Blog „Zorn!“

Mann muss dankbar sein

Montag, 12. Oktober 2009

Volker Schmidt

2.10.2009 Max Reinhard Seminar

Eine hinkende, hagere Erscheinung mit Schnurbart rollt vor der Arena des Max Reinhardt Seminars einen Stoffballen in den österreichischen Nationalfarben rot-weiß-rot wie einen roten Teppich aus. Genervt scheucht sie die wartenden BesucherInnen auseinander, die ihr im Weg stehen. Dann verschwindet sie wieder. Die Türen werden geöffnet und die ZuschauerInnen von einer glücklich strahlenden Näherin, die einer Barbie gleicht, empfangen. Das gesamte Bühnenbild sowie die Kostüme (Lydia Hofmann) sind ebenfalls in den Farben rot und weiß gehalten. Die Näherin streicht Kissen glatt, rückt die gestapelten Bierkisten, die als Sitzgelegenheiten dienen, zurecht. Die ZuschauerInnen repräsentieren die VertreterInnen der Non-Governmental Organisations (NGOs) in dem Zukunftsszenario Mann muss dankbar sein von Volker Schmidt in der Regie Jérôme Junods.

Oben ist unten und unten ist oben
Das Stück schildert folgendes Verkehrte-Welt-Szenario: Während die Industriestaaten zu Billigproduktionsländern geworden sind, befinden sich die Entwicklungsländer in ihrer Blütezeit. Somit ist auch Österreich ein Billigproduktionsland, in dem Armut, Ausbeutung, Kriminalität und Prostitution herrschen. Die Situation in Österreich wird von drei Näherinnen, Liesl (Olga Wäscher), Kathi (Nadine Kiesewalter) und Hanni (Karoline Bär), dargelegt. Den Vertretern der NGOs wird zunächst eine strahlende Fassade präsentiert. Liesl und Kathi erzählen zufrieden über ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse, doch zwischen den Zeilen bricht immer wieder die weniger erfreuliche Wirklichkeit hervor und die Fassade beginnt zu bröckeln.
Hat Jérôme Junod sich bei seiner Inszenierung für den weniger kritischen Weg entschieden? Oder aus welchen Grund zieht er die ganze Geschichte eher ins Lächerliche und sorgt dafür, dass alles aufgefahren wird, was einem bei dem Wort Kitsch so einfällt. Romantische Lichtstimmungen und Hochzeitsrituale, jede Menge Musik, Tanz, Glitzer und Bollywood. Das Repertoire reicht von einer geträumten Hochzeit in Weiß, bei der plötzlich das Fenster aufgerissen wird und der zuvor im Publikum sitzende NGO-Vertreter, einem Prinzen gleich singend erscheint, einer Revolte – Choreografie, bei der die SchauspielerInnen laut stampfend auf der Bühne marschieren und Besen als Blasinstrumente benutzen bis zu einer MTV Popstar – Choreografie mit glitzernden, bauchfreien Tops und knappen Höschen.

Und warum ist diese Inszenierung so stark von Bollywood geprägt? Jérôme Junods ahmt darin Bollywood Filme nach, indem er u.a. Tanzeinlagen zu indischer Musik als Zwischenspiele verwendet. Die eingehende Beschäftigung mit diesem Thema ist nicht nur an den Choreografien (Christina Schollenbruch) und der Licht- und Kostümgestaltung, sondern auch am Spiel der DarstellerInnen deutlich zu erkennen. Die SchauspielInnen beherrschen nämlich nicht nur jede Bewegung, sondern auch das mimische Spiel Bollywoods. Auch die indischen Liedtexte sind einstudiert, damit ihre Mundbewegungen mit dem Gesungenem übereinstimmen.

Jérôme Junod selbst erklärt, dass er sich bewusst für diese Art des Umgangs mit dem Stück entschieden hat: „Bollywood als der einzige mögliche Verbesserungsentwurf“. Seine Intention war es nicht nur den Realitätsverlust der Heldinnen aufzuzeigen, sondern auch zu verdeutlichen, dass die Dinge wie z.B. der Streikversuch so nicht funktionieren können.

Es ist nicht zu übersehen, dass in dieser Inszenierung eine Menge Arbeit steckt. Es wurde nicht nur eine Fülle an Ideen umgesetzt (die eine oder andere hätte aber auch gut ausgelassen werden können), sondern auch die SchauspielerInnen in den Tanzeinlagen ordentlich ins Schwitzen gebracht. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Und obwohl man sich so manche Tanzeinlage kürzer gewünscht hätte, beschreibt das Wort Feuerwerk wie kein anderes die Erlebnisse dieses energiegeladenen Abends. Schön war es und zu lachen gab es auch jede Menge.

Olga Buchhorn

MAN MUSS DANKBAR SEIN. Von Volker Schmidt

Donnerstag, 8. Oktober 2009

 

Man muss dankbar sein

Von Volker Schmidt. Am 02.10.2009 im MRS in Wien

Inszeniert von Jérôme Junod im Rahmen des ZORN!-Theaterfestivals

xr8w3693

Meine sehr geehrten Damen und Herren: es darf getanzt werden.

Österreich ist mittlerweile eine Billiglohnrepublik, in heimische Fabriken werden Vertreter von Hilfsorganisationen geladen um so die Unterstützung zu bekommen, die Österreich wieder zum Zuge kommen ließe. Andere Länder, die einst als Billigproduktionsländer galten, sind obenauf in der weltweiten Wirtschaft. Auch Österreich will wieder ganz nach oben und dafür sorgen Liesl, Hanni und Kathi, Näherinnen in einer Wiener Textilfabrik. Sie reden sich dabei um Kopf und Kragen, versuchen ein gutes Bild ihrer Arbeitsbedingungen zu schaffen, denn: man muss dankbar sein. Doch nach und nach bekommt die überschwängliche Freude über den Besuch der Vertreter tiefe Risse und in einem wilden Strudel aus verdrängten Erinnerungen, wieder erwachenden Träumen, indischer Musik und überbordenden Tanzeinlagen zeigt sich das wahre Bild hinter der Fassade der Dankbarkeit. Den drei Frauen stehen dabei ein schmieriger Vertreter, ein hinkender Hausmeister und der gewalttätige Firmenchef zur Seite.

es gibt keinen grund für schlechte laune
die schlechte laune machen, haben keine disziplin
lassen sich gehen
ich lasse mich nicht gehen
bin bereit, bin stets bereit denn
man muss dankbar sein

(Liesl aus “Man muss dankbar sein”)

Liesl ist immer die Erste. Sie mag die Ruhe, die schlafenden Maschinen und den tanzenden Staub. Sie ist halt ein wenig naiv, die Liesl, aber: sie ist dankbar. Vor ihrer Anstellung in der Fabrik hat sie als Prostituierte gearbeitet, diese Zeit ist jetzt aber vorbei. Heute kann sie wieder träumen. Träumen von einem eigenen Zimmer, einem Flachbildfernseher und einer Karte für den Opernball.

Kathi, die Zweite im Bunde ist ganz „Zack-Zack“. Mit ihrer schnellen Arbeit und ihrer Firmentreue hofft sie auf eine Anstellung in einer Industrienation, denn „jeder will das, der was will“. Natürlich wird sie dann Postkarten schreiben, an Liesl zum Beispiel, die einfach nicht weg will. Nur keine Aufregung, keine Lohnverhandlungen, alles schön mitmachen, das ist Kathis Motto, denn: man muss dankbar sein.

Dann ist da noch Hanni. Dass Hanni erst während der Präsentation vor den NGOs erwacht und vollkommen apathisch und mit verschmierter Schminke auftritt missfällt sowohl ihrem Chef, als auch ihren beiden Kolleginnen, dass ihr etwas angetan wurde interessiert zuerst nicht (es wird auch im weiteren nicht wirklich darauf eingegangen, was denn nun mit ihr geschehen ist. War es vielleicht das System das sie so zugerichtet hat?), denn immerhin geht es hier um etwas und ein Lächeln für die Vertreter muss schon sein. Hanni ist eine Rebellin, sie kämpft gegen die ungerechten Arbeitsbedingungen in der Fabrik. Ein Streik muss her, das ist Hanni klar und als sie dann auch noch Liesl davon überzeugt die Arbeit niederzulegen, ist der Streit mit der linientreuen Kathi vorprogrammiert.

Der vor dem Chef kriechende Hausmeister, der aalglatte NGO-Vertreter und der proletenhafte, seine Näherinnen prügelnde Chef sind wortlose Gestalten, mal im Vordergrund präsent, mal im Hintergrund aktiv, denen der unvermittelt ausbrechende indische Gesang in den Mund gelegt wird. Man hat in dieser Fabrik ja etwas vorbereitet für die NGOs, denn das Betriebsklima hier ist ausgezeichnet.

Ausgezeichnet miserabel, wie der Zuschauer spätestens bei Verlassen des Saales weiß.

Jérôme Junod und sein Ensemble heben das Stück von Volker Schmidt aus den Angeln. Auf wilde Textbombardements folgen exakt choreographierte Musicalsequenzen (die Darsteller singen nicht selbst, das indische Wort versagt es ihnen), die Zuseherin/ der Zuseher ist nicht länger mehr nur Schauender, er ist Teil der Inszenierung. Das Publikum übernimmt den Part der NGO-Vertreter und wird direkt angesprochen: schon vor Beginn der Vorstellung geht der Hausmeister (Patrick Seletzky) mit einem Putzwagen durch das Foyer des Max-Reinhardt-Seminars, stellt ein Begrüßungsschild vor die Eingangstür des Theatersaals und rollt gar noch einen rot-weiß-roten Teppich für das Publikum aka. die Vertreter aus.

Im Inneren des runden Raumes (die Zuschauer nehmen links und rechts neben der Tür Platz) wartet bereits Liesl (Olga Wäscher) auf die eintreffenden Damen und Herren, aber „es geht noch nicht los.“ Liesl steht vor drei Nähmaschinen, der zu nähende Stoff ergibt den österreichischen „Flaggenteppich“. Im hinteren Teil des Raumes steht ein Schreibtisch, überall lehnen und liegen leere Stoffrollen. Links neben der Tür im Publikum sitzt ein im weißen Anzug recht auffällig gekleideter Herr, einer der Darsteller, wie sich später herausstellen wird. Noch während Liesl spricht und immer wieder deutlich macht, wie glücklich sie über die Anwesenheit der Vertreter, als auch über ihre Lebensumstände ist, kommt Kathi (Nadine Kiesewalter) hinzu, vollgepackt mit Einkaufstüten. Und dann geht es erst richtig los.

