Das Labyrinth einer Vorstellung eines Stückes

VORSTELLUNG, nach Daniil Charms, Werkstattproduktion Theater an der Ruhr Mülheim

Zu Beginn wird ein Schlitten von der noch dunklen Bühne gezogen. In der Dunkelheit schleppen sich fünf Gestalten zu den dort stehenden fünf Hockern.

Vorstellung. Werkstattproduktion des Jungen Theater an der Ruhr Mühlheim. Foto: Sara Hoffmann.

Die Gestalt links außen beginnt, einen Monolog zu halten. Sie erzählt von ihrer komplizierten Quatsch-Geburt. Licht geht an, wir sehen, dass alle Personen physische Ticks haben. So kann eine die Schultern nicht gerade halten und jemand anders zählt mit den Fingern stetig bis fünf.

Nach einer Weile sinken sie nieder, eine Person nach der anderen, und nach kurzer Verweildauer erheben sie sich wieder und spielen quasi Reise nach Jerusalem. Als auch die letzte Figur endlich einen Platz ergattert hat, beginnt eine nächste Person von einer anderen Geschichte zu erzählen. „Es war einmal ein Mann mit roten Haaren.“

„Der hatte keine Nase“ führt eine der anderen Gestalten fort. Die Übrigen schließen sich an, den Mann zu beschreiben und unterm Strich lasst Euch gesagt sein: Dieser rothaarige Mann war nicht überlebensfähig und hatte eigentlich gar keine Haare.

Immer wieder werden die spastischen Darstellungen durch solch absurde Spracheinschübe unterbrochen.

Je länger das Stück dauert, desto mehr agieren die Gestalten miteinander. Mal tauschen sie ihre Ticks, mal posieren sie grinsend auf der Bühne. Und irgendwann war es vorbei!

EIN LABYRINTH, frei nach Michael Endes „Der Spiegel im Spiegel: Ein Labyrinth“, Werkstattproduktion Theater an der Ruhr Mülheim

Scheinbar leblose Körper werden von einer Anzugträgerin auf die leere Bühne geschleppt und bis auf eine Ausnahme auf dem Rückweg ächzend auf den Boden fallen gelassen. Immer wieder. Sehr schleppend. Nach einer Weile erwacht das zu erst rein getragene Mädchen und beginnt mit sich selbst zu füßeln, was der folgende Monolog erklärt: Madame wirft mit ihren Zehen oft stundenlang Schattenspiele an ihre dunkel-weiß gestrichene Wand, bis jemand herein kommt… und etwas sagt! „Geh raus. Tür zu. TÜR ZU!“


Die zweite Erwachte schreibt an die Wand, wo sich diverse Dinge von ihr befinden. Liest vor, nervt damit Madame, bis die Beiden sich einig werden. Nach einer kleinen, aber bedeutungsschwangeren Tanzeinlage der Beiden, rennen zwei von inzwischen drei Mädchen auf der Stelle und lassen sich von der autoritären Anzugträgerin immer wieder niederschießen. Sie diskutieren sogar! Der erste Dialog des Abends! Als diese dann von einem „Lehrer“ zu quatschen beginnt, wird zumindest der Grundzug des Raums klarer (wie
Carsten ganz durchdacht vermutet: Ein Klassenzimmer!). Obwohl sie die Grundrechte aufzählt, unter anderem von freier Entfaltung redet, modelliert sie die restlichen Mädchen immer wieder in eine nichtssagende, dahinvegetierende Sitzposition.


Ein Labyrinth - eine Werkstattproduktion des Jungen Theater an der Ruhr Mülheim. Foto: Sara Hoffmann.

Jedenfalls kommen sie nicht heraus, wo auch immer sie eingesperrt sind. Und weil „das Paradies immer neben an ist, egal wo du bist“, verwerfen sie auch die Idee, die Fenster ihres Gefängnisses einzuschlagen und flüchten jede für sich (ja, sogar unsere Anzugträgerin) in eine durch Kreide auf den Boden gemalte Traumwelt.

Der pompös aussehende, einzige Mann dieser „Vorstellung“ kommt während des besinnlichen Traumtanzes herein und die Mädchen sinken nieder – bis auf eine. Sie steht fasziniert vor dem Spiegel, den der vermeintliche Zirkusdirektor (oder gar Lehrer) in Mitten der Bühne platziert hat. Mit den Worten „Jeder Schuss ist ein Treffer. Für jeden Treffer gibt’s ’nen neuen. Der erste Schuss ist umsonst“ zieht er eine Pistole, lädt sie durch und drückt sie der Übriggebliebenen in die Hand. Er leistet ihr noch Zielhilfe beim Anvisieren ihres Spiegelbildes, da sie immer stärker zittert. Der Mann geht ab, sie immer näher an den Spiegel und LICHT AUS – wir hören noch einen Knall, dann ist alles vorbei!

EIN NACHSPIEL, frei nach dem Erlebten der beiden Stücke, Textlaborproduktion Schauspiel Essen

Im direkten Vergleich merkt man, dass die beiden Kleingruppen als eine Einheit gestartet sind und an einem Strang ziehen. Durch beide Stücke zieht sich ein sehr monotoner Faden, der auf den jeweils nicht wechselnden und stets schlichten Bühnenbildern basiert. Im ersten Stück werden zum Beispiel die verschiedenen Ticks der Figuren zum fortwährenden Rhythmus, im zweiten ist es ein „monotoner Monsun“, der durch das Geräusch von Tröpfchen mindestens die erste Hälfte bestimmt. Auch lassen sich beide Vorstellungen zu Beginn sehr viel Zeit, um einen Einstieg zu finden. Man denke an den Schlitten, der langsam von der Bühne gezogen wird. Man denke an die Anzugträgerin, die nach und nach, Schritt für Schritt Menschen auf die leere Bühne hievt.


Das Ensemble ist sich durchaus bewusst, dass es mit seinen Stücken weniger unterhält, sondern mehr anstrengt und dadurch provoziert. Die Jugendlichen wollen Theater machen, um die Zuschauer auf eine Art zu erreichen, die das Stück lediglich als Projektionsfläche für das individuelle, innere Geschehen nutzt. Sie scheinen sich fast darüber zu freuen, dass ihr Plan Früchte getragen hat und eine heiße Diskussion darüber ausbricht, ob die Vorführungen überhaupt ansehnlich gewesen seien.
Wer negative Kritik äußern will, blickt in zufriedene Gesichter.

Geschrieben von Carsten und Shannon

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