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Mitten ins Herz

Mittwoch, 24. Juni 2009

Armin Petras besuchte Bochum mit seinem Gastspiel aus Hamburg, genauer gesagt aus dem Thalia Theater in der Gaußstraße. Mit „Rose – oder Liebe ist nicht genug“ feiert er seinen Abschied aus dem Theater, welches er während der letzten Jahre deutlich mitprägte. Doch bevor in Hamburg der letzte Vorhang fallen wird, gab es für die Bochumer die Gelegenheit dieses hervorragende Stück zu sehen.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Gina liebt den Rocker Ed, ist schwanger von ihm und auf der Such nach ihm – denn schon seit Tagen ist dieser verschwunden.
Sie trifft eine Freundin, sowie deren Musikproduzenten in einem abgewrackten Tonstudio. Während Gina an der Tür lauscht, sehen wir ein Pantomimenspiel erster Klasse, denn die klapprige Sperrholzkonstruktion repräsentiert unter anderem schalldichte Wände. Gina wird von Lemmy, dem Produzenten, angebaggert und schließlich geschlagen als diese ihn abweist.
Ed kehrt zurück, verliebt wie eh und je, erfährt von den Gewalttaten und schlägt Lemmy zu Brei. Als Folge ist dieser behindert und Ed in der Psychiatrie – für zehn Jahre.
Hier geschieht ein Bruch. Ohne viel Drumherum befinden wir uns plötzlich zehn Jahre später. Gina liebt nun Jonas, hat neben Rose, Eds Tochter, noch zwei andere Kinder und lebt in einem Haus. Ihr neuer Mann ist der perfekte Spießer; Tennisspieler und Redakteur. Gina wurde zu einem neuen Menschen, oder jedenfalls sollen wir das denken, bis Ed aus der Anstalt entlassen wird und zu seiner Geliebten zurückkehrt.
Es beginnt ein emotionales Hin und Her und doch ist es schon eigentlich ziemlich früh klar, dass Gina Ed liebt und zu ihm zurück gehen wird. Und so geschieht es dann auch, obgleich Gina selber sagt, dass keiner wissen würde wie lange das halten kann.
Petras erzählt eine stringente Handlung und es gibt nicht vieles das schwer zu verstehen ist. Die Handlung ist glasklar und auch die klischeehaften Figuren führen dazu, dass niemand im Dunklen bleiben muss. Kein Rockervorurteil wird ausgelassen und die Kostüme könnten kaum trashiger sein.
So sind die Figuren zwar ganze Prolls, aber niemals nicht liebenswert.
Durch die großen Sprünge in der Handlung bleiben sie schemenhaft und obwohl dies für einige Verlust bedeuten mag, so ermöglicht es auf der anderen Seite enorm viel. Wann verläuft das Leben denn schon mal nur logisch? Und so handelt Gina irrational und neurotisch. Petras lädt zum Weiterdenken ein. Weiterdenken über die Frage wie Ed und Ginas Leben verlaufen wird; was in der Anstalt geschah oder wie sich Jonas und Gina kennen lernten.
„Rose“ ist heillos romantisch und Elmar Goerden hat Recht, wenn er während des Publikumsgespräch sagt :„Es geht mitten ins Herz.“
Und dennoch: Gina verlässt nicht nur Jonas, den sie seit neun Jahren liebte, sondern auch ihre drei Kinder. Selbst Rose ist nun nicht mehr die Tochter des Rockers, sondern die des Spießers.
Neben der großen Liebe, der Seelenverwandtschaft thematisiert Petras den Verlust. Verlust von zehn verschenkten Jahren. Jahren in der Psychiatrie oder einer falschen Ehe. Verlust weil man nicht anders kann.
Obgleich das Stück allein schon gut ist, wird es erst durch die überragenden Schauspieler zu dem was es am Ende ist. Susanne Wolff als Gina bringt die innere Zerrissenheit mit einer Genauigkeit rüber die selten ist. Alle anderen sind mindestens ebenso gut und unterstützt werden sie vom hervorragenden Bühnenbild.
Mit wenig viel machen, scheint hier das Thema – und es gelingt. Der Bruch in der Handlung wird durch die Totalausräumung auf der offenen Bühne verdeutlicht und zu einer anderen Zeit wird das Tonstudio zu einer stummen Kammer. Petras zaubert wunderschöne Bilder, die man aus dem Theater heraus weiter mit sich trägt.