Das gut gelaunte, spielwütige Ensemble (zu nennen sind noch Karoline Bär, Ulrich Brandhoff und Robert Finster) zeigen in jeder Szene was sie können, sprachlich, darstellerisch, als auch tänzerisch. Dies anzusehen macht Spaß, bringt zum Lachen. Wie die Inszenierung von bitterem Ernst in Komik kippt, gar zur grotesken Musicalshow wird ist faszinierend, leider aber nicht immer fesselnd. Zu lang sind die Tanzszenen, zu verwirrend die an verschiedenen Stellen gleichzeitig stattfindenden Aktionen der Darsteller. Während man als Zuschauer dem Seelenstriptease Liesls lauscht, zieht im Augenwinkel der erhobene rechte Arm des Fabrikchefs vorbei. Es passiert eine Menge in diesem Theaterraum, nicht immer aber hat das Publikum die Zeit und die Möglichkeit dazu alles mitzubekommen.

Womöglich hätte man sich hier mehr auf den Text verlassen sollen, der ohnehin voller Zündstoff ist. Anhand kurzer Sätze wird Schicht für Schicht die saubere Oberfläche der ach so angenehmen Fabrikwelt frei gekratzt, darunter kommen Wünsche und Hoffnungen ans Tageslicht, wird die gesellschaftliche Inbesitznahme des Individuums deutlich. Die Vergangenheit Liesls wird missbraucht um Mitleid bei den Vertretern zu erregen, diese groteske, unmenschliche Weise das Leid der Näherin zu „Profit“ zu machen wird dank der tollen Darsteller umso schockierender. Die Prostitution hat Liesl noch nicht losgelassen, nur die Freier haben jetzt ein anderes Gesicht. An ebensolche starken, ergreifenden Szenen reihen sich überdrehte, nicht immer passend scheinende Einfälle, die für den Zuschauer nicht immer schlüssig sind.

 

xr8w3827


Am Ende tanzen sie alle wieder. In schimmernden Outfits und zu lauter Musik ergeben sie sich der perfekt einstudierten Choreographie. Die Revolte innerhalb der Fabrikmauern ist aussichtslos, auch Hanni gesteht sich dies ein. Liesl wird nicht auf dem Opernball tanzen, es heißt arbeiten, denn noch ehe man das Wort Streik hervorbringt, ist man auch schon ersetzt. Es gibt zu viele andere, die dankbar wären. Die Monotonie des Tanzes am Ende gibt auch die Monotonie der Gegebenheiten wieder: solange die Nähmaschinen in ihrem Takt schlagen, solange funktioniert dieses Spiel. Der Einzelne hat keine Träume zu träumen, er hat im Takt der Maschinen seine Arbeit zu erledigen, denn nur so läuft die Welt rund.

Wenn man am Ende den Saal verlässt hat man viel gesehen, viel gehört, viel gespürt. Ganz rund mag die Sache vielleicht nicht für jeden gewesen sein, das Premierenpublikum zeigte sich jedoch begeistert. Der Ball rollt, irgendwo mag er vielleicht eine Delle haben, das Spiel mit ihm jedoch und dass soll gesagt sein, macht trotzdem großen Spaß und regt zum Nachdenken an.

Cornelius Edlefsen

 

xr8w3702                   Fotocredit: Gerhard Wartha

 

MAN MUSS DANKBAR SEIN. Von Volker Schmidt

 

Ficki ficki oder zack zack — Wer überleben will, muss sich entscheiden

Liesl, Kathi und Hanni sind Näherinnen in einer Wiener Textilfabrik. In Volker Schmidts Stück Man muss dankbar sein könnte sie laut Regieanweisung genauso in einer anderen europäischen Großstadt stehen. Wichtig indes ist die zeitliche Ausrichtung auf die Zukunft, „wenn alles einmal um den Globus gegangen ist.”  Wähnen wir uns in Wien. Der Regisseur Jérôme Junod hat mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Lydia Hofmann alles daran gesetzt, die Funduskiste Austrias vollends auszuschöpfen, von rotweißen Haarbändern bis zu BILLA-Sackerln. Es stimmt der Ort: Die imposante Arena zeugt mit allerlei Illusionsmalerei unter dem goldenen Kronleuchter noch von der monarchistischen Vorgeschichte des Reinhardt Seminars im Palais Cumberland, seit 1866 Wohnsitz König  König Georgs V. von Hannover, II. Herzog von Cumberland.  Den roten Teppich aus dem Foyer ins Zentrum der Arena bildet eine meterlange österreichische Flagge, deren Ende zu drei Nähmaschinen führt. Singer und Pfaff sind vertreten, alles wirkt original wie das überdimensionierte Manner-Schnittenpack vor der Fensterreihe im Hintergrund.

Liesl stellt sich als Erste vor: “Ich bin der Prolog.” Sie bleibt nicht lange anonym. Wir erleben sie als sehnsuchtsvolle Figur, die in ihrem Staunen über der Welten Schönheit aufgeht. Doch ihr Alltag sieht weit anders aus: “Jeder Stich ist ein Stück Leben.”, durchlebt sie die Tag- und Nachtgleiche der Industrietristesse. Die Zuschauer bittet sie, ihre Schilderungen aus der Fabrik zu vergessen, denn “das gehört nicht hierher.”

“Man muss dankbar” lautet die Losung und ihre dazukommende Kollegin Kathi kann ihr nur beipflichten. “Wir verstehen, dass sie nicht verstehen […]” und so stellt sich schnell heraus, dass man als Zuschauer, im Halbrund auf roten Bierkisten sitzend, einer Non-Governmental Organisation (NGO) zugehört. Das Billiglohnland Österreich sucht Anschluss an die Industrienationen, hat seine Fassade eigens für die Präsentation aufpoliert, seine Arbeiter auf Kurs gebracht und deren graue Kittel mit Namensschildern auf Deutsch wie Hindi versehen. Ihre Texte sitzen und einen sich im Lauf von Ober- und Unterfaden. Jetzt darf kein Fehler unterlaufen. Der NGO-Vertreter im edlen weißen Zwirn hat die Fäden in der Hand. Er muss überzeugt werden und so schmeißen sich Liesl und Kathi sprichwörtlich ins Zeug und nähen, bis die Nadeln glühen. Nur eine will sich nicht fügen. Hanni. Laut Kathi wurde sie von der Gewerkschaft unter Drogeneinfluss manipuliert und taucht entsprechend derangiert mit verlaufener Wimperntusche aus einem Stapel T-Shirts auf. Störfaktoren wie sie müssen vor den Gästen der Industriestaaten kaschiert werden. Wo Hanni wider die Firmenideologie aus der Reihe tanzt, warum nicht Tanzen? Der Fabrikschef, der bisher nur im Hintergrund am Schreibtisch saß und Liesl verprügelte, nun jedoch auf seiner nackten, vor Nationalstolz schwellenden Brust den Bundesadler trägt, wird eingespannt und auch das schlaksige Faktotum legt seine Stoffrollen ab, um sich in die Tanzformation einzureihen. Dessen Bewegungen sind nicht ganz so geschmeidig wie die seiner Mittänzer, doch soll Österreich erneut erblühen, wird jede Arbeitskraft verlangt. Der Plan scheint aufzugehen. Es folgen Tanz- und Gesangseinlagen im Bollywood-Stil statt des von Volker Schmidt vorgesehenen Volksliedes. Denn wo die Welt doch “eine Kugel ist”, berühren sich hinten und vorn “von oben nach unten”. Österreich und Indien liegen nunmehr ein Steinwurf entfernt. Die Darsteller Karoline Bär, Nadine Kiesewalter, Olga Wäscher,
Ulrich Brandhoff, Robert Finster und Patrick Seletzky haben sich in der Choreographie von Christina Schollenbruch ihren Teil von Bollywood abgeschaut und leisten Beachtliches. “Ist Ihnen nicht zu heiß? Soll ich ein wenig lüften?”, lautete Liesls erste Ansprache an das Publikum. In einer filmreifen Szene reißt nun der NGO-Vertreter das Fenster auf — von außen, indem er im Scheinwerferspot aus dem Abendblau in den Saal einsteigt. Kühle Luft strömt herein und steht in Kontrast zu den heißen Rhythmen. Es finden sich drei Liebespaare, in deren Zentrum Liesl als Braut glänzt und als zum Höhepunkt ihres Glücks sich der goldene Kronleuchter von der Decke senkt, erstrahlen alle im seligen Lächeln und wiegen sich im Wiener Walzer. Mit einer weiteren Choreographie ruft Hanni nun deutlich martialischer zum Streik auf und schwenkt als österreichisches Marianne-Abbild die National-flagge über ihrem Haupt.

Tanzeinlagen wie diese überdecken Töne der Sehnsucht in den Figuren, ein Denken, das immer wieder in Halbsätzen stockt. Liesl träumt von ihrem Besuch des Opernballs und ist überzeugt, es müsse nach ihrer Vergangenheit als meistbietend gehandelte Jungfrau, nach diesem “ja, ich komme” nun auch “ein Nein” geben. Hanni lehnt sie gegen Kathi auf, denn Liesls Pfaff näht anders als deren systemtreue Singer. Es kommt zum Umsturz der Verhältnisse. Kathi landet wie ein Püppchen mit spitzem Kussmund auf dem Boden. Ihr Nähmaschinen-koffer schlägt hart neben ihr auf. Noch einmal baut Hanni vor ihr die Singer auf, doch handelt es sich um keinen Akt des Trostes, denn: „Das ist vorbei!“. Deutlich geben Hanni und Liesl ihr zu verstehen, dass es ihr trotz dicker Brillengläser an Weitsicht fehle und die Veränderung, die Karriere jenseits der Fabriksmauern liege.

