Bakchen
Von Euripides. Aus dem Griechischen von Simon Werle.
Am 29.09.2009 im MRS in Wien
Inszeniert von Steffen Jäger im Rahmen des ZORN!-Theaterfestivals
„Ich aber breche in die Schluchten des Kithairon auf; dort sind die Bakchen, dort will ich mit ihnen tanzen.“
Zugegeben: wenn am Ende des Stückes Agaue schreiend und klagend über ihrem Sohn Pentheus liegt, dann wirkt das schon fast zu dramatisch, die Darstellung fast zu überbordend für eine moderne Inszenierung der euripidschen griechischen Tragödie. Aber eben nur fast. Steffen Jägers Bakchen-Inszenierung ist kräftig, wild, (be)rauschend. Und: sie ist zornig. In neunzig Minuten zeigt er das wilde Treiben der Bakchen, die Wut des Dionysos und den schließlich tödlichen Unglauben Pentheus und schafft so einen Theaterabend voll starker und ekstatischer Momente.
Dionysos, der Gott des Weins und der Ekstase, gezeugt von Zeus und Semele, einer Sterblichen, übt Rache. Rache daran, dass seiner Mutter Schwestern behaupteten nicht Zeus habe ihn gezeugt, sondern ein Sterblicher, der Semele verführt habe. Aufgrund dieser Verfehlung ihrerseits habe sie behauptet, Zeus sei der Vater, der sie daraufhin erschlug. Zur Verteidigung seiner Mutter treibt er die Frauen der Stadt Theben, darunter Agauer, Mutter des Pentheus, der wilden Raserei verfallen hinaus in die Wildnis und willenlos nehmen sie Teil an seinen Orgien.
Pentheus, Herrscher über Theben, widersagt Dionysos und wendet sich gegen den in Menschengestalt auftretenden Gott. Trotz, oder gerade aufgrund seiner Angst Dionysos anzuerkennen und damit Unheil über Theben zu bringen, willigt Pentheus ein in Frauenkleidern die Orgien, von denen ihm ein Hirte berichtet, heimlich zu beobachten.
Um das Schauspiel besser überblicken zu können lässt sich Pentheus von Dionysos auf eine Fichte setzen, wird hierbei jedoch von den der wilden Raserei Verfallenen erblickt. Sie schaffen es den Herrscher Thebens zu Fall zu bringen, erkennen ihn jedoch nicht als diesen. Dem Tod ins Auge blickend, offenbart sich Pentheus seiner Mutter Agaue, diese jedoch ist zur sehr Gefangene ihres Rauschs, als dass sie die Identität ihres Sohnes erblickt. Sie ist die Erste, die über ihn herfällt. Gemeinsam mit den anderen Frauen reißt sie Pentheus in Stücke.
Erst als sie voller Stolz mit ihrer erlegten Beute in Theben ankommt, noch sieht sie in ihrem Sohn einen erlegten Berglöwen, löst sich unter den Worten ihres Vaters Kadmos der verhängnisvolle Nebel, der lange ihren Blick trübte. Ihr Schmerz und ihr Leid sind grenzenlos, die letzten Worte aber gehören Dionysos (letztendlich in menschlicher Gestalt):
„Dies sage ich, Dionysos, von keinem Sterblichen gezeugt, sondern von Zeus; hättet ihr da Besonnenheit gezeigt, wo ihr’s nicht wolltet, hättet ihr den Sohn des Zeus zum Mitstreiter und wärt jetzt im Glück.“
Unglaube und Unverständnis, Wut und Leid, Verblendung und Erkenntnis sind die Schlagwörter dieses von Steffen Jäger und seinem Ensemble auf die Bühne gebrachten Textes von Euripides. Der Unglaube und die Angst, die Pentheus zum Verhängnis werden, die Wut der verblendeten Agaue, die ihren eigenen Sohn hinrichtet und das darauf folgende Leid der Erkenntnis. Große Emotionen, gebündelt und intensiv auf die Bühne gebracht. Vergessen werden darf auch nicht der Zorn von Dionysos, dem Verstossenen, dem Sohn des Zeus und einer menschlichen Mutter, dessen wahre Identität verleugnet worden ist, dessen Mutters Name post mortem beschmutzt wurde, der sich Anerkennung gewünscht hätte, diese aber nicht zugesprochen bekommt und daher diesen blutigen, grausamen Schritt geht. Es ist der Zorn, der in ihm kocht und brodelt, Blasen wirft und ein Ventil sucht. Mal ist er dabei der Verführer, mal das beinahe raubtierähnliche Wesen, das über allem steht (im wahrsten Sinne des Wortes), mal einfach der Sohn der seinen Unmut hinausschreit und seine verletzte Seele offenlegt. Es ist wie sooft im Leben: die verletzte