Archiv für die Kategorie „radikal jung 2009“

Mein Freund der Baum schmollt

Samstag, 24. Juli 2010

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Die Oberhausener Inszenierung „Öffentliches Wohnzimmer” mit 15 Jugendlichen unter der Leitung von Nicole Schillinger empfängt die Zuschauer in einem gemütlichen Wohnzimmer: Ein Teppich und Sofas auf der Bühne laden zum Dazusetzen ein. Wer die Einladung annimmt, erlebt einen trashigen, rasanten Theaterabend irgendwo zwischen Variété und ökologischem Aufklärungsunterricht.

Erderwärmung, Atomkraft, Umweltverschmutzung, Artenschutz, Abfallentsorgung und Wasserverschmutzung. Von all dem lesen die Jugendlichen in der Zeitung und sie haben das Gefühl, das geht sie an: „Umweltschutz ist kein politisches, sondern ein privates Problem”.

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„Ich habe mal versucht, eine Woche lang…”.

Herrlich naiv berichten die Jugendlichen von ihren Versuchen, die Welt zu retten, indem sie auf die kleinen Sachen achten. Energie sparen und Abfall vermeiden ist gar nicht so einfach. Standby-Schalter, CO2-Bilanz und ökologischer Fußabdruck. Immer wieder Sätze wie von einer Verbraucherzentrale. Klingt das schon „moralisch”? Nervt das?

Nein. Keiner rechnet damit, dass die über eine Live-Kamera auf die Bühne projizierten Statements, Tipps und Appelle beim Publikum eine plötzliche und nachhaltige Verhaltensänderung bewirken. Aber versuchen muss man es trotzdem, scheinen die Oberhausener entgegnen zu wollen.

„Klimaprognose mit 16 Buchstaben… Weltuntergang?”

Songs wie „Mein Freund der Baum ist tot” oder „Wann wird’s mal endlich wieder Sommer” ironisieren das Planeten-Retter-Gerede von Konsumverhalten und Aufklärungsarbeit. Dazu tanzt das Ensemble ausgelassen und prügelt sich in Slow-Motion. Es treten unter anderem auf: Ein Eisbär, ein griesgrämiger Baum und ein schüchterner Alien. Alle tragen schräge Kostüme. Das ist nicht nur lustig und unterhält das Publikum, sondern unerlässliches Gegenstück zur trocken ernsten Auseinandersetzung mit Rohstoffverbrauch und Atomenergie.

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Aufklärungstheater 2010, Konsumenten-Agitation, Umweltaktivisten im dritten Jahrzehnt, all das muss ironisch sein, muss die eigene Naivität und aufgebrauchte Rituale und Bilder persiflieren. Aussagen wie „Lasst uns unsere Erde so verlassen, wie wir sie vorgefunden haben” sind sonst verdammt lächerlich und hilflos zu wirken. Ein Glück, dass „Öffentliches Wohnzimmer” mit einem deutlichen Augenzwinkern daherkommt. Das ist erfrischend.

Text: Julian Müller

Fotos: Sascha Rutzen

How would it be with you and me in the Utopia?

Samstag, 24. Juli 2010

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Die U-Bahn Station Archäologiemuseum/ Kreuzkirche pulsiert. Performance, Tanz, Musik, Gesang, Projektionen. Das Stück „Linie 69“ bringt Leben in die U-Bahn Untergrundwelt. 14 Jugendliche des Jungen Schauspielhauses Bochum, Samir Akika, Alexandra Morales und Robert Kaltenhäuser inszenierten das Stück.

Jeder Zuschauer nimmt Platz auf dem gefliesten Boden der U-Bahn Plattform. Während im Hintergrund eine angenehme und ruhige Musik läuft, wird das Publikum willkommen geheißen und eingeladen sich auf das Stück einzulassen.

