„Sag, gehört das noch zum Stück?“

„Spielplan Deutschland“ von Anne Freybott und Georg Scharegg, Gastspiel Theaterdiscounter Berlin

Bereits das Bühnenbild bereitet Freude. Drei Tische aneinandergereiht. Frontal zum Publikum. Geschmückt mit allerlei kunterbuntem Pressematerial. Tragetaschen in knallorange und pink mit flotten Slogans bedruckt. Kleine fröhliche Anstecker, von denen sich der eine oder andere Schauspieler zur Sicherheit gleich mehrere an Jacke oder Pullover geheftet hat,  Schlüsselanhänger, Flyer. Ein ganzes Sammelsurium an Materialien und Einfällen aus den Presseabteilungen von Theatern.

Die Freude hält den gesamten Theaterabend über an. Denn hier wirft ein Stück einen scharfen, kritischen und zugleich humorvollen Blick auf die deutsche Theaterlandschaft.

Das Publikum wird mitgenommen auf eine rasante Reise quer durch Deutschlands Zuschauerränge. Von den Münchner Kammerspielen zur Landesbühne Lutherstadt Eisleben, über das Theater Bamberg, die Landesbühne Radebeul, das Anhaltische Theater Dessau hin zum Thalia Theater Hamburg. Dazwischen ein kurzer Stopp bei den Städtischen Bühnen Münster und dem Landestheater Memmingen. Ingolstadt, Kassel, Kiel, Leipzig und zurück nach Dessau.

Die Schauspieler springen auf eindrucksvolle Weise von Inszenierung zu Inszenierung, von Rolle zu Rolle. Sie rezitieren, singen, tanzen, musizieren. Mit wenigen Requisiten schaffen sie es, ein ganzes Repertoire an Stücken zu bestreiten. So wird die Handlung des Hamlet mit zwei Wasserflaschen und einem Stapel Notizblöcken nachgespielt. Don Giovanni steht ebenso wie ein Liederabend mit Katja Riemann und Texten von Sibylle Berg auf dem Programm.

Auch theaterwissenschaftliche Analysen und Interpretationsansätze fehlen nicht. Und immer wieder die impliziten Fragen: Was will Theater, was kann Theater und für wen wird es gemacht?

Die Antworten finden sich in Mottos und Vorworten aus Spielzeitheften der Stadt- und Staatstheater, die mit einem Blick auf die Realität vor Ort konfrontiert werden. Ansprachen an die Zuschauer über den Auftrag des Theaters werden einzelnen Statements von Theaterbesuchern gegenübergestellt. Eine Zuschauerin beschwert sich, warum sie von „Pension Schöller“ bis zur Pause nur fünf Prozent Schöller, aber 95 Prozent Protesttheater sieht. Eine andere Besucherin wundert sich während einer Inszenierung, ob das, was sie sieht, noch zum Stück gehört. „Oder schläfst du etwa schon?“, fragt sie ihren Begleiter empört.

Eine Statistik der Top zwölf der auf deutschen Bühnen inszenierten Stücke einer Spielzeit veranschaulicht auf ganz eigene Art und Weise den „Spielplan Deutschland“.

Der Blick, den das Stück auf diesen „Spielplan“ wirft, ist ein frischer und erfrischender Blick. Die Fragen nach dem Ort des Theaters in der Gesellschaft sind es wert, immer wieder diskutiert zu werden. Schön, wenn es auf so humorvolle Weise gelingt.

„Mehr davon?“ ist die knappe Frage, die am Ende der Inszenierung auf die Leinwand, die im Verlauf des Stücks die einzelnen Stationen der Theaterreise anzeigte, projiziert wird. Ja bitte. Mehr davon.

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