Ägypten – Versuch einer Annäherung II

Ein Gespräch mit Stephan Roll, Ägypten-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik

Stephan Roll, Foto: SWP

Stephan Roll, Foto: SWP

Junge Bühne: Was fällt Ihnen zu Ägypten ein, Pyramiden und Sand oder aufgebrachte Demonstranten in gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Polizei und Militär?

Stephan Roll: Beides. Ägypten ist sehr reich an Kultur. Es ist aber auch ein sehr armes Land und ja, ein Land im Umbruch. Wobei ich sagen muss: Es ist auch ein sehr friedliches Land verglichen mit den Umbrüchen in anderen arabischen Ländern. Ägypten ist aber auch ein sehr konservatives Land mit einer ausgeprägten islamischen Prägung. Es gibt mit den Kopten zwar, und das wieder im Vergleich zu anderen arabischen Ländern, eine große nicht-islamische Gruppe. Die Kopten sind aber auch sehr konservativ.

Junge Bühne: Kommen wir auf die Umbrüche zu sprechen, die in Ägypten Anfang des vergangenen Jahres begannen. Würden Sie davon ausgehend die wichtigsten Stationen kurz skizzieren?

Stephan Roll: Die erste Station haben Sie mit den Massenprotesten genannt. Die zweite Station ist die Machtübernahme des Militärs und der Rücktritt Mubaraks im Februar. Als dritte Station würde ich das Verfassungsreferendum nennen, das den Fahrplan für die Transformation des politischen Systems festlegt. Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich dabei um eine Transformation und nicht um einen Umsturz, einen kompletten politischen Neuanfang handelt. Aus dem bestehenden politischen Rahmen heraus sollen Umwandlungen passieren. Das ist nicht unproblematisch, aber so legt es die Übergangsverfassung fest.

Junge Bühne: Bei den Parlamentswahlen 2011/2012 erzielt dann die der Muslimbruderschaft nahe stehende Partei „Freiheit und Gerechtigkeit“ beinahe die Hälfte der Sitze.

Stephan Roll: Die Parlamentswahlen sind die vierte Station, genau.

Junge Bühne: Wie geht es den Menschen jetzt in Ägypten?

Stephan Roll: Ich bin regelmäßig vor Ort und muss leider sagen, die Stimmung ist sehr mies geworden. Die wirtschaftliche Lage hat sich mit dem politischen Umbruch noch verschlechtert. Viele Menschen sehnen sich nach einem geregelten politischen System. Die Situation zehrt an ihnen, sowohl körperlich als auch psychisch. Ich spüre immer wieder in Gesprächen, dass einige Menschen in eine regelrechte persönliche Depression gerutscht sind. Eines ist klar, die Anfangseuphorie ist vorbei.

Junge Bühne: Wie schätzen Sie die Lage ein? Werfen Sie einen Blick in die Zukunft.

Stephan Roll: Ich bin nach wie vor nicht so pessimistisch, wie es wahrscheinlich viele Ägypter sind. Denn was gerade in Ägypten passiert, das ist der Gang der Dinge. Politische und gesellschaftliche Umbrüche brauchen ihre Zeit. Das passiert nicht von heute auf morgen. Das sagt sich vom Schreibtisch aus so leicht, für die Menschen vor Ort ist dieser lange Prozess natürlich sehr kräftezehrend.

Junge Bühne: Was stimmt Sie denn optimistisch?

Stephan Roll: Optimistisch stimmt mich, dass es mit dem Militär, den islamistischen Parteien aber auch einer Reihe von Einzelpersonen verschiedene Akteure gibt, die um die Macht ringen. Das heißt keiner kann die Macht komplett an sich reißen. Hierdurch können Spielräume auch für demokratische Reformen entstehen – das gab es unter Mubarak nicht. Zweitens bin ich grundsätzlich der Überzeugung, dass es keine bürgerkriegsähnlichen Zustände geben wird, obgleich gewaltsame Zwischenfälle leider immer wieder auftreten können.

Junge Bühne: Ein Wort zu Kunst und Kultur. Welche Rolle spielen sie innerhalb des Umbruchs?

Stephan Roll: Das klingt womöglich ein wenig plakativ. Ich habe den Eindruck, Anfang 2011 waren Kunst und Kultur für die Menschen sehr wichtig, um Zukunftsperspektiven und Chancen zu skizzieren. Mittlerweile muss ich leider sagen, habe ich den Eindruck, dass Kunst eher ein Medium ist, um Frust und auch Ärger loszuwerden. Insgesamt bin ich aber überzeugt, dass die Kunst- und Kulturszene massiv gewonnen hat. Vor allem die freien, nicht etablierten Kunstformen. Inwieweit es den Islamisten gelingen kann – sollten sie tatsächlich die politische Verantwortung übernehmen – diese Entwicklung zurückzudrängen, bleibt natürlich abzuwarten. Aber auch hier wäre ich nicht zu pessimistisch.

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