So. Die erste „Prozess“-Vorstellung für heute ist durchgelaufen. Die Regisseurin Andrea Gerk und Schauspieler Philipp Hochmair haben Kafkas Text radikal gekürzt, sodass, so wie ich es verstehe, alles, was nicht unmittelbar Josef K.– das ist der arme Kerl im „Prozess“, der wegen irgendetwas Unbestimmbaren verhaftet, verhört, angeklagt, in den Wahnsinn getrieben und schließlich umgebracht wird – zu tun hat, herausgeworfen wurde. So sieht man K. in dieser Interpretation langsam verfallen, um sich am Ende noch einmal aufzubäumen und in einem Moment von deutlicher Klarheit zugrunde zugehen. Dabei ist die ganze Zeit eine Distanz zum Text zu spüren: Abstruse Bilder, die nur lose mit dem Gesagten in Verbindung stehen und von Hochmair in einer Art Dia-Show präsentiert werden, sowie die bewusst unangemessene Musik (manchmal ist für einen Bruchteil einer Sekunde ein Gong zu hören, der ohne richtig zu erklingen, sofort wieder verschwindet) verstören und verstärken so die Wirkung von Kafkas Text, obwohl sie eigentlich gegen ihn arbeiten. Das ist ein ganz krasser Gegensatz zur „Process“-Vorstellung gestern: Auch hier wurde zwar verfremdet, indem die vier Schauspieler immer wieder nach vorne traten und das Geschehen mit dem Roman-Text kommentierten und die untermalende Musik von einem offen auf der Bühne sichtbaren DJ aufgelegt wurden. Es gab jedoch eine klare Im-Kreis-dreh-Metapher (Die Vinyl-Platten, die sich drehende Bühne), eine klar erkennbare szenische Handlung und eine lineare Entwicklung K.s von einem selbstbewussten Bankangestellten zu einem völlig gebrochenen Häufchen Elend. Man mag das eine als zu unscharf und das andere als platt empfinden, für mich sind zumindest beides gültige Interpretationen. Der „Process“ jedenfalls hat gestern zu einem doch recht intensiven Nachgespräch geführt. „Wir wollten die Figuren bewusst überzeichnen und nur in ihrer Aufgabe, K. zu verwirren, darstellen“, sagte Jana Alexia Rödiger, die einzige weibliche Darstellerin. Und den meisten Zuschauern gefiel auch, wie die nicht-K.-Personen zwischen den drei übrigen Schauspielern aufgeteilt waren und wie Albtraumfiguren auf ihn einwirkten. Mal sehen, wie dann das Nachgespräch zur zweiten „Prozess“-Aufführung heute Abend verläuft. Das Konzept, Schülern den Text noch einmal auf ganz neue Weise darzubieten, scheint jedenfalls bisher aufzugehen.
(BT)