schon mit der kleinsten Regung im Gesicht zu unterhalten wissen. Sprachlich befindet sich das Stück zwischen der Originalübersetzung des Ibsen-Klassikers und Alltagsdeutsch. Die langen Szenen, deren Schwerpunkt auf den Gefühlen, weniger auf der Sprache liegt, sind in der Tat etwas für Genießer. Wer auf schnellen Schlagabtausch und Action-Theater aus ist, kommt bei Peer Gynt über weite Strecken nicht auf seine Kosten. Wer sich jedoch von einer Welt voller Fantasie und Bildern verzaubern lassen will, der wird Peer Gynt lieben, so wie er es sich gewünscht hätte.

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