Die Jagd nach der Droge Glück

„Superman ist tot“ erzählt voller Menschlichkeit von Liebe, Spaß und tragischer Sucht

Foto: Christian Flamm

Foto: Christian Flamm

Von Anja Seemann

Theater Wasserburg | Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, von einem Superhelden gerettet zu werden oder selbst Superkräfte zu haben? Fliegen zu können, wann und wohin man will, Spidermans geschärfte Sinne und Reflexe zu haben oder die Muskeln von Captain America? In dem Jugendstück „Superman ist tot“ von Holger Schober inszeniert Jörg Herwegh die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die in einer existenziellen Krise stecken und nach der härtesten und am schwierigsten zu bekommenden Droge suchen: Glück.

Romeo und Julia der Comic-Welten  

Die Liebe von Karl und Luisa beginnt wie bei allen großen Liebespaaren der Literatur: Ihre Weltanschauung und Hintergründe sind so gegensätzlich wie Tag und Nacht. Zwar sind beide Comic-Fans, doch Karl steht auf das Marvel-Universum, Luisa dagegen mag lieber Superman, Wonder Woman & Co. aus den DC Comics. Was die beiden trotzdem verbindet, ist ihr tagtäglicher Kampf gegen sich selbst. Mal urkomisch in Form von Rollenspielen, wenn Karl und Luisa sich neue Superhelden mit abgefahrenen Superkräften ausdenken und als „Orgasmusman“ oder „Leathergirl“ gegeneinander antreten; mal in Form von Realitätsflucht – ebenso witzig gespielt, aber inhaltlich bitter – wenn sich die beiden im Alkohol- und Drogenrausch verlieren. Luisa arbeitet als Apothekerin. Sie kennt die Wirkungen und Nebenwirkungen euphorisierender Stoffe, hat mit ihnen aber keinerlei Erfahrung. Karl dagegen ist ein Junkie. Beim Nachgespräch mit dem Regisseur und den Schauspielern betont Herwegh, dass er sich dieses Stück nicht wegen der Drogenthematik ausgesucht habe, sondern wegen der Liebesgeschichte. Das Stück zeigt von der Begegnung im Comic-Laden bis zum endgültigen Absturz in filmschnittartigen Aneinanderreihungen verschiedene Stationen dieser Liebe.

Ist Superman so tot wie Gott?

Die Tragik von Karl und Luisa liegt darin, dass sie um sich selbst und um den anderen kämpfen, aber niemals wirklich einen Sieg davon tragen. Wie bei ihren Helden in den Comics jagt ein Gegner den nächsten und jeder neue Bösewicht ist stärker und gerissener als der vorherige. Karl verliert seinen letzten Kampf, und es bleibt ungeklärt, ob Luisa das Kind in ihrem Leib daraufhin aus einer Kurzschlussreaktion heraus tötet, sie selbst diese Tat überhaupt überlebt oder warum genau das Stück „Superman ist tot“ heißt. Haben Karl und Luisa wie Nietzsche mit dem Stichwort „Gott ist tot“ am Ende den Glauben an Superhelden getötet?
Die 70 Minuten in Karls und Luisas Welt bedeuten Seelen-Striptease verpackt in Situationskomik, knackig-witzige Formulierungen und zwei Helden, die wir – um den Batman-Film „The Dark Knight“ zu zitieren – „brauchen, aber nicht verdienen“. Man muss kein Comic-Nerd sein, um von diesem Stück gefesselt zu werden!

Foto: Christian Flamm

 

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