Seele als Keimzelle böser, dennoch menschlicher Gedanken, die doch nicht mehr sind als ein Ventil für den Schmerz, der bearbeitet, ja, der beseitigt werden will. Hier jedoch sind es göttliche Gedanken und die von Dionysos eingeleiteten Schritte demnach auch grausamer, brutaler. Er bekämpft die Verleugnung seiner Herkunft, die Lüge an seiner Mutter mit zerstörischer Kraft bis zum bitteren, tragischen Ende. Wojo van Brouwer als Dionysos schreit diesen Zorn mal dem Publikum entgegen, mal hält er ihn unter der Oberfläche zurück, zeigt die menschlichen Züge des Gottes, beobachtet still und bricht aus, bleibt dabei immer präsent. Dionysos als Marionettenspieler, der alles in der Hand hält und manchmal aber, so hat es den Anschein, gerne einfach loslassen würde.

Der schwarze Bühnenraum, gespielt wird auf einer Tribüne, im rechten, hinteren Bühnenraum steht eine Kammer, ähnlich eines Schaffnerhäuschens, das durch Fenster einsehbar ist, dient nicht nur als Bühne, sondern auch als große Tafel, auf der, zum besseren Erkennen der Figuren, hin und wieder die Namen der gerade sprechenden Charaktere aufgeschrieben werden (so z.B. gegen Ende des Stückes, wenn eine der Bakchen als Kadmos auftritt, dies mit dem Aufschreiben des Figurennamens und einem auf sich deutenden Pfeil verdeutlicht). Ein interessanter und auch komischer Einfall des Regisseurs, ist es doch gerade zu Beginn des Stückes ohne Textkenntnis anhand der Inszenierung nicht immer einfach zu erkennen, welche Figur sich gerade zu Wort meldet. Die Bakchen, fünf junge Schauspielerinnen (Veronika Glatzner, Anne Grabowski, Jenny-Ellen Riemann, Eva Maria Sommersberg und Elisa Ueberschaer) treten als Chor auf, direkt folgend auch als Kadmos, Vater der Agaue und als Teresias der Seher. Das chorische Sprechen wird beibehalten, nur die Namen auf dem unteren Bühnenrand schaffen Klärung, wer gerade spricht.
Pentheus, dargestellt von Daniel Frantisek Kamen, zeigt sich daneben als Getriebener, als Herrscher, als Suchender, steht in Jesus-Pose auf einem Stuhl, rennt als Anhänger der Bakchen mit denselben um sein Leben.
Was das Ensemble schauspielerisch und vor allem textlich auf die Bühne bringt ist ein Wort- und Spielrausch, der durch Jägers’ Inszenierung das Publikum in seinen Bann zieht. Nicht immer zwar ist dieser Rausch zu spüren, viele betörende Momente jedoch entschuldigen einige wenige zu lang geratene Sequenzen. Ebendiese Momente, diese Bilder sind es, die das Ausmaß der griechischen Tragödie spürbar machen und den Zusehenden in einen Taumel, ähnlich dem der Bakchen auf der Bühne, fallen lassen.
Schon während das Publikum in den schwarzen Theatersaal betritt, sitzen die fünf (jungen) Frauen verteilt auf der Bühne, bewegungslos verharren sie auf ihren Stühlen, sehen entweder in den Zuschauerraum oder haben ihr Gesicht versteckt. Langsam beginnen sie sich zu rühren, die zuerst ruhigen und sanften Bewegungen werden schneller, wirken immer unkontrollierter. Es wird durch den Raum gegangen, man reibt sich an Wänden, robbt über den Boden: die Raserei ist es, die sich wie ein dunkler Schatten über die Frauen legt. Nach mehreren Minuten dieses Treibens betritt Dionysos die Bühne und die Tragödie beginnt. Szenen wie diese sind es, die das wilde Treiben der Bakchen so spürbar, so erfahrbar werden lassen. Oder auch wenn Pentheus das Treiben der Bakchen beobachten möchte und, um nicht aufzufallen, ein Teil davon werden muss, schafft es Steffen Jäger durch einfache Mittel eine rauschartige Situation, sowohl für die Schauspieler als auch für das Publikum, zu kreieren. Von rechts nach links rennen sie durch den Raum, tauchen auf und verschwinden wieder, verharren kurz, werfen einige Blicke in die Zuschauerreihen, dabei sprechen sie chorisch, wie hypnotisiert ihren Text. Was zuerst etwas befremdlich wirken mag, entwickelt schnell einen eigentümlichen Sog, dem man sich als ZuschauerIn nur schwer entziehen kann.
