Archiv für die Kategorie „RuhrTriennale 2009“

Autland

Montag, 5. Oktober 2009

Mit „Autland“ in der Bochumer Jahrhunderthalle kam für mich nun das Ende der Ruhrtriennale 2009 und sogleich überrascht Beate Barons Stück erst mal mit seinem Äußeren.

Man tritt ein in einen runden Raum, gespickt mit einzeln stehenden Drehstühlen auf denen die Zuschauer Platz nehmen.
Sie befinden sich nun auf einer Drehbühne, die sich immer mal wieder im Kreis dreht und damit Blicke auf neue Situationen zulässt. In der ersten Runde wird das Publikum beschallt durch eine Vielzahl verschiedener Geräusche, die in Lautstärke und Intensität zu nehmen bis es zu einer befreienden Stille vom Chaos kommt. Die im Zuschauerraum sitzenden Solisten und Chormitglieder beginnen nun damit, ihre Stimmen zu finden. Aus Ächzern und Stöhnen werden langsam Wörter.

„Autland“ beschäftigt sich mit der Wahrnehmung der Welt durch den autistischen Blick.
Autismus ist im Kommen. Immer mehr und mehr Menschen werden auf dem Spektrum diagnostiziert und doch kann niemand so ganz genau sagen, was das heißt, auf dem Spektrum zu sein. Hier und da geben Autisten selber Auskunft über ihre ganz spezielle Welt, wie z.B. der Hamburger Axel Brauns. Doch gerade auch durch diese Berichte wird deutlich, dass es sich eben nicht um DEN Autismus, oder DEN Autisten handelt. Das Spektrum ist weit und so gibt es weniger beeinträchtigte Personen und solche die weder sprechen noch anderweitig kommunizieren können. Auch die Symptome oder Handlungsweisen sind nie genau ein und die selbe.
Noch immer wissen Wenige was Autismus überhaupt ist und so ist es schön und wichtig dem Thema eine theatrale Plattform zu geben.

Hier und da gelingt die Visualisierung des Chaos im autistischen Kopf sehr gut. Zum Beispiel wenn die 24 Künstler durch die Stuhlreihen laufen und dabei spezifische Attribute des Mensch-Seins aufzählen. Zu Verstehen was genau es heißt wenn jemand anderes glücklich oder traurig ist, kann schwer für Autisten sein. Oder eben auch zu verstehen, dass es Menschen mit und welche ohne Schnurrbart gibt.

Auf der anderen Seite jedoch bleibt „Autland“ zu einseitig. Besonders in den kurzen Szenen, die auf Interviews mit autistischen Menschen basieren, skizziert sich ein naiv, dümmliches Bild das nur auf Komik aus zu sein scheint.
Da die Interviews mit scheinbar relativ selbstständigen Menschen aus einer Freizeitgruppe geführt wurden, bleibt die andere Seite des Autismus’ wieder einmal außen vor. Schön wäre es gewesen auch die schwerer beeinträchtigen Individuen zu porträtieren, um ein umfassenderes Bild der Wahrnehmungsstörung zu zeigen.

Deutlich wird jedoch, wie talentiert die sechs Solisten (VocaalLAB Nederland) sowie der gesamte Chor (Vocalensemble Kassel) sind.
Wenn „Deo gratias“ des Komponisten Johannes Ockeghem im Kanon erklingt und dabei der Blick auf die Jahrhunderthalle frei wird, erstarrt das Chaos für einen Moment und macht den Weg frei, für ein wohliges Gefühl.
„Autland“ ist vor allem eins – ein mutiges Experiment, das versucht mit einem sperrigen Thema kompetent umzugehen. Trotz Schwächen in der Darstellung autistischer Menschen schafft es Beate Baron eine fesselnde Atmosphäre zu schaffen. Vor allem gelingt ihr das auch, durch das Bespielen des Raumes. Sie bezieht den eindrucksvollen Spielort in ihre Kreation hinein und lässt daraus ein Ganzes entstehen.
Durch die Drehbühne und das rasant wechselnde Spiel darum herum muss der Zuschauer ständig wählen, auf was er sich einlässt und was er für den Moment ignoriert. Genau das macht den Charme aus, an diesem Theaterabend – die Qual der Wahl.