Sich ihre Arbeitskittel von den Körpern reißend, verwehren sie sich dem “zack zack” wie “ficki ficki” und wagen in glitzernden Hotpants einen letzten Tanz mit ihren durchtrainierten Vorgesetzten: Bollywood meets Techno. Lichtblitze durchzucken den Raum. Drückerfüßchen und Unterfaden sind für die drei Näherinnen damit passé. Ihre Zukunft liegt im Irgendwo. Sie brechen auf im Glauben an ihre Utopie, in der  “Raum ist für die Liebe” und “ein Tag ein Tag ist”. Ihr “Guten Tag, meine Damen und Herren” klingt nach Zuversicht auf ein Morgen, befreit aus dem Maschinentakt. Die Industriefarce zeigt indes, dass dieses Morgen bitterböse globalisierte Gegenwart bedeutet. Österreich ist Indien. Die Welt ist rund. Wer sich dem versperrt, blickt auch nur durch Kathis dicke Brille. Jérôme Junod gelingt es in beeindruckender Art, bei allem Slapstick, überschminkten Patriotismus und Bollywood-Glanz  die Nachdenklichkeit des Stückes und seiner Figuren im Lot zu halten, selbst wenn die Nähmaschinen nur so rattern, dass es eine wahre Zuschauerfreude ist.

Degna Martens

 

 

                 

 

Mann ohne Beil. Von Matthias Wittekindt.

Dienstag, 6. Oktober 2009

xr8w3964

Mann ohne Beil

Von Matthias Wittekindt. Am 04.10.09 im MRS in Wien.

Inszeniert von Christine Mattner im Rahmen des ZORN!-Theaterfestivals.

Stephan Wede hat geträumt, dass er seinen Vater ermordert, zerstückelt und unter seinem Bett versteckt hat. Das sei vollkommen normal meint seine Mutter, eine Psychiaterin. Stephans Vater leidet an einem schwachen Herz, wie sein Vater auch schon, daher sieht Herr Wede in seinem Leben ein bereits vorgezeichnetes Schicksal in Erfüllung gehen. Rachel Kramer, Stephans Freundin findet den Traum ihres Freundes erstmal gar nicht so normal, als dieser ihr jedoch klar macht, dass sie ihm erst die Kraft für Träume solcher Art gibt, ist sie geschmeichelt. Rachel weiß genau was sie für sich und Stephan will: er, der erfolgreiche Geschäftsmann und sie als die starke Frau im Hintergrund. Ihre Mutter ist mit den Vorstellungen ihrer 16jährigen Tochter nicht wirklich einverstanden, hat aber gerade selbst genug um die Ohren, denn Herr Wede will, dass sie seine Frau beseitigt und „zu beseitigen heißt, zu ermorden.“ Frau Kramer gibt vor den Auftrag auszuführen, beim Aufeinandertreffen von Stephans Mutter und Frau Kramer jedoch gibt sie Preis, dass sie nur noch Beratungen durchführt. Frau Kramer ist sich sicher: nicht Frau Wede soll ermordet werden, sondern Herr Wede selbst will seinem Leben ein Ende bereiten.

Am Ende des Stückes ist Herr Wede tot. Erstickt im Ofen den Rachel angeschaltet hat. Ob Schicksal oder nicht, tot ist tot, Stephan bleibt neben seinem toten Vater zurück. Beide tragen sie ein weißes Hemd.

Das Schicksal nimmt wieder seinen Lauf, oder?

Eine umgekippte Küchenzeile als Bühnenbild, drei schwarze Wände im Hintergrund zu denen die Darsteller hin abgehen können. Hinzu kommen Sitzkissen, ein Liegestuhl und viele Dosen Kaffee. Mehr braucht Christine Mattner für ihre Inszenierung von Mann ohne Beil nicht. Jan Cerha als Stephan und Merle Wasmuth als Rachel betreten als erste den Bühnenraum, die Dialoge legen das leicht merkwürdig anmutende Konstrukt ihrer Beziehung offen. Nach und nach werden die Figuren eingeführt und vorgestellt, das Familiendrama wird zum Krimi, zur Komödie, zur Groteske. In schnellen, aber klaren Szenenwechseln erzählt Mattner die Geschichte Stephans und der Figuren die ihn umgeben, zeichnet mithilfe der Textvorlage verschiedene Charaktere, die ihren eigenen Vorstellungen folgend zu leben versuchen. Die Figuren stehen sch meist konträr gegenüber: Rachel und ihre Mutter, Stephan und seine Schwester, Herr und Frau Wede. Nicht immer erklärt sich die Figur über sich selbst, oft fungieren die anderen Personen als Reflektor.

xr8w3969


Wittekindts Stück ist kein einfaches Stück. Es passiert viel, eine Menge Themen werden angeschnitten ohne dass sie wirklich ausgearbeitet werden. Das macht das Ergreifen des Textes nicht immer einfach, einige ZuschauerInnen mögen gar etwas ratlos zurückbleiben. Die Leichtfüßigkeit der Inszenierung ist es, die Mann ohne Beil trotz seiner vielen Themenkomplexe, Figuren und Konstellationen dennoch zu einem gelungenen, unterhaltsamen, lustigen, ernsten Theaterabend werden lässt, dem man als Zuschauer stets interessiert folgen kann und somit auch gerne beiwohnt.

Cornelius Edlefsen

Generation Krise. Von Julian van Daal.

Montag, 5. Oktober 2009

Generation Krise.

Von Julian van Daal. Eine szenische Lesung im Salon5 am 04.10.09.

Eingerichtet von Felicitas Braun.

Eine gelungene Überraschung ist den Veranstaltern des ZORN!-Festivals am Sonntag, den 04.10.09 mit der szenischen Lesung des Textes „Generation Krise“ des am Max-Reinhardt-Seminar Studierenden Julian van Daal gelungen. Van Daal hat sich für seinen Text den Zorn offensichtlich als Oberbegriff genommen, denn seine Figuren sind zornige, junge Menschen, die mit ihrem Leben und ihren Vorstellungen aneinander geraten. Van Daals Figuren sind junge Leute im Hier und Jetzt, denen die Perspektiven fehlen: drei Jungs, zwei Mädchen, ein alter Mann und eine tote Mutter. Anhand dieser Figuren entspinnt der junge Dramatiker eine Geschichte mit verschiedenen Handlungssträngen, die immer wieder aufeinanderstoßen und sich wieder verlieren. Die einzelnen Figuren kennen sich, sind befreundet oder zumindest bekannt, es wird geredet, man tauscht sich aus, man verliert sich in unsinnigen Diskussionen und ernsten, tiefen Momenten.

Da ist zum Beispiel die junge Mutter, die ihr Baby zwar sieht und registriert, aber irgendwie keine Liebe zu ihm entwickeln kann. Aus Angst, das Kind könnte dies irgendwann bemerken entscheidet sie sich dazu, es nicht mehr zu füttern. Immerhin, so die junge Mutter, werde das Baby dann etwas Besonderes sein, wenn es erst einmal in der Zeitung steht. Man spricht doch heute immer wieder davon, wie besonders wir alle sind, wie einzigartig jeder Einzelne ist.

Ihre Freundin löst ihre Probleme auf ihre Weise. Sollte ein Mann einmal nicht ihren Ansprüchen genügen oder ihr einen Korb verpassen, weiß sie sich zu wehren. Ihre männlichen Freunde sorgen schon dafür, dass der Typ zu spüren bekommt mit wem er es zu tun hat. Nun aber sind ihre Freunde zu weit gegangen, denn der letzte Kerl dem sie eine Abreibung verpassen wollten, ist jetzt tot.

Die Handlungsstränge verlagern sich immer mehr, greifen ineinander und schaffen so das dichte Bild einer perspektivlosen Jugend. Eine der Figuren stellt in einem Gespräch mit seinem Vater fest, dass es für die jungen Menschen heutzutage überhaupt nichts mehr gibt, für was man kämpfen könnte. Das alles haben ihre Eltern damals alles schon erledigt. Für was also steht die junge Generation heute überhaupt noch ein?

Und dann ist da noch dieses Wort: Krise. Was ist die Krise und woran erkennt man sie? Wenn eine junge Studentin sich ihrer Umgebung nicht mehr gewachsen fühlt und deshalb eine Weltreise macht um zu sich selbst zurückzufinden? Wenn das wirklich die Krise ist, dann geht es uns allen doch überraschend gut, oder etwa nicht?

Julian van Daals Text ist teils schockierend, teils berührend, flott erzählt und vor allem aktuell. Es wird nichts beschönigt, seine Figuren sind gewiss nicht durchgehend Sympathieträger und dennoch bleibt das Interesse des Publikums immer hoch. Alles in allem also ein gelungener Text, von Felicitas Braun und den Lesenden intensiv und packend eingerichtet und vorgetragen.

Cornelius Edlefsen

BAKCHEN. Von Euripides

Sonntag, 4. Oktober 2009

 

Bakchen

Von Euripides. Aus dem Griechischen von Simon Werle.

Am 29.09.2009 im MRS in Wien

Inszeniert von Steffen Jäger im Rahmen des ZORN!-Theaterfestivals

 

„Ich aber breche in die Schluchten des Kithairon auf; dort sind die Bakchen, dort will ich mit ihnen tanzen.“

Zugegeben: wenn am Ende des Stückes Agaue schreiend und klagend über ihrem Sohn Pentheus liegt, dann wirkt das schon fast zu dramatisch, die Darstellung fast zu überbordend für eine moderne Inszenierung der euripidschen griechischen Tragödie. Aber eben nur fast. Steffen Jägers Bakchen-Inszenierung ist kräftig, wild, (be)rauschend. Und: sie ist zornig. In neunzig Minuten zeigt er das wilde Treiben der Bakchen, die Wut des Dionysos und den schließlich tödlichen Unglauben Pentheus und schafft so einen Theaterabend voll starker und ekstatischer Momente.

Dionysos, der Gott des Weins und der Ekstase, gezeugt von Zeus und Semele, einer Sterblichen, übt Rache. Rache daran, dass seiner Mutter Schwestern behaupteten nicht Zeus habe ihn gezeugt, sondern ein Sterblicher, der Semele verführt habe. Aufgrund dieser Verfehlung ihrerseits habe sie behauptet, Zeus sei der Vater, der sie daraufhin erschlug. Zur Verteidigung seiner Mutter treibt er die Frauen der Stadt Theben, darunter Agauer, Mutter des Pentheus, der wilden Raserei verfallen hinaus in die Wildnis und willenlos nehmen sie Teil an seinen Orgien.