Kabale und Liebe vs. Barbie-liebt-Ken-Beziehung

In den darauf folgenden 90 Minuten dreht sich alles rund um das Thema Liebe & Sexualität. Humor und Ernsthaftigkeit im Einklang. Alte und neue Wertvorstellungen von Liebe sowie ihre Bedeutungen finden im Stück ihren Platz. Die tragische Liebesgeschichte von Louise und Ferdinand aus Schillers Werk „Kabale und Liebe“ vs. eine moderne „Barbie-liebt-Ken-Beziehung“. Wir als Zuschauer werden angeregt uns mit dem Thema auseinander zu setzen: Wäre es für mich in Ordnung, dass mein Freund mit anderen Frauen schläft, solange ich weiß, dass er mich liebt? Die Akteure starten eine hitzige Diskussion, die im Chaos endet. Was ist überhaupt Liebe in meiner Utopie? Wie funktioniert sie und wo liegen ihre Grenzen? Es wird klar: Jeder Einzelne hat seine eigenen Vorstellungen und es ist nicht immer möglich auf einen gemeinsamen Nenner mit seinen Mitmenschen zu kommen.

Neben Textauszügen von Loriot, Schiller und Hemingway kommt besonders Modern Dance als Ausdrucksmittel zum Einsatz. Hierbei gehen die Jugendlichen teilweise bis an ihre Grenzen. Die intensive Tanzform macht oftmals Worte überflüssig und schafft Raum für eigene Assoziationen und Interpretationen. Trotz Zitaten aus dem Russischen, die nicht jeder versteht, weiß man worum es in den Szenen geht.

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Paralleler Ablauf von Realität und Abstraktion

Das Stück ist sehr facettenreich. Die Schauspieler berichten von persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, aber auch darüber, wie schwierig es ist, vor fremden Menschen von Liebe und Sexualität zu erzählen. Denn in Linie 69 hat niemand die Möglichkeit sich hinter der Maske einer Rolle zu schützen. Vielmehr entwickelten die Schauspieler ein zweites Ich, sodass sie einerseits sich selbst spielen und gleichzeitig jemand anderen. Es werden selbst verfasste Lieder gesungen und private Gedanken geäußert. Themen, die in unserer Gesellschaft tabuisiert sind, werden angesprochen. Dass ist in manchen Momenten für den Zuschauer berührend.

Die pottfiction Gruppe nutzt die ganze U-Bahn Station für sich, wobei diese stets für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Desöfteren kreuzen Passanten die Bühne, sodass Realität und Abstraktion ständig parallel ablaufen. So gibt es Szenen im Fahrstuhl, im Kiosk und auf der Toilette.

Die Gruppe wird am Ende der Performance vom Publikum stürmisch gefeiert. Teile der
Zuschauer werden auf die Bühne gezogen und zum tanzen aufgefordert. Der Rest lässt nicht
lange auf sich warten. Bald ist der Zuschauerraum nur noch spärlich besetzt. Einen
besseren Abschluss, als diese ausgelassen Party, hätte es für den Abend nicht geben
können.

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Sarah Lena Tzscheppan, Vanessa Sabine Keller, Josina Schriek

Fotos: Sascha Rutzen

18 Zentimeter bis zur Wirklichkeit

Donnerstag, 22. Juli 2010

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Die 14 Gelsenkirchener pottfictionisten stellen unter der Leitung von André Wülfing und Fabian Sattler in ihrem Stück „Credo-findet mich das Glück?” das vielschichtige Leben in einem Mietshaus dar.

Hinter jeder Mauer schlummert eine Geschichte, die es meistens nicht schafft, durch die Betonwand in die Welt auszubrechen. Eigentlich sind sich alle ganz nah, aber kennt man sich? Dieser Frage widmet sich in erster Linie die junge Frau Aleska, die schon seit fast fünf Jahren dort wohnt. Im täglichen Trott grüßt man sich freundlich, aber intime und persönliche Gespräche kommen zu kurz. Jeder lebt für sich selbst, mehr oder weniger isoliert.

