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Zidane - A 21st Century Portrait & Mogwai

Mittwoch, 1. Juli 2009

23. April 2005, Madrid, Santiago Bernabéu. Real Madrid spielt in der spanischen Meisterschaft gegen Villareal (Endstand 2:1). Doch im Mittelpunkt steht nicht das Spiel, sondern allein ein einzelner Spieler - Zinédine Zidane.

Douglas Gordon und Philippe Parreno, die Regisseure von „Zidane - A 21st Century Portrait”, haben weniger einen Sportfilm gedreht, als viel mehr einen Kunstfilm als Hommage an den ehemaligen französischen Nationalspieler. Mit 17 Kameras wurde Zidane auf Schritt und Tritt verfolgt. Durch den Einsatz von Weitwinkel- und Close-Up-Perspektiven, filmästhetische Filter und Schnitte entstand so ein Film, der eine besondere Atmosphäre, fern ab des allgemeinen Fußballspektakels, schafft. Die wenigen Worte, die Zinédine Zidane auf dem Platz mit seinen Mitspielern und dem Schiedsrichter spricht, wirken intim und werden ab und an durch eingeblendete Zitate des Ausnahmefußballers ergänzt. Der Ton des Films wechselt zwischen Mitschnitten der Stadionatmosphäre, den Kommentaren eines spanischen Sportjournalisten und dem Soundtrack des Film, welcher von der schottischen Postrock-Band „Mogwai“ geschrieben und eingespielt wurde.

„Zidane - A 21st Century Portrait” ist kein aufgezeichnetes Fußballspiel, kein Best-Of über Zinédine Zidane, kein dokumentarische Biographie. „Zidane - A 21st Century Portrait” ist ein Kunstfilm mit einem außergewöhnlichen Mittelpunkt bzw. Thema, eine filmästhetische Hommage an einen der besten Fußballspieler der letzten Jahrzehnte. Er zeigt bewusst nicht das beste Spiel oder die besten Aktionen der Karriere des Franzosen, sondern ein frei herausgegriffenes Spiel. So kommt es, dass Zidane den Ausgleich zum 1:1 vorbereitet, einige starke Szene hat, aber kurz vor Schluss, nach einer Rangelei mit einem Spieler von Villareal, die Rote Karte erhält – in gewisser Weise eine Art Vorwegnahme des letzten Spieles von Zinédine Zidane im Finale der Weltmeisterschaft 2006 gegen Italien.

Im Anschluss an den Film wurde die Theaterbühne des Schauspielhaus Bochum zur Konzertbühne. Mogwai spielten ein Set aus alten und neuen Songs und führten mit ihren, zwischen laut und leise pendelnden Liedern die Atmosphäre des Films auf rein musikalischer Ebene weiter. Das Quintett präsentierte seine melodiösen, wachsenden und meist brachial endenden Stücke und spielte mit u.a. “Friend Of The Night“ vom 2006er Album „Mr. Beast“ und „Scotland’s Shame“ vom aktuellen Album „The Hawk Is Howling“ bekannte Hits. Der Sound ist gewohnt brillant, basslastig und bombastisch laut und passt sich gut der Akustik des Schauspielhaus Bochum an. Bass und Schlagzeug geben Postrock-typische Rhythmen vor, die Gitarren schwanken zwischen Melodien, Delay-Schleifen und verzerrten Soundwänden, das Piano spielt eingängige Melodien – ab und an kommt eine dritte Gitarre hinzu und verstärkt die druckvollen Passagen.

Was für gewöhnliche Rockkonzerte untypisch ist, passt zu atmosphärischen Austritt von Mogwai umso besser: die Theaterbestuhlung des Schauspielhauses. Das Publikum saß still und gebannt, lauscht den Klängen und applaudiert nach jedem Stück – und zum Schluss gab es neben der Zugabe auch noch einen tanzenden Zuschauer in der ersten Reihe.

