Sitcom pur


Von Anja Seemann

Staatstheater Nürnberg | Oft entscheidet schon der allererste Satz, ob das Publikum in eine Inszenierung einsteigt. Und als die Scheinwerfer auf Colin (Pius Maria Cüppers) und seine Frau Kathryn (Adeline Schebesch) fallen und Colin in überspitztem Tonfall sagt „Ich kann nicht behaupten, dass mich diese Orangenmarmelade vom Hocker reißt“, hallen bereits die ersten Lacher durch das Velodrom. Doch Klaus Kusenberg verlässt sich bei der Inszenierung der Komödie „Alle lieben George“ von Alan Ayckbourn nicht nur auf Klischees und stereotype Charakterisierungen, er gibt der Handlung und den Figuren auch Momente, in denen es tiefer geht und nicht der Klamauk, sondern echte Empfindungen im Vordergrund stehen.

„Als Erstes trifft es immer Menschen, die voller Leben sind, ist es euch nicht aufgefallen? Die Arschlöcher dagegen sterben nie.“

Und solche Momente braucht es auch bei einer Handlung, in der sich alles um drei Mittelstandspaare und deren Beziehung zu einem todkranken Mann dreht: Der Arzt Colin und seine Frau Kathryn spielen zusammen mit dem Geschäftsmann Jack (Michael Hochstrasser) und seiner Frau Tamsin (Josephine Köhler) in einer Laientheatergruppe. Die Proben für ein Stück sind im vollen Gange, als Colin die Nachricht erreicht, dass bei George Riley, einem seiner Patienten und der beste Freund von Jack, Krebs diagnostiziert worden ist. Schnell steht für alle Beteiligten fest: George hat nur noch sechs Monate zu leben und in dieser Zeit muss man sich mit vollem Einsatz um ihn kümmern. Kurzerhand wird George mit in die Theaterproduktion aufgenommen und Jack kontaktiert Georges Exfrau Monica (Elke Wollmann), die mittlerweile mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem Bauer Simeon (Thomas Nunner) auf dem Land lebt.

Wen lieben alle denn wirklich?

Nach und nach entwickelt sich zwischen den drei Frauen ein regelrechter Wettstreit darum, wer sich um den offenbar ewig junggebliebenen und attraktiven George kümmern darf und warum – sehr zum Missfallen ihrer Männer. Es kommt zu Streitereien und Lügen, die Grenzen zwischen echter Fürsorge für George und Eigennutz der Figuren verschwimmen. Immer mehr scheint es so, als ob alle nur vorgeben, George zu lieben, denn jeder liebt sich selbst doch eigentlich am meisten.
Über zwei Stunden lang wird einem Phantom namens George nachgejagt, das als Figur selbst nie in Erscheinung tritt. Die Situationskomik funktioniert, auch die Dynamik zwischen den Charakteren verliert dank der soliden schauspielerischen Leistungen nie an Fahrt, sodass sich der Zuschauer selbst nach dem hundertsten Wortgefecht immer noch unterhalten fühlt – mehr als gute Unterhaltung darf man von „Alle lieben George“ aber nicht erwarten.

 

Fotos: Marion Barle

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