Nach dem dritten Tag ein Blick auf das Kinder- und Jugendtheater

Im Rahmen des Festivals sind junge TheatermacherInnen eingeladen, die Produktionen zu begleiten, an Workshops teilzunehmen und kritisch auf die Fragestellungen des Festivals zu reagieren.
Martin Zepter (theatrale subversion, Dresden) und Hannah Biedermann (pulk fiktion, Köln) teilen ihre subjektive Sicht in diesem Blog.

Martin Zepter über den letzten Tag des Festivals:

 

Diesmal ist es eine Frau, die vor uns steht. Vor uns, dem Fachpublikum, das sich in einem Klassenzimmer der 76. Oberschule unter die Schüllerinnen und Schüler gemischt hat. Alle stehen um zwei Tische, der eine leer, der andere voller Requisiten und die Performerin Sybille Müller beginnt Erdbeeren zu töten. Warum das eine großartige Arbeit ist, die man auch oder gerade im beschriebenen Kontext gut zeigen kann, hat gestern schon Hannah im Blog beschrieben (http://www.die-junge-buehne.de/blog/2013/11/09/der-letzte-tag-in-stichproben-und-stichworten/). Deswegen versuche ich jetzt das Gesehene an die Diskussion und die Vorträge vom Donnerstag Abend anzubinden.

 

Wofgang Sting, seit 2002 Professor an der Uni Hamburg und zuvor zehn Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Hildesheim, hat Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Theaterwissenschaft studiert und lehrt jetzt Theaterpädagogik/Didaktik des darstellenden Spiels. In seiner Professur bündeln sich also seine akademischen Disziplinen und er versucht uns das emanzipatorische Potential von Performances am Beispiel Flahmob näher zu bringen. Das funktioniert in unserem Kontext natürlich am besten, wenn man das Beispiel gegen eine traditionellere Vorstellung von Theater abgleicht. Dann landet man bei Dichotomien wie Ereignis statt Werk, Präsentation statt Repräsentation, Handeln statt Spielen, Selbstdarastellung statt Rollen- bzw. Figurendarstellung, Zuschaueransprache/Unmittelbarkeit statt vierte Wand und Illusion. Sting vergisst in seinem Vortrag auch nicht zu erwähnen, dass das Kinder- und Jugendtheater schon seit vielen Jahren die traditionellen Konventionen auf verschiedenen Ebenen in Frage stellt und er zitiert, was mir sehr gut gefällt, den Gedanken von Hans-Thies Lehmann, dass die Dominanz des bürgerlichen Sprechtheaters mit seinen ca. zweihundert Jahren eine vergleichsweise junge Phase in der Theatergeschichte und darüber hinaus ein ziemlich deutsches Phänomen ist.

Üblicher Weise sind es die Diskussionen nach genau solchen Voträgen, die das Auditorium ideologisch gespalten zurücklassen. Die eine Seite verteidigt dann die Bedeutung des Handwerks für die Kunst, spricht beispielsweise von Präsenz und sprachlicher Präzision oder im schlimmsten Fall von Einfühlung und Werktreue, die andere Seite von beispielsweise Authentizität, Multiperspektivität oder Postdramatik. Irgendwann endet dann die Debatte damit, dass sich die Seiten selbst von der Radikalität und Unbelehrbarkeit der jeweils anderen überzeugt haben und zurückkehren in ihre Schützengräben. Früher hat man die Auseinandersetzung oft versucht auf Stadttheater vs. Freie Szene zu verkürzen, inzwischen aber festgestellt, dass man eine ästhetische und eine strukturelle Debatte nur bedingt vermischen kann.

Zu meiner großen Freude war die Diskussion aber diesmal nicht von diesem Beharren auf den Positionen des eigenen Lagers gekennzeichnet, sondern von ehrlichem Interesse am Unbekannteren und dem Willen sich miteinander zu verständigen. Trauriger Weise fand ich sie dadurch allerdings nicht unbedingt besser, was aber auch ein sehr individueller Eindruck sein kann, nach zehn Stunden auf den Beinen, zwei Stücken, zwei Vorträgen, einem Workshop und zwei Seiten Textproduktion.

Nachdem ich die Inhalte und Positionen des Diskurses ziemlich gut kenne, fiel es mir schwer neue Erkenntnisse daraus zu ziehen. Außer, dass es wichtig ist, dass er stattfindet, weil er einen unvermeidbaren Transformationsprozess, den das Theater gegenwärtig durchläuft, begleitet. Ich habe den Eindruck die Positionen stehen sich lange nicht mehr so unversöhnlich gegenüber wie noch vor zehn Jahren. Das ganze Festival drehte sich ja um genau die Fragestellungen dieses Diskurses. Und dass das Festival von einem Stadttheater konzipiert und durchgeführt wurde zeigt, dass performative Zugänge inzwischen kein randständiges Phänomen mehr im Bereich der szenischen Künste sind.

Auch bezeichnend, dass der Veranstalter zwar ein Stadttheater, aber eines für Kinder- und Jugendliche ist. Ich hatte in den letzten Jahren bei fast allen Diskursveranstaltungen, die ich im Bereich Kinder- und Jugendtheater besucht habe, den Eindruck, dass die Menschen, die hier arbeiten, offener, neugieriger, weniger narzistisch und mehr an ihrer persönlichen Fortentwicklung interessiert sind als an der Durchsetzung der eigenen Vorstellungen. Im Vergleich zum Stadt- und Staatstheaterbetrieb für Erwachsene. Und auch im Vergleich zu Teilen der Freien Szene. So viel Ehrlichkeit muss sein.

 

Ich resümiere also nach drei spannenden Tagen: Das Kinder- und Jugendtheater, und dafür ist gerade das derzeitige TjG und insbesondere das gerade vergangene Festival ein gutes Beispiel, ist in vielerei Hinsicht Avantgarde. Es steht für den Mut zur ästhetischen und strukturellen Neuerung. Wenn man sieht wie viele Stadt- und Staatstheater in diesem Bereich harmonisch mit der Freien Szene zusammenarbeiten, dann beginnt man daran zu glauben, dass das bestehende System vielleicht doch in der Lage ist, sich aus sich selbst heraus zu erneuern. Ein Wehrmutstropfen ist natürlich, dass man ganz im Gegensatz zum TjG, bei vielen größeren Häuser das Gefühl hat, dass sie das Erwachsenentheater für „zu wichtig“ halten, um dort Experimente zuzulassen und den Wert der Kinder als Zuschauer viel geringer einschätzen. Das ist traurig, aber auch schön, schließlich sind unsere Zuschauer das Publikum von morgen und spätestens dann wird der Diskurs auch die alten Dampfer verändern.

 

Kommentieren