Aleska beobachtet alle und alles um sich herum. Sie verfolgt sehnlichst den Wunsch den Mietshausalltag zu verändern: die Nachbarn sollen zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen, die einander achtet und sich hilft.

Schafft ein Neuanfang Abhilfe?

Da kommt es gelegen, dass ein Neuer einzieht, Lars Friedrich. Dessen Einweihungsfeier erscheint als Gelegenheit das Zusammenleben positiv zu verändern. Sie erweist sich jedoch als Fehlschlag. Der Großteil der Mieter ist nicht interessiert. Aleska ist frustriert und entdeckt. dass sie die Lebensgeschichten der Anderen beeinflussen kann. Wortwörtlich greift sie zu Stift und Papier und verändert somit das reale Zusammenleben der Akteure. Was anfänglich Harmonie schafft, endet im Chaos.

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Raumläufe, sieben mobile Wände und Choreographien machen das gesamte Stück sehr belebt und interessant. Als Zuschauer beobachtet man gespannt: Man kann nur erahnen, wie die Geschichte ihren Lauf nehmen wird. Die Charaktere sind direkt aus dem Leben gegriffen und als Zuschauer zieht man eine Parallele zu sich selbst und seinen Erfahrungen. Wahrscheinlich kennt jeder eine Nachbarin wie Melissa, die es liebt sich das Maul über andere zu zerreißen und stets über die neusten Gerüchte der Mitbewohner informiert ist.

Sieben mobile Wände verknüpfen Schauspiel und Bühnenbild miteinander. In zahlreichen Choreographien kommen sie zum Einsatz wobei die Gelsenkirchener Präzisionsarbeit geleistet haben. Alles läuft tadellos. Das sparsam gehaltene Bühnenbild ist erfrischend und zeigt dass es nicht immer großen Aufwandes bedarf, um eine Geschichte überzeugend zu vermitteln.

Allein unter vielen

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Bewegliche Wände schaffen Räume und zeigen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, dem Einzelnen und den Anderen auf. In ihren schlichten schwarzen Kostümen wirken die Charaktere seltsam anonym und verloren in ihren eigenen Lebenswelten.

Trotz der abwechslungsreichen Elemente vergingen die 95 Minuten nicht ganz im Fluge. Gerade am Ende wirkt das Stück langatmig, weil sie das „Ich-verändere-Welt”-Motiv ausreizen und künstlich in die Länge ziehen.

Himmel und Erde zwischen Wunsch und Wirklichkeit, 20 m² Traumfläche und nur 18 cm bis zur Wirklichkeit: Es ist ein unterhaltsames Stück, das zum Nachdenken anregt. Wenn man etwas verändern möchte, geht das nur zusammen und mit Kommunikation.

Josina Schriek (Text)

Sascha Rutzen (Fotos)

Was bleibt von einem Jahr pottfiction?

Donnerstag, 22. Juli 2010

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Ein Jahr lang hat pottfiction experimentiert, geprobt und gespielt. Finanziert von Sponsoren und Theatern. Es war immer alles schon da, was die Jugendlichen für ihre Arbeit brauchten. Proberäume, Technik, professionelle Hilfe? Kein Problem! Das hat das Projekt sehr erleichtert, viele junge Menschen neu an die Theater gelockt und Raum für spannende Aktionen und Inszenierungen geboten. Aber wie geht es jetzt weiter? Was bleibt? Wie nachhaltig ist ein Jahr Kulturhauptstadt? Was wird aus der Zusammenarbeit der sieben Kinder- und Jugendtheater?

Weltverbesserer-Universität im Abschlusscamp


Das Abschlusscamp beschäftigt sich am heutigen Dienstag intensiv mit solchen Fragen und wählt dazu eine performative Form. Jugendliche und Pädagogen immatrikulieren sich in einer Weltverbesserungsuniversität. Es gibt Vorlesungen und Seminare und am Ende sogar eine Abschlussprüfung.
Den Anfang machen der Zukunftsforscher und Unternehmensberater Heik Afheldt, die Journalistin und Netzwerk-Spezialistin Kathrin Passig sowie der Koch und Umweltaktivist Wam Kat. Jeweils Fünfzehn Minuten Input und Ermutigung bevor es in die Gruppenarbeit geht.

