Die Odyssee des Oskar Maria Graf

Eine autobiographische Irrfahrt durch skurrile Gewässer: „Wir sind Gefangene“

Wir sind Gefangene | Foto: Thomas Dashuber
Wir sind Gefangene | Foto: Thomas Dashuber

Von Michael Geißelbrecht

Residenztheater München | Mit „Wir sind Gefangene“ verspricht Regisseur Robert Gerloff das gleichnamige autobiografische Werk Oskar Maria Grafs und somit das Leben jenes freidenkenden Literaten auf die Bühne zu bringen, der sich stets auf Seiten der Revolutionäre stellte und sich klar gegen alles Autoritäre positionierte.

Wahnwitz in der Reihenhaussiedlung

Im Patina-behafteten Abbild einer Reihenhaussiedlung sitzt Graf, gespielt von Gunther Eckes, in einer kleinen Gartenlaube vor grauer Häuserfront. Hinter den Fenstern blitzen kalte Lichter und Menschen erscheinen und verschwinden. Und das tun sie die nächsten zwei Stunden und zehn Minuten in so rasantem Wechsel, dass gelegentlich Requisiten fallen und Umzüge hinter den Kulissen regelmäßig sichtbar werden.
Die klamaukige Maschinerie läuft stets auf Hochtouren weiter, an audiovisuellen Effekten spart die Inszenierung nicht. Fast jedes Geräusch wird eingespielt und die Häuserfront immer häufiger zur Projektionsfläche für Videos oder sogar Live-Schaltungen hinter die Kulissen. Spielfluss will leider selten aufkommen. Auch der Tiefsinn über die wichtigen Themen wie Nationalismus, Machtmissbrauch oder Misshandlung geht allzu oft in den skurrilen Scharmützeln verloren. Viele der Figuren verschwinden ebenso schnell wieder in der Belanglosigkeit, wie sie in Guerillero-Manier aufgetreten sind. Einzige Konstante ist neben Graf ein omnipräsenter Hitler als seltsamer aber liebenswerter Mann von Nebenan, der vor leuchtendem Globus wohl über die Weltherrschaft sinniert. Er bleibt aber wie so viele Figuren ohne Tiefgang, sodass die oppositionelle Haltung, mit der Eckes Graf beharrlich spielt, oft ins Leere läuft. Den Vorgesetzten beim Militär gibt Alfred Kleinheinz hier nahezu zaghaft. Eine der wenigen Figuren, der Genija Rykova ein wenig Leben einzuhauchen vermag, ist Grafs treuer Wegbegleiter Schorsch, der aber meist bloßer Gesprächspartner bleibt. Und so hastet Gunther Eckes durch entscheidende Jahre im Leben des Oskar Maria Graf und es bleiben leider nur wenige Stationen und Menschen im Gedächtnis hängen.

Das Ende der Odyssee

Graf strandet schlussendlich wieder in der Gartenlaube, in deren Lampionschein er resignierend feststellt: „Wir sind Gefangene“. Begleitet wird er von einem wehmütig Harmonica spielenden Hitler, der zuletzt noch freundlich vom Balkon grüßt und andeutet, was das Stück gekonnt hätte. Mit Groteske und Humor an schwere Themen wie Nationalismus, Machtmissbrauch oder Misshandlung heranzutreten, anstatt sie nur allzu oft unter dem Deckmantel von Absurdität und ausufernder Situationskomik zu verharmlosen. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen, so kommt „Wir sind Gefangene“ leider nicht über einige eindrückliche Bilder und schöne Ansätze hinaus.

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