(Janine Wahrendorf)

Ruhrtriennale: Der zerbrochne Krug

Dienstag, 29. September 2009

der_zerbrochne_krug_28c29_bernd_uhlig-honorarfrei_bei_namensnennung05Foto: Bernd Uhlig

„Der zerbrochne Krug“ ist einer der großen Klassiker der deutschen Literaturgeschichte und ganz oben auf der Liste der Werke, die es während der Schulzeit zu lesen gilt.

Von Kleists selbsternanntes Lustspiel erzählt vom Dorfrichter Adam, der den Fall eines zerbrochenen Kruges klären soll. Der Krug zerbrach während der Nacht in dem Zimmer der jungen Eve. Ein Mann verließ in Eile ihr Zimmer und zerstörte dabei das Gefäß. Um die Ehre der Tochter zu verteidigen, beharrt Eves Mutter darauf, dass Ruprecht, der Verlobte ihrer Tochter, der Schuldige sei. Die Anschuldigungen spitzen sich zu; der Dorfrichter versucht sich gegenüber dem Gerichtsrat zu bewähren und dabei zu vertuschen, dass er selbst der Schuldige ist und sich mehrere Verbrechen zu Schulde kommen lassen hat.
Erst mit der Zeugin Frau Brigitte wird Licht auf die Sache geworfen und die Wahrheit gefunden. Der Gerichtsrat jedoch, schafft es geschickt die Gerechtigkeit auszuhebeln und den Dorfrichter ohne echte Bestrafung entkommen zu lassen.

der_zerbrochne_krug_28c29_bernd_uhlig-honorarfrei_bei_namensnennung03Foto: Bernd Uhlig

Andrea Breth brachte den zerbrochnen Krug nun in einer monströsen drei Stunden Inszenierung auf die Bühne der Ruhrtriennale. Gespielt wurde in der Kokerei Essen, genauer gesagt im Salzlager; doch anders als bei früheren Inszenierungen wurde nicht mit dem Raum gespielt. Er wurde in den Hintergrund gedrückt – von einer schnöden Guckkastenbühne.

Das Bühnenbild (Annette Murschetz) zeigte ein abgewracktes Büro gefüllt mit einem (symbollastigen) wackligen Schreibtisch, Plastikstühlen und zahlreichen, überdimensionalen Haufen von Unterlagen.
Breths Inszenierung bleibt konservativ und unüberraschend. Sie schafft einen soliden Theaterabend der hauptsächlich über das hervorragende Ensemble funktioniert. Sicherlich steht und fällt eine Produktion von Kleists Werk mit der Besetzung der Dorfrichters. Sven-Eric Bechtolf macht seine Sache gut und legt Adam von Anfang an als unsympathischen, berechnenden Kerl an der taumelnd und lallend seine Reden schwingt.
Doch auch fast alle anderen Darsteller überzeugen in ihren Rollen.

Dem Zuschauer wird in den drei Stunden viel abverlangt. Aufmerksamkeit und Konzentration stehen dabei ganz vorne. Die Dialoge sind endlos. Monologe reihen sich an Monologe und dem Publikum wird kaum eine Chance gelassen auch mal ab und an zu lachen – dazu ist Breths Version vom Krug zu seriös angelegt.

So einiges gelingt an diesem Theaterabend; die Stimmung heizt sich immer mehr auf bis die Spannung fast anfassbar ist und die jungen Darsteller stehlen den älteren nicht selten die Show.
Und dennoch: über eine solide Vorstellung geht es nicht hinweg. Dafür fehlt etwas. Vielleicht etwas Mut zum Experimentieren. Oder aber das Interagieren mit dem Spielort, durch den die Ruhrtriennale doch erst zu dem wird, was sie ist.
„Der zerbrochne Krug“ war zu lang und damit Streckenweise leider auch etwas zu langweilig.

Schade, denn es handelte sich hierbei um eine der wenigen Schauspielproduktionen der diesjährigen, von Musiktheater dominierten, Spielzeit.