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Sechs Arbeitsgruppen durchwandern einen Beratungs- und Diskussionsparcours. Die Seminarthemen heißen: „Ein Dach für Kulturgrube e.V.“, „250.000 € für Camp3“, „Guerilla-Gardening und mehr“, Ohne Geld um die Welt“, „Wie sehen wir uns wieder“ und „Gibt es eine brauchbare Utopie?“. Stationen wie Rechtsberatung, Wirtschaftsprüfung oder PR-Nachhilfe werden jeweils von Experten moderiert. Wichtig ist aber, dass die Jugendlichen ihre eigenen Ideen einbringen. Was wird aus dem neu gegründeten Verein „Kulturgrube“? Gibt es ein Nachtreffen im September? Wer finanziert ein Intergenerationen-Nachfolgeprojekt?

Vom Luftschloss zum Probenraum

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Manchmal drehen sich die Diskussionen in der Mittagshitze im Kreis. „Brainfuck“, nennt das eine Teilnehmerin. Oft wird aber sehr konkret diskutiert über Kulturförderanträge und Sponsorenverträge, über Genehmigungen und Organisationsformen. Hier fragen die Experten konkret nach, durchbrechen Satzhülsen und Allgemeinplätze. Kühne Visionen und machbare Pläne schließen sich nicht zwangsläufig aus. Ein Binnenschiff kaufen, eine Aktiengesellschaft gründen? Gerne, aber wie genau?
Bei aller Skepsis bleibt am Ende doch Optimismus. „Macht euch auf den Weg, lasst es nicht bei einer Spinnerei bleiben“, ermutigt am Abend Frank Hörner vom Gastgeber theater kohlenpott. Auf geht’s.

Eine ausführliche Dokumentation aller Ergebnisse folgt.

Julian Müller

„Du bist anders. Wir sind verschieden.“

Mittwoch, 21. Juli 2010

Der vierte Tag, die dritte Aufführung. Die pottfiction-Gruppe des HELIOS Theaters aus Hamm spielt zum Thema „Zusammenleben“. Das Stück heißt Raumteiler und wurde von Barbara Kölling, Katja Ahlers, Stefan Blank und Steffen Moor inszeniert.

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Darf ich bei dir wohnen?

Schon das Bühnenbild bezieht die Zuschauer räumlich mit ein. Man sitzt um eine rechteckige Bühne herum, an allen vier Seiten sind Bänke aufgestellt.
Das Licht geht aus und die Musik an. Das Stück beginnt mit leichten Bewegungen. Zaghaft kommen die Schauspieler hinter den Leinwänden, den Raumteilern, hervor auf die Bühne.
Es folgt eine lockere Szenenfolge, die verschiedene Facetten des Zusammenlebens ganz unterschiedlich zeigt. Zum Beispiel Alt und Jung, Sie und Er, Familie und Nachbarn.
Das Publikum wird angesprochen: „Darf ich bei dir wohnen? Und zu welchen Bedingungen?“
Jetzt erfüllt die Sitzordnung ihren Zweck, denn Publikum und Schauspieler befinden sich auf einer Ebene und können kommunizieren. Manchen ist das unangenehm, während andere sich auf ein Gespräch begeistert einlassen. Das Konzept geht also teilweise auf.
Es gibt sehr zärtliche Szenen. Wenn die Darsteller sich zur Musik annähern ist der Zuschauer berührt. In immer neuen Konstellation nähern sich die Jugendlichen an.
Doch dann der Bruch. „Du bist anders“ in sämtlichen Sprachen. Beziehungsprobleme, jeder will das Beste für den Anderen oder das Beste für sich selbst. Das kann nicht immer funktionieren.
Auch persönliche Berichte von Menschen, die auf der Straße befragt wurden, kommen zum Einsatz. Die Bürger berichten offen, wie sie leben und mit wem sie leben. Durch O-Töne kommen Menschen aus allen Altersklassen zu Wort. Alle leben anders zusammen.
Dieses Persönliche gibt dem Stück etwas Besonderes. Es ist nichts erfunden. Die Gruppe hat durch die Berichte ein Mittel gefunden, frei von Klischees zu zeigen, wie Zusammenleben sein kann.