1984

Montag, 29. Juni 2009

„1984“ ist eine Work-in-Progress-Performance. So lautet jedenfalls der Untertitel; und dieser könnte nicht genug betont werden.
Eine kleine Gruppe von Künstlern des Blind Summit Theatre, unterstützt durch drei Workshop Teilnehmer, zeigen vier kurze Szenen aus ihrem neuen Werk „1984“.
Das Erste, dass auf einem kompletten, literarischen Werk basiert.
Die vorigen Werke wie z.B. „Low Life“ oder „The Spacemen“ waren überaus, und über die Grenzen Großbritanniens hinweg, erfolgreich; sowie von den Kritikern geliebt.
Das wird dem Künstlerteam bestehend aus Mark Down und Nick Barnes mit „1984“ sicherlich genauso gehen, sobald das Stück dann aber auch fertig ist. So allerdings ähnelt es eher einem, wenn auch amüsanten, Einführungsseminar in die Puppenspielerei.
Die drei, für die Künstler relevanten, Puppenarten wurden dem Publikum vorgestellt. Ihre Techniken basieren auf Bunraku, einer traditionellen, japanischen Form des Figurentheaters. Die erste der drei Puppen scheint eine, auf den ersten Blick, recht konventionelle zu sein und ihr wird durch drei Künstler Leben eingehaucht. Sie turnt also auf dem Tisch herum und vollführt einige lustige Bewegungsabläufe.
Daneben gibt es noch mehrere, optisch in der Luft schwebende, Köpfe und eine Marionettenähnliche Steuerung eines realen menschlichen Körpers.
Down, Barnes und Helfer benutzen dann auch alle Techniken in mindestens einer der gezeigten Szenen. Leider fehlt aber eine allgemeine Einführung in den Text und Nichtkenner bleiben bei dem Gezeigten im Dunklen.
Die Vorführungen machen auf jeden Fall Lust, das ganze Werk zu sehen; die Ideen sind spannend und gut umgesetzt. Besonders der Ansatz des Theaters Puppentheater für Erwachsene und jenseits des Kasperles zu machen, ist wichtig und längst überfällig.
Vielleicht hätte die Show des Blind Summit Theatre eine Sonderveranstaltung sein sollen. Eine ohne oder mit vergünstigtem Eintrittspreis. Für den vollen Preis allerdings, ist noch zu wenig im Angebot.
So bleibt nur noch, sich auf das komplette Werk zu freuen. Denn die Puppen und vor allem die, sie steuernden Künstler machen Spaß.

Im Wald. Nachts

Montag, 29. Juni 2009

Viel weiß man nicht, wenn man sich in einen Bus setzt der einen in irgendeinen Wald fahren wird.
Es soll sich um eine Nachtwanderung handeln; mit dem gesamten Ensemble des Bochumer Schauspielhauses – eine Idee von Elmar Goerden.

Aber das war das dann auch schon alles, was man vorher erfuhr und so befindet man sich nach etwa zwanzig Minuten langer Fahrt in einem Wald. Wo genau? Das weiß man nicht. Irgendwo im Nichts. Irgendwo im Dunklen. Daher hilft es dann auch sehr, wenn man beim Verlassen des Busses eine Taschenlampe und eine recht rudimentäre Landkarte der Umgebung in die Hand gedrückt bekommt.
Und so schreitet man hinfort um den Wald zu erkunden. Auf den Pfaden, aber auch abseits von ihnen.
Die Wagemutigen schlagen sich durchs Geäst, über Baumstämme und durch die Dornen. Manches Mal findet man sich auf morastigem Grund versinken.
Doch ob nun mutig oder nicht, das Ergebnis ist ähnlich. Von sanften Lichtquellen gelockt, findet man die Ensemblemitglieder in deren Schein verweilen und Monologe bzw. Dialoge vortragen.
Durch ihre Ausdruckskraft und Spielfreude laden sie zum Verweilen ein und doch muss man sich wieder losreißen, denn noch vieles mehr lockt immer tiefer in den Wald.
So vieles, dass man unmöglich alles entdecken kann oder soll – dafür fehlt schlichtweg die Zeit.

Mal lauscht man King Lear, der einen Rollstuhl schiebend, durch den Wald läuft oder trifft eine Braut die ihr Kleid über den schlammigen Boden zieht. Die Begegnungen sind vielleicht gruselig, oder unheimlich; auf jeden Fall surreal.Um die jeweiligen Texte ihrem Ursprung zuzuordnen braucht es ausladendes Hintergrundwissen. Aber auch wenn man das nicht hat, macht „Im Wald. Nachts“ Spaß!
Das scheint übrigens den Darstellern ähnlich zu gehen, wenn man ihnen beim entfesselten Spiel zuschaut.
„Im Wald. Nachts“ ist eine innovative Idee, die den Entdeckergeist der Zuschauer wach ruft.
Und so erlebt man Theater mal anders. Mal spannender. Mal entstaubt.

