Ist das Theater oder kann das weg ?- wenn bildende Künstler inszenieren

Dass Theater in die Situation kommen würde als Medium nicht mehr eindeutig definierbar zu sein, hat vor ein paar Jahren wohl kaum einer gedacht. Klar, die grossen Häuser in Deutschland , allen voran wahrscheinlich die Volksbühne, integrieren seit langem verschiedenste Medien in ihre Inszenierungen , der Einsatz einer Video-Kamera ist ebenso selbstverständlich wie Musik oder Tanz. Es ist aber gerade das institutionalisierte Theater Deutschlands , das einem relativ homogenen Ansatz von Regie-Theater folgt, freie Kollektive , selbst geschriebene Stücke oder performative Ansätze sind eher in der Minderheit .

Die auf dem Festival eingeladenen Inszenierungen von Romeo Castelluci und Marcus Cöhen könnten nicht unterschiedlicher sein, der eine entwickelt seit 30 Jahren eine eigene Theaterästhetik , der andere inszeniert zum ersten Mal, doch wird bei beiden Theater aus Perspektive der bildenden Kunst neu gedacht.

Der 40-jährige bildende Künstler Marcus Öhrn entwickelt in « Conte d’amour » (Liebesgeschichte) aus der Geschichte von Josef Fritzl, dem Österreicher, der seine Tochter 20 Jahre lang gefangen gehalten hielt und 7 Kinder mit ihr hatte, ein 3-stündiges Werk, dass Phänomene wie Liebe, Perversion, Gewalt und familiäre Idyllen in ihrer stereotypen Definition brutal seziert und in Frage stellt.

Copyright@Christophe Raynaud de Lage

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Elmer Bäck, der den Vater spielt, trohnt in der 1. Etage eines Rohbaus im Bademantel auf einem Sofa, eine Gummipalme neben sich, der weisse Miniatur-Gartenzaun fungiert als Schlossmauer. Rechts auf die Leinwand ist ein Loop aus Beton-Mixer, Spachteln und dem Errichten einer Mauer zu sehen, die Suggestion des patriarchalischen Eigenbauheims ist perfekt. Auf seinem Schoss hat er 4 Puppen, die er statisch streichelt, liebkost und penetriert, fast wie eine Zeremonie, ganz friedlich. Er füttert die Pupppen mit Chips und Cola, zerdrückt die Chips in ihrem Gesicht, schüttet die Cola über sie, bevor er alle Puppen in den Arm nimmt, sie wieder penetriert. Ein harmonisches Bild der sorglosen Instinktbefriedigung und Fürsorge, bevor sich Elmer Bäck durch einen Durchgang im Schrank und eine Luke in den Keller hinablässt und die Schauspieler die nächsten 3 Stunden hinter einer Plane im Verborgenen agieren, nur über 2 grosse Bildschirme zu sehen sind. Was Marcus Öhrn dann mit seinen 4 männlichen Schauspielern entwickelt hat, wiederstrebt so jeglicher Konvention des Theaters, der Struktur und Sehgewohnheiten, dass am Ende 50% gegangen sein werden und die anderen 50% mit standing ovations jubeln.

Zwischen Marilyn Monroes « Teach me Tiger », Schönheit, Erotik und purer Vergewaltigung, Sex-Spielen wie «Thailänderin », « Afrikaner »und Wrestling-Masken, zwischen Lidl-Tüten und Mc-Donalds Bürgern lösen sich die Halt gebenden Grenzen des Bösen auf. Anarchischer Trash neben komplexen intelektuellen Fragestellungen, die Vergleichbarkeit der Perversion globaler Phänomene wie dem Kolonialismus oder Sex-Tourismus ist ebenso Thema wie die Frage nach Sprache, Widerstand, Opfern, dem religiösen Inzest-Tabu, sexuellen Stereotpen und Gender-Rollen, Glück und Liebe. Es entsteht eine eigene Welt innerhalb dieses Kellers, aber die Perversion dieses Kellers fungiert auch als Abbild der Welt. Aus diesem vielschichtigen, mal wilden mal erdrückend langsamen Spiel kehrt das Stück immer wieder zur brutalen Vergewaltigung zurück, in einer unglaublichen physischen Leistung der Schauspieler, die verhindert, dass der faktische Schrecken der Situation verharmlost wird. Das ostinate « You have to see it from a more global perspective » sowie die Thematisierung des medialen Interesses an der schlichten Opferrolle karikiert die einerseits intellektualisierte und andererseits banalisierte Rhetorik im Umgang mit politischen Problemen, wie sowieso Jegliches in diesen 3 Stunden aufgegriffen wird, was man mit dieser schrecklichen Geschichte assoziieren könnte, denn Marcus Öhrn wollte definitiv alles, ausser das Publikum mit einem angenehmen Schauer zu unterhalten. Diese Nicht-Beschränkung, Nicht-Linearität, die Lust an multiperspektivischen und gleichzeitigen Gedanken sowie das Desinteresse an einer Theater-Tradition ermöglicht ein wahnsinnig dynamisches, innovatives Theater.

