Faszination Multiversum

Von Michael Geißelbrecht

Foto: Jochen Quast

Foto: Jochen Quast

 

Theater Regensburg | Die Welten des Stücks „pest“ des Regensburger Autors Konstantin Küspert drehen sich nicht nur um die Sonne, sondern besonders um die Entscheidungen der Protagonisten. Jede theoretisch mögliche Alternative eröffnet ein neues Universum. Ja oder nein, links oder rechts, Kopf oder Zahl. Ein Münzwurf entscheidet, in welcher Welt die Reise weitergeht. Die Inszenierung von Katrin Plötner fokussiert zwei Welten und stellt die Protagonisten in wechselnder Besetzung vor große Entscheidungen und visualisiert die parallelen Universen allein getrennt von einer mobilen Wand, die menschliche Existenzen auch mal von der Bühne räumt.

Was willst du einmal werden?

Kernphysiker oder Fußballprofi? – Vor dieser Entscheidung steht der junge Georgios und sie hat gewaltigen Einfluss nicht nur auf seine eigene kleine Welt. Es entstehen zwei parallele Szenarios, in denen sich Georgios einmal dem Vater und dessen Wunsch nach einer Profikarriere des Sohnes fügt und einmal erfolgreich widersetzt. Als Kernphysiker unterläuft ihm jedoch ein großer Fehler bei einem Test im Kernkraftwerk und es kommt zum Super-GAU.

Apokalyptische Zustände

Katrin Plötner inszeniert die parallelen Welten als postapokalyptische Landschaften, die von weißen und schwarzen Plastikfetzen überzogen sind. Das fünfköpfige Ensemble (Sina Reiß, Ulrike Requadt, Patrick O. Beck, Michael Haake und Jacob Keller) wechselt ständig die Rollen – auch untereinander, sodass z.B. der Vater unter anderem je nach Welt sowohl von Patrick O. Beck als auch Ulrike Requadt gespielt wird – und verleiht den Figuren in redundanten Episoden nuanciert verschiedene Persönlichkeiten, die schon ausreichen, um eine andere Entscheidung authentisch zu begründen. Zusätzlich treten die Verbliebenen als Kommentatoren in grünen Jacken auf und sprechen Erzählertext, kreieren Sound oder bedienen die Windmaschine. Eine besondere Schauspielerleistung herauszuheben ist schwer, aber gerade das durchweg hohe Niveau des Quintetts und die häufigen Rollenwechsel während des Stücks unterstützen das Gefühl, sich auf nichts wirklich festlegen zu können. Das ist im Kontext der vielen Parallelwelten, deren Gesamtheit als „Multiversum“ bezeichnet wird, durchaus ein probates inszenatorisches Mittel, macht es aber auch natürlich schwerer, der Handlung zu folgen.

Spannendes Gedankenexperiment

„pest“ ist ein Stück, aus dem ich fasziniert und perplex gleichermaßen herausgegangen bin. Die Uneindeutigkeit lässt einen noch lange über das theoretisch Mögliche nachdenken. Die Inszenierung ist nicht primär Unterhaltungstheater, sondern ein spannendes Gedankenexperiment, auf das man sich aber auch einlassen muss.

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