„Dunkel, Genossen, ist der Weltraum, sehr dunkel“

Nach monatelangem Entgegenfiebern sitze ich, als bewährter und treuer Lepage-Fan, endlich, endlich wieder im Theater, oder vielmehr in der Traumwelt von Robert Lepage. Der gebürtige Kanadier aus Québec, der schon vor vielen Jahren mit The Far Side Of The Moon auftrat und dessen Alter-Ego auf der Bühne schon lange die Zuschauer in seine Weltraumtagträume mitreißt, bringt auch heuer, 2011, sein Solo-Stück wieder zu den Wiener Festwochen.

Mit Yves Jacques in der einzigen Rolle ist das Stück zwar wesentlich kürzer als Lipsynch, der 9-Stunden-Epos, der letztes Jahr das Festwochen-Publikum verzauberte, aber nicht minder großartig. Es geht in The Far Side Of The Moon um zwei Brüder (beide von Jacques gespielt), die den Tod ihrer Mutter verarbeiten müssen, aber die sich auch untereinander aussöhnen, wieder zueinander finden müssen. Es geht aber auch um den Wettlauf im All, den sich USA und Russland während des Kalten Krieges lieferten; um die Poesie des Lebens auf unserer Erde, sogar dem ganz alltäglichen Leben, und um die absurde Idee, einen Aufzug in den Weltraum zu bauen. Im Grunde geht es vielleicht um die Tagträume und Wünsche eines Jeden. Trotzdem ist die Handlung, wie meist bei Lepage, nur ein Mittel zum Zweck: In Wahrheit geht es bei Lepage vorallem auch um die Magie seiner Inszenierung. Als Zauberer der Bühne, der die Grenze zwischen Realität und Traum gekonnt wie kein anderer verschwinden lässt, schafft es Lepage, mit ganz einfacher Technik alles nur Erdenkbare entstehen zu lassen. Gerade so, als ob der Zuschauer in Kindheitserinnerungen, Tagträumen und Wünschen schwelge, gestaltet sich die Bühne: Eine bewegliche Spiegelwand verwandelt sich in einen unendlichen Weltraum, eine Thermoskanne wird zur Rakete, eine Waschmaschine zur Raumschiffluke. Spielerisch und einfach, gekonnt, ist die ganze Bühnengestaltung: Als würde sich auf der Bühne die Anziehungskraft der Erde lösen und tatsächlich in Schwerelosigkeit umwandeln schwebt die Hauptfigur, völlig vom Ballast der Realität befreit, durch seine Träume.

Knapp zwei Studen fesselt mich das Stück an meinen Platz, und die Enttäuschung, als das Stück zu Ende ist, ist dieselbe Enttäuschung die man verspürt, wenn man aus einem wunderschönen Traum aufwacht oder von einer langen, unglaublichen Reise zurückkommt. Und auch der Rest der Zuschauer ist dem Zauber von Robert Lepage, der sowohl Wehmut als auch kindliche Freude an dieser Traumweltbühne auslöst, völlig ausgeliefert und feiert den Künstler mit Standing Ovations.

Bianca Marion

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