(Janine Wahrendorf)

ONCE AND FOR ALL…

Montag, 29. Juni 2009

once

Bei „Once and for all we’re gonna tell you who we are so shut up and listen“, so der ganze Titel, handelt es sich um Jugendtheater.
Oder ist das überhaupt wirklich so? Was genau ist Jugendtheater eigentlich? Ist es nicht vielmehr Theater mit Jugendlichen oder muss das dann schon gleich wieder Jugendtheater heißen?

Diesem Subgenre geht ein oftmals unpassender Ruf voraus.
Problemtheater; einfach; moralisch; langweilig – nichts für Akademiker, die sich lieber zum zehnten Mal den Hamlet oder Macbeth anschauen.

Auch diesmal scheinen es diese Vorurteile gewesen zu sein, die dazu führten, dass der Theatersaal nur sehr spärlich gefüllt war. Und das, obwohl die Gruppe angeleitet wird durch die renommierten Menschen von Ontroerend Goed aus Belgien und in den letzten Jahren bei diversen Festivals die Preise nur so reihenweise abgeräumt hat.

Schade ist dies ganz besonders, weil es eben nicht das Klischee von Jugendtheater erfüllt.
„Once and for all“ ist Performance Theater, dass im Kopf hängen bleibt.
Vierzehn junge Menschen zwischen 14 und 18 betreten die Bühne und setzen sich in eine Reihe. Von da an beginnt ein kontrolliertes Chaos das etwa acht Minuten anhält. Da wird geflirtet, geskatet, sich mit Ballons angegriffen und geschrieen – bis ein Alarm ertönt und die Szene zum Nullpunkt zurückgeführt wird.
Mehrmals wird das Gezeigte nun wiederholt, insgesamt etwa eine Stunde lang.
Mal als Rave, als Ballet oder beim Runterkommen nach einem Drogentrip.
Die Darsteller zeigen dabei eine Bandbreite von Emotionen. Wo sich eben noch zwei schlugen, küssen sich im nächsten Moment zwei andere.

Pubertät wird unter anderem als aggressiv, sanft, unbeholfen und lustig dargestellt. In kurzen Monologen wird ehrlich über das bisher noch recht kurze Leben philosophiert und häufig darauf eingegangen, dass alles schon einmal gemacht wurde, aber eben noch nie von den Jugendlichen selbst.
Die Musik donnert, das Licht flackert und die energischen Schauspieler vollführen ihre Choreographie noch ein weiteres Mal.
„Once and for all“ sagt vieles, nichts davon so richtig direkt.
Manche Szenen sind so intensiv und intim, dass man das Gefühl bekommt, man dürfte und sollte gar nicht an ihnen teilhaben.
Vor allem ist „Once and for all“ aber eines – und das ist authentisch.
An diesem Abend entsteht Nostalgie in den Gedanken an die eigene Jugend. Und obwohl damals alles neu und spannend war, freut man sich zwar über das Gesehene aber gleichzeitig auch über das schöne Wissen, nicht noch einmal durch die leidige Pubertät zu müssen.

(Janine Wahrendorf)

Hamlet Episode

Sonntag, 28. Juni 2009

hamlet-episode

Die einzige staatlich subventionierte Tanztruppe Koreas besuchte Bochum mit ihrer außergewöhnlichen Version von Shakespeares’ Hamlet.Die Daegu City Modern Dance Company wurde vertreten durch 27 Tänzer, die ihre Körper benutzten um dem großen Stück Leben einzuhauchen.
Anstatt sich an die dramatische Form und ihre Chronologie zu halten, entwickelte der Choreograph Choi Du Hyuk ein Spiel aus sieben Episoden.
Diese erzählten jeweils aus der Sicht von Ophelia, Gertrude, Claudius, Hamlets Vater, Laertes und zu letzt natürlich Hamlet selbst.
Dabei geht es um Liebe, Gewalt, Verrat und Jugend. Der moralische Fall der Figuren wird in den einzelnen Episoden ebenfalls verdeutlicht.

