Gestern war also „Räuber“-Tag Nr.1. Um 16.00 Uhr hielt Stephanie Käthow vom Literaturarchiv Marbach einen Vortrag mit dem Titel „ … lg Fritz – Friedrich Schiller und seine Räuber im Zeitalter von SMS und Internet.“ Ein munterer, angenehmer Auftritt, mit vielen kleinen Details und Anekdoten aus Schillers Leben doch hätte ich mir an der ein oder anderen Stelle, wenn man schon so einen Titel wählt, mehr Gedankenspielerei gewünscht, die auch dramentheoretisch bestimmt ergiebig wäre (und vermutlich bereits Gegenstand zahlreicher Theater- und Filmwissenschaftlicher Diplomarbeiten, Dissertationen u.Ä. ist). Als danach eine Fragerunde eröffnet wurde, stieß Käthow leider auf breites Schweigen. Sie nahm noch Glückwünsche von Festivalleiterin Annelie Mattheis entgegen und beendete die Runde dann sehr bald in souveräner Weise. Schade eigentlich.
Das war schon symptomatisch für den weiteren Abend, aber zunächst einmal habe ich eine brillante Räuberaufführung gesehen. Harry Fuhrmanns Inszenierung läuft schon seit 2007 hier am Haus und wurde in einer Art Koproduktion zusammen mit seiner Schauspieltruppe „fliegende Fische“ enttwickelt. Schauspielerisch hat mich vor allem Mattes Herre als Franz schwer beeindruckt, aber das ist bei der starken Besetzung nun wirklich Geschmackssache. Der Text ist dezent und kaum merklich modernisiert, Bühnenbild und Kostüme sind gleichermaßen originell wie effektvoll.
Ein besonderes Gadget ist die Verwindung von zwei Puppen: Die eine, deutlich überlebensgroße, stellt Maximilian Moor dar und ersetzt diese Rolle auch, die andere ist eine verkleinerte Version von Sebastian Mirow als Karl Moor, und spiegelt in der zweiten Hälfte der Inszenierung seine Kindheitserinnerungen, sein Innenleben und/oder Gewissen wider. Mir ist das als Mittel völlig unvertraut – ich habe selbst die Augsburger Puppenkiste nie wirklich bewusst gesehen – deshalb bin ich in der Hinsicht leicht zu beeindrucken, aber die Art, wie die Puppenspieler ihren Figuren Leben einhauchten, fand ich doch sehr bemerkenswert, wenn ich mich auch gefragt habe, ob der halbverhungerte Maximilian Moor bei aller Puppenspielerkunst mit einem menschlichen Darsteller nicht noch eindrücklicher gewesen wäre. Aber vielleicht hat Fuhrmann auf diesen Effekt bewusst verzichtet. Bei den Puppenspielern muss man leider auch beginnen, wenn man von den weniger angenehmen Dingen des Abends sprechen will. Zunächst nämlich erlitt einer der drei Puppenspieler auf der Bühne einen Schwächeanfall und brach fast zusammen. Verrückter- und ebenso beeindruckenderweise bemerkte dies die im Publikum sitzende Ulrike Langbein, die eigentlich für eine andere Spielerin und zu einem anderen Tag einspringen sollte, hechtete schnell hinter die Bühne und übernahm ab der zweiten Szene.
Geschmackloser Weise sorgte dieser Vorfall – von dem ich, um ehrlich zu sein, überhaupt nichts bemerkte und erst in der Pause erfuhr, für viel Gelächter im Publikum. Das verstärkte sich noch, als drei zuspätgekommene Schüler, die es irgendwie geschafft hatten, 2 Sixpacks Bier in die Vorstellung zu schmuggeln. Damit warteten die drei Revolutionäre dann, bis es einmal still war auf der Bühne, um dann die Bierdeckel knallen zu lassen und laut anzustoßen – gefolgt von lautem Gelächter versteht sich.
Sturm und Drang für Blöde. Ganz Abgesehen von der Respektlosigkeit kann ich darin keinen Protest gegen gar nichts sehen. Sie riskieren so gut wie nichts, und ich würde es mir auch nicht wünschen: Wenn man schon bei solchem Verhalten auf Strafe statt Einsicht setzen muss ist schon sehr viel schief gegangen. Schauspieler auf der Bühne können ohne aus ihrer Rolle zu fallen nun einmal nicht reagieren, sich nicht wehren und können auch ganz gewiss nichts dafür, dass die Schüler an diesem Tag ins Theater mussten. Niemand hätte die drei davon abgehalten, in der Pause oder meinetwegen auch während der Vorstellung zu gehen. So wurden sie gegangen: Noch vor der Pause holte sie die eloquente Einlasschefin Frau Mann aus dem Publikum und schmiss sie aus dem Haus. Auch nach der Pause war es dann allerdings nicht so recht ruhiger, und richtig reif wirkten die lautstarken „Wuhu!“-Rufe bei einem harmlosen Kuss zwischen Karl und Amalia nicht gerade. Persönlich enttäuschend fand ich auch, dass bisher noch kein Lehrer oder sonstiger Betreuer in irgendeiner Form Verantwortung übernommen und sich entschuldigt hat.
Das Nachgespräch fiel übrigens, da kaum jemand anwesen war, anschließend aus. Ich erwarte mal, dass das Publikum heute eher so interessiert wie an den ersten drei Festivaltagen sein wird, sonst wäre es doch ein unschöner Abschluss.
(BT)