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„Du bist anders. Wir sind verschieden.“

Mittwoch, 21. Juli 2010

Der vierte Tag, die dritte Aufführung. Die pottfiction-Gruppe des HELIOS Theaters aus Hamm spielt zum Thema „Zusammenleben“. Das Stück heißt Raumteiler und wurde von Barbara Kölling, Katja Ahlers, Stefan Blank und Steffen Moor inszeniert.

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Darf ich bei dir wohnen?

Schon das Bühnenbild bezieht die Zuschauer räumlich mit ein. Man sitzt um eine rechteckige Bühne herum, an allen vier Seiten sind Bänke aufgestellt.
Das Licht geht aus und die Musik an. Das Stück beginnt mit leichten Bewegungen. Zaghaft kommen die Schauspieler hinter den Leinwänden, den Raumteilern, hervor auf die Bühne.
Es folgt eine lockere Szenenfolge, die verschiedene Facetten des Zusammenlebens ganz unterschiedlich zeigt. Zum Beispiel Alt und Jung, Sie und Er, Familie und Nachbarn.
Das Publikum wird angesprochen: „Darf ich bei dir wohnen? Und zu welchen Bedingungen?“
Jetzt erfüllt die Sitzordnung ihren Zweck, denn Publikum und Schauspieler befinden sich auf einer Ebene und können kommunizieren. Manchen ist das unangenehm, während andere sich auf ein Gespräch begeistert einlassen. Das Konzept geht also teilweise auf.
Es gibt sehr zärtliche Szenen. Wenn die Darsteller sich zur Musik annähern ist der Zuschauer berührt. In immer neuen Konstellation nähern sich die Jugendlichen an.
Doch dann der Bruch. „Du bist anders“ in sämtlichen Sprachen. Beziehungsprobleme, jeder will das Beste für den Anderen oder das Beste für sich selbst. Das kann nicht immer funktionieren.
Auch persönliche Berichte von Menschen, die auf der Straße befragt wurden, kommen zum Einsatz. Die Bürger berichten offen, wie sie leben und mit wem sie leben. Durch O-Töne kommen Menschen aus allen Altersklassen zu Wort. Alle leben anders zusammen.
Dieses Persönliche gibt dem Stück etwas Besonderes. Es ist nichts erfunden. Die Gruppe hat durch die Berichte ein Mittel gefunden, frei von Klischees zu zeigen, wie Zusammenleben sein kann.

Große Vielfalt

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Es werden viele künstlerische Mittel genutzt. Die Darsteller sprechen in Chören, tanzen oder zeigen Dias. Sie malen mit Kreide, verwischen, hinterlassen ihre Fußabdrücke im Kreidestaub. Die Raumteiler werden für ein Schattenspielgenutzt. Die Darsteller bilden mit verschiedenen Bewegungen eine ineinander verzahnte Maschine. Ganz unterschiedliche Formen von Ästhetik finden in diesem Stück ihren Platz.
Am Ende werden die Raumteiler verschoben. Nun trennen sie die Bühne nicht mehr in zwei Hälften, sondern sind im Raum verteilt. Die ganze Bühne wird genutzt. Es finden wieder Begegnungen statt. Die Spieler sitzen zwischen den Leinwänden und lernen sich kennen.
Die Form die Hamm gewählt hat, ist sehr passend um das Thema „Zusammenleben“ zu präsentieren. Keine festen Rollen, keine feste Handlung, eine große Vielfalt. Das Spiel ist auf dem Punkt. Es sind schöne 50 Minuten Theater.

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Sarah Lena Tzscheppan
Fotos:Julian Müller,Sascha Rutzen

Der dritte Tag

Montag, 10. Mai 2010

Copyrigt Jennifer Bunzeck

Hamlet Episode

Sonntag, 28. Juni 2009

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Die einzige staatlich subventionierte Tanztruppe Koreas besuchte Bochum mit ihrer außergewöhnlichen Version von Shakespeares’ Hamlet.Die Daegu City Modern Dance Company wurde vertreten durch 27 Tänzer, die ihre Körper benutzten um dem großen Stück Leben einzuhauchen.
Anstatt sich an die dramatische Form und ihre Chronologie zu halten, entwickelte der Choreograph Choi Du Hyuk ein Spiel aus sieben Episoden.
Diese erzählten jeweils aus der Sicht von Ophelia, Gertrude, Claudius, Hamlets Vater, Laertes und zu letzt natürlich Hamlet selbst.
Dabei geht es um Liebe, Gewalt, Verrat und Jugend. Der moralische Fall der Figuren wird in den einzelnen Episoden ebenfalls verdeutlicht.

Wie sich die jeweiligen Perspektiven und Themen ändern, so wechselt dann auch die Musik von ruhigen zu rockigen und elektronischen Tönen. Sein fulminantes Finale findet „Hamlet Episode“ mit einer Streicherversion von Metallicas „Nothing else matters“.

Die Beleuchtung tut das ihrige zu Unterstützung der Atmosphäre und vermischt alte und neue Techniken zu einer funktionierenden Symbiose.