Wie sich die jeweiligen Perspektiven und Themen ändern, so wechselt dann auch die Musik von ruhigen zu rockigen und elektronischen Tönen. Sein fulminantes Finale findet „Hamlet Episode“ mit einer Streicherversion von Metallicas „Nothing else matters“.

Die Beleuchtung tut das ihrige zu Unterstützung der Atmosphäre und vermischt alte und neue Techniken zu einer funktionierenden Symbiose.

Alles ist stimmig und doch wird eines deutlich – auch die Tänzer allein hätten schon mehr als überzeugt, denn was diese mit ihren Körpern machen können ist beeindruckend. Und so hört man hier und da immer mal wieder ein überraschtes und entzücktes „WOW!“ aus dem Zuschauerraum.

Mit einer Leichtigkeit fliegen die Tänzer in die Luft; vermischen sich Tanz und Akrobatik.
Wo es in einem Moment noch zärtliche Berührungen gab, sind im nächsten schon Energiegeladene Sprünge quer über die Bühne zu sehen.

Die Zeit vergeht dann auch viel zu schnell und belohnt wird “Hamlet Episode” dann zu Recht mit Minuten langen Standing Ovations.

(Janine Wahrendorf)

Othello

Sonntag, 28. Juni 2009

othello

Die so genannte Leuchtturminszenierung von „Othello“ sorgte in Bochum für vier ausverkaufte Vorstellungen im großen Haus. Das liegt sicherlich hauptsächlich am großen Staraufgebot, zu dem unter anderen Regielegende Peter Sellars und Oscar Preisträger Philip Seymour Hoffman gehören.Sellars bringt eine monumentale, viereinhalb Stunden lange Version von „Othello“ auf die Bühne, bei dem der Text komplett und ungekürzt blieb.Der Inhalt ist sicherlich den meisten bekannt und trotzdem soll er in ein paar Sätzen zusammengefasst werden.Othello, der Mohr, ist unsterblich und gegen den Willen ihres Vaters, in Desdemona verliebt. Die beiden haben heimlich geheiratet. Der Feldherr Othello befördert Cassio und nicht Jago, was den Ausgangspunkt der folgenden Intrigen ausmacht. Jago zieht seine Fäden und bewerkstelligt zu erst einmal, mit Hilfe des unglücklich verliebten Roderigo, dass Cassio wieder entlassen wird. Jago streut Zwietracht und deutet eine Affäre zwischen Desdemona und Cassio an. Othello kann seine Eifersucht nicht unter Kontrolle bringen; Desdemona ihn nicht besänftigen und alles endet in Mord und Totschlag.Sellars inszeniert Shakespeares großes Stück als Kammerspiel mit acht Darstellern.
Bis auf ein paar Stühle, Mikrophone und einem Bett aus über vierzig Monitoren gibt es auf der Bühne kaum etwas. Das Stück muss demnach komplett von seinem Ensemble getragen werden.

Obwohl der original Text benutz wurde, unternahm der Regisseur einige Änderungen. So wurde zum Beispiel aus Montano eine Frau, die auch gleichzeitig die Hure ist. Emilia, die Frau Jagos, wurde stark aufgewertet und so sollten, laut Sellars, acht gleichberechtigte Figuren entstehen und kein Stück der drei Hauptfiguren.Seine Begründung ist simpel, wenn er im Publikumsgespräch die heutige Gesellschaft in den Mittelpunkt rückt. In dieser seien starke Frauen in hohen Positionen mittlerweile an der Tagesordnung – und das zu Recht. Seine Änderungen seien also sicherlich im Sinne Shakespeares.Des Weiteren wurde die Rassenfrage entschärft. Othello ist nun nicht mehr der einzig Schwarze in einer weißen Gesellschaft; vielmehr sind Jago und Desdemona die einzig Weißen. Auf der Textebene jedoch gibt es noch immer rassistische Beleidigungen, die ungeahndet im Verlauf untergehen. Das ist befremdlich und interessant.Jago (Hoffman) ist in dieser Version nicht mehr der Urböse Verräter, wie noch von Shakespeare gezeichnet, sondern eine innerlich zerrissene und leidende Figur.
Er hat begründeten Verdacht, dass seine Frau eine Affäre zu seinem Vorgesetzten, Othello hat. So findet er sich wieder zwischen Loyalität zu diesem auf der einen Seite und den Rachegelüsten gegen ihn auf der anderen. Letzten Endes zerstört er nicht nur sich selbst, sondern gleich alle anderen mit ihm. Sellars Jago würde sagen: So habe ich das alles gar nicht gewollt.

