Boys don’t cry: “Ein Hoffnungsträger sprengt alle Erwartungen – deshalb wird er von seinem Clan getötet”

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Von Katharina Nay

Mittwoch: Wir treffen uns mit Simon Helbling um 19.15 Uhr im Teestübchen auf dem Ballhofplatz. Obwohl um 20 Uhr die zweite Hauptprobe von „Boys don´t cry” beginnt und hinter der Bühne Hochbetrieb herrscht, wirkt der Dramaturg des Stücks relativ gelassen. Eine Viertelstunde habe er Zeit, um unsere Fragen zu beantworten, bevor er wieder zurück müsse, um die Hauptprobe zu sehen, sagt er. Weil es schwierig war, vorab eine Probe zu besuchen, sind wir nun begierig, etwas über das Stück und die Arbeitsweise der Regisseurin Heike M. Götze zu erfahren.

Der Film “Boys don’t cry” von 1999 erzählt die Geschichte von Brandon Teena, einem charmanten Draufgänger, der neu nach Nebraska (USA) kommt. Als sich heraus stellt, dass er eigentlich Teena Brandon heißt und den Körper einer Frau hat, wird er von seinen neuen Freunden vergewaltigt und getötet. Was hat euch an diesem Stoff gereizt?

Die Hauptfigur ist transsexuell, also haben wir uns natürlich mit diesem Thema auseinander gesetzt. Aber die Frage ist ja, ob das überhaupt interessant ist. Die Transsexualität ist spannend, weil du den Fragen, die sie dir stellt, irgendwann nicht mehr ausweichen kannst. Ich persönlich habe das an meiner Herangehensweise an das Thema bemerkt. Anfangs dachte ich, Transsexuelle können ihr Geschlecht einfach ändern. Im Zuge der Recherche habe ich mit mehreren transsexuellen Menschen gesprochen und erfahren, dass sie Klischees bedienen müssen, um überhaupt als transsexuell anerkannt zu werden. Die Gesetzeslage ist wirklich diskriminierend. Du merkst dann auch bald, wie klischeebeladen du selber bist. Ich, der ich mich als einen liberalen, offenen und im Prinzip nicht in Rollenbildern denkenden Menschen empfinde, merke plötzlich, dass ich in Bezug auf Trans- oder Intersexualität kreuzblöd bin.

Was ist der Unterschied zwischen Trans- und Intersexualität?

Transsexuell ist jemand, der sich als ein anderes Geschlecht begreift, als jenes, das er biologisch hat. Ein intersexueller Mensch wurde früher als Zwitter oder Hermaphrodit bezeichnet und ist jemand, der biologisch sowohl über männliche als auch über weibliche Geschlechtsmerkmale verfügt. Man vermutet, dass auch Transsexualität körperliche Ursachen hat, aber dazu lässt sich schwerlich etwas sagen. Ich werde meine Kinder dahingehend erziehen, dass es drei Geschlechter gibt und nicht zwei: Mann, Frau und Intersexuelle(r).

Wohin habt ihr den Schwerpunkt der Inszenierung gelegt?

Im Laufe der Proben haben wir gemerkt, dass es spannender ist, zu untersuchen, in welcher Umgebung Verbrechen wie das an Brandon Teena passieren, welches Umfeld solche Taten hervorbringt und fördert, als die Geschichte eines Transsexuellen zu erzählen. In Falls City, wo ganz klar ist, was ein Mann oder eine Frau zu tun hat und warum die Liebesgeschichte zwischen Brandon und Lana so nicht stattfinden konnte, scheint so ein Verbrechen nur logisch. Wenn man unsere Inszenierung anschaut, dann steht nicht die Transsexuellengeschichte im Vordergrund, sondern mehr dieses Clan-Verhalten. Wie verhalte ich mich in einer Gruppe, was passiert, wenn plötzlich jemand kommt, der für mich zum Hoffungsträger wird. Auf den ich alles projezieren kann, was ich mir schon immer gewünscht habe und als Ausgleich diesen Utopiebringer, diesen Utopieengel finde, der dann überhaupt nicht das ist, für das ich ihn halten will.  Die Verletzung besteht dann nicht nur darin, dass ein biologisches Merkmal fehlt, ich also mein Gegenüber für jemanden gehalten habe, der er nicht ist, sondern auch darin, dass ich mich stärker als Frau empfunden habe, weil ich mein Gegenüber als Mann klassifiziert und erlebt habe. Das stellt mich in Frage und sprengt das Clan-Gefüge. In dieser sehr öden Kleinstadt in Amerika leben an sich sehr verzweifelte Menschen, die sich miteinander verbrüdern, um über die Runden zu kommen. Und dann taucht diese Figur auf, die den Horizont öffnet und dann die Erwartungen und Hoffnungen sprengt.

