Es nützt alles nichts

In „Was nützt die Liebe in Gedanken“ wird viel geknallt

Von Michael Geißelbrecht

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Landestheater Coburg | Eigentlich sind Adoleszenz und erwachende sexuelle Begierde zeitlose Themen. Die Inszenierung „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ nach dem Roman von Arno Meyer zu Küingdorf wirft allerdings einen sehr antiquierten Blick auf einen historischen Fall: Es geht um die skandalträchtige Steglitzer Schülertragödie, bei der im Mai 1927 ein 19-Jähriger einen Freund und sich selbst erschoss. Aktuelle Bezüge spart die Aufführung ebenso aus wie eigene Haltung gegenüber der Kontroverse. Stattdessen koitiert man auf der Bühne schwermütig bis zum erlösenden Suizid.

Uneindeutigkeit und Pragmatismus als Konzept

Sind die Kostüme (Ausstattung: Udo Herbster) noch stimmig im Stil der 1920er-Jahre gehalten, treten die ersten größeren Irritationen beim Bühnenkonzept auf. Ein riesiger Baum dominiert das Bild, daran hängt eine Schaukel und im Vordergrund steht ein wahres Arsenal an Schultafeln. Regisseur Johannes Zametzer überlässt die Interpretation dem Publikum, er ist – wie er im Nachgespräch erläutert – gerne uneindeutig und manchmal pragmatisch. So kann der poetisch begabte Schüler Paul sich endlich auch schriftlich ausdrücken und die Mädchen können mit flinken Fingern eine improvisierte Toilette samt „Ficken“-Slogan skizzieren. Das war es im Großen und Ganzen aber auch schon an Interaktion mit der Bühne. Auf die Schaukel wird sich zweimal gesetzt, der Baum ohne erkennbaren Grund erklommen.
Meistens aber werden die Schauspieler nur vorne an die Tafel gerufen, sagen auf, was sie wissen – die erste Reihe kann ja gottseidank einsagen – und setzen sich wieder hinten in die letzte Reihe.
Ähnlich unausgereift präsentieren sich die handelnden Figuren: In der ach so freigeistigen Clique herrscht klare Geschlechtertrennung. Anstatt sexueller Selbstbestimmung symbolisieren die Mädchen Hilde (Sarah Zaharanski) und Ellinor (Eva Marianne Berger) die ewiggestrige Rolle des bereitwilligen Männerspielzeugs. Hier hätte man sich gewünscht, diese Repression zumindest zu thematisieren anstatt sie über Koitus-Choreographien, Höschenblitzer und Busengrabscher noch zu glorifizieren. Als sich Ellinor einmal gegen Günter zur Wehr setzen will, hüpft sie mehrmals unbeholfen gegen ihn – das Publikum lacht ob des Klamauks. Kein dankbares Stück für Schauspielerinnen.

„Wir verpflichten uns daher unser Leben in dem Augenblick zu beenden, in dem wir keine Liebe mehr empfinden!“

Einen der wenigen Lichtblicke stellte Oliver Baesler als Günter dar. Mit E-Zigarette und Revolver bewaffnet spielte er eine zerissene Figur, oszillierend zwischen Lebenslust und Weltschmerz, schwankend zwischen Ellinor und dem betont maskulinen „Proleten“ Hans. Aus Verzweiflung über die Liebe gründet der Snob mit seinem Freund Paul, einem Streber aus armen Verhältnissen, den Selbstmörder-Klub. „Blass“ ist Benjamin Hübners erstes Wort als schüchterner Paul und blass blieb er selbst die gesamte Aufführung über. Ingo Paulick als dritter im Bunde gab Hans Stephan – doch nur in seinen Szenen mit Günter, die von gegenseitiger Anziehung und Abstoßung erzählen, existierte überhaupt einmal Spannung zwischen den Figuren. Dann knallt es wieder. Dem pragmatischen Ansatz im Regiekonzept konsequent folgend, dürften die häufigen Schüsse wohl als Weckruf für abschweifende Zuschauer dienen.

Das Milieu, die Tafeln und nicht zuletzt die Stimmkarten nach der Aufführung schreien geradezu nach einer Vergabe von Schulnoten. Aber am liebsten würde man dem Produktionsteam dessen Schnellschuss – nur zwei Monate Produktionszeit, weil eine andere Inszenierung ausfiel – zur Überarbeitung zurückgeben. Das Thema kann aktuell und brisant sein, wenn man es dementsprechend behandelt und nicht unreflektiert antiquierte Ansichten auf die Bühne bringt. So nützt das alles nichts!

Fotos: Henning Rosenbusch

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