(Janine Wahrendorf)

Teorema

Montag, 21. September 2009

teorema_28c29_jan_verzweyveld-honorarfrei_bei_namensnennung111
Foto: Jan Verzweyveld

Pier Paolo Pasolinis Film „Teorema“ von 1968 besticht nicht durch seine Dialoge. Nur 928 Worte werden gesprochen und trotzdem wird so vieles gesagt. Gelingen tut dies durch die mächtigen Bilder; die Ruhe und Beharrlichkeit mit der sie gezeigt werden.
Erzählt wird von einer Fabrikantenfamilie, recht wohlhabend, bestehend aus Mutter und Vater, sowie deren zwei Kindern Odetta und Pietro.
Die gewöhnte Monotonie wird gebrochen, wenn ein mysteriöser Gast auftaucht. Einer nach dem anderen wird von ihm verführt, bevor er so mir nichts dir nichts wieder ins Nichts verschwindet. Von da an beginnt der zweite Teil der Geschichte, in der die Mitglieder der Familie, sowie auch ihre Haushälterin, versuchen dem Verschwundenen auf die eigene Art wieder zu entdecken. Sei es durch Sex mit Strichern, im Verrücktwerden oder der Kunst. Doch es gelingt ihnen nicht. Die Familienmitglieder sind isoliert in ihrem Kampf nach Liebe und Hoffnung und auf der Suche nach neuem Sinn.
Was oder wer genau der Fremde ist bleibt im Dunklen und doch scheint es nicht allzu unwahrscheinlich, dass es sich um das Göttliche handelt, dass so unvermittelt in den kapitalistischen Alltag der Familie einbricht.

teorema_28c29_jan_verzweyveld-honorarfrei_bei_namensnennung12
Foto: Jan Verzweyveld

Ivo van Hove setzt diesen Stoff nun also für die Ruhrtriennale um. Dabei kehrt er den stummen Bildern den Rücken zu und lässt die Protagonisten über sich in der dritten Person sprechen. Diese spielen so emotional und hervorragend das man die narrative Distanz zeitweise komplett vergisst. Andere Momente sind gewollt geprägt durch ein objektives Beschreiben der Situation und ohne gefühlvolle Darstellung.
Das Bühnenbild sieht aus wie ein Raum aus einem Ikea Katalog. Alle Oberflächen sind einheitlich mit dunkel grauen Teppichplatten belegt und der Ort wird dominiert von klaren, kantigen Formen. Jedes Familienmitglied hat einen eigenen, isolierten Bereich in dem sie sich zurück ziehen und ihre Monologe halten.
Bevor der Gast ankommt ist die Familie ihrer Monotonie verfallen, die Jugendlichen von Selbstzweifeln geplagt und die Ehe lieblos. Sie sitzen sich beim Abendessen gegenüber, beschreiben sich mit leidenschaftsloser Stimme und bewegen sich kalkuliert genau.
Doch all das ändert sich, wenn der junge, fremdartige Gast (Kenzari) hinter der Kulisse auf und ab springt und schließlich, über die Wand hinweg, auf die Bühne hüpft.
Ratz fatz verführt er erst die Haushälterin und danach alle anderen, bevor er genau so spontan verschwindet wie er ankam.
Doch anders als bei Pasolini tut er dies bei van Hove nicht wirklich. Er bleibt auf der Bühne und präsent während die anderen verzweifelt nach ihm suchen. Das gibt dem Ganzen eine quälende Qualität bei der man die Verzweifelung der Protagonisten förmlich spürt. Sicherlich liegt das auch an den hervorragenden schauspielerischen Leistungen. Allen voran überzeugt besonders Eelco Smits als der verklemmte Junge Pietro, wenn er seine jugendliche Neugier am Fremden kaum unter Kontrolle halten kann.
Van Hove schuf eine simplistische Inszenierung, der dennoch an nichts fehlt.
Die musikalische Begleitung ist ebenso gelungen. Ein Live Streichquartett wird gemischt mit Songs von u.a. Nirvana.
„Teorema“ geht interessant mit seiner Thematik um und scheut sich auch nicht mit Ironie zu arbeiten, zum Beispiel „I’m a believer“ eingespielt wird und das Licht erlöscht.

Am eindrucksvollstem bleibt für mich, wie konsequent die besondere Narration durchgehalten wird und wie gut sie funktioniert. Kulminieren tut dies am Ende, wenn der letzte Schrei des Vaters in der Wüste wieder einmal nur beschrieben wird. Gleichzeitig ertönt ein immer lauter werdendes Rauschen, dass kaum zu ertragen ist. Als es endlich erlischt stellt sich ein erlösendes Gefühl ein. Genauso wie man sich fühlt, nicht Teil der dargestellten Familie gewesen zu sein.
„Teorema“ war bisher mein deutliches Highlight der Ruhrtriennale. Man darf gespannt sein ob es noch getoppt werden kann.