Der verstoßene Sohn, die verblendete Mutter, der standhafte Sohn, der gestürzte Patriarch: Figuren in einer Tragödie die schockiert, bestürzt, einem den Atem raubt und die den ZuschauerInnen mitten ins Gesicht geschleudert wird, die zornig ist und zornig macht. Es ist die Rache eines Verletzten, seine Taten, so furchtbar sie auch sind, sind dennoch in gewisser Weise nachvollziehbar, was das schrecklicher Leid der Mutter um ihren getöteten Sohn jeoch nicht abschwächt. Das Publikum wird durch das Schauspiel gelenkt, scheint zu verstehen, fühlt mit, um am Ende der neunzig Minuten den Thaterraum mit einer Fülle von neugewonnenen Gedanken, Assoziationen, und Gefühlen zu verlassen.
Cornelius Edlefsen

Fotocredit: Gerhard Wartha
BAKCHEN: 29.09.2009, Max Reinhardt Seminar, Wien
Wenn man die Alte Studiobühne des Max Reinhardt Seminars betritt, um sich Euripides Bakchen in der Inszenierung von Steffen Jäger anzuschauen, muss man sich zunächst einmal in dem schwarzen Raum orientieren. Denn symmetrisch zu beiden Seiten befinden sich einander zugewandte Sitzstufen (Bühnenbild Lydia Hofmann). Die rechte Seite ist allerdings den DarstellerInnen vorbehalten. Stühle, Papierblätter, alte Bücher: die Requisiten sind marginal. Auch die Kostüme der DarstellerInnen sind simpel.
Die Geschichte des Gottes Dionysos und seiner Rache an Pentheus, dem Herrscher von Theben, ist auf eineinhalb Stunden komprimiert. Die Handlung geht ziemlich zügig voran und gewinnt schnell an Tempo. Es gibt nur wenige Zwischenspiele. Die SchauspielerInnen betreiben Hochleistungssport auf der Bühne, kommen immer nur kurz zur Ruhe, um dann die nächste sportliche Aktivität aufzunehmen. Vor allem sind die fünf jungen Schauspielerinnen (Veronika Glatzner, Anne Grabowski, Jenny-Ellen Riemann, Eva Maria Sommersberg und Elisa Ueberschär) zu bewundern, die den einstudierten Sprechrhythmus tadellos beherrschen und somit aufeinander abgestimmt im Chor sprechen. Außerdem übernimmt fast jede von ihnen mehrere Rollen. Um die jeweilige Rolle erkenntlich zu machen, wird der Name der Figur mit weißer Kreide an die schwarze Wand geschrieben. Dadurch entstehen komödiantische Momente. Der Einsatz von ultraviolettem Licht lässt Kleidungsstücke, die Masken der Bakchen sowie das weiß geschminkte Gesicht des Dionysos in der Dunkelheit leuchten. Überhaupt zieht sich der Schwarz-Weiß Kontrast durch die ganze Inszenierung.