Pentheus, Herrscher über Theben, widersagt Dionysos und wendet sich gegen den in Menschengestalt auftretenden Gott. Trotz, oder gerade aufgrund seiner Angst Dionysos anzuerkennen und damit Unheil über Theben zu bringen, willigt Pentheus ein in Frauenkleidern die Orgien, von denen ihm ein Hirte berichtet, heimlich zu beobachten.

Um das Schauspiel besser überblicken zu können lässt sich Pentheus von Dionysos auf eine Fichte setzen, wird hierbei jedoch von den der wilden Raserei Verfallenen erblickt. Sie schaffen es den Herrscher Thebens zu Fall zu bringen, erkennen ihn jedoch nicht als diesen. Dem Tod ins Auge blickend, offenbart sich Pentheus seiner Mutter Agaue, diese jedoch ist zur sehr Gefangene ihres Rauschs, als dass sie die Identität ihres Sohnes erblickt. Sie ist die Erste, die über ihn herfällt. Gemeinsam mit den anderen Frauen reißt sie Pentheus in Stücke.

Erst als sie voller Stolz mit ihrer erlegten Beute in Theben ankommt, noch sieht sie in ihrem Sohn einen erlegten Berglöwen, löst sich unter den Worten ihres Vaters Kadmos der verhängnisvolle Nebel, der lange ihren Blick trübte. Ihr Schmerz und ihr Leid sind grenzenlos, die letzten Worte aber gehören Dionysos (letztendlich in menschlicher Gestalt):

„Dies sage ich, Dionysos, von keinem Sterblichen gezeugt, sondern von Zeus; hättet ihr da Besonnenheit gezeigt, wo ihr’s nicht wolltet, hättet ihr den Sohn des Zeus zum Mitstreiter und wärt jetzt im Glück.“

Unglaube und Unverständnis, Wut und Leid, Verblendung und Erkenntnis sind die Schlagwörter dieses von Steffen Jäger und seinem Ensemble auf die Bühne gebrachten Textes von Euripides. Der Unglaube und die Angst, die Pentheus zum Verhängnis werden, die Wut der verblendeten Agaue, die ihren eigenen Sohn hinrichtet und das darauf folgende Leid der Erkenntnis. Große Emotionen, gebündelt und intensiv auf die Bühne gebracht. Vergessen werden darf auch nicht der Zorn von Dionysos, dem Verstossenen, dem Sohn des Zeus und einer menschlichen Mutter, dessen wahre Identität verleugnet worden ist, dessen Mutters Name post mortem beschmutzt wurde, der sich Anerkennung gewünscht hätte, diese aber nicht zugesprochen bekommt und daher diesen blutigen, grausamen Schritt geht. Es ist der Zorn, der in ihm kocht und brodelt, Blasen wirft und ein Ventil sucht. Mal ist er dabei der Verführer, mal das beinahe raubtierähnliche Wesen, das über allem steht (im wahrsten Sinne des Wortes), mal einfach der Sohn der seinen Unmut hinausschreit und seine verletzte Seele offenlegt. Es ist wie sooft im Leben: die verletzte Seele als Keimzelle böser, dennoch menschlicher Gedanken, die doch nicht mehr sind als ein Ventil für den Schmerz, der bearbeitet, ja, der beseitigt werden will. Hier jedoch sind es göttliche Gedanken und die von Dionysos eingeleiteten Schritte demnach auch grausamer, brutaler. Er bekämpft die Verleugnung seiner Herkunft, die Lüge an seiner Mutter mit zerstörischer Kraft bis zum bitteren, tragischen Ende. Wojo van Brouwer als Dionysos schreit diesen Zorn mal dem Publikum entgegen, mal hält er ihn unter der Oberfläche zurück, zeigt die menschlichen Züge des Gottes, beobachtet still und bricht aus, bleibt dabei immer präsent. Dionysos als Marionettenspieler, der alles in der Hand hält und manchmal aber, so hat es den Anschein, gerne einfach loslassen würde.

 

xr8w34352


Der schwarze Bühnenraum, gespielt wird auf einer Tribüne, im rechten, hinteren Bühnenraum steht eine Kammer, ähnlich eines Schaffnerhäuschens, das durch Fenster einsehbar ist, dient nicht nur als Bühne, sondern auch als große Tafel, auf der, zum besseren Erkennen der Figuren, hin und wieder die Namen der gerade sprechenden Charaktere aufgeschrieben werden (so z.B. gegen Ende des Stückes, wenn eine der Bakchen als Kadmos auftritt, dies mit dem Aufschreiben des Figurennamens und einem auf sich deutenden Pfeil verdeutlicht). Ein interessanter und auch komischer Einfall des Regisseurs, ist es doch gerade zu Beginn des Stückes ohne Textkenntnis anhand der Inszenierung nicht immer einfach zu erkennen, welche Figur sich gerade zu Wort meldet. Die Bakchen, fünf junge Schauspielerinnen (Veronika Glatzner, Anne Grabowski, Jenny-Ellen Riemann, Eva Maria Sommersberg und Elisa Ueberschaer) treten als Chor auf, direkt folgend auch als Kadmos, Vater der Agaue und als Teresias der Seher. Das chorische Sprechen wird beibehalten, nur die Namen auf dem unteren Bühnenrand schaffen Klärung, wer gerade spricht.

Pentheus, dargestellt von Daniel Frantisek Kamen, zeigt sich daneben als Getriebener, als Herrscher, als Suchender, steht in Jesus-Pose auf einem Stuhl, rennt als Anhänger der Bakchen mit denselben um sein Leben.

Was das Ensemble schauspielerisch und vor allem textlich auf die Bühne bringt ist ein Wort- und Spielrausch, der durch Jägers’ Inszenierung das Publikum in seinen Bann zieht. Nicht immer zwar ist dieser Rausch zu spüren, viele betörende Momente jedoch entschuldigen einige wenige zu lang geratene Sequenzen. Ebendiese Momente, diese Bilder sind es, die das Ausmaß der griechischen Tragödie spürbar machen und den Zusehenden in einen Taumel, ähnlich dem der Bakchen auf der Bühne, fallen lassen.

Schon während das Publikum in den schwarzen Theatersaal betritt, sitzen die fünf (jungen) Frauen verteilt auf der Bühne, bewegungslos verharren sie auf ihren Stühlen, sehen entweder in den Zuschauerraum oder haben ihr Gesicht versteckt. Langsam beginnen sie sich zu rühren, die zuerst ruhigen und sanften Bewegungen werden schneller, wirken immer unkontrollierter. Es wird durch den Raum gegangen, man reibt sich an Wänden, robbt über den Boden: die Raserei ist es, die sich wie ein dunkler Schatten über die Frauen legt. Nach mehreren Minuten dieses Treibens betritt Dionysos die Bühne und die Tragödie beginnt. Szenen wie diese sind es, die das wilde Treiben der Bakchen so spürbar, so erfahrbar werden lassen. Oder auch wenn Pentheus das Treiben der Bakchen beobachten möchte und, um nicht aufzufallen, ein Teil davon werden muss, schafft es Steffen Jäger durch einfache Mittel eine rauschartige Situation, sowohl für die Schauspieler als auch für das Publikum, zu kreieren. Von rechts nach links rennen sie durch den Raum, tauchen auf und verschwinden wieder, verharren kurz, werfen einige Blicke in die Zuschauerreihen, dabei sprechen sie chorisch, wie hypnotisiert ihren Text. Was zuerst etwas befremdlich wirken mag, entwickelt schnell einen eigentümlichen Sog, dem man sich als ZuschauerIn nur schwer entziehen kann.

Der verstoßene Sohn, die verblendete Mutter, der standhafte Sohn, der gestürzte Patriarch: Figuren in einer Tragödie die schockiert, bestürzt, einem den Atem raubt und die den ZuschauerInnen mitten ins Gesicht geschleudert wird, die zornig ist und zornig macht. Es ist die Rache eines Verletzten, seine Taten, so furchtbar sie auch sind, sind dennoch in gewisser Weise nachvollziehbar, was das schrecklicher Leid der Mutter um ihren getöteten Sohn jeoch nicht abschwächt. Das Publikum wird durch das Schauspiel gelenkt, scheint zu verstehen, fühlt mit, um am Ende der neunzig Minuten den Thaterraum mit einer Fülle von neugewonnenen Gedanken, Assoziationen, und Gefühlen zu verlassen.

Cornelius Edlefsen


xr8w3356

                  Fotocredit: Gerhard Wartha

 

BAKCHEN: 29.09.2009, Max Reinhardt Seminar, Wien

Wenn man die Alte Studiobühne des Max Reinhardt Seminars betritt, um sich Euripides Bakchen in der Inszenierung von Steffen Jäger anzuschauen, muss man sich zunächst einmal in dem schwarzen Raum orientieren. Denn symmetrisch zu beiden Seiten befinden sich einander zugewandte Sitzstufen (Bühnenbild Lydia Hofmann). Die rechte Seite ist allerdings den DarstellerInnen vorbehalten. Stühle, Papierblätter, alte Bücher: die Requisiten sind marginal. Auch die Kostüme der DarstellerInnen sind simpel.

Die Geschichte des Gottes Dionysos und seiner Rache an Pentheus, dem Herrscher von Theben, ist auf eineinhalb Stunden komprimiert. Die Handlung geht ziemlich zügig voran und gewinnt schnell an Tempo. Es gibt nur wenige Zwischenspiele. Die SchauspielerInnen betreiben Hochleistungssport auf der Bühne, kommen immer nur kurz zur Ruhe, um dann die nächste sportliche Aktivität aufzunehmen. Vor allem sind die fünf jungen Schauspielerinnen (Veronika Glatzner, Anne Grabowski, Jenny-Ellen Riemann, Eva Maria Sommersberg und Elisa Ueberschär) zu bewundern, die den einstudierten Sprechrhythmus tadellos beherrschen und somit aufeinander abgestimmt im Chor sprechen. Außerdem übernimmt fast jede von ihnen mehrere Rollen. Um die jeweilige Rolle erkenntlich zu machen, wird der Name der Figur mit weißer Kreide an die schwarze Wand geschrieben. Dadurch entstehen komödiantische Momente. Der Einsatz von ultraviolettem Licht lässt Kleidungsstücke, die Masken der Bakchen sowie das weiß geschminkte Gesicht des Dionysos in der Dunkelheit leuchten. Überhaupt zieht sich der Schwarz-Weiß Kontrast durch die ganze Inszenierung.