Große Vielfalt

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Es werden viele künstlerische Mittel genutzt. Die Darsteller sprechen in Chören, tanzen oder zeigen Dias. Sie malen mit Kreide, verwischen, hinterlassen ihre Fußabdrücke im Kreidestaub. Die Raumteiler werden für ein Schattenspielgenutzt. Die Darsteller bilden mit verschiedenen Bewegungen eine ineinander verzahnte Maschine. Ganz unterschiedliche Formen von Ästhetik finden in diesem Stück ihren Platz.
Am Ende werden die Raumteiler verschoben. Nun trennen sie die Bühne nicht mehr in zwei Hälften, sondern sind im Raum verteilt. Die ganze Bühne wird genutzt. Es finden wieder Begegnungen statt. Die Spieler sitzen zwischen den Leinwänden und lernen sich kennen.
Die Form die Hamm gewählt hat, ist sehr passend um das Thema „Zusammenleben“ zu präsentieren. Keine festen Rollen, keine feste Handlung, eine große Vielfalt. Das Spiel ist auf dem Punkt. Es sind schöne 50 Minuten Theater.

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Sarah Lena Tzscheppan
Fotos:Julian Müller,Sascha Rutzen

„Ich will Dreck im Gesicht“ besticht durch Dynamik

Mittwoch, 21. Juli 2010

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Gesundheitswahn, Sicherheitswahn, Verfolgungswahn, Vernunft als Dogma: Stasi 3.0 meets Huxleys „Schöne Neue Welt“. Das Herner Stück „Ich will Dreck im Gesicht“ entwirft eine Gesellschaft, regiert von Logik, keine Chance aus der Reihe zu springen, keine Chance für Irrationalität, Zweifel, Zerstörung. Jeder Lebensabschnitt ist vorbestimmt, jeder Tagesabschnitt strukturiert, auf die Sekunde kalkuliert.
Eine technokratische, kalte Dystopie. Die durchnummerierte Menschheit von morgen lebt in Boxen, die aussehen wie Stockbetten mit integriertem Flachbildschirm. So stellen sich 23 Herner Jugendliche vom theater kohlenpott unter der Leitung von Till Beckmann, Frank Hörner und Jasminka Wrobel ihre Zukunft vor. In einem beeindruckenden Bühnenbild voller Elektroschrott erzählen sie die Geschichte von Aluminia, die vor ihrer futuristischen Zwangsvermählung mit einem Unbekannten, aber genetisch genau auf sie abgestimmten Partner, steht.
In dieser Welt markiert das „Sichtfest“ die Halbwertszeit menschlichen Lebens: Küsse und ihre „ekelerregenden“ Folgen – Geschlechtsverkehr, Schwangerschaft und Geburt – sind ausgerottet, Reproduktion findet mit nur mit dem perfekten Partner im Reagenzglas statt.
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Beim Sichtfest erfolgt die Zuordnung. Doch die Genkompatibilität kennt keine Sympathie, und erst recht keine Liebe.
Als die junge Frau sich dann Hals über Kopf in Wynten verliebt, rebelliert sie gegen die Vermählung, ihre Eltern und das gesamte totalitäre System. Was dieses große Böse, das Ganze konkret sein soll, bleibt unklar.
Wer ist „Voib“, der Menschenroboter mit einem Monitor anstelle des Kopfes? Wer sind die Gesichtslosen? Sind das die Autoritäten? Exekuteure des Systems? Ehemalige Rebellen? Warum beten die weiß kostümierten – und schon deshalb unheimlich gleichgeschaltet wirkenden – Bewohner der Dystopie „in großer Demut vor der Logik“?

