PTSdT(2) >> “Avanti”, “Coffee”, “Blind”, “Dress me up” und “White Rabbit / Red Rabbit” (Vol. 2)

Performance-Theater-Stücke des Tages – Teil 2: Sonntag, den 22. April 2012


“Avanti Infantilitanti” (Marc Becker, Deutschland)

Dieses Stück stelle ich euch im nächsten Blog vor. Denn ich habe mit dem Regiehospitanten ein Termin zum Interview. Diese Gelegenheit nutze ich natürlich um euch Stück und Hintergrundwissen im gebündelten Doppelpack zu präsentieren.

"Avanti" bleibt noch verborgen...bis morgen!

"Avanti" bleibt noch verborgen...bis morgen!

“Coffee & Prejudice” (mercimax, Schweiz)

Ich sitze im Festivalcafé und schreibe gerade die Kritik von “Avanti Infantilitanti”. Plötzlich sitzt drei Reihen weiter die Frau die mir gerade bei “coffee & prejudice” erzählt hat, dass sie in Griechenland sieben Jahre im Frauengefängnis gesessen hat weil sie im Flughafen auf ihren Liebhaber geschossen hat – zwei Mal.

Sie sieht unschuldig aus - ist es aber nicht. Angst?

Sie sieht unschuldig aus - ist es aber nicht. Angst?

“coffee & prejudice”. ‘Kaffee und Vorverurteilung’ – und genau so war es. Ich wurde an einen Tisch in einem normalen Wohnhaus nahe der Container geführt, bekam Kopfhörer auf und durfte Kaffee trinken. Bis plötzlich jemand nach Hause kam. Ein unbehagliches Gefühl, weil man weiß, bzw. nicht weiß, wer zu wem gehört und wo man eigentlich ist. Er, ein junger Mann setzt sich nach dem er Schlüssel und Jacke abgelegt hat an den gedeckten Platz gegenüber und wenige Momente später höre ich seine Stimme aus den Kopfhörern. Ich höre ihn sprechen, obwohl sein Mund geschlossen bleibt. Ich denke es sind seine Gedanken – aber er erzählt seine Geschichte mir, den, den er mit “du” anspricht. Ich kann nicht wirklich reagieren; der Augenkontakt fällt schwer, der Kaffeelöffel vor mir wird zum Spiel- und Ablenkungsobjekt. Seine Geschichte unglaublich. Weiter geht es mit einem weiteren Mann. Die Erzählung wird immer unglaublicher. Am Ende kommt eine Frau ins Zimmer und holt aus dem Schrank Kekse für mich – ihre Geschichte: Am unglaublichsten! (Siehe oben.)
Das Konzept: Jemand erzählt die Wahrheit – oder eine Lüge. Was bin ich bereit zu glauben, und was nicht. Doch am Ende wird aufgelöst und manchmal hofft man falsch gehört zu haben. Ich sitze einer Mörderin gegenüber. In der Performance. Und jetzt beim Schreiben. Das Schlimmste: Im Stück hatte sie ihre Hände unter dem Tisch. Zuvor holte sie aus dem Schrank Kekse. Was holt sie unter dem Tisch hervor. Die Phantasie ist auf diesem Festival mein stärkster Freund und Feind.
Jetzt geht die Frau zur Bar. Sie wirkt älter und gebrechlicher als in dem Moment in dem sie mir gegenüber saß. Dennoch fällt mir in diesem Moment auf, dass sie nichts über mich weiß. Hätte ich kein Namensschild umgehabt, wüsste sie weder meinen Name, noch das ich als “internationale presenter” arbeite. Ich überlege was sie in der Zeit, in der ich ihre Geschichte hörte, über mich gedacht hat. Umso länger ich über das Stück nachdenke, um so mehr Facetten der (zum einen Absurdität, aber vor allem der) Genialität dieser 12-minütigen Performance-/Installationsaktion.
“coffee & prejudice” – Großartig war sich die Mühe macht und danach noch etwas Nachdenkt. Danke an die Frau die sich mir gegenüber gesetzt hat.

Ich musste nicht lange warten...

Ich musste nicht lange warten...

PS.: Der Kaffee war übrigens Galle-bitter – selbst mit zwei Löffeln braunen Zucker!

“Blind Lunch” (Katia Giuliani, Italien)

Am Ende haben wir per USB-Stick Fotos von “Rabbit” ausgetauscht, denn sie war gestern Nummer fünf. Sie ist eine der wenigen Übersetzerinnen in Europa für Performancekunst und Vermittlung von Sprachbarrieren. Wir redeten über Synchronisierungen, Symposien, Synonyme und Sünden. Auch wenn sie 15 Minuten verspätet kam, war sie doch da. Inzwischen trank ich im Hinterzimmer einen trüben Apfelsaft. Angenehme Ambientsounds ließen mich im Stuhl versinken. Es roch bereits nach Essen. Aber noch mehr erwartet ich mein Date.

Hier ein kleiner filmischer Beitrag: >> Warten auf \”Blind Lunch\” (@youtube)

“Blind Lunch” ist wie der Name sagt ein Blind Date bei dem sofort gegessen wird – zumindest nachdem serviert wurde. Dabei “sitzt” man auf einem Holzhöckerchen – Gewöhnungssache – und wird sobald man den Aktionsraum betreten hat zum Objekt der Aufmerksamkeit, also zum Akteur. Wie? Der Container in dem das Ganze stattfindet ist am Ende “offen” – also, verglast.