Die Tragödie fügt sich dem Motto des diesjährigen Festivals: Zorn!. Darin geht es um den Zorn von Dionysos, dem Gott des Weines und des Rausches in Menschengestalt gegen diejenigen, die ihn nicht als solchen anerkennen wollen. In erster Linie jedoch gegen Pentheus, der bewaffnet mit seinen Männern gegen Dionysos und die Bakchen ins Feld zieht, nachdem der Gott diese in Wahnsinn und Raserei versetzt hat. Dionysos reiße die Frauen vom Webstuhl weg, aus der thebanischen Demokratie und führe sie in die Natur, wo sie sich an Bäumen reibten, Tiere mit ihrer Milch tränkten und mit Wölfen zusammen lebten, sagt Steffen Jäger bei der Diskussion „Zorn – Rausch oder Strategie“. Die Frauen bilden mit der Natur eine Einheit. Sie seien eine produktive Gemeinschaft, so der Regisseur, bis die Männer anfangen die Bakchen zu jagen. Erst dann gibt es einen Bruch und die Gemeinschaft wird destruktiv. Das Geschehen auf der Bühne scheint den Zuschauer ebenfalls in einen Rauschzustand zu versetzten. Die Dynamik des Spiels, der Lichtwechsel, die Kreuzigung von Jesus Christus, im Raum fliegende Papierblätter und zerrissene Bücher, eindringliche Musik. Während der Jagt durchqueren die DarstellerInnen immer wieder den bespielten Raum, von rechts nach links, um rechts wieder aufzutauchen während sie den Text im Chor sprechen. Ihr Gang sowie der Sprechrhythmus beschleunigen sich mit jedem Durchgang. Überhaupt die ganze Inszenierung gewinnt immer mehr an Tempo, bis schließlich Agaue im Trance-Zustand ihren Sohn Pentheus für einen Löwen hält und ihn mit ihren eigenen Händen in Stücke zerreißt. Sie isst von seinem rohen, blutigen Fleisch und bringt seinen Kopf mit nach Hause, einen reifen Granatapfel. Die letzte Szene, in der Agaue klagend über ihren Sohn gebeugt ihren fatalen Fehler erkennt während im Hintergrund eine Opernarie an Lautstärke gewinnt, bewegt sich auf einem schmalen Grad zwischen Tragik und Kitsch. Fügt sich jedoch in den Gesamteindruck und stellt einen gelungenen Abschluss dar. Die Tragödie endet mit den Worten „Und ganz zu Recht erlitt er dieses Los. Dies sage ich, Dionysos, von keinem Sterblichen gezeugt, sondern von Zeus; hättet ihr da Besonnenheit gezeigt, wo ihr´s nicht wolltet, hättet ihr den Sohn des Zeus zum Mitstreiter gewonnen und wärt jetzt im Glück.

Eine gelungene Inszenierung des Rausches und der Raserei.

Olga Buchhorn

 

xr8w3284

 

Euripides: BAKCHEN

α Ω

Zwei griechische Buchstaben mit Kreide eilends auf die schwarze Bühnenwand geschrieben — In der Inszenierung von Euripides’ Die Bakchen stehen sie ein für die Zeichenhaftigkeit, mittels derer Steffen Jäger der attischen Tragödie aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert begegnet. Als A und O gelesen, deuten sie zugleich auf eben dieses hin und das heißt: Chor. Er bildet das Energiezentrum. Mitnichten handelt es sich um eine vorsichtige, suchende Annäherung an das Fremde, Entlegene antiken Theaters. Dionysos höchstselbst — dem Gott des Rausches, des Theaters ­— huldigt man.

Auf den Stufen der Blackbox sitzen die Zuschauer wie in einem Modellversuch des Amphitheaters. In der fehlenden Distanz zur gleichfalls in Stufen ansteigenden Bühne sind sie jedoch deren Geschehen vollends ausgesetzt: Ein Raum der Konzentration, die Steffen Jäger in der Reduktion der Mittel für große Bilder nutzt.

Aufgeladen ist die Luft schon zu Beginn, sie vibriert förmlich, bald verstärkt durch elektronische Sphärenklänge. Wie auf einer Probe sitzen fünf Schauspielerinnen in grauen Trainingsoutfits (Veronika Glatzner, Anne Grabowski, Jenny-Ellen Riemann, Eva Maria Sommersberg, Elisa Ueberschär) auf der Bühne. Ihre Nerven scheinen wie Saiten gespannt. Nicht die sprichwörtliche Stecknadel hört man fallen, sondern das Öffnen einer Wasserflasche. Im Schweigen zerbersten ihre Körper. Hastig scheuern sie sich, springen auf und ab, ihre Arme und Beine verrenkend. Das fahrige Blättern in Papierstapeln prophezeit die Wortkaskaden, die bald schon den Raum fluten werden. Eine szenische Unruhe vor dem Sturm, bis Wojo van Brouwer, von kräftiger Statur und ebenfalls im grauen Sportlerdress, im Zentrum auftritt, mit Kreide Dionysos an die Wand schreibt und abgeht. Die Aufschrift wirkt, als wolle er sich in Behauptung der göttlichen Gestalt in den Raum erst einschreiben. Mehr noch ist es der Tragödientext selbst, der in seiner Lautwerdung durch den Chor erfahrbar wird und sich des Raumes bemächtigt, indem er ihn neu definiert: Raumvolumen < Sprach- und Ausdrucksvolumen

Die fünf jungen Frauen bilden den kraftvollen Chor, tragen anfangs weiße Masken, schieben sie auf ihre Hinterköpfe und sind zugleich Teiresias, Kadmos, Agaue und die Bakchen. Für die Rollen treten Solistinnen kurz aus der chorischen Einheit hervor, um sogleich wieder in ihr aufzugehen. Als skandierende Phalanx stehen sie an der Bühnenrampe. Zunächst stört dieses chorische Sprechen in der Zuordnung der Rollen, doch Kreidemarkierungen auf den Stufen weisen mit Namen wie Inschriften unter antiken Statuen den Weg. Standhaft bleibt dabei keine. Spricht eine Darstellerin als Kadmos, (der Großvater von Pentheus, dem König Thebens,) oder als der greise Seher Teiresias, kommt eine weitere dazu und bald reißt der Chor sie hinfort. Sie befreien sich durch die gemeinsame Bewegung im Raum wie in der Dynamik der Sprache, die über allem steht und alles ermöglicht. Sie errichtet das Theben, in das der Gott Dionysos in menschlicher Gestalt zurückkehrt, Rache nehmend an seiner Heimat, aus der er einst vertrieben. Die Schwestern seiner Mutter hatten damals behauptet, nicht Zeus wäre sein Vater, sondern ein Sterblicher hätte ihn gezeugt und seine Mutter Semele ihn dem Gott als Sohn zugeschoben, was jener sie ihr Leben kosten ließ. Als rasende Bakchen scheuchte Dionysos die Frauen in die Berge, ihn und seinen Orgien dienend. Doch einer ist in Theben, der ihn als Gott nicht anerkennt und mit Waffengewalt nun gegen die Bakchen und ihr wildes, staatszersetzendes Treiben vorgehen will: König Pentheus, gespielt von Daniel Frantisek Kamen. Die Drohung Dionyos’, sich besser nicht mit ihm und seinen kriegerischen Mänaden (= die Rasenden, Synonym für die Bakchen) anzulegen, missachtet er und sieht den Rachefeldzug gegen ihn nicht herannahen. Alles ist gesagt . Der Gott zieht sich zurück auf den Kithairon. Hierbei leistet der Schwarzlicht-Effekt wunderbare Dienste. Mit weißgeschminktem Gesicht bereitet Dionysos sich auf der höchsten Bühnenebene sein Lager. Man sieht sein göttliches Auge aus helleuchtenden Antlitz im Schwarz des Raumes über allem wie ein Spielleiter wachen.

Pentheus lässt einen Fremden, der an der Gottheit Dionysos festhält, mit einigen der Bakchen in Gewahrsam nehmen, nicht ahnend, dass es sich um jenen selbst handelt. Die Szene der Gefangennahme wird in einer Art Dolmetscherkabine auf den obersten Stufen der rechten Bühnenseite gezeigt. Selbst hier noch steht Dionysos, zwar gefangen, doch erhöht über allem und ist allem erhaben. Als Fremder bietet er dem König an, den Bakchen bei ihren Orgien aufzulauern. Er wolle ihn, unerkannt in Frauenkleidern, zu ihnen in die Berge führen. Pentheus willigt ein. Steffen Jäger weiß hierzu, mit einem raffinierten Regieeinfall den Raum einzubinden. Eben noch hat im rechten Eingang eine Darstellerin meisterlich den Botenbericht deklamiert und so gesprochen von der Aggression der Bakchen, ihrem Furor gegenüber voyeuristischen Hirten, der sich im Zerreißen ganzer Kuhleiber durch ihre bloßen Hände entladen habe. Nun kommen die Bakchen gezogen durch diesen Eingang. Ihr chorischer Rhythmus treibt sie an. Mit kraftvollen Schritten durchqueren sie den Raum, verlassen ihn durch den linken Eingang, um sogleich wieder im rechten zu erscheinen. So geht es hinfort, immer schneller jagen sie voran, von rechts nach links. Unter sie hat sich nun Pentheus gemischt und wird mitgetrieben. Er ist nicht in Frauenkleider gewandet, der Rhythmus ihrer Stimmen und Schritte uniformiert sie allesamt, bis sie ihn erspähen und die gewaltsame Sprache in sprachlose Gewalt umschlägt. Angeführt von Agaue, Pentheus’ Mutter, nimmt das Blutbad seinen Lauf, denn sie erkennt ihn nicht in ihrer Raserei.