Die Tragödie fügt sich dem Motto des diesjährigen Festivals: Zorn!. Darin geht es um den Zorn von Dionysos, dem Gott des Weines und des Rausches in Menschengestalt gegen diejenigen, die ihn nicht als solchen anerkennen wollen. In erster Linie jedoch gegen Pentheus, der bewaffnet mit seinen Männern gegen Dionysos und die Bakchen ins Feld zieht, nachdem der Gott diese in Wahnsinn und Raserei versetzt hat. Dionysos reiße die Frauen vom Webstuhl weg, aus der thebanischen Demokratie und führe sie in die Natur, wo sie sich an Bäumen reibten, Tiere mit ihrer Milch tränkten und mit Wölfen zusammen lebten, sagt Steffen Jäger bei der Diskussion „Zorn – Rausch oder Strategie“. Die Frauen bilden mit der Natur eine Einheit. Sie seien eine produktive Gemeinschaft, so der Regisseur, bis die Männer anfangen die Bakchen zu jagen. Erst dann gibt es einen Bruch und die Gemeinschaft wird destruktiv. Das Geschehen auf der Bühne scheint den Zuschauer ebenfalls in einen Rauschzustand zu versetzten. Die Dynamik des Spiels, der Lichtwechsel, die Kreuzigung von Jesus Christus, im Raum fliegende Papierblätter und zerrissene Bücher, eindringliche Musik. Während der Jagt durchqueren die DarstellerInnen immer wieder den bespielten Raum, von rechts nach links, um rechts wieder aufzutauchen während sie den Text im Chor sprechen. Ihr Gang sowie der Sprechrhythmus beschleunigen sich mit jedem Durchgang. Überhaupt die ganze Inszenierung gewinnt immer mehr an Tempo, bis schließlich Agaue im Trance-Zustand ihren Sohn Pentheus für einen Löwen hält und ihn mit ihren eigenen Händen in Stücke zerreißt. Sie isst von seinem rohen, blutigen Fleisch und bringt seinen Kopf mit nach Hause, einen reifen Granatapfel. Die letzte Szene, in der Agaue klagend über ihren Sohn gebeugt ihren fatalen Fehler erkennt während im Hintergrund eine Opernarie an Lautstärke gewinnt, bewegt sich auf einem schmalen Grad zwischen Tragik und Kitsch. Fügt sich jedoch in den Gesamteindruck und stellt einen gelungenen Abschluss dar. Die Tragödie endet mit den Worten „Und ganz zu Recht erlitt er dieses Los. Dies sage ich, Dionysos, von keinem Sterblichen gezeugt, sondern von Zeus; hättet ihr da Besonnenheit gezeigt, wo ihr´s nicht wolltet, hättet ihr den Sohn des Zeus zum Mitstreiter gewonnen und wärt jetzt im Glück.“
Eine gelungene Inszenierung des Rausches und der Raserei.
Olga Buchhorn

Euripides: BAKCHEN
α Ω
Zwei griechische Buchstaben mit Kreide eilends auf die schwarze Bühnenwand geschrieben — In der Inszenierung von Euripides’ Die Bakchen stehen sie ein für die Zeichenhaftigkeit, mittels derer Steffen Jäger der attischen Tragödie aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert begegnet. Als A und O gelesen, deuten sie zugleich auf eben dieses hin und das heißt: Chor. Er bildet das Energiezentrum. Mitnichten handelt es sich um eine vorsichtige, suchende Annäherung an das Fremde, Entlegene antiken Theaters. Dionysos höchstselbst — dem Gott des Rausches, des Theaters — huldigt man.
Auf den Stufen der Blackbox sitzen die Zuschauer wie in einem Modellversuch des Amphitheaters. In der fehlenden Distanz zur gleichfalls in Stufen ansteigenden Bühne sind sie jedoch deren Geschehen vollends ausgesetzt: Ein Raum der Konzentration, die Steffen Jäger in der Reduktion der Mittel für große Bilder nutzt.