(Janine Wahrendorf)

CAR MEN & BIRTH DAY

Montag, 22. Juni 2009

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Der tschechische Choreograph Jiří Kylián brachte zusammen mit der niederländischen Tanztruppe PARADOX gleich zwei seiner Werke in die Kammerspiele in Bochum.
Begonnen wurde mit einem halbstündigen Stummfilm, angelegt an die Oper „Carmen“. Während man nur an einigen kurzen Momenten Musikfetzen aus dem Original wieder finden konnte, waren die vier Hauptfiguren kaum verändert.
So gab es also die Verführerin Carmen welche von Don Jose verehrt wird. Dessen einfache aber herzensgute Schwester Micaela und den Frauenhelden Escamilio.
Das Werk ist angefüllt mit schrägen Soundeffekten, verzogenen Grimassen schnellen Bewegungen und durchgeplanten Choreografien– also eine Hommage an den Stummfilm.
Die Personen bewegen sich in einer offenen Kohlemiene, welche zeitgleich als Schrotthalde zu funktionieren scheint. Das Setting also ist surreal und die Handlung ebenso, wenn man überhaupt von Handlung sprechen mag. Da werden zum Beispiel verschiedene Rad ähnliche Schrottteile wild durch die verstaubte Gegend gerollt und dabei herum gesprungen.
Anders aber als bei Salvador Dalis surrealistischem Werk „Ein andalusischer Hund“ fehlt CAR MEN der subtile Humor. Es ist regelrecht anstrengend dem albernen Rumgehüpfe zu zusehen. Noch viel schlimmer allerdings war die danach folgende dreißigminütige Pause. Das hauptsächlich ältere Publikum wurde deutlich ungeduldig und betonte nach etwa zwanzig Minuten schon „Es kann jetzt weiter gehen!“
Und das tat es dann auch endlich. Die Protagonisten des Filmes (mit 2 Abweichungen) betrat die Bühne in barocken Gewändern, um an einem Tisch Platz zu nehmen. Begleitet wurden sie in „Birth Day“ von klassischer Musik von Mozart.
Es wurde eine Choreographie mit Fächern gezeigt, die aber leider zu häufig wiederholt schien und sich mit der Zeit abnutzte.
Während einige der Tänzer immer mal wieder abgingen, konnte man durch eine Beamer Projektion am Geschehen in den anderen Räumen des Hauses teilnehmen.
Laut Programmheft sollte es um die vielen Seiten des eigenen Geburtstags gehen. Das Leben, der Tod und die Zeit dazwischen; ein melancholischer Tag voller verschiedener Aufladungen. Was sich zuerst einmal spannend anhört wurde aber leider nur durch Singen eines Geburtstagsliedes und einer Torte wieder aufgegriffen.
Der Abend schien allzu unzusammenhängend. Es fehlte an Bewegung und Körperlichkeit – und dennoch: man sah den Tänzern ihren Spaß und ihr Engagement an und das Publikum schien zufrieden. Vielleicht hatte also nur ich andere Vorstellungen von diesem „Tanzabend“.

(Janine Wahrendorf)

Sein oder Nichtsein - Noch ist Polen nicht verloren

Sonntag, 21. Juni 2009

Den Auftakt im großen Haus machte die Eigenproduktion des Bochumer Schauspielhauses „Sein oder Nichtsein. Der Stoff basiert auf einem amerikanischen Kinofilm von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1942 der wiederum den Text von Mechior Lengyel zum Vorbild hatte. Daher rührt auch der Untertitel des Stückes „Noch ist Polen nicht verloren“.
Wir befinden uns in Warschau kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Eine polnische Theatertruppe um den Schauspieler Joseph Tura probt eine antifaschistische Komödie Namens „Gestapo“, sowie den alten Klassiker „Hamlet“. Schon hier zeigt sich der Gegensatz von zeitgenössischer Kunst und dem altbewährten. Während sich besonders die jüngeren Schauspieler etwas von dem aktuellen Stück verhoffen, gibt sich der eitle Starschauspieler Tura gelangweilt und unterfordert. Ständig betont er, wie unwiderstehlich gut er sei und dennoch – während seines „Sein oder Nichtsein“ Monologes schleicht sich ein junger Soldat wiederholt in die Garderobe seiner Frau Maria.
Die Uraufführung von „Gestapo“ wird schließlich verboten und der Krieg bricht während einer „Hamlet“ Aufführung aus. Ab diesem Zeitpunkt beginnt ein heiteres Verwechselspiel, welches nicht selten an Komödien von Shakespeare erinnert. Das Tempo ist rasant und geprägt von den vielen Auf und Abgängen durch die zahlreichen Türen auf der, sich ständig bewegenden Drehbühne.
Der Spitzel Siletsky tritt auf, welcher Maria für sich und die nationalsozialistische Sache gewinnen möchte. Es gilt also, ihn ruhig zu stellen, den polnischen Untergrund zu stärken und das Theater zu entasten.
Joseph Tura begibt sich in die Rolle des Gruppenführer Erhardt um Siletsky zu täuschen, bis er später auch in dessen Rolle schlüpfen muss um dann eben vor Erhardt zu stehen. Ein Spiel der Verkleidungen und falschen Bärte beginnt bei dem es letztendlich auf die Rettung der gesamten Theatertruppe ankommt.
Die Nazis sind in „Sein oder Nichtsein“ eine dümmliche, aber skrupellose Gruppe von Marionetten, die alle angsterfüllt sind. Entweder vor Gruppenführer Erhardt oder, wie in seinem Fall, vor Hitler selbst.

