Wirklich WILD

Das Theater Ausgsburg macht mit Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ dem Motto der Theatertage alle Ehre

Von Julia Deppe

Fotos: Kai-Wido Meyer

Fotos: Kai-Wido Meyer

Theater Augsburg | Blanche DuBois, eine gescheiterte, egozentrische und alkoholabhängige Lehrerin, rettet sich mittellos zu ihrer Schwester Stella, die mit ihrem Mann Stanley in ärmlichen Verhältnissen lebt. Mit Blanche und Stanley treffen zwei Welten aufeinander. Während Blanche der Vergangenheit nachhängt, ist Stanley misstrauisch und versucht herauszufinden, was hinter ihrer Flucht steckt.

Lamas, Fernseher und ein Schlauchboot

Mein erster Blick fällt auf ein ausgestopftes Lama. Es steht in einem Bühnenbild, das an das Foyer eines abgebrannten Herrenhauses mit einer großen geschwungenen Treppe erinnert (Ausstattung: Wolfgang Menardi). In der Luft wabern Rauchwolken, als sei gerade ein Feuer gelöscht worden. Neben dem Lama gibt es noch eine Menge anderer Kuriositäten zu sehen: ein kaputtes Bett, einige alte Röhrenfernseher, ein kleiner Schaukasten, der einen Wald zeigt (und weitere ausgestopfte Tiere), ein Schlauchboot und viele, viele Schnapsflaschen. Was in den folgenden zweieinhalb Stunden passiert, kann man wirklich nur als WILD beschreiben. Am Ende sieht die Bühne aus wie nach einer Explosion.

„Ich will keinen Realismus, ich will Zauber“

Mit ihren hübschen, glitzernden Kleidern will Blanche (Ute Fiedler) nicht in die düstere, ungeordnete Umgebung ihrer Schwester Stella (Jessica Higgins) passen. Diese hat sich gut eingelebt in die verrückte Gemeinschaft, die neben Stanley (Sebatián Arranz) noch aus Eunice (die auch Teil der Addams Family sein könnte), Steve, Pablo und Mitch besteht und deren Hauptbeschäftigungen offenbar Pokerspielen und Partymachen sind. Getrieben von den Bildern ihrer Vergangenheit, wird Blanche im Laufe des Stücks immer verrückter. Ihre Drohung, „alle meine hübschen Kleider“ zu tragen, macht sie wahr und wechselt gefühlt alle zwei Minuten ihr Outfit samt Perücke. Sie träumt von Poesie, von Zauber; was sie aber bekommt ist die harte Realität. Und am Ende verliert sie selbst die; driftet ab in eine (Alp)Traumwelt.

Die komplette Reizüberflutung

Begleitet wird die rasante Inszenierung von einer Band im 40er-Jahre-Look, deren Musik die Streitigkeiten und Dialoge teilweise komplett übertönt. Mit dem Einsatz von Stroboskoplicht, Videoprojektionen und dem Auftritt einiger Darsteller in Flamingokostümen aus dem Zuschauersaal ist die Reizüberflutung dann komplett – was nicht allen Zuschauern gefällt. Die Inszenierung hinterlässt viele offene Fragen, was sich auch beim Nachgespräch zeigte. Da ging es beispielsweise um das  Lama (ja, es war tatsächlich einmal lebendig) oder die Flamingo-Kostüme (die sich auf den Namen eines Hotels beziehen, in dem Blanche gewohnt hat).
„Endstation Sehnsucht“ ist eine überraschende, verrückte, facettenreiche Inszenierung, die die Sehgewohnheiten herausfordert. Dadurch wird die Geschichte so erzählt, dass man sich nicht –wie bei anderen Inszenierungen des Stücks – schon nach einer Stunde wünscht, die quengelnde Blanche möge bitte ganz schnell psychologischen Beistand suchen.

Fotos: Kai-Wido Meyer

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