Was den Mensch zum Menschen macht

Von Anja Seemann

Corinna Mühle als Sarah und Alexander Hetterle als Joe | Foto: Gabriela Knoch

Corinna Mühle als Sarah und Alexander Hetterle als Joe | Foto: Gabriela Knoch

Mainfranken Theater Würzburg| Der Titel des Dramas der britischen Autorin Kaite O‘ Reilly lässt im ersten Augenblick an ein Märchen denken: „Mandel und Seepferdchen“. Inszeniert hat Stephan Suschke allerdings kein Stück, das mit einem „Es war einmal ein Mann namens Mandel und der hatte ein Seepferdchen“ beginnt und mit einem „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ endet.

Im Zentrum stehen zwei Paare – Joe (Alexander Hetterle) und Sarah (Corinna Mühle) und Tom (Georg Zeies) und Gwennan (Maria Brendel) – die durch das gleiche Schicksal miteinander verbunden sind: das Leben mit dem liebsten Menschen nach einem Schädel-Hirn-Trauma. Seit Joe der Gehirntumor entfernt wurde, weiß er nicht mehr, was er vor 1-2 Minuten getan hat. Gwennan ist nach einem Autounfall vor über 20 Jahren in einer Zeitschleife gefangen: Jeden Morgen wacht sie auf und glaubt, sie sei immer noch Ende 20 und schwanger. In ineinander montierten Szenen vor einem klinisch nüchternen Bühnenbild, bestehend aus weißem Boden und weißen Wänden und einer Sitzbank als einziges Möbelstück, wird der tagtägliche Kampf der Angehörigen um die Erinnerungen, die Liebe und die Zukunft des geliebten Menschen erzählt. Manchmal ganz klar und strikt wissenschaftlich. Manchmal voller Empathie und einem Hauch Komik, wenn beispielsweise für Joe so etwas scheinbar Einfaches wie das Einnehmen seiner Medikamente zu einer regelrechten Odyssee von allen möglichen Piepstönen, Handyerinnerungen, Infozettelchen und Anrufen seiner Frau Sarah ausartet. Immer aber bleibt es ehrlich menschlich. Das Stück hat etwas Zartes, ohne verstellen zu wollen; etwas Tragisches ohne kitschig zu sein. Diese Balance war, wie Suschke im Anschluss bei der Nachbesprechung betont, wichtig, um dem Stück keinen Stempel der Aussichtslosigkeit aufzudrücken. Erkrankungen in den beiden zentralen Schaltstationen des limbischen Systems – Mandelkern und Seepferdchen – verwandeln den vertrauten Menschen von einem Moment auf den anderen in einen Fremden. Hoffnung findet sich in den Augenblicken, in denen die Betroffenen sich auf die Gegenwart einlassen und ein Funken ihrer alten Persönlichkeit durchschimmert.
In einer letzten nachdenklichen Szene begegnen sich Joe und Gwennan auf dem Flur der Klinik und als die Endlosschleife ihres Dialoges „Hallo. Ich bin Joe“ und „Hallo. Ich weiß“ langsam verklingt, schwebt die Frage im Raum, über die sich Literatur, Kunst und Philosophie seit Jahrhunderten streiten: Was macht den Mensch zum Menschen? Ist es sein Herz? Die Seele? Oder sein Verstand

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