Die Inszenierung von Henner Kallmeyer hat sicherlich seine guten Seiten. Als allererstes wäre hier das gesamte Ensemble zu nennen, welches durch die Bank weg überzeugt. Besonders Bernd Rademacher als Joseph Tura und Henning Hartmann als Gruppenführer Erhardt verhalfen ihren Rollen zu Komik und Agilität.
Einige Szenen bestechen durch gutgetimte Komik und ernteten schallendes Gelächter aus dem gut besuchten Zuschauerraum. Doch neben dem lachenden Großteil des Publikums, gab es auch immer wieder vereinzelte, verärgerte Menschen, die den Saal schon früher verließen und das Stück als “Unverschämtheit“ und „Farce“ beschrieben.
Nun sollte „Sein oder Nichtsein“ ja genau das sein – eine Farce. Doch auch wenn die Nazis gekonnt zu albernen Puppen und die Zuschauer zu freudigen Mitwissern gemacht werden – die flachen Slapstick Einlagen Ähnlichkeiten mit den Indiana Jones Filmen (das Bühnenbild als augenscheinlichstes Beispiel) die Kallmeyer auch musikalisch zitierte. Der melodramatische Anteil der Geschichte kommt leider zu kurz. Sicherlich ist die ernste Seite der Thematik unanfechtbar und wenn diese Szenen dann auch mit der passenden Ernsthaftigkeit dargestellt wären, hätte sich eine beklemmende Atmosphäre entfalten können, die durch die gut getimte Komik gebrochen worden wäre.
So aber versinkt man in einem Meer von Blödelwitzen und kann niemanden ernst nehmen. Tura, der Held wider Willen, bleibt ein Abziehbild vom narzisstischen Starschauspieler und kann nur sehr selten seine mutige und aufopfernde Seite zeigen.
Und dennoch, „Sein oder Nichtsein“ scheint gut unterhalten zu haben, denn das Groß der Zuschauer verließ den Theatersaal mit einem lachenden Gesicht.
Simpler Nazi Humor kommt in „Sein oder Nichtsein“ also noch immer gut an. Schön wäre es jedoch wenn er über Slapstick Einlagen hinauskommen könnte und sein eigenes Momentum entwickeln könnte, anstatt von anderen Werken abzukupfern.

(Janine Wahrendorf)

Eine ganz kleine Theaterrevolution

Sonntag, 21. Juni 2009

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Begonnen wird hier nun endlich mit „Etiquette“ - entwickelt von Sylvia Mercuriali und Anthony Hampton unter ihrem Künstlerpseudonym Rotozaza.
„Etiquette“ ist eine sogenannte Autoteatro-Arbeit. Dabei wird die Handlung nicht etwa von Schauspielern entwickelt, sondern von den Zuschauern selbst.
Ausgestattet mit Kopfhörern, Wassergläsern und einigen anderen Requisiten sitzen sich zwei Teilnehmer gegenüber. Durch die Kopfhörer werden Anweisungen oder Dialoge vorgegeben und langsam aber sicher entstehen Handlungen vor den eigenen Augen. Dadurch, dass man nur die eigenen Anweisungen, nicht aber die des Partners, hört wird man überrascht und gut unterhalten.
„Etiquette“ braucht keine Schauspieler, kein Bühnenbild und keine Kostüme. Durch die Imagination und ein Stück Kreide entstehen ganze Welten.
Sitzt man in einem Moment noch einem alten Mann gegenüber, spielt sich im Nächsten ein Ehestreit a la Ibsen vor sich ab.
Im Rahmen des Festivals findet „Etiquette“ in der hauseigenen Evebar statt. Die Atmosphäre stimmt. Während sich vor einem romantische, kuriose und energische Szenen abspielen, wird hinter sich heiter getrunken, gequatscht und gelacht. Die Ideen sind pfiffig und die Zeit verfliegt nur so. Gerne wäre man auch über die dreißig Minuten hinweg sitzen geblieben.
Und doch endet der Abend schon wieder – die Gedanken an „Etiquette“ aber bleiben. Erst durch Gespräche mit dem Spielpartner zeigt sich das große Ganze und man wird immer und immer wieder in Staunen versetzt. So findet man zum Beispiel erst Stunden später ein, vom Partner beschriebenes, Kärtchen welches man zuvor in eine selten benutzte Tasche stecken sollte.
Als einziges Manko wäre hier der Preis zu nennen. 6,60€ sind schon happig - für dreißig Minuten Spaß, bei dem bis auf zwei Gläser Wasser, kaum etwas erneuert werden muss.
K15 beginnt also mit einer frischen Idee, die viel Potenzial zeigt. Vielleicht haben ja auch schon ein paar lokale Barbesitzer ein Auge auf Rotozazas Projekte geworfen.
Zu hoffen bleibt es jedenfalls, denn „Etiquette“ macht Spaß!
(Janine Wahrendorf)