Der letzte Tag in Stichproben und Stichworten

Im Rahmen des Festivals sind junge TheatermacherInnen eingeladen, die Produktionen zu begleiten, an Workshops teilzunehmen und kritisch auf die Fragestellungen des Festivals zu reagieren.
Martin Zepter (theatrale subversion, Dresden) und Hannah Biedermann (pulk fiktion, Köln) teilen ihre subjektive Sicht in diesem Blog.

Hannah Biedermann über den letzten Tag des Festivals:

 

Stichworte V – 8.11.13 – 9.30 Uhr

 

entspanntes Frühstück – vertraute Fremde – was ist das nächste Projekt? – Was ist der Unterschied zwischen Kinder- und Jugendtheater und Erwachsenentheater? – im Stadttheater gibt es viel mehr Geld – aber man kann es auch ganz schnell ausgeben –

 

Stichprobe VI – 8.11.13 – 11.40 Uhr

 

Performance Art im Klassenzimmer.
Zwei Tische, diverse Materialien und Geräte und 30 Erdbeeren. Eine Frau. „Herzlich Willkommen, alles was ich nun mache ist ziemlich klein, also bewegt euch durch den Raum um gut zu sehen.“ Das war der erste und letzte Satz der Performance. In den folgenden 30 Minuten verlässt keiner der Jugendlichen seine Position. Die Theatermacher hingegen betrachten die Utensilien genauer und entwickelt ein besonderes Interesse für das „Rezept“. Eine Liste mit Tötungsarten, an der sich die Performerin abarbeitet.

Die Jugendlichen erkennen das auch ohne die Begriffe gelesen zu haben. Nach und nach werden Erdbeeren auf unterschiedliche Art hingerichtet (vergast, gevierteilt, gehäutet, an die Wand genagelt, mit elektrischem Strom,…). Die Performerin tut dies mit einer stoischen Ruhe.

Die Performance ist still bis auf die Geräusche die die minimalen Aktionen selber erzeugen. Und doch ist es von Beginn an nicht ruhig, denn die jugendlichen Zuschauer werden zu Beginn der Performance nicht still. Sie kommentieren: „Ja hallo, selber herzlich willkommen.“ Sie lachen als die erste Erdbeere erhängt wird, sie fragen sich, was das denn solle. Sie stehen da in ihren gewohnten sozialen Gruppierungen. In einer Ecke eine Clique von Jungs, daneben eine Knäul von Mädchen, vorne drei aufgereihte Mädchen an der Tischkante, auf der Fensterseite noch zwei coole Jungs…dazwischen die Festivalgäste. Die vierte Erdbeere wird an Hand von kleinen Haarklammern gevierteilt und es entsteht die erste lautstarke Reaktion: „Boaaa, Aaaalter!“. Diskussionen. Lachen.
Mehr und mehr Erdbeeren werden getötet. Immer wieder : „Aaaalter!“. Dann plötzlich ein „NEEiiiiinnnnnn“. Die Reaktionen werden zunehmend körperlicher, die Gruppe stiller. Auch wenn die Reaktionen nicht eindeutig Entsetzen zeigen, so sind es doch Übersprungshandlungen, die auf das Gezeigte zurückzuführen sind.

Die Performance wird durchgehend untereinander diskutiert, die Stimmung ist dennoch konzentriert. Kaum zieht die Performerin die Schürze aus, beginnen sie zu applaudieren. Als seien sie erleichtert.

 

Die Performance im Klassenzimmer erzeugte hier wieder die besondere Nähe von Darstellung und Zuschauern. Die besondere Anordnung von 2 Tischen im Raum ohne Zuschauerstühle ergab einen Freiraum für das Verhalten der Zuschauer. Mit wem stehe ich nebeneinander? Wo stehe ich im Raum? Schaue ich zu oder wähle ich einen Platz, der keinen Einblick aufs Geschehen ermöglicht?

Vor allem aber findet hier eine Aktion vor den Jugendlichen statt, die weder in einem Theaterrahmen noch im Schulkontext zu erwarten ist. Sie widersetzt sich Konventionen von Schule (Erdbeeren werden durch den Raum geschossen oder unter Erde begraben) und des Theaters (Zuschauerposition oder fehlende Figur und Geschichte). Dadurch werden die Schüler spürbar anders aktiviert. Sie sind wach. Und das, was zu Beginn für sie irgendwie lächerlich wirkte, wird von ihnen nach und nach in der Bedeutung entschlüsselt und führt zu einer anderen Ernsthaftigkeit. Das Erkennen von Bedeutung produziert weitere Lust an der Dechiffrierung.

„Death is certain“ ist ein gelungenes Beispiel für die Freisetzung von ästhetischem Vergnügen und die Ausbildung eines „mündigen Zuschauens“.

 

 

Stichworte VI – 8.11.13 – 13.00 Uhr

 

Wie mache ich das mit der Präsentation? – Sind meine Bilder auf dem Stick? – Ich mache es irgendwie – alles locker – Sich und seine Arbeit in Bildern und 3 Minuten vorstellen ist irgendwie absurd

 

 

Stichworte VII – 8.11.13 – 18.00 Uhr

 

Zugfahrt zu dritt – freies Theater und Finanzen – Seit ihr eine GbR? – zahlt ihr KAS Abgaben? – Am Ende muss man den vorläufige Kassenentnahme wieder zum Gewinn dazu rechnen dann für die einzelnen Mitglieder ihren Verdienst plus den Restbetrag durch zwei in Prozent ausrechnen und dann eine Feststellungserklärung abgeben – man fühlt sich irgendwie immer halb kriminell bei seiner Steuererklärung

 

Es war ein gelungenes und anregendes Festival. Von den Inszenierungen, über Workshops und Vorträgen hin zu den neuen Kontakten zu Kolleginnen und Kollegen. 

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