Den Auftakt im großen Haus machte die Eigenproduktion des Bochumer Schauspielhauses „Sein oder Nichtsein. Der Stoff basiert auf einem amerikanischen Kinofilm von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1942 der wiederum den Text von Mechior Lengyel zum Vorbild hatte. Daher rührt auch der Untertitel des Stückes „Noch ist Polen nicht verloren“.
Wir befinden uns in Warschau kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Eine polnische Theatertruppe um den Schauspieler Joseph Tura probt eine antifaschistische Komödie Namens „Gestapo“, sowie den alten Klassiker „Hamlet“. Schon hier zeigt sich der Gegensatz von zeitgenössischer Kunst und dem altbewährten. Während sich besonders die jüngeren Schauspieler etwas von dem aktuellen Stück verhoffen, gibt sich der eitle Starschauspieler Tura gelangweilt und unterfordert. Ständig betont er, wie unwiderstehlich gut er sei und dennoch – während seines „Sein oder Nichtsein“ Monologes schleicht sich ein junger Soldat wiederholt in die Garderobe seiner Frau Maria.
Die Uraufführung von „Gestapo“ wird schließlich verboten und der Krieg bricht während einer „Hamlet“ Aufführung aus. Ab diesem Zeitpunkt beginnt ein heiteres Verwechselspiel, welches nicht selten an Komödien von Shakespeare erinnert. Das Tempo ist rasant und geprägt von den vielen Auf und Abgängen durch die zahlreichen Türen auf der, sich ständig bewegenden Drehbühne.
Der Spitzel Siletsky tritt auf, welcher Maria für sich und die nationalsozialistische Sache gewinnen möchte. Es gilt also, ihn ruhig zu stellen, den polnischen Untergrund zu stärken und das Theater zu entasten.
Joseph Tura begibt sich in die Rolle des Gruppenführer Erhardt um Siletsky zu täuschen, bis er später auch in dessen Rolle schlüpfen muss um dann eben vor Erhardt zu stehen. Ein Spiel der Verkleidungen und falschen Bärte beginnt bei dem es letztendlich auf die Rettung der gesamten Theatertruppe ankommt.
Die Nazis sind in „Sein oder Nichtsein“ eine dümmliche, aber skrupellose Gruppe von Marionetten, die alle angsterfüllt sind. Entweder vor Gruppenführer Erhardt oder, wie in seinem Fall, vor Hitler selbst.
Die Inszenierung von Henner Kallmeyer hat sicherlich seine guten Seiten. Als allererstes wäre hier das gesamte Ensemble zu nennen, welches durch die Bank weg überzeugt. Besonders Bernd Rademacher als Joseph Tura und Henning Hartmann als Gruppenführer Erhardt verhalfen ihren Rollen zu Komik und Agilität.
Einige Szenen bestechen durch gutgetimte Komik und ernteten schallendes Gelächter aus dem gut besuchten Zuschauerraum. Doch neben dem lachenden Großteil des Publikums, gab es auch immer wieder vereinzelte, verärgerte Menschen, die den Saal schon früher verließen und das Stück als “Unverschämtheit“ und „Farce“ beschrieben.
Nun sollte „Sein oder Nichtsein“ ja genau das sein – eine Farce. Doch auch wenn die Nazis gekonnt zu albernen Puppen und die Zuschauer zu freudigen Mitwissern gemacht werden – die flachen Slapstick Einlagen Ähnlichkeiten mit den Indiana Jones Filmen (das Bühnenbild als augenscheinlichstes Beispiel) die Kallmeyer auch musikalisch zitierte. Der melodramatische Anteil der Geschichte kommt leider zu kurz. Sicherlich ist die ernste Seite der Thematik unanfechtbar und wenn diese Szenen dann auch mit der passenden Ernsthaftigkeit dargestellt wären, hätte sich eine beklemmende Atmosphäre entfalten können, die durch die gut getimte Komik gebrochen worden wäre.
So aber versinkt man in einem Meer von Blödelwitzen und kann niemanden ernst nehmen. Tura, der Held wider Willen, bleibt ein Abziehbild vom narzisstischen Starschauspieler und kann nur sehr selten seine mutige und aufopfernde Seite zeigen.
Und dennoch, „Sein oder Nichtsein“ scheint gut unterhalten zu haben, denn das Groß der Zuschauer verließ den Theatersaal mit einem lachenden Gesicht.
Simpler Nazi Humor kommt in „Sein oder Nichtsein“ also noch immer gut an. Schön wäre es jedoch wenn er über Slapstick Einlagen hinauskommen könnte und sein eigenes Momentum entwickeln könnte, anstatt von anderen Werken abzukupfern.
(Janine Wahrendorf)