(Janine Wahrendorf)

Sing für mich, Tod

Donnerstag, 10. September 2009

sing_fuer_mich_tod_c_paul_leclaire-honorarfrei_bei_namensnennung19
Foto: Paul Leclaire
Der kanadische Komponist Claude Vivier war eine rätselhafte Figur. Geplagt von Geistern der Vergangenheit lebte er ein wurzelloses Leben – ständig auf der Suche nach seinen Eltern. Diese gaben ihn weg, so dass Vivier schon früh adoptiert wurde. Und dennoch suchte er weiter nach Halt und Geborgenheit; versuchte einen Stand in der Gesellschaft zu finden. Jedoch eckte er an und blieb den Anderen fremd. Später war dies unter anderem auch der Grund, aus der Priesterschule verwiesen zu werden.
Wie ihn die ständige Suche durch sein Leben begleitete, so tat dies ebenso sehr die Musik. Für seine relativ kurze Schaffenszeit kreierte Vivier eine bemerkenswerte Anzahl an Werken. Autobiographische Themen wie die Suche nach der Mutter, seine religiösen Ansichten oder die eigene Homosexualität beherrschen seine Musik.

Ein jähes Ende nahm sein Leben im Jahre 1983, als er erstochen über einer unvollendeten Partitur gefunden wurde. Visionenhaft endet sein letztes Werk mit der Vorahnung seines gewaltsamen Todes. Die Umstände Viviers letzter Stunden bleiben schleierhaft, fest zu stehen scheint, dass ein von ihm bezahlter Liebhaber die Tat vollbracht haben soll.

Albert Ostermaier nutzte die Figur Vivier und schrieb „Sing für mich, Tod“ für die Ruhrtriennale. Genau diese sagenumwobenen letzten Stunden seines Lebens dienen als Grundlage des Stückes. Vivier (Stefan Kurt) führt einen Monolog in dem viele der autobiographischen Dinge angesprochen werden. Mit einer wunderschönen bildlichen Sprache wird dem Zuschauer das Leben und die Welt von Claude Vivier näher bebracht.

„Meine Wiege ist die Abwesenheit“

sing_fuer_mich_tod_c_paul_leclaire-honorarfrei_bei_namensnennung10
Foto: Paul Leclaire

David Hermanns „Sing für mich, Tod“ ist ein Gesamtpaket.
Da hat man hervorragende Schauspieler, wunderschöne Stimmen, einen überraschenden Chor und ein energetisches Orchester. Der heimliche Star des Abends ist allerdings der Spielort selbst. Die Fenster der Maschinenhalle wurden auf der einen Seite mit grüner, auf der anderen mit rosafarbener Folie beklebt, - so dass das karge, trostlose Bühnenbild magisch erleuchtet wird. Es entsteht ein Gefühl von Neonreklamen oder eigenartiger Zwischenwelt, in der sich Vivier schließlich auch selber befand.
Sein emotionaler Monolog wird gebrochen durch eine rätselhafte zweite Figur, die Vivier stark ähnelt und ihn am Ende ersticht. Handelt es sich um eine Abspaltung Viviers – dem Teil in ihm, der schon lange an den Tod dachte? Ist es der Tod selbst? Sicher kann ich mir nicht sein. Aber das ist auch gar nicht wichtig. Viviers Musik (unter der Leitung von Christoph Poppen) allein reicht schon für einen gelungenen Abend. Sie hat einen rastlosen Charakter - ist gleichzeitig emotional und abweisend. Es entsteht eine quälende Atmosphäre, die sich immer mehr und mehr aufzuheizen scheint. Erst der Tod bringt eine Erleichterung und Vivier schlendert zum Schluss mit seinem Mörder in Richtung pinkem Licht davon.
Hermanns Inszenierung packt einen nicht unbedingt sofort. Aber sie bleibt hängen, nagt an der Leichtigkeit und wirkt nach.
„Sing für mich, Tod“ bleibt unklar – nicht alle Szenen scheinen Sinn zu machen. Und doch wird erst dadurch ein Eindruck über Claude Vivier möglich. Es entsteht ein wundeschön mysteriöses Stück über eine mysteriöse Figur.