Geheimnisse regieren die venezianische WeltGeheimnisse die die Liebe retten sollen, wie zum Beispiel bei dem Versuch von Desdemona den Verlust des geliebten Taschentuchs vor ihrem Gemahlen geheim zu halten. Oder eben auch welche, die die Liebe zerstören sollen, wie die Intrigen Roderigos und Jagos zeigen.Es entsteht langsam aber sicher eine Geschichte über Liebe, Misstrauen, Enttäuschung und Eifersucht. Sellars untersucht wie schnell Liebe in Gewalt umschlagen kann und zeigt, wie auch schon in seinen früheren Werken, Ähnlichkeiten zum heutigen Amerika auf. So sieht der Doge nicht nur aus Versehen aus wie der neue Präsident Obama und Cassios lang aufgebauter Ruf wird so schnell zerstört wie Colin Powells, nach dem er über die Massenvernichtungswaffen im Irak log. Und wenn ihm vom Doge die Möglichkeit offen gelassen wird, Jago zu foltern, erinnert es nicht von ungefähr an Guantanamo.
So zeigt sich, dass „Othello“ ein sehr modernes Stück sein kann. Zum Glück bleibt Sellars Inszenierung hier zurückhaltend. Die Kommunikation passiert zwar häufig über Mobiltelefone, Konferenzschaltungen und Textnachrichten und die Kostüme sind einigermaßen modern; aber alles bleibt in Maßen und zurückhaltend. An keiner Stelle wird es unangenehm und gezwungen sondern bleibt stets glaubwürdig.

Ein vier Stunden langes Kammerspiel kann nur mit den richtigen Darstellern funktionieren, denn ansonsten ist schnell die Luft raus. Peter Sellars gelang es ein hervorragendes Ensemble um sich zu scharen. John Ortiz’ Othello ist zu erst verliebt, schließlich verrückt und zerstört. Mit Leichtigkeit verdeutlicht er die unterschiedlichen Emotionen. Die naive und später verzweifelte Desdemona wird berührend gespielt von Jessica Chastain. Der unumstrittene Star allerdings blieb Philip Seymour Hoffman. Er verleiht seinem Jago eine unangenehme Spannung, die er über die gesamte Zeit halten kann. So nimmt man ihm ab, wie er der Idee von Rache immer mehr verfällt. Es ist eine Freude dem Wechsel der Emotionen zuzuschauen, der vor einem entfacht wird.

So ganz gelingt es Peter Sellars nicht, acht gleichberechtigte Charaktere zu schaffen, obgleich das gesamte Ensemble eindrucksvoll agiert. Dafür sind die Hauptdarsteller einfach zu gut.
Im Publikumsgespräch verglich der Regisseur das Werk Shakespeares mit einem Berg, der erklommen werden will. So sei es eine anstrengende Reise, die aber mit der Ankunft am Gipfel belohnt wird. Und so ist es dann auch. Müde und geschafft verlassen nicht nur die Darsteller die Bühne, sondern auch die Zuschauer das Theater.

Wenn man für sein vieles Geld ein gigantisches Spektakel erwartete, so wurde man sicherlich enttäuscht. Wenn man sich allerdings ein solides, brillant gespieltes Kammerspiel erhoffte, so wurde man vollends zufrieden gestellt. Der einzig negative Aspekt, für den die Inszenierung nichts konnte, waren die schlechten Übertitel. Eher sporadisch wurde der Text übersetzt und man war gut beraten, sich gar nicht erst von ihm ablenken zu lassen.
Man darf gespannt sein, wie New York im September auf „Othello“ reagieren wird. Bochum, jedenfalls, hat es gefallen!