Alles ist stimmig und doch wird eines deutlich – auch die Tänzer allein hätten schon mehr als überzeugt, denn was diese mit ihren Körpern machen können ist beeindruckend. Und so hört man hier und da immer mal wieder ein überraschtes und entzücktes „WOW!“ aus dem Zuschauerraum.

Mit einer Leichtigkeit fliegen die Tänzer in die Luft; vermischen sich Tanz und Akrobatik.
Wo es in einem Moment noch zärtliche Berührungen gab, sind im nächsten schon Energiegeladene Sprünge quer über die Bühne zu sehen.

Die Zeit vergeht dann auch viel zu schnell und belohnt wird “Hamlet Episode” dann zu Recht mit Minuten langen Standing Ovations.

(Janine Wahrendorf)

Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Dienstag, 23. Juni 2009

Bei den Schillertagen meint das ein Gastspiel von „Die Räuber“, das nach den herkömmlichen Theaterregeln abläuft und ganz für Zeitgenossen von 2009 gedacht und gemacht ist.

Von Anne Richter

Es fängt schon gut an: Die Techniker von der Schaubühne aus Berlin tragen ein schwarzes T-shirt mit dem Aufdruck „Zeitgenossen“. Und wirklich, die Inszenierung von Lars Eidinger mit Schauspielschülern der Ernst-Busch-Hochschule Berlin und Urs Jucker als Vater und Pater aus dem Schaubühnen-Ensemble hält dem Anspruch, aus Schillers Räubern von 1782 Zeitgenossen zu machen, stand.

Die Räuber unter Berliner Himmel

Die Räuber unter Berliner Himmel

Die besondere Qualität dieser Arbeit fußt im Simultanbühnenbild von Christoph Rufer, das einen gleichzeitigen Ablauf der beiden Handlungsstränge um die konkurrierenden Brüder Karl und Franz ermöglicht. Die Brüder, die sich in Schillers Drama nie begegnen, sehen sich in dieser Inszenierung ständig in die Augen. Jeder handelt in seiner Welt, sprich im eigenen Bühnenbereich. Rechts ist etwas tiefer gelegt, der gepolsterte Fernsehraum im Schloss von Moor; links erhöht die Plattform für die Räuberbande, anfangs mit Biertisch bestückt und mit einem auch als Wachturm dienenden Baum als Böhmischer Wald.

Aber alles Denken und Handeln der Brüder dreht sich nur um den jeweils anderen, den man hier nicht nur vorm inneren Auge hat. Mit schneller Schnitttechnik verzahnt Lars Eidinger die parallel verlaufenden Szenen. Wachsam beäugen die jeweils Stummen das Spiel der anderen Partei.

In knappen zwei Stunden erzählt die Inszenierung von Lars Eidinger vom Untergang einer Familie. Am Anfang hängt Vater Moor bis zur Unbeweglichkeit als Tonne auswattiert vorm Fernseher. Trotz Beatmungshilfe ist jeder Atemzug von ihm eine hörbare Kraftanstrengung. Am Ende atmet der Vater – bis auf die Haut abgemagert ist hier im wörtlichen genommen – immer noch, nur seine beiden Söhne liegen tot in seinem Schoß.

Dazwischen proben die Räuber den Aufstand, Franz spinnt seine Intrigen und Amalia such Trost im Singstar. Der Einsatz und die Auswahl der Musik ist ein weiteres Qualitätsmerkmal der Arbeit: Rod Stewart, Simon and Garfunkel, Queen und Mariah Carey stehen für die großen Emotionen des Dramas. Aus Sicht von heutigen 22-jährigen, so alt war Schiller bei der Uraufführung und nicht viel älter sind auch die Darsteller auf der Bühne, sind diese Pop-Schnulzen „uralt“. Darum treffen sie genau den Punkt des Altmodischen, aber doch zeitlos gültigen der extremen Gefühle in Schillers hoher Sprache.

Altmodisch, ernst und doch brennend aktuell ist die Gruppe zorniger junger Männer gezeichnet, die gegen die Macht der Väter anrennt. Jeder für sich spielt eine volle Charakterstudie, deren Not man verstehen kann. Die Gruppendynamik von Jungendlichen funktioniert nach wie vor gleich. Nach dem Ausstieg, bei Schiller dem Gang in die Wälder, treten die Räuber in Unterwäsche und Waffen auf. Nun ähneln sie ihren Kollegen aus Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ und schlagen mit gleicher Härte und gleichem Überraschungseffekt zu. Auch das ist in seiner Konsequenz stimmig. Schillers Figuren sind Zeitgenossen, wenn sie auch etwas altmodisch sprechen.

Diese Inszenierung wurde in diesem Blog auch im Rahmen des Festivals „radikal jung“ in München am 19.4. besprochen. Der YouTube-Trailer der Inszenierung ist dort auch zu finden.

Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?

Montag, 22. Juni 2009

Die Schillertage sind ein multimedialer Event geworden, bei dem alle mitspielen können.