Aufgeladen ist die Luft schon zu Beginn, sie vibriert förmlich, bald verstärkt durch elektronische Sphärenklänge. Wie auf einer Probe sitzen fünf Schauspielerinnen in grauen Trainingsoutfits (Veronika Glatzner, Anne Grabowski, Jenny-Ellen Riemann, Eva Maria Sommersberg, Elisa Ueberschär) auf der Bühne. Ihre Nerven scheinen wie Saiten gespannt. Nicht die sprichwörtliche Stecknadel hört man fallen, sondern das Öffnen einer Wasserflasche. Im Schweigen zerbersten ihre Körper. Hastig scheuern sie sich, springen auf und ab, ihre Arme und Beine verrenkend. Das fahrige Blättern in Papierstapeln prophezeit die Wortkaskaden, die bald schon den Raum fluten werden. Eine szenische Unruhe vor dem Sturm, bis Wojo van Brouwer, von kräftiger Statur und ebenfalls im grauen Sportlerdress, im Zentrum auftritt, mit Kreide Dionysos an die Wand schreibt und abgeht. Die Aufschrift wirkt, als wolle er sich in Behauptung der göttlichen Gestalt in den Raum erst einschreiben. Mehr noch ist es der Tragödientext selbst, der in seiner Lautwerdung durch den Chor erfahrbar wird und sich des Raumes bemächtigt, indem er ihn neu definiert: Raumvolumen < Sprach- und Ausdrucksvolumen
Die fünf jungen Frauen bilden den kraftvollen Chor, tragen anfangs weiße Masken, schieben sie auf ihre Hinterköpfe und sind zugleich Teiresias, Kadmos, Agaue und die Bakchen. Für die Rollen treten Solistinnen kurz aus der chorischen Einheit hervor, um sogleich wieder in ihr aufzugehen. Als skandierende Phalanx stehen sie an der Bühnenrampe. Zunächst stört dieses chorische Sprechen in der Zuordnung der Rollen, doch Kreidemarkierungen auf den Stufen weisen mit Namen wie Inschriften unter antiken Statuen den Weg. Standhaft bleibt dabei keine. Spricht eine Darstellerin als Kadmos, (der Großvater von Pentheus, dem König Thebens,) oder als der greise Seher Teiresias, kommt eine weitere dazu und bald reißt der Chor sie hinfort. Sie befreien sich durch die gemeinsame Bewegung im Raum wie in der Dynamik der Sprache, die über allem steht und alles ermöglicht. Sie errichtet das Theben, in das der Gott Dionysos in menschlicher Gestalt zurückkehrt, Rache nehmend an seiner Heimat, aus der er einst vertrieben. Die Schwestern seiner Mutter hatten damals behauptet, nicht Zeus wäre sein Vater, sondern ein Sterblicher hätte ihn gezeugt und seine Mutter Semele ihn dem Gott als Sohn zugeschoben, was jener sie ihr Leben kosten ließ. Als rasende Bakchen scheuchte Dionysos die Frauen in die Berge, ihn und seinen Orgien dienend. Doch einer ist in Theben, der ihn als Gott nicht anerkennt und mit Waffengewalt nun gegen die Bakchen und ihr wildes, staatszersetzendes Treiben vorgehen will: König Pentheus, gespielt von Daniel Frantisek Kamen. Die Drohung Dionyos’, sich besser nicht mit ihm und seinen kriegerischen Mänaden (= die Rasenden, Synonym für die Bakchen) anzulegen, missachtet er und sieht den Rachefeldzug gegen ihn nicht herannahen. Alles ist gesagt . Der Gott zieht sich zurück auf den Kithairon. Hierbei leistet der Schwarzlicht-Effekt wunderbare Dienste. Mit weißgeschminktem Gesicht bereitet Dionysos sich auf der höchsten Bühnenebene sein Lager. Man sieht sein göttliches Auge aus helleuchtenden Antlitz im Schwarz des Raumes über allem wie ein Spielleiter wachen.
Pentheus lässt einen Fremden, der an der Gottheit Dionysos festhält, mit einigen der Bakchen in Gewahrsam nehmen, nicht ahnend, dass es sich um jenen selbst handelt. Die Szene der Gefangennahme wird in einer Art Dolmetscherkabine auf den obersten Stufen der rechten Bühnenseite gezeigt. Selbst hier noch steht Dionysos, zwar gefangen, doch erhöht über allem und ist allem erhaben. Als Fremder bietet er dem König an, den Bakchen bei ihren Orgien aufzulauern. Er wolle ihn, unerkannt in Frauenkleidern, zu ihnen in die Berge führen. Pentheus willigt ein. Steffen Jäger weiß hierzu, mit einem raffinierten Regieeinfall den Raum einzubinden. Eben noch hat im rechten Eingang eine Darstellerin meisterlich den Botenbericht deklamiert und so gesprochen von der Aggression der Bakchen, ihrem Furor gegenüber voyeuristischen Hirten, der sich im Zerreißen ganzer Kuhleiber durch ihre bloßen Hände entladen habe. Nun kommen die Bakchen gezogen durch diesen Eingang. Ihr chorischer Rhythmus treibt sie an. Mit kraftvollen Schritten durchqueren sie den Raum, verlassen ihn durch den linken Eingang, um sogleich wieder im rechten zu erscheinen. So geht es hinfort, immer schneller jagen sie voran, von rechts nach links. Unter sie hat sich nun Pentheus gemischt und wird mitgetrieben. Er ist nicht in Frauenkleider gewandet, der Rhythmus ihrer Stimmen und Schritte uniformiert sie allesamt, bis sie ihn erspähen und die gewaltsame Sprache in sprachlose Gewalt umschlägt. Angeführt von Agaue, Pentheus’ Mutter, nimmt das Blutbad seinen Lauf, denn sie erkennt ihn nicht in ihrer Raserei.