Als Priesterin beginnt die Mutter mit dem Mord und stürzt sich

auf ihn; er reißt sich das Band vom Haar, damit erkenne und

nicht töte ihn Agaue, die Unselige, spricht, ihre Wange sanft

berührend: “Mutter, ich bin es, dein Kind, bin Pentheus […];

erbarm dich, Mutter, und ermorde nicht um seiner Frevel willen

deinen eignen Sohn!” Sie aber, Schaum vorm Mund, die Augen

rollend, empfand nicht, was es zu empfinden galt, mit den

Händen griff sie seinen linken Arm, stemmt’ ihren Fuß dem

Armen in die Rippen, riß aus die Schulter, nicht mit eigener

Kraft, sondern der Gott gab ihrer Hand die Fähigkeit.

Im Glauben, einen Löwen erlegt zu haben, kehrt Agaue, Pentheus geschultert, in Kadmos’, ihres Vaters Haus, zurück. Mit einem Granatapfel lässt Steffen Jäger die Blutrünstigkeit nachwirken. Die Darstellerin der Agaue beißt begierig in die harte Schale und reißt die roten Kerne heraus, dass das (Frucht)fleisch nur so durch das Schwarz-Weiß des Bühnenraumes spritzt. Kadmos öffnet Agaue die Augen und führt ihr die Reichweite ihrer Tat vor. Mit Pentheus hat sie das höchste Opfer einer Mutter gebracht. Beendet ist die Orgie. Ein klassisches Gesangsstück setzt ein. Der Chor formiert sich ein letztes Mal und hängt Agaue kopfüber in eine Schaukel. Als sie dem Wahn verfällt, wenden die Gefährtinnen ihre Gesichter von ihr ab. In der Höhe erscheint Dionysos nun in Gottgestalt. Rache an denen, die ihn nicht anerkannten, hat er geübt, doch sein Schlussmonolog ist nicht der eines Siegers. Er zeigt Züge eines Gewissens. Euripides, der jüngste neben Aischylos und Sophokles als Trias der großen Vertreter der attischen Tragödie, war es, der die Götter als Menschen zeigte, deren Gewissenlosigkeit und Grausamkeit. In Die Bakchen beweist er, welchen Gewaltakt ein Gott in seinem Ringen um Berechtigung unter den Menschen zu entfesseln vermag.

“Wer sich als Regisseur mit der chorischen Masse einlässt, sie formt und damit stärkt, spekuliert und rechnet, wie Reinhardt es formuliert hat, mit “ungeahnte(n) anonyme(n) Wirkungen”. Er betreibt eine erregende, bedrohliche, kräftesteigernde und kräfteverschwendende performative Praxis.”  (Hajo Kurzenberger: Die Kraft der Gruppe. In: Theater heute 07/2009, S. 17.)

Steffen Jäger braucht nicht Max Reinhardts “Theater der Fünftausend” zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu reanimieren, um die chorische Kraft zu demonstrieren. Er reduziert in seiner Inszenierung den Chor auf eine fünfköpfige Größe, entlässt ihn in ein Arena-Modell und führt das antike Theater mit konsequenten Bildern seinem Ursprung zu. Am Anfang war der Chor. Ihm entwuchsen die Protagonisten. Alles ist hier Chor, Zorn heißt der Chor! Die DarstellerInnen leisten Großartiges in der Bezwingung der Textmassen und deren rhythmischer Ausgestaltung. Die Sprache wie die Körper befinden sich in höchster Erregung. “Euoi!”, lautet der Bakchen Ruf. “Euoi!” steht in dieser Inszenierung für den einzigartigen, den Raum sprengenden Sprechakt. Entstaubt wird das antike Theater, dessen Sprache wirbelt auf und wird als Performance im Hier und Jetzt erfahrbar. “Euoi!”

Degna Martens


 

 

ZORN! am Sonntag – die Endrunde

Sonntag, 4. Oktober 2009

Sonntag, 4.10.2009

Das Festival ZORN! DRAMATISCHES ERZÄHLEN HEUTE geht in die letzte Runde. Heute gibt es die Möglichkeit Versäumtes nachzuholen, denn bis auf Töten werden alle Stücke noch einmal zu sehen sein. Als Abschluss findet am Abend die Diskussion Zorn und Zukunft mit dem Theatermacher Jérôme Junod, der Regisseurin Christine Mattner, den Autoren Volker Schmidt und Matthias Wittekindt sowie dem renommierten Zukunftsforscher Peter Zellmann statt. Darin werden nicht nur die letzten beiden Premieren Mann muss dankbar sein und Mann ohne Beil aufgearbeitet, sondern auch ein Resümee der Ereignisse der spannenden letzten Woche gezogen. Diese Woche brachte uns aufgrund der Vielfalt an Ideen viele inspirierende Momente und Eindrücke. Keine Geschichte und auch keine Inszenierung glich der anderen. Die Regisseure haben ihre Individualität bewiesen. Die Schauspieler ihr Können. Und das Max Reinhardt Seminar ihr Ziel erfüllt, sich als Institution zu öffnen und als ein Ort zu präsentieren, an dem nicht nur Theater entsteht, sondern auch gezeigt wird.

Olga Buchhorn

Töten. Von Daniel Kehlmann.

Sonntag, 4. Oktober 2009

Töten

Von Daniel Kehlmann. Am 02.10.2009 im Salon5 in Wien.

Inszeniert von Benedikt Haubrich und Tobias Dörr im Rahmen des ZORN!-Theaterfestivals

And don’t believe me
if I claim to be your friend
‘cos given half the chance
I know that I will kill again
I will kill again

- Jarvis Cocker, I will kill again

Es gibt immer ein Vorher und ein Nachher. Jede Handlung, jede Tat beinhaltet diese beiden Ebenen. Was auch immer man macht: es gibt ein Vorher und ein Nachher. Nur: oft ist im Nachher dann nichts mehr, wie es einmal war.

Ein Junge steht auf einer Brücke. Es ist brütend heiß, der Himmel ist schwer und „wie aus warmem Metall.“ Sommerferien, es gibt nichts zu tun, im Fernsehen läuft nichts Gutes und die Comic-Hefte waren auch schon mal besser. Pure Langeweile. Aus diesem Grund steht der Junge auf der Brücke, genau in der Mitte und beobachtet die auf der darunterliegenden Landstraße vorbeiziehenden Autos. Auf dem Weg hierher hat er einen Stein aufgehoben, noch hält er ihn in der Hand, den Arm über das Geländer der Brücke gestreckt.

Er wird ihn fallen lassen.

Am Ende des Textes von Daniel Kehlmann steht ein Autounfall und der Tod eines Hundes, beide Taten begangen von einem nicht weiter auffälligen Jungen. Ohne einen besonderen Grund wird er zum Steinewerfer und Hundemörder, beim späteren Mittagessen antwortet er auf die Frage der Mutter, ob der Vormittag nicht sehr schön gewesen sei: „Ja. Er war ziemlich gut.“ Warum der Junge diese schrecklichen Taten begangen hat, bleibt ungeklärt. Nur ein kurzer Augenblick und ihm wird klar, dass etwas passieren wird. Dass etwas passieren muss. Bald. „Und plötzlich fiel ihm auf, dass man nie aus der Gegenwart hinaus konnte, niemals, dass man immer eingesperrt war in einen einzigen, nie wechselnden, nie sich ändernden Moment.“ Doch der Junge ändert den Moment. Für immer. Nie wieder wird ihm das Bild aus dem Kopf gehen, dass sich ihm nach dem Steinwurf geboten hat, nie wieder wird er den Mord an dem Tier und das Jaulen des Hundes während seines Todeskampfes vergessen können. Dafür aber spürt er sich auf einmal, er bemerkt sich selbst, seinen Körper, sein Dasein. Er spürt sich stärker als jemals zuvor, nimmt die Veränderung in seinem Inneren war, erkennt, dass er allen anderen gewachsen ist, dass er stärker ist als sie.

Benedikt Haubrich, ehemaliger Student des Max-Reinhardt-Seminars, beginnt mit dem Nachher. Die Zuschauer sitzen sich gegenüber, in der Mitte ist eine freie Fläche, auf der einen Seite der Sitzreihen steht ein Schreibtisch. Zwei Diaprojektoren stehen bereit. In einem braunen Cordsakko betritt der Schauspieler Bernd-Christian Althoff den Bühnenraum, geht umher, begutachtet das Publikum, tritt mit diesem in Kontakt, es wird gelacht über seine kleinen Sticheleien. Irgendwann lässt er die Rollos hinunter und beginnt eine Geschichte zu erzählen. Seine Geschichte. Vermutlich.

Wie der Autor selbst schildert er den Tathergang des Jungen, verschiedene Lichtquellen zeigen ihn mal spärlich beleuchtet, dann wieder im gleißenden, weißen Licht des Projektors. Althoff spricht sehr präzise, jedes Wort zerschneidet die ohnehin schon heiße Luft im Theaterraum. Seine Sprechweise variiert stark: in einem Moment scheint er der Erzähler zu sein, im nächsten der Verhörte und wieder im nächsten Moment der kleine Junge selbst im Moment der Erkenntnis, im Augenblick der Tat. Anhand verschiedener Dias rekonstruiert er den Tathergang, die darauf zu sehenden Kinderkritzeleien zeigen das Auto kurz vor dem Einschlag des Steins. Der dahinter gesetzte blaue Himmel wirkt keineswegs beruhigend, verstört nur noch mehr und der Zuschauer erkennt: die Idylle existiert nicht mehr, hat vielleicht niemals existiert.

Der Zuschauer ahnt es bereits: dieser adrett gekleidete Mann ist „der große Junge“, der gealterte Steinewerfer der hier, vor uns, eine Art Lebensbeichte ablegt. Eine Beichte, die keine Beichte ist, denn Reue kommt nur selten zum Vorschein. Besonders deutlich erkennt man den großen Jungen, wenn er sich von seiner Erzählerhaltung entfernt und von einem „Ich“ anstelle eines „Er“ spricht. Er ist sich des Publikums stets bewusst, auf eventuelle Lacher oder ein Hüsteln reagiert er, sein Auftritt ist eine Show und er ist der Talkmaster.