(Janine Wahrendorf)

My Imaginary Friend Is With Me

Freitag, 26. Juni 2009

my-imaginary
Jyrki Karttunen ist einer der wichtigsten Choreographen Finnlands, der international genauso erfolgreich ist wie in seinem Heimatland – und feststellbar ist dies auch in Bochum.
Mit Betreten des Theatersaales in den Kammerspielen, sieht man sofort vier überdimensionale Plüschhasen. Irgendwo zwischen einem alten, geliebten Kuscheltier, neuartigen Anime Figuren und dem Kuschelbären aus der Weichspülerwerbung. Sie bewegen sich irgendwie tänzerisch zu hipper Musik und manchmal sieht es so aus, als würden sie tranceähnlich hin und her schwingen.
Ihr Gesichtsausdruck ist niedlich, aber auch eine Spur traurig.
Schließlich schält sich einer aus dem warmen Kostüm und es erscheint: Jyrki Karttunen.
Es folgen nun Tanzepisoden; mal traurig, froh, stolz oder zynisch. Die unsichtbaren Freunde, so nennt der Finne die Hasen, tanzen mit, schauen zu und agieren mit ihm.
Das Werk ist angelegt an eine Gala. Genauer gesagt es soll sich um eine offene Probe handeln. Wir sehen also quasi ein unfertiges Stück.
Karttunen fungiert dabei als Tänzer, Sänger und Moderator. Dabei ist er überraschend amüsant und selbstironisch.
Sein Thema des Abends ist eine künstlerische Krise in der er sich vor einiger Zeit, vermeintlich, befand. Er spricht darüber was Kunst überhaupt bewegen kann. Welche Themen es ansprechen soll und warum man überhaupt Kunst macht, wenn es doch so viel Wichtigeres gibt. Er gibt dem Tanz dabei noch einmal eine Sonderstellung – als stumme Kunst, die eben nichts direkt und unmissverständlich ausdrücken kann.
Karttunen kommt zum schönen, wenn auch einfachen Fazit, dass Kunst keinen Grund haben muss. Das Hier und Jetzt ist Grund genug um seine Gedanken hinaus zu tanzen.
An einer Stelle sagt der Choreograph in etwas: „Wenn sie hier rauskommen und sie gefragt werden, wie es war, dann werden sie sagen – interessant und ein wenig merkwürdig.“ Und so hat er dann auch Recht. Es war ein kurzweiliger, fröhlicher und optimistischer Abend; aber trotzdem eben auch eigenartig.
Und so schön es dann auch immer war, trotzdem drang eine Frage immer wieder in den Hinterkopf zurück – wie überleben es bloß die Tänzer in der Hitze der Kostümen?