Als Priesterin beginnt die Mutter mit dem Mord und stürzt sich
auf ihn; er reißt sich das Band vom Haar, damit erkenne und
nicht töte ihn Agaue, die Unselige, spricht, ihre Wange sanft
berührend: “Mutter, ich bin es, dein Kind, bin Pentheus […];
erbarm dich, Mutter, und ermorde nicht um seiner Frevel willen
deinen eignen Sohn!” Sie aber, Schaum vorm Mund, die Augen
rollend, empfand nicht, was es zu empfinden galt, mit den
Händen griff sie seinen linken Arm, stemmt’ ihren Fuß dem
Armen in die Rippen, riß aus die Schulter, nicht mit eigener
Kraft, sondern der Gott gab ihrer Hand die Fähigkeit.
Im Glauben, einen Löwen erlegt zu haben, kehrt Agaue, Pentheus geschultert, in Kadmos’, ihres Vaters Haus, zurück. Mit einem Granatapfel lässt Steffen Jäger die Blutrünstigkeit nachwirken. Die Darstellerin der Agaue beißt begierig in die harte Schale und reißt die roten Kerne heraus, dass das (Frucht)fleisch nur so durch das Schwarz-Weiß des Bühnenraumes spritzt. Kadmos öffnet Agaue die Augen und führt ihr die Reichweite ihrer Tat vor. Mit Pentheus hat sie das höchste Opfer einer Mutter gebracht. Beendet ist die Orgie. Ein klassisches Gesangsstück setzt ein. Der Chor formiert sich ein letztes Mal und hängt Agaue kopfüber in eine Schaukel. Als sie dem Wahn verfällt, wenden die Gefährtinnen ihre Gesichter von ihr ab. In der Höhe erscheint Dionysos nun in Gottgestalt. Rache an denen, die ihn nicht anerkannten, hat er geübt, doch sein Schlussmonolog ist nicht der eines Siegers. Er zeigt Züge eines Gewissens. Euripides, der jüngste neben Aischylos und Sophokles als Trias der großen Vertreter der attischen Tragödie, war es, der die Götter als Menschen zeigte, deren Gewissenlosigkeit und Grausamkeit. In Die Bakchen beweist er, welchen Gewaltakt ein Gott in seinem Ringen um Berechtigung unter den Menschen zu entfesseln vermag.
“Wer sich als Regisseur mit der chorischen Masse einlässt, sie formt und damit stärkt, spekuliert und rechnet, wie Reinhardt es formuliert hat, mit “ungeahnte(n) anonyme(n) Wirkungen”. Er betreibt eine erregende, bedrohliche, kräftesteigernde und kräfteverschwendende performative Praxis.” (Hajo Kurzenberger: Die Kraft der Gruppe. In: Theater heute 07/2009, S. 17.)
Steffen Jäger braucht nicht Max Reinhardts “Theater der Fünftausend” zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu reanimieren, um die chorische Kraft zu demonstrieren. Er reduziert in seiner Inszenierung den Chor auf eine fünfköpfige Größe, entlässt ihn in ein Arena-Modell und führt das antike Theater mit konsequenten Bildern seinem Ursprung zu. Am Anfang war der Chor. Ihm entwuchsen die Protagonisten. Alles ist hier Chor, Zorn heißt der Chor! Die DarstellerInnen leisten Großartiges in der Bezwingung der Textmassen und deren rhythmischer Ausgestaltung. Die Sprache wie die Körper befinden sich in höchster Erregung. “Euoi!”, lautet der Bakchen Ruf. “Euoi!” steht in dieser Inszenierung für den einzigartigen, den Raum sprengenden Sprechakt. Entstaubt wird das antike Theater, dessen Sprache wirbelt auf und wird als Performance im Hier und Jetzt erfahrbar. “Euoi!”
Degna Martens