Der "offene" Container mit der hübschen Tapete...

Der "offene" Container mit der hübschen Tapete...

Da ich mich mit meinem Date aber so gut verstanden habe, haben wir begonnen zu experimentieren Wir haben das Spiel umgedreht und die Zuschauer zu Akteuren gemacht, in dem ihnen zu gesehen haben. So einfach wie genial, hatten wir auf einmal eine Menge zu lachen. Aber das Essen darf nicht kalt werden. So unterhielten wir uns über (siehe oben) und gaben uns erste PAZZ-Tippzz *höhö* — Die Zeit verging wie im Flug und es war eine angenehme Erfahrung.
Das Konzept der Performance geht auf und lädt zum Spielen und Experimentieren ein. Ich würde gern noch ein-zweimal in den Container steigen und neue/andere Menschen kennen lernen – eben auf diese spezielle Art und Weise bei Wein und Wasser.

“Dress me up in your love” (Theatre Replacement, Kanada)

Berührend. Nachdenklich machend. Geschichte(n) erzählend. – Einfach toll.

Nah am Endbild, rechte Bühnenseite.

Nah am Endbild, rechte Bühnenseite.

Theatre Replacement begonnen die Arbeit an diesem Stück beim letzten PAZZ im April 2010. PAZZ IN PROGREZZ, Pardon: PROGRESS, heißt das Programm in dem 2010 mit den Proben begonnen wurde (auf das Projekt “PIP” gehe ich morgen noch einmal genauer ein). Damals wurde ein Arbeitseinblick gezeigt. 2011 dann in Kanada die umjubelte Premiere. 2012 zurück in Oldenburg: Applaus ohne Ende. Ein wunderbarer Theaterabend. Knappe 100 Minuten vergingen auf eine ganz besondere Art. Sehr musikalisch, kreativ und überzeugend das Ensemble.

Näher am Endbild, rechte Bühnenseite.

Näher am Endbild, rechte Bühnenseite.

Aber was habe ich gesehen? Kurz: 200 Kleidungsstücke; und jedes erzählt eine Geschichte. Der “Stoff” aus dem Träume sind; oder auch Alpträume. Die Performer arbeiteten (auto-)biografisch. Die Performer geben unter dem Schutz der Kleidung die sie zu diesem Zeitpunkt getragen haben, ihre persönlichsten Momente wieder. Von verstorbenen Brüdern und Eltern (Krebs.), grauenvollen Entjungferungen (Eine Nacht Hotel bezahlt für eine Minute Akt.), peinlichen Situationen im Sportunterricht (Mädchen sollten keine Boxershorts für Männer tragen.), erste Arbeitserfahrungen (In Kanada für McDonalds am Malaysia-Pavillon der Weltausstellung 1986.) oder auch die glücklichsten Augenblicke ihres Lebens (Das goldene Hochzeitskleid und die Frau die seit dem die “Goldene Braut” genannt wird).
Natürlich stammen diese Momente nicht nur von den Performern selbst. Es werden auch Kleidungsstücke bester Freunde und Familienmitglieder gezeigt und mit ihren Geschichten vorgestellt. Bewegende Momente und Momentaufnahmen entstehen. Speziell wenn durch Langzeitbelichtung kurze Nachrichten mit Taschenlampen aufgenommen werden und dann für das Publikum via Beamer projiziert werden. Diese sind manchmal Teil der wenigen, dafür aber guten und schön umgesetzten, Tanzchoreografien – aber auf jeden Fall musikalisch unterlegt. Die fünf Performer und eine Musikerin geben sprichwörtlich ihr letztes Hemd für einen wunderbaren Theater-vs-Performance-Abend. Klar bleibt es eine Performance, doch hier im Form eines Paradebeispiels für eine exzellente Arbeit und thematische Auseinandersetzung mit dem Stoff – und dem Stoff, ihr wisst was ich meine.
Zum Abschluss ein Satz der Darstellerin Maiko Bae Yamamoto im Nachgespräch, auf die Frage wie sie auf die Auseinandersetzung mit Kleidung kam: “Clothes are like a skin we wear; shows who and how we are.”

Am nächsten - ähh, nähesten am Endbild, rechte Bühnenseite.

Am nächsten - ähh, nähesten am Endbild, rechte Bühnenseite.

“White Rabbit / Red Rabbit” (Nassim Soleimanpour, Iran) - zum zweiten.

Diesmal hielt der “Polizeiruf 110″-Schauspieler und Grimme-Preisträger Edgar Selge die Blätter in der Hand. Wie es war? Geduldet euch noch einige Tage. Aber hier das Gruppen- und Endbild der zweiten “Aufführung”.

Die zweite Gruppe...

Die zweite Gruppe...

...und das zweite Ende.

...und das zweite Ende.

Damit verabschiede ich mich mit einer Anmerkung bis zum “Avanti”-Special:
Das Festival läuft toll, nur die Hälfte der Toiletten streikt, das WLAN im Hotel und im PAZZ-Container lässt zu wünschen übrig und so kann ich leider nicht so schnell arbeiten, wie ich gern würde. Aber ich lege für euch heute noch eine Nachtschicht ein, um die Tage wieder aufzuholen. *zwinker* Ihr sollt euch schließlich am Ende fühlen, als wärt ihr dabei gewesen und habt alle Stücke gesehen ;-)
Beste Grüße aus Oldenburg, Eric!

Schlagworte: , , , , , , , , , ,

Kommentieren