Vorweg sei gesagt, dass das Spielen zwischen den Zuschauenden und die Interaktion mit diesen sicherlich ein schwieriger Akt ist, der von dem jungen Darsteller gut gemeistert wird und doch ist es gerade diese Interaktion, die nicht immer ganz aufgeht. Althoff ist „der große Junge“, er ist gekommen um seine Geschichte zu erzählen, er ist die Figur: wenn er jedoch auf sein Publikum eingeht erhält man den Eindruck, er würde sich von dieser Figur entfernen, werde wieder der Schauspieler. Weitergedacht könnte hier gesagt werden, dass vielleicht genau dies die eigentliche Idee dahinter ist. Bernd-Christian Althoff ist der große Junge und gleichzeitig der Erzähler, er ist Leitender dieser Beichtstunde und kann somit aus der eigentlichen Rolle heraustreten.

Irgendwann, die Tat ist bereits gestanden, beginnt er zu singen. Die Worte des Sängers Jarvis Cocker werden dabei nicht nur der Figur in den Mund gelegt, sondern gleichzeitig auch von selbiger per Diaprojektor an die Wand geworfen. Erst nach und nach zeigt sich die wahre Kraft der Musik und des Songtextes: was harmlos beginnt endet mit den Sätzen „I will kill again.“

xr8w25471


Der zweite Teil der Inszenierung findet nicht im Theaterraum statt, sondern im Empfangsraum der Spielstätte. Der Bühnenraum wird zum Kino und die Bühne an sich wird durch eine Leinwand ersetzt. Althoff, der große Junge, empfängt die Gäste und wieder hört man Jarvis Cockers’ beruhigende Stimme, die den verstörenden Text lieblich an das Ohr des Zuhörers trägt. Das Licht wird gedimmt, die Musik wird leiser, Althoff sitzt mit einer Schüssel Popcorn im Publikum und auf der Leinwand erscheinen fünf weiße Buchstaben auf schwarzem Grund: Töten. Das Vorher beginnt.

Der Film von Tobias Dörr, Student der Wiener Filmakademie, ist die Verfilmung der gerade von Althoff wiedergegebenen „Lebensbeichte“. Flavio Schily verkörpert darin den kleinen Jungen, der in nur wenigen Minuten vom gelangweilten Kind zum Mörder wird. Dörr zeigt dies in klaren Bildern, lässt seinen jungen Darsteller noch auf einen Apfelbaum steigen bevor er ihn zum Steinewerfer werden lässt, inszeniert die Ruhe und vordergründige Idylle des Vormittags in langen, ruhigen Einstellungen. Nur in wenigen Szenen entfernt er sich von der Textvorlage Kehlmanns, so zum Beispiel wenn er den Jungen wie bereits erwähnt einen Apfel vom Baum pflücken lässt (klingt hier die alttestamentarische Geschichte Adam und Evas durch, die durch den Verzehr der verbotenen Frucht Unheil über sich und das Paradies gebracht haben?), oder wenn er das junge Pärchen im Auto zeigt, die nur wenige Momente später Opfer des Steinewerfers werden.

Hier aber stellt sich die Frage, warum Dörr das Pärchen im Auto überhaupt in den Film einbindet und die Beiden als Figuren etabliert, Figuren, die in der Vorlage Kehlmanns nicht erwähnt werden. Aus den kurzen Dialogen erkennt man, dass es in dieser Beziehung kriselt, Probleme, die mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun haben. Kurze Zeit später verunglückt das Pärchen, um jedoch Mitleid für sie zu empfinden (ein Aspekt, dem in der Vorlage keinerlei Interesse geschenkt wird) reicht das nicht aus.

Es geht in Kehlmanns Text keineswegs um Mitleid für die Opfer, diese kommen überhaupt nicht zu Wort: der Dreh- und Angelpunkt der Erzählung ist der Junge, seine Tat, sein „Spürbar-Werden“. Auf einmal lebt er, er erkennt die Macht seiner Person. Er ist nach dem Unfall weder schockiert über seine Handlung, noch ängstlich, dass man ihn eventuell erwischen könnte, nein, er bemerkt das seine Handlungen Konsequenzen haben und das er diese für sich nutzen kann, also tötet er den ewigen Widersacher, den Hund. Kehlmann stellt, wie es in dem Abendzettel zu Töten heißt, die Grundsatzfrage nach der Existenz des Bösen. Wie Benedikt Haubrich und Tobias Dörr damit umgehen, dass Nachher vor das Vorher zu setzen und dies über verschiedene Medien zu zeigen, ist durchaus spannend und ein reizvoller Gedanken, dass hierbei Theater und Film so strikt getrennt werden enttäuscht jedoch ein wenig. So hätte man die Mittel des Theaters und des Films mehr verbinden können, eine Symbiose dieser beiden Medien hervorrufen können und hätte den Abend nicht in zwei klar voneinander getrennte Teile gliedern müssen. Die zwei Teile sind zusammenhängend, das ist klar und doch bleiben sie merkwürdig voneinander entfernt, es gibt kein wirkliches Zusammenspiel der beiden Darstellungen. Durch das bereits gesehene Schauspiel Althoffs weiß das Publikum, was es auf der Leinwand zu sehen bekommt, und doch bleibt der Eindruck erhalten, dass dem Publikum zwei inhaltlich gleiche Erzählungen geboten wurden, diese aber außer dem Inhalt nichts gemein haben. Hätte man den Film direkt in die Theaterinszenierung mit eingebunden, man hätte die Dramatik, welche die Erzählung Kehlmanns auf jeden Fall beinhaltet, vielleicht spürbarer gemacht. So bleiben von diesem Abend ein Theaterstück und ein Film zurück, aber kein Ganzes.

Dennoch: Töten ist ein sehenswertes Stück, die Idee Film und Theater zu verbinden, zwei Medien die immer noch gerne als zu unterschiedlich betrachtet werden um sie zu verbinden, macht es so spannend und wichtig.

Seine Tat ist es, die den Jungen spüren lässt was es heißt, am Leben zu sein, dieser Moment stellt für ihn eine höchst persönliche Erfahrung dar und daher ist dieser Augenblick von solch großer Bedeutung für ihn. Ähnlich verhält es sich im Theater: was wir sehen und was uns berührt, was uns angreift, was und glücklich oder zornig macht und mit welchen Gefühlen wir auch immer am Ende des Abend nach Hause gehen basiert auf subjektiven Empfindungen. Daher: anschauen, miterleben, „spürbar“ machen.

Cornelius Edlefsen

TÖTEN. Von Daniel Kehlmann

Sonntag, 4. Oktober 2009

 

267

 

Daniel Kehlmann: TÖTEN. Nach der Erzählung inszeniert von Benedikt Haubrich im Wiener Salon 5 und verfilmt von Tobias Dörr

„Am schlimmsten waren die Sommerferien.“

Es handelt sich um einen entlegenen Ort: Eine Bühne wie ein Dachboden. Ein Schreibtisch samt Drehstuhl begrenzt, eingerahmt von zwei Pfeilern, eine Querseite der engbemessenen Spielfläche. Gegenüber befindet sich die Fensterfront. Die Zuschauer sitzen an den Längsseiten. Unter dem Knarren der Holzdielen nähert sich ein junger, hoch aufgeschossener Mann (Bernd-Christian Althoff) mit blondem Haar im braunen Cordanzug dem Publikum, fährt die weißen Jalousien herunter und testet im Halbdunkel des Raumes die Geräte. Das Surren des Diaprojektors ist zu vernehmen und ein Beamer blinkt unter der Decke auf. „Jetzt dauert es noch etwas länger“, bemerkt er in nüchternem Ton, nachdem er das Dia-Magazin umgestoßen hat und sich unzählige Positive über die Tischfläche verteilt haben.

Benedikt Haubrichs Inszenierung Töten nach der gleichnamigen Erzählung von Daniel Kehlmann (erschienen in seinem Erzählband Unter der Sonne) beginnt im Obergeschoss des Salon 5 äußerst stockend. Mit wem haben wir es zu tun? Der Mann stellt sich nicht weiter vor, greift wahllos nach einem Dia, betrachtet es unter einem Auflachen und lässt uns dabei im Ungewissen. Sein Lachen ist das eines berechnenden Strahlemannes, aufgesetzt und wenig vertrauenswürdig. Er setzt sich an den Tisch und beginnt seinen Bericht vor der erleuchteten Projektionsfläche. Teilweise spricht er hierzu mit verstellter tiefer Stimme in das Tischmikrofon.
„Da war vor allem dieser Hund. Er war immer da, und er schien immer dagewesen zu sein. Ein Schäferhund, groß, mit hellem und strähnigem Fell, mit spitz aufstehenden Ohren und länglichen roten Augen, in denen nichts zu sehen war als stumpfe Bösheit.“

Mit diesen Worten blendet er über in Kehlmanns Erzählung:
Sommerferien auf dem Land. Eine unerträgliche Hitze. Kein Luftzug geht. Zwei Katzen tollen auf dem Rasen, Grillen zirpen und der verhasste Schäferhund des Nachbarn, “das Böse, das Lauernde, die Gefahr am Rand jedes Augenblicks“, bellt wie eh und je. In der gnadenlosen Mittagssonne zerrint die Zeit bleiern. „Hier geschah nie etwas. […] so mußte es dort sein, wo man war, wenn man tot war, wo nichts passierte, nie wieder.“

Der Junge findet einen Ziegelstein und geht zur nahe gelegenen Brücke über der Landstraße. In einem Moment zwischen Ein- und Ausatmen handelt er. Der Stein fällt herunter auf die Windschutzscheibe eines Wagens, der daraufhin mit einem Baum kollidiert. „Eine Sekunde lang hatte er befürchtet, daß seine Hand sich weigern, sich einfach nicht öffnen würde; aber es ging ganz leicht.“ Der herabgeworfene Stein bildet nur die Initialzündung, seinen eigentlichen Feind, den Schäferhund des Nachbarn, auszuschalten. Aus der Garage holt er Rattengift hervor, verteilt es zwischen einer zerschnittenen Wurst auf einem Teller und schiebt ihn dem Hund unter dem Zaunspalt entgegen. „Hast Du Hunger?“ Begierig frisst der Köter, blickt ihn ein letztes Mal „aus seinen roten Augen“ an und verendet.