Von Anne Richter

Am dritten Tag der Schillertage war wirklich alles im Spielen: Im Jobcenter hinter dem Nationaltheater hat der Berliner Künstler Ulf Aminde eine begehbare Installation mit Mitarbeitern und „Kunden“ des Jobcenters entwickelt. Der SWR2 sendet aus dem Theaterfoyer das erste Gesprächsforum seiner fünfteiligen Reihe „Schiller on Air“. Die letzte Schlacht um die letzte Karten für „Am Arsch, DIE RÄUBER“ war ausgetragen. Das Gastspiel „Kabale und Liebe“ vom Deutschen Schauspielhaus im NT und die Premiere von „Elisabeth Tudor – Homo Ludens – eine Rehabilitation“ in der Herz Jesu Kirche begannen pünktlich.

Und überall gibt es kleine Zwischenspiele:
Die britische Schauspielerin Lucy Ellinson, eine der Spielerinnen in „Homo Ludens“ steht im Tig7-Innenhof plötzlich mit einem Würfelbecher vor mir und möchte mir eine persönliche Erinnerung schenken. Ich würfle die Zwei und bekomme eine liebenswerte Begebenheit berichtet.
Kurz darauf am zentralen Schiller-Sandkasten stehen zwei junge Frauen vor mir und bitten um einen Geschichtsausdruck zum Gefühl Neid. Das Foto ist schnell gemacht und stehe ab morgen auf www.raeuberevent.de, sagen sie noch bevor sie sich dem nächsten Gefühlsspieler zuwenden.
Der riesige Schiller-Sandkasten vorm Nationaltheater ist durch den Regen gerade leer gefegt. Bis zum Regenguss wurde er aber vor allem vom jungen Volk bespielt. Er ist das ZIEL, zu dem aus der ganzen Stadt Spuren aus runden Flächen, also Spielfeldern, führen. Sie fordern auf: Rücke vor bis zum Spiel, im Sand oder im Theater. Der Sand ist nass, also nehme ich das Theater.

Die umworbene Amalie

Die umworbene Amalie


„Am Arsch, DIE RÄUBER!“

ist eine der vielen Produktionen, die die Schillertage in Auftrag gegeben haben. Ursprünglich waren die Schillertage ein Festival, das aktuelle Schiller-Interpretationen zusammen brachte. Seit Burkhard C. Kosminski mit seinem Team 2007 die künstlerische Leitung der Schillertage hat, sucht das Festival vermehrt Partner für gemeinsame Arbeiten. So kam es zu den beiden Premieren am Eröffnungsabend: die „Don Karlos“-Fassung von Calixto Bieito und „Am Arsch, DIE RÄUBER“ vom Helmi Theater aus Berlin.
Ich sehe die letzte Vorstellung bevor diese fröhlich anarchische Puppenspielfassung von Schillers Debütstück nach Berlin abreist. Die Räuberbande ist wie beim Helmi so oft ein wilder Schaumstoffhaufen, der gerne zur Gitarre greift. „Am Arsch, DIE RÄUBER!“ erklingt als Titel gebender Refrain, der den Haufen loser Gestalten immer wieder vereint.
Wie erwartet bei den Helmis ist in ihrer Fassung von „Die Räuber“ nicht viel von Schillers Text und Welt zu finden. Allein die Figuren und Grundkonflikte kennen wir.
Franz ist hier deutlich der kleine Bruder, der Karl nicht das Wasser reichen kann. Papa Mohr braucht Amalie und Franz, um sich in seinem Schloss und den TV-Kanälen zurechtzufinden. Sein riesiger Kopf spuckt aber immer nur die gleichen vier Buchstaben heraus: K A R L. Die Amalia-Puppe gleicht Miss Piggy aus der Muppet Show so sehr, dass es gar nicht verwundert, als Karl nach Jahren des Wartens im Wald Kermit, den Frosch bei laufender Sendung entführt, um wieder in Kontakt zu seinem Vater zu kommen.

Die Räuberbande besteht aus Pferd, Schnecke und wenigen Schillerfiguren, wie Karls Gegenspieler Spiegelberg. An dieser Puppe und seiner präzisen Führung und Sprachgebung durch Brian Morrow wird am deutlichsten, wie Puppenspiel das Theater bereichern kann: Die Siegelberg-Puppe hat die übliche Brille auf und einen großen Denkerkopf. Dieser kann aber einfach nach hinten wegklappen, wenn Spiegelbergs wahres Gesicht in Form eines kleinen, fiesen Monsters zum Vorschein kommt. Zwei ehrliche, entlarvende Sätze und – klapp – der öffentliche Spiegelberg-Kopf sitzt wieder. Da braucht keiner herum zu psychologisieren: ein Bild, ein Puppenbau-Effekt und alles ist gespielt.

Das macht Spaß, den Spielern wie den Zuschauern. Der Titel des SWR2 Gesprächsforums kommt mir wieder in den Sinn: „Alles nur zum Spaß – Welchen Zweck hat das Spiel?“ Die Zweck-Frage wäre jetzt aber die Metaebene, auf die wir uns – köstlich amüsiert – beim Helmi lieber nicht einlassen wollen.