Mit „Autland“ in der Bochumer Jahrhunderthalle kam für mich nun das Ende der Ruhrtriennale 2009 und sogleich überrascht Beate Barons Stück erst mal mit seinem Äußeren.
Man tritt ein in einen runden Raum, gespickt mit einzeln stehenden Drehstühlen auf denen die Zuschauer Platz nehmen.
Sie befinden sich nun auf einer Drehbühne, die sich immer mal wieder im Kreis dreht und damit Blicke auf neue Situationen zulässt. In der ersten Runde wird das Publikum beschallt durch eine Vielzahl verschiedener Geräusche, die in Lautstärke und Intensität zu nehmen bis es zu einer befreienden Stille vom Chaos kommt. Die im Zuschauerraum sitzenden Solisten und Chormitglieder beginnen nun damit, ihre Stimmen zu finden. Aus Ächzern und Stöhnen werden langsam Wörter.
„Autland“ beschäftigt sich mit der Wahrnehmung der Welt durch den autistischen Blick.
Autismus ist im Kommen. Immer mehr und mehr Menschen werden auf dem Spektrum diagnostiziert und doch kann niemand so ganz genau sagen, was das heißt, auf dem Spektrum zu sein. Hier und da geben Autisten selber Auskunft über ihre ganz spezielle Welt, wie z.B. der Hamburger Axel Brauns. Doch gerade auch durch diese Berichte wird deutlich, dass es sich eben nicht um DEN Autismus, oder DEN Autisten handelt. Das Spektrum ist weit und so gibt es weniger beeinträchtigte Personen und solche die weder sprechen noch anderweitig kommunizieren können. Auch die Symptome oder Handlungsweisen sind nie genau ein und die selbe.
Noch immer wissen Wenige was Autismus überhaupt ist und so ist es schön und wichtig dem Thema eine theatrale Plattform zu geben.
Hier und da gelingt die Visualisierung des Chaos im autistischen Kopf sehr gut. Zum Beispiel wenn die 24 Künstler durch die Stuhlreihen laufen und dabei spezifische Attribute des Mensch-Seins aufzählen. Zu Verstehen was genau es heißt wenn jemand anderes glücklich oder traurig ist, kann schwer für Autisten sein. Oder eben auch zu verstehen, dass es Menschen mit und welche ohne Schnurrbart gibt.
Auf der anderen Seite jedoch bleibt „Autland“ zu einseitig. Besonders in den kurzen Szenen, die auf Interviews mit autistischen Menschen basieren, skizziert sich ein naiv, dümmliches Bild das nur auf Komik aus zu sein scheint.
Da die Interviews mit scheinbar relativ selbstständigen Menschen aus einer Freizeitgruppe geführt wurden, bleibt die andere Seite des Autismus’ wieder einmal außen vor. Schön wäre es gewesen auch die schwerer beeinträchtigen Individuen zu porträtieren, um ein umfassenderes Bild der Wahrnehmungsstörung zu zeigen.
Deutlich wird jedoch, wie talentiert die sechs Solisten (VocaalLAB Nederland) sowie der gesamte Chor (Vocalensemble Kassel) sind.
Wenn „Deo gratias“ des Komponisten Johannes Ockeghem im Kanon erklingt und dabei der Blick auf die Jahrhunderthalle frei wird, erstarrt das Chaos für einen Moment und macht den Weg frei, für ein wohliges Gefühl.
„Autland“ ist vor allem eins – ein mutiges Experiment, das versucht mit einem sperrigen Thema kompetent umzugehen. Trotz Schwächen in der Darstellung autistischer Menschen schafft es Beate Baron eine fesselnde Atmosphäre zu schaffen. Vor allem gelingt ihr das auch, durch das Bespielen des Raumes. Sie bezieht den eindrucksvollen Spielort in ihre Kreation hinein und lässt daraus ein Ganzes entstehen.
Durch die Drehbühne und das rasant wechselnde Spiel darum herum muss der Zuschauer ständig wählen, auf was er sich einlässt und was er für den Moment ignoriert. Genau das macht den Charme aus, an diesem Theaterabend – die Qual der Wahl.
(Janine Wahrendorf)
Foto: Bernd Uhlig
Foto: Bernd Uhlig