Das klingt so, als ob bei der Arbeit an der Inszenierung die Körperlichkeit eine große Rolle gespielt haben muss. War die Arbeit tatsächlich sehr körperlich?

Ja, Heike arbeitet sehr körperbetont. Sie hat für mich eine sehr starke Arbeitsweise gefunden, die nicht nach einer platten Psychologie funktioniert, sondern sie übersteigert psychologische Prozesse und macht sie dadurch für mich erfahrbar. Die Innerlichkeiten der Figur oder der Figurengruppe setzt sie auf eine Körper-Sprach-Choreographie. Heike arbeitet sehr stark rhythmisch und weniger psychologisch-naturalistisch.

Beim Überfliegen des Skripts zeichnet sich ab, dass sich Chor und Einzelstimmen abwechseln, dass es keine langen Monologe gibt.  Ist das Stück so temporeich oder täuscht der Eindruck?

Es ist ein temporeiches Stück.

Hat sich das Stück sehr verändert ihm Laufe der Proben? Habt ihr viel rausgenommen, was die Dramaturgie verändert hat?

Mit Heikes Arbeitsweise war es so, dass wir in den ersten zwei Wochen überhaupt nicht mit Text geprobt, aber ununterbrochen an der Fassung gearbeitet haben. Heike will die Schauspieler zuerst einmal mit Futter füllen. Wir haben Filme geschaut, irrsinnig viel getanzt und improvisiert. Die Schauspieler, die Inszenierung muss gefüllt sein, um den Stoff sichtbar machen zu können und das hat sowohl mit dem Text als auch mit einer bestimmten Körperlichkeit der SpielerInnen zu tun.

Habt ihr die Fassung parallel zu den Proben geschrieben?

Ja, genau. In der ersten Phase haben wir immer wieder auch nach den Proben an der Textfassung gearbeitet. Gelenkt durch die Dinge, auf die wir mit den Schauspielern während des Probierens stießen. Dann stand das Grundgerüst, das durch den Probenprozess natürlich immer wieder Veränderungen unterlag. Wir haben projektartig geschrieben und haben die Ergebnisse der Proben ins Skript einfließen lassen.

Nach den zwei Wochen seid ihr dann chronologisch Szene für Szene vorgegangen?

Nein. Die Arbeitsweise war ein lautes Sprechen über das Thema. Dann gab es einen Teil Improvisation, mit dem Körper arbeiten, Bühne erkunden, Musik finden, etwas mit Tanz versuchen und immer wieder lesen. Heike ist auch mit der Sprache sehr akribisch, genauso wie sie mit den Körpern unglaublich akribisch arbeitet. Das Lesen war ein Durchlesen, ein Präzisieren. Eine erste szenische Probe gab es in diesem Sinne gar nicht. Irgendwann fügt sich dann alles so zusammen, dass in den Improvisationen Texte einfließen. Ich könnte gar nicht mehr sagen, ob wir bei der ersten Szene angefangen haben.

Arbeitest Du schon länger mit Heike zusammen?

Ja, wir haben 2007 das erste Mal zusammen gearbeitet. Das war in Zürich an der Hochschule, für ihre Diplominszenierung “Spieltrieb” von Juli Zeh. Damit hat sie den Preis der Körberstiftung gewonnen. Einmal habe ich in den Endproben eines Stücks mitgeholfen, in dem sie die Hauptrolle übernommen hatte und 2009 haben wir zusammen mit Markus Gerber in der Roten Fabrik in Zürich eine siebentägige Dauerperformance gemacht. Wir kennen uns persönlich sehr gut und sprechen immer über unsere Arbeiten. Aber es ist nicht so, dass ich ihr Standarddramaturg bin.

Was glaubst du möchte Heike in den Zuschauern auslösen, wenn sie ihre Arbeit so direkt auf das Publikum ausrichtet?

Das macht sie zum Glück ohne größere Intention. Heike arbeitet nicht mit dem Vorsatz, dass beim Zuschauer dies oder jenes passieren muss, sondern lädt ihn ein, sich dem Geschehen direkt auszusetzen.

Was bedeutet es, dass sie sich so direkt an die Zuschauer wendet?

