Auf diese Frage eine Antwort zu finden, ist besonders schwer, wenn man die Kinder und Jugendlichen kaum kennt. Die Meinung, was ,,die Jugend von heute“ ist, wird von Erwachsenen gebildet. Die Kinder werden z.B. als ,,kleine Tyrannen“ bezeichnet oder als verwöhnte Lebewesen, die unbedingt mehr Disziplin oder weniger Disziplin brauchen. Täglich erscheinen Bücher, die verzweifelten Eltern ,,das Rezept“ anbieten, wie sie ihre Kinder zu erziehen haben, was ,,richtig“ und was ,,falsch“ ist. Immer mehr Eltern greifen auf solche ,,Hilfe“ renommierter ,,Alleswisser“ zurück. (z.B. die Bücher von Michael Winterhoff ,,Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ und ,,Tyrannen müssen nicht sein“ haben sich mehr als 500 000 Mal verkauft). Die Angst, etwas falsch zu machen, ist ständig da. Die Kinder, die in unserer Gesellschaft leider eine Minderheit bilden, sind die Forschungsobjekte der oft selbst kinderlosen Erwachsenen geworden.
Mit einer – aufgrund solchen ,,Wissens“ entstandenen – Vorstellung, dass die Kinder und Jugendlichen immer ,,schlimmer“ und ,,doofer“ werden (wenn man der bekannten PISA – Studie glaubt), ging ich zum Kindertheaterfestival, um rauszufinden, inwieweit die Meinung des Kindertheaters über die Kinder und Jugendlichen meiner Vorstellung entsprach. Ich wollte durch die unmittelbare Reaktionen der Kinder sehen (und nicht lesen), wer diese kleine Menschen tatsächlich sind und was sie bewegt.
Was ich feststellte:
Die Themenauswahl, wie z.B. Jugend-Konflikte im ,,Don Karlos“, das Thema ,,Fremde“ in ,,Invasion!“ oder das Schrecken des Krieges in ,,das Karussell“ bewies, dass das Kindertheater den Kindern und Jugendlichen viel mehr zutraute als ich dachte.
Man versucht trotzdem skeptisch zu bleiben und stellt sich die Fragen, wie z.B. Werden Kinder überschätzt? Können sie sich wirklich mit solchen Themen auseinandersetzen? Sind diese komplexen Themen nicht für das ,,Wunschpublikum“ ausgewählt, das mit dem realen Publikum wenig zu tun hat?
Ich war positiv überrascht, als die Hauptdarstellerin der Vorstellung ,,das Karussell“ (Sabine Zeininger) im nach der Aufführung stattgefundenen kurzen Gespräch uns mitteilte, dass die Idee der Entstehung zu dieser Geschichte, die im Zweiten Weltkrieg ,,passieren könnte“, anhand von Fragen entstand, die ihr Kinder aus ihrem Umfeld über den Krieg stellten. Während der Regisseur Andreas Gruhn, der ,,Don Karlos“ von Friedlich Schiller inszeniert hat, sagte, dass die Auswahl des Stückes auf Wunsch der Lehrer stattgefunden hat.
Aber diese Vorgeschichte ist das eine, das Bild, was ich im Theater sah, war das andere.
Während der Aufführung ,,Don Karlos“ saß neben mir ein neun jähriger Junge, der diese Vorstellung, wie er mir mitteilte, schon ein zweites Mal f r e i w i l l i g besuchte und sogar die Erlaubnis seiner Eltern bekam, dafür die Schule „zu schwänzen“. Begeistert folgte er der Handlung auf der Bühne. Schillers Heldenpathos, das ich als Erwachsener und als ,,Theaterwissenschaftler“ gerade im Jugendtheater übertrieben fand, schien den Jungen geradezu zu begeistern. Mein Angst, dass alles Dramatische heute zu übertrieben wirkt und ganz schnell ,,peinlich“ werden kann, war angesichts des Enthusiasmus des Jungen mehr als unbegründet.
Bei der Vorstellung ,,das Karussell“ dagegen, hatte ich das Gefühl, dass trotz der interessanten Geschichte über den kleinen Paul, dessen Vater im Krieg eingezogen wurde und sich deswegen von seinem Sohn trennen musste und über die kleine Sara (die Freundin von Paul), die im Krieg verschwand, anwesende Erwachsenen mehr begeisterte als ihre Kindern. Lag dies vielleicht daran, dass es den Kindern schwer fällt, e i n e Hauptdarstellerin in f ü n f (Erzählerin, kleiner Paul, Pauls Vater, Pauls Mutter und kleine Sara) verschiedenen Rollen wahr zu nehmen?
Wichtig im Kindertheater (und nicht nur dort) ist nicht die Themenauswahl, sondern die Form, wie die ein oder andere Idee auf der Bühne realisiert wird. Der Erfolg eines Stückes im Kindertheater hängt also vor allem davon ab, ob die Bedürfnisse der Kinder befriedigt werden. Hierbei ist aber zu beachten, dass auch Kinder von der Grundidee des Theaters zu begeistern sind. D.h. ein erfolgreiches Kindertheater darf auf der einen Seite nicht zu viel von der Eigenständigkeit des „traditionellen“ Theaters und damit seinem Charme verlieren, muss auf der anderen Seite aber auch das Interesse der Kinder der heutigen Zeit treffen. Insofern bewegt sich ein erfolgreiches Kindertheater immer im Spagat.
(Nino Maisuradze)