Mitten ins Herz

Mittwoch, 24. Juni 2009

Armin Petras besuchte Bochum mit seinem Gastspiel aus Hamburg, genauer gesagt aus dem Thalia Theater in der Gaußstraße. Mit „Rose – oder Liebe ist nicht genug“ feiert er seinen Abschied aus dem Theater, welches er während der letzten Jahre deutlich mitprägte. Doch bevor in Hamburg der letzte Vorhang fallen wird, gab es für die Bochumer die Gelegenheit dieses hervorragende Stück zu sehen.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Gina liebt den Rocker Ed, ist schwanger von ihm und auf der Such nach ihm – denn schon seit Tagen ist dieser verschwunden.
Sie trifft eine Freundin, sowie deren Musikproduzenten in einem abgewrackten Tonstudio. Während Gina an der Tür lauscht, sehen wir ein Pantomimenspiel erster Klasse, denn die klapprige Sperrholzkonstruktion repräsentiert unter anderem schalldichte Wände. Gina wird von Lemmy, dem Produzenten, angebaggert und schließlich geschlagen als diese ihn abweist.
Ed kehrt zurück, verliebt wie eh und je, erfährt von den Gewalttaten und schlägt Lemmy zu Brei. Als Folge ist dieser behindert und Ed in der Psychiatrie – für zehn Jahre.
Hier geschieht ein Bruch. Ohne viel Drumherum befinden wir uns plötzlich zehn Jahre später. Gina liebt nun Jonas, hat neben Rose, Eds Tochter, noch zwei andere Kinder und lebt in einem Haus. Ihr neuer Mann ist der perfekte Spießer; Tennisspieler und Redakteur. Gina wurde zu einem neuen Menschen, oder jedenfalls sollen wir das denken, bis Ed aus der Anstalt entlassen wird und zu seiner Geliebten zurückkehrt.
Es beginnt ein emotionales Hin und Her und doch ist es schon eigentlich ziemlich früh klar, dass Gina Ed liebt und zu ihm zurück gehen wird. Und so geschieht es dann auch, obgleich Gina selber sagt, dass keiner wissen würde wie lange das halten kann.
Petras erzählt eine stringente Handlung und es gibt nicht vieles das schwer zu verstehen ist. Die Handlung ist glasklar und auch die klischeehaften Figuren führen dazu, dass niemand im Dunklen bleiben muss. Kein Rockervorurteil wird ausgelassen und die Kostüme könnten kaum trashiger sein.
So sind die Figuren zwar ganze Prolls, aber niemals nicht liebenswert.
Durch die großen Sprünge in der Handlung bleiben sie schemenhaft und obwohl dies für einige Verlust bedeuten mag, so ermöglicht es auf der anderen Seite enorm viel. Wann verläuft das Leben denn schon mal nur logisch? Und so handelt Gina irrational und neurotisch. Petras lädt zum Weiterdenken ein. Weiterdenken über die Frage wie Ed und Ginas Leben verlaufen wird; was in der Anstalt geschah oder wie sich Jonas und Gina kennen lernten.
„Rose“ ist heillos romantisch und Elmar Goerden hat Recht, wenn er während des Publikumsgespräch sagt :„Es geht mitten ins Herz.“
Und dennoch: Gina verlässt nicht nur Jonas, den sie seit neun Jahren liebte, sondern auch ihre drei Kinder. Selbst Rose ist nun nicht mehr die Tochter des Rockers, sondern die des Spießers.
Neben der großen Liebe, der Seelenverwandtschaft thematisiert Petras den Verlust. Verlust von zehn verschenkten Jahren. Jahren in der Psychiatrie oder einer falschen Ehe. Verlust weil man nicht anders kann.
Obgleich das Stück allein schon gut ist, wird es erst durch die überragenden Schauspieler zu dem was es am Ende ist. Susanne Wolff als Gina bringt die innere Zerrissenheit mit einer Genauigkeit rüber die selten ist. Alle anderen sind mindestens ebenso gut und unterstützt werden sie vom hervorragenden Bühnenbild.
Mit wenig viel machen, scheint hier das Thema – und es gelingt. Der Bruch in der Handlung wird durch die Totalausräumung auf der offenen Bühne verdeutlicht und zu einer anderen Zeit wird das Tonstudio zu einer stummen Kammer. Petras zaubert wunderschöne Bilder, die man aus dem Theater heraus weiter mit sich trägt.

(Janine Wahrendorf)

Daniel Hit By A Train

Dienstag, 23. Juni 2009

dhbat
Basierend auf einer Gedenkstätte in London, die an selbstlose und heldenhafte Rettungen oder deren Versuche im 19. Jahrhundert erinnert, erzählt „Daniel Hit By A Train“ die wahren Geschichten von 53 Todesfällen.
53 – das ist eine hohe Zahl für eine Inszenierung, die gerade einmal etwas über eine Stunde dauert.
Bewerkstelligt wird dies durch ein schnelles, performatives Theater, welches mit fünf Schauspielern unter der Regie von Gregg Whelan und Gary Winters arbeitet. „Daniel Hit By A Train“ ist bereits der zweite Teile einer Trilogie der Lone Twin Theatre Company.
Angeführt wird die Schauspielertruppe im Stück von einem Mann mit einer riesigen Trommel. Immer und immer wieder schlägt er auf sie ein und es scheint schon fast, als würden mit den Schlägen die Menschen nur so vor sich her sterben.
Ein tragischer Tod nach dem anderen wird mal kürzer, mal länger er- und abgezählt. An einigen Stellen gibt es einen Bruch, wenn eine der Geschichten zur Abwechslung mal mehr im Detail beschrieben wird. Ein Beispiel wäre hier für der Tod der Pantomimin Sarah Smith, die bei dem Versuch starb ihren brennenden Kollegen auf der Bühne mit ihrem Kleid zu löschen.
Besonders in diesen längeren Szenen entwickelt sich Emotionalität, die die kürzeren Szenen vermeiden. Und damit entsteht eine wunderschöne Mischung von Tragik und Komik, von Gefühlen und Bewegungen. Es wird daneben nicht nur gesprochen, sondern auch getanzt und gesungen.
Die verschiedenen Tode sind für sich zwar tragisch, aber niemals so dargestellt. Immer und immer wieder erfahren wir von Menschen, dass sie zum Beispiel in einem Hausbrand erstorben sind. Die Wiederholungen machen das Gesehene skurril und witzig ohne dabei ins Alberne abzurutschen.
Durch den leichfüßigen Umgang mit den Situationen werden die Heldentaten geehrt, und mit ihnen auch das Scheitern – denn lange nicht alle Versuche waren auch erfolgreich.
„Daniel Hit By A Train“ feiert das Leben ohne rührselig oder kitschig zu sein. Niemals zeigt die Lone Twin Company Spektakel für Schaulustige, sondern kreiert einige schöne Bilder, die erst durch ihre Simplizität möglich sind.
Erstmals während des Festivals gab es ein überwiegend junges Publikum. Vielleicht lag es an der Sprachbarriere, die dann aber doch keine war. Denn das Englisch der Akteure war besonders leicht zu verstehen. Und dennoch - es bleibt zu hoffen, dass auch weiterhin viele junge Menschen zu K15 kommen, denn das Programm wird stetig besser!