Ganz anders, aber ebenso unkonventionell arbeitet Romeo-Castellucci, 2008 artiste associé des Festivals, vielfach ausgezeichnet, ein grosser Denker, Autor und Künstler, der Malerei und Szenographie studiert hat, bevor er seit 1981 mit seiner eigenen Kompanie « la Socìetas Raffaello Sanzio » ein neues, interdisziplinäres Theater entwickelt hat.

Foto von Christophe Raynaud de Lage

Foto von Christophe Raynaud de Lage

Four Seasons Restaurant ist ein ästhetischer Diskurs über die Gravitation des Unbekannten, die Auflösung des Bildes, sich auf 3 verschiedene Werke beziehend: Das unvollendete Drama Hölderlins “Tod des Empedokles”, Hawthornes Novelle “Des Pfarrers schwarzer Schleier” und auf das Werk Rothkos. So wie sich diese 3 Werke um das Thema Nicht-Sagen, Nicht-Abbilden, Sehnsucht und Verschwinden drehen, so repräsentiert das Theater nichts im tradierten Sinne, die Präsenz der Schauspieler löst sich mehr und mehr auf, bis nur noch mit  dem Bühnenbild, Dunkelheit, Sound und einem ausgestopften Pferd gearbeitet wird.

Aber langsam und von vorne: Was will mir das sagen, wenn sich 15 junge schöne Frauen im grossen Gestus einer antiken Formsprache ihre Zungen abschneiden und sich im Kreis zusammenfinden, umgeben von einer faschistischen Turnhallen- Ästhetik? Und dann zwei Hunde, die gierigen, die im dunklen Licht auf die Bühne kommen und diese als Zungen getarnten Knet-Lekkerlies auffressen. Und dann das kultische Spiel von Hölderlins Tod des Empedokles, das an Renaissance-Gemälde erinnert, bis ins Detail durchdachte Gemälde aus Schauspielern. Und dann liegt da nur noch ein ausgestopftes Pferd, das hinter einem sich selbst bewegenden blauen Vorhang auftaucht, und dann schwarze Kugeln und vorher nackte Frauen, die sich aus einer verwobenen Figur gebären. Und dann ist die Bühne weiss und ein schwarzer Stoff rollt sich über die gesamte Fläche, bevor im Ursturm eines wild zirkulierenden Federmeers und Soundozeans in einem die gesamte Bühnenvorderseite einnehmenden Plexiglaskasten  eine umhüllte Figur eine schwarze Fahne schwenkt: Ende. Puh! Wow! Schön! Klug! Schwierig! And now? Kann ich wieder zurück in die Banalität der Realität eines Cafés und Baguettes, auf das ich doch so grosse Lust habe? Und wenn ich wie wahrscheinlich 99% der Zuschauer das Gefühl habe, das Stück nicht fassen, begreifen zu können, ist das dann trotzdem okay, dass ich so begeistert bin von dieser irrationalen Grösse? Von der physischen Macht dieser Bilder,des Nicht-Theaters, das gleichzeitig nicht-ironisches Theater wieder möglich macht. Castellucci kann man nicht konsumieren und nicht hinnehmen und vor allen Dingen kann man danach wieder an eine Zukunft von neu gedachten Theater glauben.

Lennart Boyd

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