Sie arbeitet nicht mit der Absicht, dies oder jenes zu einer bestimmten Zeit zu erreichen, sondern sie lässt sich vom Thema führen. Sich an die Zuschauer richten, wie sich auch die Figuren sehr häufig die Zuschauer anschauen, den Spielpartner nicht dirket anspielen, das ist ein Interesse, das geht, glaube ich, auf ihre grundsätzliche Haltung zum Theater zurück.

Lässt sich das Ensemble von dieser Arbeitsweise tragen?

Jeder hat seine ganz eigene Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber wir haben tolle Schauspieler, wir hatten riesiges Glück. Sie sind von Anfang an mitgegangen, damit hier gemeinsam eine Geschichte erzählt wird. Das ist vielleicht der Punkt: Man erzählt gemeinsam eine Geschichte. Die anderen sind nicht nur Zuspieler für den Leidensweg von Brandon. Die Schauspieler waren begeistert auf der Probe, sie haben sich mit dem Stoff auseinandersetzen wollen, sie haben sich von Heke führen lassen.

Es scheint auf den ersten Blick ein sehr amerikanischer Stoff zu sein. Lässt sich dieser Stoff übertragen oder ist er aus anderen Perspektiven lesbar?

Wir haben gemerkt, dass wir auf der falschen Fährte sind, wenn wir davon ausgehen, dass es nur dort hätte passieren können. Auch geht dieses Stück über das Thema der Transsexualität hinaus und stellt Fragen nach Grenzen, Grenzenlosigkeit, Identität und an die Selbstwahrnehmung. Wir finden es interessant, danach zu fragen, wie menschliches Miteinander funktioniert und was passiert, wenn man Menschen verunsichert, indem man ihre Kleingefüge sprengt.

Wenn man Fotos von Brandon Teena sieht, würde man ihn ohne das Hintergrundwissen selbstverständlich als Jungen erkennen und akzeptieren.

Ja, das ist verblüffend. Uns geht es noch immer so. Es gibt Tage, an denen wir Fotos anschauen oder den Dokumentarfilm sehen und denken: “Ja klar, das ist eine Frau. Was habt ihr für ein Problem?” Und es gibt genauso Tage, an denen wir denken: “Das ist ganz klar ein Mann”. John Lotte, einer der Mörder, hat im Dokumentarfilm gesagt: “Warum ist mir das nicht aufgefallen? Wo ist der Adamsapfel? Die Gesichtszüge.. Natürlich ist es eine Frau, ich war nur zu blöd.” Und daran merkt man, wie schnell diese geschlechterspezifische Zuordnung erfolgt. Diese Zuordnung ist eigentlich eine kulturelle und keine psychologische oder biologische. Wenn eine Frau ein Kind gebiert und der Satz kommt: “Es ist ein/e…”, erfolgt die Zuordnung. Im alltäglichen Leben sehe ich die Eier nicht, Brüste mal mehr mal weniger. Aber nicht, wie es zwischen den Beinen ausschaut. Für unser Stück bedeutet es, dass diese Menschen auf der Suche nach einem Mann waren, wie Brandon vorgab, einer zu sein. Das war die ideale Kombination: Er wollte akzeptiert werden und sie wollten in ihm einen solchen Mann sehen.

1 Kommentar zu „Boys don’t cry: “Ein Hoffnungsträger sprengt alle Erwartungen – deshalb wird er von seinem Clan getötet”“

  1. Also so etwas Transsexuellenfeindliches und -verachtendes habe ich noch selten gelesen. Intellektulle Transsexuellenverachtung durchs Hintertürchen. das soll wohl funktionieren, wie einst mit “Jud Süß”. Erst so zu tun, als hätte man Verständnis und dann am Schluss Brandon Teena als LügnerIN darzustellen, so als hätte Brendan Teena nur vorgegeben ein Mann zu sein…
    Da finde ich es schon ehrlicher, wenn man gleich offen sagt, dass man transsexuelle Menschen für durchgeknallte Lügner hält, anstatt so pseudoverständnisvoll ihnen den Todesstoß zu geben.
    “Ein Hoffnungsträger sprengt alle Erwartungen – deshalb wird er von seinem Clan getötet” So ein Bockmist! Brendan Teena wurde getötet, weil ihm vorgeworfen wurde, nur einen Mann zu spielen - genau das, was dieser pseudo-verständnisvolle pseudo Schauspieler macht.
    Somit ist diese aufführung von “Boys don’t cry” nichts weiter als eine rechtfertigung des brutalen Hassverbrechens an Brendan Teena. Nichts mehr und nichts weniger.
    Dass es sowas heute noch gibt - manches Gedankengut stirbt eben nie aus.

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