„Ich will Dreck im Gesicht“ besticht durch Dynamik

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Gesundheitswahn, Sicherheitswahn, Verfolgungswahn, Vernunft als Dogma: Stasi 3.0 meets Huxleys „Schöne Neue Welt“. Das Herner Stück „Ich will Dreck im Gesicht“ entwirft eine Gesellschaft, regiert von Logik, keine Chance aus der Reihe zu springen, keine Chance für Irrationalität, Zweifel, Zerstörung. Jeder Lebensabschnitt ist vorbestimmt, jeder Tagesabschnitt strukturiert, auf die Sekunde kalkuliert.
Eine technokratische, kalte Dystopie. Die durchnummerierte Menschheit von morgen lebt in Boxen, die aussehen wie Stockbetten mit integriertem Flachbildschirm. So stellen sich 23 Herner Jugendliche vom theater kohlenpott unter der Leitung von Till Beckmann, Frank Hörner und Jasminka Wrobel ihre Zukunft vor. In einem beeindruckenden Bühnenbild voller Elektroschrott erzählen sie die Geschichte von Aluminia, die vor ihrer futuristischen Zwangsvermählung mit einem Unbekannten, aber genetisch genau auf sie abgestimmten Partner, steht.
In dieser Welt markiert das „Sichtfest“ die Halbwertszeit menschlichen Lebens: Küsse und ihre „ekelerregenden“ Folgen – Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft und Geburt – sind ausgerottet, Reproduktion findet mit nur mit dem perfekten Partner im Reagenzglas statt.
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Beim Sichtfest erfolgt die Zuordnung. Doch die Genkompatibilität kennt keine Sympathie, und erst recht keine Liebe.
Als die junge Frau sich dann Hals über Kopf in Wynten verliebt, rebelliert sie gegen die Vermählung, ihre Eltern und das gesamte totalitäre System. Was dieses große Böse, das Ganze konkret sein soll, bleibt unklar.
Wer ist „Voib“, der Menschenroboter mit einem Monitor anstelle des Kopfes? Wer sind die Gesichtslosen? Sind das die Autoritäten? Exekuteure des Systems? Ehemalige Rebellen? Warum beten die weiß kostümierten – und schon deshalb unheimlich gleichgeschaltet wirkenden – Bewohner der Dystopie „in großer Demut vor der Logik“?

Solche Fragen lässt das Stück offen. Die logischen Zusammenhänge zu erschließen, bleibt dem Zuschauer selbst überlassen.

Hervorragend sind Spielfreude und Dynamik des Ensembles. Darüber vergisst man, über die oft verwickelte Handlung nachzusinnen.
„Ich will Freiheit, Geilheit, Dreck im Gesicht“, rufen die Jugendlichen als die Handlung ihren Höhepunkt erreicht. Das klingt auswendig gelernt. Die Wut ist echt, aber die im Chor erhobene Faust etwas abgedroschen Überraschend heißt es dann: „Die Revolutionssimulation ist jetzt beendet“.
Ein doppelsinniges Finale. Spiel mit Wahrnehmung. Ist das System so einfach zu überlisten?

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Inhaltlich kommt vieles zusammen: Die Vision eines totalitären Systems, Entfremdung von Mensch und Natur, das Ende der „echten Liebe“ im Chatzeitalter, und dann eine diffuse Rebellion gegen all das.
Der Herner Theaterabend reißt das Publikum mit. Musik und Humor, vor allem aber zwei Dutzend konzentrierte Schauspieler schaffen das, was einem oft nicht ganz stringenten Plot nicht gelingt: Sie machen glaubhaft, dass es da was zu klären gibt. Da ist etwas, das uns Angst macht vor der Zukunft und wir wollen, dass es nicht so weit kommt.

Enis Maci, Julian Müller (Text)

Sascha Rutzen (Fotos)

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