Männer sind Schweine

„Und wenn das Leben einen Stuhl macht, dann ist das Vorsehung, da kann man gar nichts machen.“ – Grete

 

Foto: Gabriela Neeb

Foto: Gabriela Neeb

Von Michael Geißelbrecht

Münchner Volkstheater | „Die Präsidentinnen“ – das ist Halligalli-Drecksautheater über menschliche Abgründe und schweinische Monströsitäten. Warum liegt hier eigentlich Stroh rum? – Weil Regisseur Abdullah Kenan Karaca das Setting des selbsternannten „Fäkaliendramas“ von Werner Schwab kurzerhand vom Wohnzimmer in den Saustall verfrachtete. Die drei Schauspieler lassen ordentlich die Sau raus und machen das Stück zu einem umjubelten Schlachtfest.

„Mit festen Füßen muss man der Wahrheit in die Augen schaun, auch wenn die Füße geschwollen sind“

Während eine Papstmesse im Fernsehen läuft, rechnen drei alternde Freundinnen schonungslos mit treulosen Kindern, dem Leben und einander ab. Grete und Erna suhlen sich in Selbstmitleid ob schwindender sexueller Reize und ausbleibender Wertschätzung. Einzig das fromme Mariedl ist mit sich im Reinen – und dabei voll fremder Scheiße. Sie „macht’s auch ohne“! Ohne Gumminhandschuhe wühlt sie als personifizierter Rohreiniger auch wortwörtlich im Lebensschmutz der anderen. Als sie sich allerdings am Dreck ihrer Freundinnen vergreift, sehen Grete und Erna rot. Ihre Ansichten und und Ideale sind ihnen heilig, diese allein halten sie über dem Abwasser des Lebens.

Striptease: Fleischfarben und behaart

Der Platz ist eng, der eigene Stall zu klein. Wem die Luft zu dünn wird, der rückt der anderen auf die Pelle und verschiebt die mobilen Trennwände. Die Präsidentinnen legen einen Seelen-Striptease ihrer intimsten Wünsche hin – und die Schauspieler entblättern sich. Behaart und im Fatsuit mit Hängetitten (Austattung: Sita) stehen sie da und wetteifern mit ihren erotischen Fantasien.

„Du bist eine Drecksau!“

Das omnipräsente Wort „Drecksau“ trifft durchaus auf die Schauspieler zu, ist dann aber als Kompliment zu verstehen. Mit vollem Körpereinsatz stemmen sie sich gegen hinterhältige Attacken, die klaustrophoben Zustände des Seins und der schmutzverkrusteten Ställe. Sie kehren das Tierische im Menschen nach außen und beweisen dabei großen Mut zur innerlichen wie äußerlichen Hässlichkeit. Energisch steigern sie sich in ihre Rolle und entfesseln deren verborgene Monströsitäten.
Dreckig, geil, gut gebaut: Max Wagner als Grete etabliert Fett wieder als erotische Schwungmasse und erinnert mit seinem Spiel, zwischen abstoßend eklig und gekonnt lasziv, an eine hässliche Schwester von Hape Kerkeling. Getreu dem Motto „Wenn dir die Scheiße bis zum Hals steht, lass den Kopf nicht hängen!“ gibt Paul Behren die spießige und sparsame Erna mit trotziger Reserviertheit. Offensiv wehrt sie sich gegen die Sticheleien der Freundinnen und kontert arrogant. Moritz Kienemann unterdessen hat sichtlich Freude am Ekel des Publikums. Geradezu lüstern entfesselt er den Fäkalien-Fetisch der überfrommen Mariedl und spielt gekonnt mit den Reaktionen aus dem Zuschauerraum. Die Nervosität seiner Figur manifestiert er als Tick, indem er seinen rosafarbenen Pullover Fadenlänge um Fadenlänge kürzer knabbert.

Dreckig und gnadenlos

Ohne Schock-Theater per se zu glorifizieren – „Die Präsidentinnen“ geben gediegen auf die Fresse und bleiben dabei nicht trivial. Die Inszenierung taucht über drei surreale Psychogramme tief in menschliche Abgründe hinab, die bis zum Rand mit Selbstmitleid, Größenwahn und Schuld gefüllt sind. Die drastischen Darstellungen wecken lebhafte Assoziationen und visualisieren den Subtext gleich mit. Den dreckigen und gnadenlosen Ton von Werner Schwabs Fäkaliendrama trifft Regisseur Karaca  mit seiner Inszenierung unangenehm genau. Prädikat: Saugeiler Scheiß.

 

Foto: Gabriela Neeb

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