Kurzer Prozess, langer Applaus

Ein aberwitziger Parforceritt in Pastelltönen durch einen modernen Kafka

DerProzess_GP_Foto_JQuast_254

Von Michael Geißelbrecht

Mit der Premiere von „Der Prozess“ eröffnete gestern das Theater Regensburg die 34. Bayerischen Theatertage. Regisseurin Mélanie Huber inszenierte die Adaption von Stephan Teuwissen als absurd komisches Traumspiel, der aber nie seine Ernsthaftigkeit verliert und so tief im Leben der herrlich überzeichneten Figuren verwurzelt bleibt. Sie schaffte es, einem begeisterten Publikum die kafkaeske Komik in Pastelltönen schmackhaft zu machen.

Töne und Rhythmus sind integraler Bestandteil der Inszenierung. Aus Klopfen und Bellen und einem vielstimmigen Chor hat der Musiker Martin von Allmen einen beeindruckenden Klangteppich geschaffen, der das pastellfarbene Grundrauschen im Zusammenwirken mit gewollt komischen Choreografien und Gesten farbenreich koloriert. Die Inszenierung ist eine stimmige Komposition über die Lächerlichkeit des Seins, destilliert aus beißender Situationskomik und tiefsinnigem Kafka-Text.

Benno Schulz spielt den Getriebenen mit Bravour. Weil ihm der Prozess gemacht wird, stolpert er durch die sich ständig wandelnden hölzernen Kulissen aus Rahmen, Podesten und Treppen. Er ist beharrlich auf der Suche nach Gerechtigkeit und der immer nächsthöheren gerichtlichen Instanz. Was er findet, sind Karikaturen von Menschen, die zwischen Bürokratie und animalischen Trieben eine Vielzahl an Neurosen gebildet haben. Der Advokat Huld, hypochondrisch leidend verkörpert von Gunnar Blume, taugt als Rechtsbeistand wenig, verbringt er die meiste Zeit doch unter einer überdimensionalen Decke. An dessen Fußende sammelt sich allerhand Getier, Christin Wehner gibt als sein Hausmädchen gekonnt lasziv Josefs Verführerin, während Jacob Keller zum Schreien komisch den unglücklichen Kaufmann Block verkörpert. Patrick O. Beck predigt schließlich die Türhüterparabel wie einen Witz von seiner Sperrholzkanzel herab. Lacht er zunächst noch herzhaft, bleibt ihm dieses Lachen schnell im Halse stecken und wird zu einem wehklagenden Schluchzen.

Ob nun am Ende Josef von Schuld oder der Suche nach persönlicher Gerechtigkeit getrieben ist, Benno Schulz wird es offensichtlich von einer enormen Spiellust. Seine Verliererrolle spielt er aufopferungsvoll und mitleidserregend intensiv – wenn er sich verzweifelt schreiend an die sich verschiebenden Kulissen klammert, stockt einem der Atem – und avanciert so zum Gewinner des Abends.

Schlagworte: ,

Kommentieren