(Janine Wahrendorf)

CAR MEN & BIRTH DAY

Montag, 22. Juni 2009

birthday2

Der tschechische Choreograph Jiří Kylián brachte zusammen mit der niederländischen Tanztruppe PARADOX gleich zwei seiner Werke in die Kammerspiele in Bochum.
Begonnen wurde mit einem halbstündigen Stummfilm, angelegt an die Oper „Carmen“. Während man nur an einigen kurzen Momenten Musikfetzen aus dem Original wieder finden konnte, waren die vier Hauptfiguren kaum verändert.
So gab es also die Verführerin Carmen welche von Don Jose verehrt wird. Dessen einfache aber herzensgute Schwester Micaela und den Frauenhelden Escamilio.
Das Werk ist angefüllt mit schrägen Soundeffekten, verzogenen Grimassen schnellen Bewegungen und durchgeplanten Choreografien– also eine Hommage an den Stummfilm.
Die Personen bewegen sich in einer offenen Kohlemiene, welche zeitgleich als Schrotthalde zu funktionieren scheint. Das Setting also ist surreal und die Handlung ebenso, wenn man überhaupt von Handlung sprechen mag. Da werden zum Beispiel verschiedene Rad ähnliche Schrottteile wild durch die verstaubte Gegend gerollt und dabei herum gesprungen.
Anders aber als bei Salvador Dalis surrealistischem Werk „Ein andalusischer Hund“ fehlt CAR MEN der subtile Humor. Es ist regelrecht anstrengend dem albernen Rumgehüpfe zu zusehen. Noch viel schlimmer allerdings war die danach folgende dreißigminütige Pause. Das hauptsächlich ältere Publikum wurde deutlich ungeduldig und betonte nach etwa zwanzig Minuten schon „Es kann jetzt weiter gehen!“
Und das tat es dann auch endlich. Die Protagonisten des Filmes (mit 2 Abweichungen) betrat die Bühne in barocken Gewändern, um an einem Tisch Platz zu nehmen. Begleitet wurden sie in „Birth Day“ von klassischer Musik von Mozart.
Es wurde eine Choreographie mit Fächern gezeigt, die aber leider zu häufig wiederholt schien und sich mit der Zeit abnutzte.
Während einige der Tänzer immer mal wieder abgingen, konnte man durch eine Beamer Projektion am Geschehen in den anderen Räumen des Hauses teilnehmen.
Laut Programmheft sollte es um die vielen Seiten des eigenen Geburtstags gehen. Das Leben, der Tod und die Zeit dazwischen; ein melancholischer Tag voller verschiedener Aufladungen. Was sich zuerst einmal spannend anhört wurde aber leider nur durch Singen eines Geburtstagsliedes und einer Torte wieder aufgegriffen.
Der Abend schien allzu unzusammenhängend. Es fehlte an Bewegung und Körperlichkeit – und dennoch: man sah den Tänzern ihren Spaß und ihr Engagement an und das Publikum schien zufrieden. Vielleicht hatte also nur ich andere Vorstellungen von diesem „Tanzabend“.

(Janine Wahrendorf)