(Janine Wahrendorf)

Das Naturtheater von Oklahoma

Montag, 7. September 2009

Ruhrtriennale 06.09.09

Foto: Annete Jonak

Das besonders Spannende an der Ruhrtriennale ist die geschickte Zusammensetzung ganz verschiedener Kunstwerke.Es ist nicht etwa nur ein Theaterfestival oder fokussiert auf eine bestimmte Sparte Kunst.
Obwohl Willy Decker eindeutig viel Wert auf Musiktheater legt, vernachlässigt er andere Künste nicht.
Und so gibt es neben Musiktheaterstücken auch Kreationen, Work-in-Progress und traditionelle Schauspiele. Als literarisches Schmuckstück werden zahlreiche Lesungen mit namhaften Sprechern präsentiert.
So auch bei „Das Naturtheater von Oklahoma“, gelesen von Martin Wuttke. Der Gelsenkirchener kam zurück nach Bochum, wo er früher an der Schausielschule studierte und schien gutgelaunt, als er die Bühne betrat.

„Das Naturtheater von Oklahoma“ ist das letzte Kapitel aus Kafkas „Amerika“.Nachdem der junge Karl von seinen Eltern nach Amerika geschickt wurde, durchlief er einen gnadenlosen sozialen Abstieg der von Kafka detailliert beschrieben wird. Das genaue Gegenteil vom „amerikanischen Traum“ also.
Im letzten Kapitel stößt er auf ein Plakat, dass Arbeiter für das größte Theater der Welt sucht. Jedermann sei gebraucht und willkommen. Und so macht er sich auf den Weg zu der Trabrennbahn auf dem die Bewerbung vonstatten gehen soll. Er trifft auf Hunderte Frauen die, als Engel verkleidet, auf riesigen Postulaten stehen und Trompete spielen. Letztendlich durchläuft Karl mehrere Anlaufstellen, wird weiter und weiter geschickt, bis er endlich eingestellt wird. Er genießt ein Festmahl, bevor er mit den anderen Bewerbern in einen Zug gebracht wird, der sie zum Theater in Oklahoma bringen wird. Auf der Reise erfasst Karl das erste Mal die wahre Weite des Landes und hofft auf ein besseres Leben.

Ruhrtriennale 06.09.09

Foto: Annete Jonak

„Das Naturtheater von Oklahoma“ ist eine merkwürdige Mischung von Melancholie und Hoffnung, von Naivität und dem Gefühl, dass nichts so bedingungslos gut sein kann.
Der Text ist wundervoll für eine Lesung geeignet, denn es ist leicht sich sofort im Text zu verlieren. Man sieht zum Beispiel die Trabrennbahn förmlich vor sich, umhüllt von jungen Engeln.
Martin Wuttke tut das Seinige dazu, wenn er jeder Person eine eigene Stimme verleiht und die Erzählung mit einer angenehmen Ruhe liest.

Der Raum hört ihm gebannt zu, nur unterbrochen von dem einen oder anderen kleinen Gelächter. Leider ist es nach einer Stunde schon wieder vorbei, aber der Start in den Sonntag ist damit vollends gelungen.

(Janine Wahrendorf)

Creation 2009/Nieuwzwart

Samstag, 5. September 2009

nieuwzwart_01_pieter-jandepue2Foto: Pieter-Jan De Pue

Erst mal nimmt man nicht viel wahr.

Es ist dunkel und die Bühne wird nur von wenigen schwachen Lichtquellen beleuchtet. Hier und da hat man das Gefühl einen Menschen zu erblicken. Es raschelt wie auf einem Laub bedeckten Pfad. Eine grell erleuchtete Frau beginnt einen Monolog, bevor der leichte Vorhang fällt und man ein Meer wahrnimmt.

Der Boden aus goldenen und silbernen Foliendecken, wie die aus dem Erste-Hilfe Kasten, sieht nicht nur aus wie ein, sich bewegendes Meer. Durch die rhythmischen Bewegungen der, unter ihr versteckten, Menschen hört es sich auch genauso an. Es hat etwas beruhigendes, hypnotisierendes und wunderschönes. Gebrochen wird es aber abrupt, wenn die Folie weggezogen wird und darunter sieben nackte, sich krümmende, Wesen übrigbleiben.

