Verlor man in Christoph Marthalers Inszenierung von Ödön von Horváths Zwischenkriegsdramas „Glaube Liebe Hoffnung“ den Glauben an ein baldiges Ende, so blieb die Hoffnung auf ein bisschen mehr Ereignisreichtum doch bestehen. Liebe zur Inszenierung zeigte vor allem eine gewisse, alteingesessene Fangemeinde des aus der Schweiz stammenden Regisseurs. Eines lässt sich auf keinen Fall bestreiten – die Einzigartigkeit der 12 Schauspieler und Schauspielerinnen.
Am 13.6. fand die Premiere von „Glaube Liebe Hoffnung“ als Koproduktion der Wiener Festwochen mit der „Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz“, dem „Schauspielhaus Zürich“, dem „Théâtre de l´Odéon Paris“, dem „Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg“ in der Halle E im Museumsquartier statt. Von den Nazis gezwungen das Stück in den Namen „Liebe, Pflicht und Hoffnung“ umzubenennen wurde das gesellschaftskritische Drama am 13. November 1936 uraufgeführt.
Das Schauspielteam bestand unter anderem aus den bei Marthalerfans bekannten Gesichter von Ueli Jäggi (Alfons Klostermeyer), Bettina Stucky (Irene Prantl), Clemens Sienknecht (Dirigent und Vorstand) und Olivia Grigolli (Elisabeth). Elisabeth, die Hauptfigur des Dramas, die Frau die sich 150 Mark ausleiht im Vorwand einen Wandergewerbeschein erwerben zu wollen, eigentlich damit aber eine Geldstrafe bezahlt, die ihr auferlegt worden ist weil sie ohne eben diesen Papieren verkauft hat, und die dann 14 Tage ins Gefängnis gesteckt wird, nur weil ihr Geldverleiher, dem Vizeoberpräparator sie des Betruges beschuldigt und die dann von Alfred Klostermeyer, dem aufsteigenden Polizisten, verlassen wird und deshalb ins Wasser geht, ist doppelt besetzt. Warum? Das weiß keiner. Zumindest nicht die befragten Zuschauer. Auf jeden Fall schwächt Marthaler dadurch den Effekt der von allen verlassenen Elisabeth deutlich ab. Denn die beiden Frauen Olivia Grigolli und Sasha Rau spenden sich gegenseitig Trost. Sie sind für einander da.
Das Stück handelt von einer Frau, die in der Weltwirtschaftskrise Halt sucht in einer kaputten, durch Bürokratie beherrschten Republik, kurz vor der Machtübernahme Hitlers.. Kurzfristig erregt sie das Mitleid eines Präparators des „Anatomischen Institutes“ (Jean-Pierre Cornu). Als arme Tauben bezeichnet er die beiden Elisabethen und beginnt sie zu füttern, wie man es eben auch bei Vögeln tut.
Fragen über Fragen bäumten sich bei dem Besuch dieses merkwürdigen Stückes zu einem riesigen Rätselturm auf. Wieso wurde die erste Szene dreimal wiederholt? Wieso verbildlicht das Bühnenbild „Anatomisches Institut“, „Wohlfahrtsanstalt“ und „Zoo“ gleichzeitig? Wieso sprach der Dirigent zu Beginn von Mädchenhandel? Warum wurde der Polizist Alfons Klostermeyer mit einem viel zu alten Schauspieler besetzt? Warum ersetzten Lautsprecher die Musiker? Warum wurden die Lieder absichtlich so unverständlich leise gesungen?
„Außergewöhnlich musikalisch“, fand ein Marthaler Fan aus dem Publikum in der Pause befragt, diese Inszenierung. Virtuos spielte Clemens Sienknecht das Klavier und ästhetisch dirigierte er das imaginäre Orchester. Von Chopin und Schubert bis hin zu Johann Strauss` Radetzkymarsch – es gab kaum einen längeren Abschnitt ohne Musikbegleitung.. Es wurde auch viel gesungen. Lieder wie „Alte Kameraden“, „Bist Du´s lachendes Glück“ wurden oft unverständlich leise und scheinbar unangebracht zum Besten gegeben. So nett kurze Ständchen auch sind, aber jede Stimme war auch nicht unbedingt hörenswert.
Während die Frau des Herrn Amtsgerichtsrates sich vor ihrem Mann (Josef Ostendorf) ekelt, Elisabeth von allen Seiten her angebaggert wird und der Dirigent mit den nicht anwesenden Musikern zu kommunizieren beginnt, sucht ein invalider Arbeitsloser (Thomas Wodianka) verzweifelt nach Hilfe. Doch sie wird ihm nicht gewährt, er wird stattdessen von einem Amt zum nächsten abgewiesen, bis er sich dann das Leben nimmt. Für Ordnung im Staatengebilde sorgt der Herr Oberinspektor (Josef Ostendorf). Schwachstellen müssen bereinigt werden, für den Staat wertlose Menschen, Aufrührer eliminiert werden. Dieser Aspekt des Stückes lässt den in den Startlöchern harrenden Nationalsozialismus erkennen – Horváth ist vor ihm geflohen.
Die im Stück genannten Tiere (Giraffen, Hyänen…) stehen möglicherweise für die verschiedenen Rassen – getrennt, von einander isoliert, wie es die Rassenlehre vorschreibt.
Und könnten nicht die „Korsette und Büstenhalter“, die Elisabeth mit ihrem Wandergewerbeschein verkauft für den Zwang und die Eingeschränktheit der jungen Frau stehen? Eine Eingeschränktheit, die sie sich durch einen 14-tägigen Gefängnisaufenthalt einbrachte und aus der sie nie mehr entkommen kann. Für die Frau Amtsgerichtsrat (Irm Hermann) jedoch stellen diese Produkte unserer Zivilisation ein Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit dar, da sie für das durch den Verkauf hinzu verdiente Geld Unabhängigkeit von ihrem Mann erwirbt.
„Umbau, BITTE RUHE“- ein schwarz-weißes Schild leuchtete auf, wenn die Bühne gerade für eine neue Szene umgebaut wurde. Eine mit Glastüren ausgestattete, in braun und beigen Tönen gehaltene Fassade eines „Anatomischen Institutes“ bildet das Bühnenbild. Für die Szene kurzer Vertraulichkeit, zwischen Elisabeth und Alfons wurden aus den Wänden „Schiebebetten“ ausgezogen. Makaber, wenn man es mit den Ausziehfächern in der Pathologie vergleicht.
Alles in allem, ein Theaterstück, dessen Länge einigen Zuschauern zu anstrengend und zu mühsam war (viele verließen das Theater noch vor der Pause), jedoch einigen Stoff zum Nachdenken und Interpretieren gab.
Fanny Lamp