Schillers „Don Karlos“ hat Calixto Bieito zu einer Messe über Liebe, Triebe und Käfige eingedampft
Von Anne Richter
Ein großes Treibhaus steht auf der Bühne, davor ein Junge von der Straße: mit Kopfhörern singend und wippend empfängt er mit guter Laune das Publikum. Es ist Kronprinz Don Karlos. Er hat zwei typische Pubertätsprobleme: Er liebt die falsche, nämlich seine Mutter. (Schillerkenner wissen, dass Königin Elisabeth seine Stiefmutter ist.) Das zweite ist der alte Generationenkonflikt: Sein Vater König Phillip will ihn nicht als Mann anerkennen und an der Macht, sprich den Staatsgeschäften beteiligen. Wenn Don Karlos sich enttäuscht zu seinem Schmusetier oder seinem Sandspielzeug zurückzieht oder hormongesteuert auf seine Mutter losgeht, kann man die Entscheidung seines Vaters sogar verstehen. Diesem Kronprinz würde wohl keiner die Verantwortung über andere Menschen anvertrauen, geschweige denn ein Heer.
König Phillip ist der Pflanzenhüter in seiner Treibhauswelt. Hier wächst nichts natürlich, alles wird beschnitten, gedüngt und nur mit Handschuhen berührt. Seine pflanzlichen Samen gehen auf, denn sie sind von Leichen gedünkt. Menschen erblühen hier nicht. Für seine Frau und seinen Sohn ist das Treibhaus ein Gefängnis.
Der katalanische Regisseur Calixto Bieito hat mit seinem Regieteam den Stoff von Schillers „Don Karlos“ auf 100 pausenlose Minuten eingedampft. Sein Thema benennt er in seinem Untertitel: „Sorgen und Nöte einer spanischen Familie, die von den Königswürden der Vergangenheit und dem Elend der Gegenwart träumt.“ Calixto Bieito hat für seine „Don Karlos“-Inszenierung das Team und die Darsteller aus Barcelona vom koproduzierenden Teatre Romea mitgebracht. Die Schauspieler spielen auf Kastillisch, was bei den kommenden Vorstellungen in Barcelona sicher für Aufregung sorgen wird. In Mannheim kämpft man eher mit den schnellen deutschen Übertiteln, so dass einige selbst das berühmteste Zitat des Stückes „Geben sie Gedankenfreiheit!“ verpassen.
Aber um Schiller geht es Calixo Bieito auch nicht. Es geht ihm um den Kampf zwischen Freiheit und Totalitarismus. Klar dass dieser Kampf bei Calixo Bieito reichlich Anlass für Blut, Schlamm, Sex und Tränen gibt. Seine Regiemittel sorgen in der deutschen Opernszene regelmäßig für Empörung. Zur Eröffnung der Schillertage im Schauspiel gab es Standing Ovations. Hier wird erwartet, dass drastische Bilder für komplexe Gefühle gefunden werden.
Ausufernd ist sein eklektische Einsatz von Kunstmitteln aller Sparten. Die heilige Messe wird ebenso zitiert wie Popmusik. Das Treibhaus in seiner Architektur erinnert an eine Kirche mit Mittelgang und Seitenschiffen und ist von El Boscos Gemälde „der Garten der Lüste“ inspiriert. Bespielt wird aber vor allem die Rampe. Verdi und Ligeti erklingen ebenso wie „Pleased to Meet You“ von den Rolling Stones. Die Frauen tragen die historisch anmutenden Kostüme des 16. Jahrhunderts. Mit einem Blick ist klar, dass sie mit ihren Röcken kaum durch die Pflanzenkübel und Tische mit Triebpflänzchen kommen. Etwas leichter in Königs Phillips Welt habe es die Männer in ihren heutigen Kostümen. Die Sopranistin Begona Alberdi spielt und singt die Herzogin von Alba. Dass sie mit ihrer ausgestellten Körpersprache und ihrem klassischen Gesang keine Verbindung zum Marquis von Posa - in der auf Identifikation setzenden Darstellung von Rafa Castejon - herstellen kann, ist auch sehr schnell klar.
Die Gegensätze in Calixo Bieitos Karlos-Welt sind so groß und deutlich, dass der Schluss schon im Anfang liegt: Hier wird es eine Schlammschlacht ohne Gewinner geben.
