„Wir haben uns ein Loch in den Bauch gefreut“

Ein Gespräch mit Stefan Schletter, Regisseur von Hide & Seek (Esther Rölz) vor der Aufführung in Heidelberg

Im Mittelpunkt des Sücks von Esther Rölz steht die 13-jährige Schülerin Paula, die sich in jeder Pause in die Mädchentoilette flüchtet. Dort versucht sie, der chaotischen und schwierigen Welt um sie herum und ihrem Leben, das sich in rasanter Geschwindigkeit verändert, ein stückweit zu entfliehen.

Hide&Seek, Foto: Lena Obst

Hide&Seek, Foto: Lena Obst

Junge Bühne: Herr Schletter, was hat Sie an dem Stück von Esther Rölz gereizt?

Stefan Schletter: Das Stück hat mich emotional nicht mehr losgelassen. Als ich vor der vergangenen Spielzeit auf der Suche nach einem Jugendstück war, das zu unserem jungen Publikum in Wiesbaden passt, habe ich sehr viele Texte gelesen. Von Hide & Seek sind bei mir so viele Bilder hängen geblieben. Da dachte ich mir, ich bin bestimmt nicht der Einzige, dem das so geht.

Junge Bühne: Ist das so? Welche Reaktionen gab es in der vergangenen Spielzeit auf das Stück?

Stefan Schletter: Aus Publikumsgesprächen weiß ich, dass Hide & Seek auch den Jugendlichen emotional sehr nahe gegangen ist und sie berührt hat. Jungs und Mädchen gleichermaßen. Das ist gar nicht so selbstverständlich. Ist doch die Hauptfigur, die das Stück trägt, Paula, ein Mädchen. Esther Rölz ist da wirklich ein toller Blick auf die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen gelungen.

Foto: Lena Obst

Foto: Lena Obst

Junge Bühne: Die Lebenswirklichkeit einer 13-Jährigen auf die Bühne zu bringen. Das stelle ich mir gar nicht so leicht vor. Sind doch die Schauspieler und Sie als gesamtes Team schon ein paar Jahre von diesem Alter entfernt.

Stefan Schletter: Das ist natürlich eine Aufgabe. Aber Probenarbeit ist ja ein Prozess. Das heißt meiner Meinung nach, ich gebe als Regisseur etwas vor und löse damit bei den Schauspielern etwas aus. Das Tolle ist dann zu sehen, wie die Schauspieler aus sich und ihrer Persönlichkeit heraus aufbrechen.

Junge Bühne: Die Schauspieler haben also auch Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit reflektiert und mit auf die Bühne gebracht?

Stefan Schletter: Genau. Das war bei den Proben teilweise hochgradig lustig. Denn so nach und nach haben wir alle unsere Geschichten aus der Pubertät ausgegraben und ausgetauscht. All die Verwirrungen, Missverständnisse, Zweifel, Peinlichkeiten…

Foto: Lena Obst

Foto: Lena Obst

Junge Bühne: Auch Isolation und Einsamkeit sehe ich in dem Stück. Finden Sie, Hide & Seek ist ein trauriges Stück?

Stefan Schletter: Nein, das finde ich nicht. Es ist streckenweise auch leicht und witzig. Manchmal sind die pubertären Verwirrtheiten ja lustig und man kann gemeinsam darüber lachen. Ich glaube, der Eindruck der Isolation entsteht, da Esther Rölz jeder Figur ein Geheimnis mitgegeben hat. So versteckt Paula ihre Trauer und ihre Verlusterfahrung hinter ihrer Forschheit. Aus dieser Verlustangst heraus verrät sie auch ihre Freunde.

Junge Bühne: Bei der Inszenierung von Hide & Seek fallen die Videoprojektionen auf.

Stefan Schletter: Sie sind von Frank und Sven Sauer. Die Choreografie dazu hat Aoi Nakamura aus dem Tanzensemble unseres Hauses entworfen. Man kann diese assoziativen und bruchstückhaften Bilder vielleicht als einen Blick in Paulas Innenleben interpretieren. Wir haben uns aber ganz bewusst entschieden, mit den Projektionen nichts Konkretes vorgeben zu wollen.

Junge Bühne: Nun sind Sie und Ihr Team mit Hide & Seek zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen…

Foto: Lena Obst

Foto: Lena Obst

Stefan Schletter: Womit wir absolut nicht gerechnet haben. Ich muss schon sagen, wir haben uns ein Loch in den Bauch gefreut, als wir von der Einladung erfahren haben. Leider haben wir das Stück schon länger nicht mehr gespielt. Es stand ja in der vergangenen Spielzeit auf dem Plan.

Junge Bühne: Haben Sie deshalb noch ein paar Extra-Proben absolviert wie Sportler vor einem Wettkampf, die noch ein paar Trainingseinheiten mehr einlegen?

Stefan Schletter (lacht): Nein, nein. Wir haben uns wie für eine normale Vorstellung vorbereitet. In Heidelberg haben wir am Nachmittag vor der Aufführung die Möglichkeit, auf der Bühne vor Ort proben zu können. Die Schwierigkeit besteht ein bissel darin, dass die Bühne eine ganz andere als im Wiesbadener Studio ist. Da sitzt das Publikum näher dran. Die Atmosphäre ist viel intimer. All diese Dinge müssen wir berücksichtigen, damit eine gute Aufführung gelingt.

Junge Bühne: Machen Sie sich Hoffnungen auf einen Preis?

Stefan Schletter: Ach, es ist toll, in Heidelberg spielen zu dürfen. Um bei Ihrem Sport-Beispiel zu bleiben. Wir sehen das olympisch. Dabei sein ist alles.

Stefan Schletter, Foto: Lena Obst

Stefan Schletter, Foto: Lena Obst

Stefan Schletter leitet seit 2011 gemeinsam mit Oliver Wronka das Junge Staatstheater Wiesbaden.

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