Solche Fragen lässt das Stück offen. Die logischen Zusammenhänge zu erschließen, bleibt dem Zuschauer selbst überlassen.

Hervorragend sind Spielfreude und Dynamik des Ensembles. Darüber vergisst man, über die oft verwickelte Handlung nachzusinnen.
„Ich will Freiheit, Geilheit, Dreck im Gesicht“, rufen die Jugendlichen als die Handlung ihren Höhepunkt erreicht. Das klingt auswendig gelernt. Die Wut ist echt, aber die im Chor erhobene Faust etwas abgedroschen Überraschend heißt es dann: „Die Revolutionssimulation ist jetzt beendet“.
Ein doppelsinniges Finale. Spiel mit Wahrnehmung. Ist das System so einfach zu überlisten?

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Inhaltlich kommt vieles zusammen: Die Vision eines totalitären Systems, Entfremdung von Mensch und Natur, das Ende der „echten Liebe“ im Chatzeitalter, und dann eine diffuse Rebellion gegen all das.
Der Herner Theaterabend reißt das Publikum mit. Musik und Humor, vor allem aber zwei Dutzend konzentrierte Schauspieler schaffen das, was einem oft nicht ganz stringenten Plot nicht gelingt: Sie machen glaubhaft, dass es da was zu klären gibt. Da ist etwas, das uns Angst macht vor der Zukunft und wir wollen, dass es nicht so weit kommt.

Enis Maci, Julian Müller (Text)

Sascha Rutzen (Fotos)

kommt´s wieder

Samstag, 25. April 2009

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ich verweigere mich einem resümee, das sich zur aufgabe macht, lacher, küsse und kreuzigungsszenen zu zählen. das sollen andere machen. deswegen in aller kürze: radikal jung 2009 am volkstheater münchen - sieben tage, acht stücke, viel gehaltvolle aber verdaubare theaterkost. alle acht inszenierungen konnten auf ihre weise gefallen, berühren, nachdenklich machen. vor allem haben sie in ihrer gesamtheit die ganze bandbreite an junger regie gezeigt.

wenn radikal jung, wie c. bernd sucher in einem interview zu mir gesagt hat, ein produkt* ist - dann verkauft es sich gut. die meisten werden wiederkommen. ich auch. und damit schließe ich, tired an emotional. sattgesehen aber glücklich.

auf wiedersehen. und denkt daran: wenn man sich an die regeln hält - dann ist der berg euer freund. fos

* hier könnte eine mögliche kritik ansetzen

schön war´s

Samstag, 25. April 2009

ein fazit

bei deutschlandradio kultur

noch ein fazit: eine bilanz des festivals radikal jung 2009 von thomas koppelt

bei bayern 2

23.04. faust von simon solberg

Samstag, 25. April 2009
faust

simon solberg...

faust

... spart nicht an material

man kann simon solberg wahrscheinlich einiges und vermutlich mit recht vorwerfen… tatsächlich aber macht solbergs faust einfach spaß. und berührt trotz des rasanten tempos. das letzte stück, das bei radikal jung gezeigt wurde, - ein einziges kontrastprogramm zu den anderen eingeladenen inszenierungen: spielwütig, überfrachtet. in welcher gesellschaft leben wir eigentlich, könnte man mit faust fragen und mit solberg antworten: in einer bunten warenwelt mit überangebot und leistungsdruck: höher, schneller, weiter - jeder dem anderen ein wolf. faust, die raupe nimmersatt, läuft dem maximalen genuss/erlebnis/gefühl… hinterher und der zuschauer stolpert mit. mit spielwut spurten die schauspieler, sechs verwandlungskünstler, durch diese inszenierung, liefern sich eine requisitenschlacht - jedes ding kommt multifunktional und ideenreich zum einsatz. solbergs faust erinnert an impro-theater, ist ein gagfeuerwerk, kein popkulturelles zitat wird ausgelassen - beinahe unmöglich (oder unmöglich?), (beim ersten sehen) alle querverweise zu entschlüsseln. simon solberg, heißt es im publikumsgespräch, greife aus der luft, was in der luft liegt. nicht alle im publikum können diesen weg mitgehen. dabei ist solbergs ansatz ein durchaus ernster: kalkulierter blödsinn als kapitulation vor der welt. fos