Daniel Kehlmann fängt in ruhigem Erzählton diesen gewöhnlichen Sommertag mit dem unheilvollen Ausgang als eine bestechende Verdichtung ein und zeigt, wie unter der vor Hitze flirrenden Landidylle erst recht der Zorn des Jungen gärt. Es ist ein kalter Zorn, gerichtet gegen seine Umwelt, die ihn als „zu klein“ verkennt. Erstmals kommt er in den Gefühlsgenuss von Macht. Als „das Erwachen von Potenz“ hat Benedikt Haubrich diese Macht in der Diskussion „Zorn: Rausch oder Strategie?“ am Mittwoch, den 30.9.2009 im Gespräch mit Barbara Rett bezeichnet. Die in sich so abgeschlossene, verstörende Erzählung richtete er für die Bühne ein. Dabei habe der Zorn des Jungen nicht im Zentrum gestanden, sondern sei eher als Spur unter dem Kernthema verlaufen: die Schuld der Vergangenheit.

So wie der Junge bei Daniel Kehlmann mit dem Steinwurf für „zwanzig Sekunden“ die Welt um sich kontrolliert, steuert Bernd-Christian Althoff in seiner Rolle den Spielverlauf. Von einem Tonband wie zuvor das Hundegebell eingespielt, fordert ihn die unnachgiebige Kinderstimme des Textes auf, den Stein über dem Brückengeländer fallen zu lassen. „Noch nicht. Noch nicht.“ Manisch verwehrt er sich, als risse dieses Kind an seinen Nerven, an Strängen der Vergangenheit, bis zu dem nahezu erlösenden „Jetzt!“. Sirenen setzen wie von Ferne ein. Der Unfallhergang wird per Dia auf die Jalousien projiziert: Ein rotes Tuschebild wie von Kinderhand zeigt das Auto auf der linken Seite und rechts ineinander verlaufende Streifen und Flecken. Der Erzähler kommentiert das Ausweichmanöver des Wagens, vor der Wand auf- und abgehend, entdeckt beim Zeigen die rote Farbe auch an seiner linken Hand, stockt, wischt sie mit einen Taschentuch ab und beendet seinen Vortrag, während das nun in die Zeichnung montierte Himmelblau wie auf der Windschutzscheibe des Wagens durchtrennt wird. Dieser kurze Moment der Irritation wirkt in seiner Schönheit fast überzeichnet, übertuscht von Blut, erst recht da eine eiserne Miniatur des Gekreuzigten darüber hängt.

Der Zugang zu der Erzählung wird immer wieder unterbrochen, sei es der Umgang mit der Sprache, wenn der Schauspieler auf einzelnen Halbsätzen oder Worten bedeutungsvoll ausruht oder wenn er sich mit Fragen nach Bestätigung heischend an das Publikum wendet und sich diesem doch immer wieder entwindet. Das Geschehen wirkt entrückt. Die Diapositive wären ein mögliches Beweismittel, doch sie liegen weiter verstreut auf dem Tisch umher. Seine Taktik des Hinhaltens erschwert die Orientierung und die Suche nach Sinnfäden gestaltet sich schwierig. Das Geschehen wird überspielt in einem Oszillieren zwischen Figur und Darsteller. Man kann die Situation nicht einordnen: Sie laviert zwischen einer Diashow ohne Dias, einem Verhör in der Rekonstruktion eines Falles und einer One-Man-Show. Zu einer solchen gerät sie, als Althoff die handschriftlichen Songzeilen „Build yourself a castle. Keep your family save from harm. Get into classical music. Raise rabbits on a farm.” projiziert und als Playback darbietet. Auffallend ist der Eingriff in den Text: And wouldn’t don’t it be nice for all the World to live in peace? ist zu lesen. Die Verstörung setzt sich fort.

Was sich in dieser Suchbewegung der Zuschauer allerdings herstellt, ist die überaus gelungene Parallelführung der Sommerhitze bei Kehlmann mit dem Surren des Diaprojektors. Man erinnert sich der Diaabende nach Sommerurlauben mit der Familie: Die Luft, die dabei zunehmend trockener wird, während der Projektor den Staub anzieht und Bilder vergangener Tage mit Gelbstich auf die Wand wirft. So wird auch endlich hinter dem Schreibtisch eine trockene Sommerwiese erkennbar, die sich gegenüberliegend zwischen den Fenstern fortsetzt, hier als Hintergrund des portraitierten Jungen: Ein Blondschopf mit schmalen Gesicht. Der Erzähler öffnet die Jalousien und während sich das Abendblau zeigt, spiegelt er sich in der Scheibe direkt neben dem Jungen als ein erwachsener Blondschopf.
„Er lehnte sich zurück und atmete tief ein und aus und fühlte den kalten Glanz um sich, eine Art Macht, eine Art Heiligkeit. Es gab etwas, […] und es war etwas Großes.“ Er steht auf und verlässt mit einem Lächeln den Raum, während der Projektor ins Magazin einrastet und weiterspringt. Die Fläche bleibt indes weiß, das Magazin ist leer. Der Song von Jarvis Cocker setzt wieder laut ein und lockt nach draußen, ihm, der noch immer das Spiel leitet, die Treppe ins Erdgeschoss folgend. I will kill again erfüllt die tiefe Stimme den Raum. Vor der Bar steht er, über sich auf der Filmleinwand das Portrait des Jungen, und setzt sich schließlich in die erste Reihe. Der Film beginnt.

TÖTEN — Der Kurzfilm von Tobias Dörr

Seit 2002 studiert Tobias Dörr bei Michael Haneke Regie an der Filmakademie Wien und die Qualität seiner Kadrierungen spricht für sich. Er habe Kehlmanns Erzählung als sehr visuellen Text empfunden und insofern die Bilder nur noch ins Storyboard übertragen müssen. Wie kunstvoll ihm das gelungen ist, zeigen bereits die ersten Bilder. Einem Mikrokosmos gleich bewegen sich Ameisen über den Boden — auch hier wird ein entlegener Ort geboten. Der Junge, gespielt von Flavio Schily, ist der des Portraits aus der Inszenierung. Im halbschattigen Raum hockt er mit seiner Schwester vor dem Fernseher. Die Aufsicht auf seinen Hinterkopf hält ihn seltsam auf Distanz. Langgliedrig mit ausdruckvollen blauen Augen im schmalen Gesicht glaubt man ihn als Strolch, der etwas im Schilde führt. Mehr noch, als er in roten Longshorts durch den Garten des weißgetünchten Landhauses unter dunklem Holzgiebel stakst, sich von dem verhassten Nachbarshund abwendet und die Straße heraufgeht, um in ihrer Biegung zu verschwinden, wirkt er wie ein Junge, der allein spielt und in seiner eigenen Welt lebt.
Tobias Dörr schafft diese Welt in Ausschnitten: Ein Obstgarten, wo der Junge den Ziegelstein entdeckt, dann jedoch einen fauligen Apfel zur Seite schießt. Die abgelegene Brücke über der Landstraße, wo er, nun auf einem Pflasterstein stehend, die Autos unter sich abwartet. „Wer wohl, dachte er, darin sitzt … Und er wusste sofort, daß diese Frage ihn nicht mehr, sein Leben lang nicht, verlassen würde.“, heißt es in Daniel Kehlmanns Erzählung und so erlaubt sich der Regisseur, den Unfall aus dem Wageninneren eines jungen Paares zu verfolgen: Der Aufprall des Steines und das Schleudern des Wagens. Der Junge sieht dem kurz nach und rennt davon, läuft und läuft über die eben noch im Obergeschoss per Beamer projizierte Wiese. Als stärkstes Bild des Filmes fängt eine Totale den Jungen ein: Unendlich hoch wirkt der Hügel, den er hinabstürzt und der ihn zum Zwerg schrumpfen lässt. Sein Ort liegt unter ihm wie die Häuserzeilen einer Modelleisenbahn. Mit diesem Spiel der Größendimensionen bricht gewöhnlicher Familienalltag: ‚„Geh vom Kühlschrank weg!“, sagte sie. „Es gibt gleich Essen. Was nimmst du da?“ „Nichts“, sagte er.’ In seinen Händen hält er die Wurst, die mit Rattengift versetzt, den Schäferhund des Nachbarn vor dem Mittagessen töten wird. Mit der Familie am Tisch braucht der Junge nichts weiter zu sagen. Aus seinen Augen spricht die Allmacht, die er an diesem Morgen in sich erfahren hat.
„Er war ziemlich gut“, entfährt es ihm allein. Black.

Am Ende verbeugt sich Bernd-Christian Althoff vor dem Filmabspann. Man applaudiert dem Schauspieler und dabei entsteht ein merkwürdiges Moment: Noch in der Geschichte gefangen, scheint es, als applaudiere man in ihm dem eiskalten Kind von damals, dem heute Erwachsenen, dem Mörder. Am Zuschauer rächt sich hier nun das Changieren zwischen Figur und Darsteller als schockierender Beigeschmack, der sich so gefährlich wie die eingängige Songzeile „I will kill again“ erweist. Ein zu kleiner Junge. Ein großer Beau. Beide blond lächeln sie. Nochmals belichtet ein Dia aus der Erinnerung heraus die Netzhaut mit einer bezeichnend genialen Textkorrektur, die ihrer eigenen Realität entbehrt: And wouldn’t don’t it be nice for all the World to live in peace?. … — I will kill again.

Degna Martens

 

Jarvis Cocker – I Will Kill Again

442                                                                                                                                    Fotocredit: Gerhard Wartha

„Es muss ZORN sein!“

Samstag, 3. Oktober 2009

Anna Maria Krassnigg hat als künstlerische Leiterin im Gespräch mit Manfred Horak für kulturwoche.at das Konzept des ZORN!-Festivals vorgestellt.

Nachzuhören als Podcast unter:

index.php?option=com_content&task=view&id=1978&Itemid=1

Freitag, 2. Oktober 2009

Max Reinhardt ist zurück!

Er hat sich unter die Festivalteilnehmer gemischt und wurde zuletzt am Mittwoch gegen 21h in der Lounge seines Seminars gesehen. Lange blieb er nicht unerkannt, zu sehr stachen zwei Hörner aus seinem Haupt hervor. Sind dem Gehörnten diese aus Zorn über das rege Treiben in seinen heiligen Hallen gewachsen? Er wollte dazu keine Stellung nehmen und verschwand, wie er gekommen war.