Ein kunstvolles Meisterwerk

„Opening Night“ – nach John Cassavetes gleichnamigem Film über die Vorbereitungen eines Theaterstücks – ist eine von jenen Inszenierungen, die für immer in Erinnerung bleiben. Nicht, weil die Geschichte so herausragend wäre, sondern schlichtweg deswegen, weil auf der Bühne etwas komplett Neues geschaffen wurde.

On-Stage Kameras filmen live das Geschehen mit und bringen es auf einen Screen direkt über der Bühne. Problematik hierbei ist allerdings, dass Mimik und Gestik von Film- und Theaterschauspielern nicht gleich ist. Dementsprechend unpassend wirken die Schauspieler auf dem Screen. Ob sie während des Stückes in die Situation hineinwachsen oder ob man sich schlichtweg an die Spielweise gewöhnt, kann nicht gesagt werden, aber gewiss ist, dass man sich an den Screen gewöhnt.

Mag man am Beginn noch schockiert gedacht haben „Schon wieder Kameras auf der Bühne!?“, so merkt man nach kurzer Zeit: Hier passt es. Zunächst sind allerdings viele Zuschauer verwirrt, es ist ihnen nicht klar, wohin sie schauen sollen, das Multitasking überfordert und die Handlung ist rasch – es bleibt keine Zeit zum Nachdenken oder zum Entscheiden, wohin man lieber schauen möchte. Auch die nicht ganz korrekte und nicht vollständige Übersetzung vom Holländischen ins Deutsche ist etwas störend, einige wichtige Gags werden nicht übersetzt.

Wer sich nicht frustrieren lässt, wird aber rasch bemerken, wie kunstvoll dieses Werk ist. Bemerkenswert wird mit dem Licht umgegangen, sanftes Violett unterstreicht die gefühlvollen Szenen der Hauptdarstellerin, helle Scheinwerfer verdeutlichen Verwirrung. An jeder Schlüsselszene wird Musik eingesetzt. Der Inhalt wird mit der Zeit verständlicher, man erkennt, wo das “Stück im Stück” anfängt und wo es endet, realisiert, dass kurze Lichtspiele jeweils zu Beginn und Ende solcher Sequenzen stehen. Auch die Zuseher werden nun einbezogen: Es wird nicht für das Publikum, sondern mit ihm gespielt.

Die elf Schauspieler überzeugen allesamt, letztendlich sogar am Screen. Man hat sich an die überzogene Spielart von Elsie de Brauw (Myrtle) gewöhnt und staunt nur mehr darüber, was sie alles spielen kann, tausend verschiedene Dinge und Gefühlslagen, alle 100%. Fedja van Huêt und Jacob Derwig sind zwei Schauspieler, die so großartig spielen, dass man ihre Emotionen nicht nur in ihren Gesichtern sieht, sondern auch spürt. Für Sekunden bringen sie den Zuschauer tatsächlich dazu, zu vergessen, was Stück und was Realität ist, all das von Maurice und Manny Erlebte ist plötzlich real.

Katharina hat die beim Publikumsgespräch anwesenden SchauspielerInnen um Autogramme gebeten...   Foto: Katharina Kolar

„Opening Night“ nimmt sich nicht nur die Bühne als Stage, auch vor dem Theater wird weitergespielt, dank der Kamara ist das Publikum live dabei: Mitgeh-Theater, ohne dass man den Platz verlassen muss.

Es ist sichtbar, dass der Regisseur genaue Vorstellungen hatte, wie er alles auf die Bühne bringen möchte. Da auf 2 Seiten der Bühne Zuschauer sind, musste noch genauer geplant werden. Dass die Zusammenarbeit zwischen SchauspielerInnen und Regisseur funktionierte zeigt sich schon allein daran, dass die Proben zum Stück nur 21 Tage dauerten.

Auch wenn manche Zuschauer von der modernen Aufführung und dem adaptierten Ende (z.B. wurde die im Film pompöse Endszene zu der intimsten Szene des ganzen Stücks gemacht) enttäuscht sind, so ist das Gesamtwerk dennoch hervorragend.

Auch die On-Stage Kameras machen in diesem Fall Sinn, denn jede Geschichte kann aus mehreren Blickwinkeln erzählt werden. Dieses Theaterstück erzählt und zeigt sie alle gleichzeitig. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, welche Geschichte er hören möchte. Zusammenfassend lässt sich sagen: Ivo van Hove hat mit „Opening Night“ einen Meilenstein der modernen Theatergeschichte gesetzt.

Katharina Köberl

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