Von hier an beginnt das Auskundschaften der Existenz, die Untersuchung der Essenz des Menschen. Die drei Frauen und vier Männer ertanzen ein Bild des Menschen, das grausam und zugleich auch schön ist. Mal kämpfen sie mit und gegeneinander, kriechen sie von einer Ecke zur nächsten – ein ander Mal suchen sie die Nähe der anderen und wärmen sich an deren Körpern.

Begleitet werden die Tänzer von einer dreiköpfigen Band die über der Bühne schwebt. Die atmosphärische Musik (Mauro Pawlowski) passt hundertprozentig zu den Bewegungen unter ihr und schafft es, trotz Lautstärke, die Zuschauer zu begeistern. Innovativ und irgendwie auch abstoßend, wird es, wenn sie von ihrem Podest hinunter steigen und durch Klopfen und Schlagen auf die nackten Körper ganz neue Melodien erstellen.

nieuwzwart_04_pieter-jandepue
Foto: Pieter-Jan De Pue


Wim Vandekeybus stellte Anfang diesen Jahres seine erfolgreiche Tanzgruppe Ultima Vez neu zusammen. Creation 2009/Nieuwzwart ist nun das erste Programm der Gruppe und es überzeugt.

Die Tänzer vollführen kräftige und emotionsgeladene Bewegungen, die häufig zur Akrobatik zu zählen sind. Der Zuschauer darf ihnen dabei zu schauen, wie sie den Menschen als verletzlichen Haufen Fleisch darstellen, der erst lernen muss, sich zu bewegen. Und wie es im Leben nun mal ist, enden die sieben, wie sie zu Beginn auftauchten – als nackte, sich windende Körper.

Einzig und allein die Erzählerin stört. Mit ihren Monologen, die sie während zahlreichen Kletterpartien oder schwingend über der Bühne vorträgt, wirken pathetisch und unecht. Sie schafft es nicht Musik und Tanz zu komplettieren, sonder lenkt ab und stört. Vielleicht hätte es gereicht die Texte zu minimieren oder sie von den Tänzern sprechen zu lassen; so allerdings nervt es eher, wenn sie einem den Blick auf die Tänzer versperrt.

Alles in allem allerdings, war Creation 2009 ein, für mich, gelungener Start in die Ruhrtriennale. Vandekeybus Truppe sollte es nicht schwer haben, an den früheren Erfolg anzuknüpfen.
(Janine Wahrendorf)

RuhrTriennale 2009

Samstag, 5. September 2009

ruhrtriennale-tickets1

In diesem Jahr beginnt ein neuer Zyklus der Ruhrtriennale. Zum dritten Mal übernimmt jemand Neues die Intendanz und zwar wie bei der Triennale üblich, für die nächsten drei Jahre.

Dieses Mal ist es Willy Decker, der sich ganz mit der Thematik der Religion befassen möchte. Drei Jahre lang wird es um den Dialog von Kunst, Religion und Kultur gehen. Den Anfang macht 2009 nun das Judentum, bevor es mit dem Islam und dem Buddhismus weitergeht. Die drei unterschiedlichen Spielzeiten werden ebenso mit Metaphern der Reise bezeichnet („Aufbruch“, „Wanderung“ und „Ankunft“).

Doch auch wenn sich die Oberthematik jedes Mal ändert, eines bleibt doch immer gleich - die Nutzung von spektakulären, historischen Spielräumen.

Es werden ausschließlich Industriedenkmäler der Region bespielt, die für eine außergewöhnliche Atmosphäre und einen Dialog zwischen Kunst und Raum sorgen. Die Jahrhunderthalle in Bochum bleibt der Hauptspielort, doch werden auch verschiedene Zechen z.b. in Essen und Gladbeck bespielt.

Jahrhunderthalle Bochum
Foto von: Annette Jonak, Anne Lochmann

Eindrucksvolle Orte und Inszenierungen brachten der Ruhrtriennale einen hervorragenden Ruf ein. Auch international konnten Erfolge erzielt werden, wie verschiedene Einladungen zu Theatertreffen deutlich machen. Nicht zu Letzt die zahlreichen internationalen Gastspiele zeugen vom Einfluss der Triennale.

Den Anfang der Berichterstattung macht dann auch zu gleich eine belgische Produktion von Wim Vandekeybus.

(Janine Wahrendorf)