
Was macht der König eigentlich hinter der Bühne, nachdem er gerade vor den Zuschauern seine Frau beweint hat? Und wie kommt es, dass aus dem Kochtopf, den Schneewitte hält, Dampf strömt? Mareike Zoege hat sich von “Schneewitte” vom Staatstheater Oldenburg nicht ver- sondern entzaubern lassen. Sie schaute sich das Stück hinter der Bühne an.
Zehn vor sechs. Im Foyer des Ballhofs Eins flanieren immer mehr Theatergäste und warten entspannt auf den Gong zum Einlass. In den Gängen hinter der Bühne läuft das Team vom Oldenburgischen Staatstheater hektisch hin und her. Die Nerven sind angespannt. In zehn Minuten soll das Musiktheater Schneewitte losgehen. Der Aufbau war schwieriger als gedacht, zu Hause ist die Bühne viel breiter. Vor den Bühneneingängen liegen Requisiten bereit: eine Babypuppe, ein altmodischer Kinderwagen und natürlich Schneewittes Sarg.
In dem kleinen Raum am rechten Bühneneingang scheint das Adrenalin förmlich in der Luft zu schwirren. Es ist eng hier, auf einem Tisch stehen Kaffeetassen und Wasserflaschen. An einem Kleiderständer hängt ein flauschigroter Königsumhang. „Puh, was alles schief gehen könnte”, sagt jemand leicht ironisch. Immer noch rennen Leute rein und raus.
Es kann losgehen. Der Inspizient sitzt auf einem Drehstuhl vor einem grauen Kasten mit vielen Schaltern und einem kleinen quadratischen Fernsehbildschirm, auf den die ganze Bühne und die ersten Zuschauerreihen übertragen werden. Über Mikrofon gibt er das Signal: „Alle auf ihre Position!” Per Knopfdruck löst er die Klingel im Foyer aus. Auf dem Bildschirm lässt sich verfolgen, wie sich der Zuschauerraum langsam füllt. Im Hinterraum herrscht jetzt gespannte Stille. Jeder scheint in seinem Element zu sein, jeder kennt seine Aufgabe und funktioniert. Das Stück beginnt.
„Achtung, Phil die Zweite.” Der Inspizient spricht über sein Mikrofon mit den Licht- und Tontechnikern, die hinter dem Publikum an ihren Pulten sitzen. „Dreiundachtzig für die Fünf”: seine Anweisungen sind für Laienohren nur Zahlensalat.
Der König kommt herein gerannt. Sein Gesicht zeigt Anspannung und volle Konzentration. Er wirft hastig seinen roten Umhang ab und bekommt einen in schwarz übergestreift. Schließlich ist im Stück gerade seine Frau gestorben. Schon ist er wieder Richtung Bühne verschwunden.
Schneewitte ist geboren und mitten auf der Bühne steht der Kinderwagen. Hinter der Bühne positioniert sich ein Schauspieler an einem Mikrofon und beobachtet das Geschehen aufmerksam auf dem kleinen Bildschirm. Dann legt er los: leises Jammern und Greinen, Weinen und Schreien, bis lautes Babygebrüll den engen Hinterraum erfüllt.
Die große Schneewitte kommt keuchend von der Bühne. Sie atmet tief durch und schließt kurz die Augen, während die Kostümschneiderin an ihrem Kleid zupft und neu feststeckt. „Dankeschön!” Für ein kurzes Lächeln ist Zeit, bevor sie wieder verschwunden ist und auf dem kleinen Bildschirm auftaucht.
„Bereit zum Pausenumbau”, meldet der Inspizient in sein Mikro. Gewusel im Hinterraum. Die Regisseurin kommt dazu, sie hat den ersten Teil im Zuschauerraum verbracht. „Ein zurückhaltendes Publikum heute”, findet sie. „Aber auch wenige Kinder. Morgen Vormittag kommen Schulklassen.”
Fünfzehn Minuten später sind alle wieder auf ihren Positionen. Auf der Bühne muss Schneewitte für die Zwerge putzen. Hinten bläst eine Assistentin mit einem Gerät Dampf in einen Topf und drückt schnell den Deckel zu. Den Topf bekommt Schneewitte in die Hand gedrückt. Das steckt also hinter der scheinbar dampfend heißen Mahlzeit - nur eine Portion künstlicher Rauch.
Schließlich sind die anderthalb Stunden herum und der Applaus schallt künstlich durch die Tonübertragung in den Hinterraum. „Los, noch einmal nach vorne und verbeugen”, ruft jemand vom Bühneneingang den Schauspielern zu. Die Gesichter sehen erhitzt und erleichtert aus, als sie sich schließlich hier sammeln. „Das war super, das habt ihr gut gemacht”, lobt die Regisseurin.
Zehn nach halb neun. Die Schauspieler verschwinden in die Umkleiden, auf der Bühne werden Papierschnipsel zusammen gefegt. Das große Gerüst kann stehen bleiben, morgen Vormittag startet gleich die zweite Vorstellung. Nach großer Hektik und routiniertem Schauspiel kehrt sehr schnell Ruhe ein. Ein verdienter Feierabend.