von der kunst, gegen die tatsachen zu existieren

Samstag, 25. April 2009

caligula

„menschenschlächter“ würde die bild wahrscheinlich über caligula titeln. wesentlich facettenreicher ist das bild des schreckenherrschers, das jette steckel in ihrer inszenierung caligula entwirft. galigula verzweifelt am (un-)sinn des lebens: er muss für sich erfahren, dass ihm das leben per se nicht grund genug ist, sich an seiner selbst, an seiner existenz beziehungsweise am leben zu erfreuen. um andere menschen gewaltsam zur selben einsicht zu zwingen, errichtet er eine schreckensherrschaft, ihnen die fragwürdigkeit von werten und moral zu diktieren. einen selbstmord maximaler dimension hat jette steckel mit caligula inszeniert: alle müssen sterben, bevor caligula selbst hand an sich legt, - auch das publikum. das ist bei caligula teil des stückes, das zwischen spiel/spaß und blutigem ernst alterniert. um die personage von einer zwei- auf eine einstellige zahl zu verringern, hat jette steckel das publikum mit eingebunden (nachzulesen bei „www.nachtkritik.de). wichtiger: steckels caligula, gespielt von marco kreibich, changiert zwischen kindlicher naivität, depression und verzweiflung, sadismus, größenwahn und entertainment. ein urteil im sinne der bildzeitung zu brechen, dazu lädt steckel nicht ein. vielmehr fühlt man mit den figuren mit. caligula ein sinnsuchender, der das gefühl für das rechte maß verloren hat. einzige befriedigung scheint ihm der griff nach den sternen zu sein: man soll ihm den mond beschaffen - das unmögliche wollen als antwort auf die frage nach dem sinn?

ein ähnliches problem, wenngleich im hinblick auf die tragweite mit wesentlich gemäßigteren konsequenzen, haben thomas bernhards figuren in gehen. gehen beschreibt die korrespondenz von gehen und denken und erzählt die geschichte von karrer, der verrückt geworden ist. in welcher beziehung gehen von thomas bernhard mit caligula von camus steht? hier einige aufschlussreiche passagen aus gehen zum nachlesen und nachvollziehen: „von einem augenblick auf den andern überhaupt nichts mehr zu akzeptieren, heißt verstand haben, keinen menschen und keine sache, kein system und naturgemäß auch keinen gedanken, ganz einfach nichts mehr und sich in dieser tatsächlich revolutionären erkenntnis umbringen.“ caligula ein revolutionär? jette steckel zeigte sich von camus beeindruckt, weil er die anstrengung unternehme, einen gedanken konsequent zu ende zu führen. was es meint, einen gedanken zu ende zu denken, hat steckel mit caligula zu zeigen versucht. mit bernhard ließe sich caligula der rat geben: „die kunst des nachdenkens besteht in der kunst, […] das denken genau vor dem tödlichen augenblick abzubrechen.“ was sonst passiert, verrät karrer-caligula: „einmal überschreitet diese übung die grenze zur verrücktheit, darauf kann ich aber keine rücksicht nehmen, so karrer. die zeit, in welcher ich rücksicht genommen habe, ist vorbei, ich nehme keine rücksicht mehr, so karrer. der zustand der vollkommenen gleichgültigkeit, in welchem ich mich dann befinde, so karrer, ist ein durch und durch philosophischer zustand.“ fos