Blog „Kinder- und Jugendtheatertreffen NRW (2010)“

Welche Themen sollten im Kindertheater behandelt werden?

Samstag, 6. Juni 2009

Auf diese Frage eine Antwort zu finden, ist besonders schwer, wenn man die Kinder und Jugendlichen kaum kennt. Die Meinung, was ,,die Jugend von heute“ ist, wird von Erwachsenen gebildet. Die Kinder werden z.B. als ,,kleine Tyrannen“ bezeichnet oder als verwöhnte Lebewesen, die unbedingt mehr Disziplin oder weniger Disziplin brauchen. Täglich erscheinen Bücher, die verzweifelten Eltern ,,das Rezept“ anbieten, wie sie ihre Kinder zu erziehen haben, was ,,richtig“ und was ,,falsch“ ist. Immer mehr Eltern greifen auf solche ,,Hilfe“ renommierter ,,Alleswisser“ zurück. (z.B. die Bücher von Michael Winterhoff ,,Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ und ,,Tyrannen müssen nicht sein“ haben sich mehr als 500 000 Mal verkauft). Die Angst, etwas falsch zu machen, ist ständig da. Die Kinder, die in unserer Gesellschaft leider eine Minderheit bilden, sind die Forschungsobjekte der oft selbst kinderlosen Erwachsenen geworden.

Mit einer – aufgrund solchen ,,Wissens“ entstandenen – Vorstellung, dass die Kinder und Jugendlichen immer ,,schlimmer“ und ,,doofer“ werden (wenn man der bekannten PISA – Studie glaubt), ging ich zum Kindertheaterfestival, um rauszufinden, inwieweit die Meinung des Kindertheaters über die Kinder und Jugendlichen meiner Vorstellung entsprach. Ich wollte durch die unmittelbare Reaktionen der Kinder sehen (und nicht lesen), wer diese kleine Menschen tatsächlich sind und was sie bewegt.

Was ich feststellte:

Die Themenauswahl, wie z.B. Jugend-Konflikte im ,,Don Karlos“, das Thema ,,Fremde“ in ,,Invasion!“ oder das Schrecken des Krieges in ,,das Karussell“ bewies, dass das Kindertheater den Kindern und Jugendlichen viel mehr zutraute als ich dachte.

Man versucht trotzdem skeptisch zu bleiben und stellt sich die Fragen, wie z.B. Werden Kinder überschätzt? Können sie sich wirklich mit solchen Themen auseinandersetzen? Sind diese komplexen Themen nicht für das ,,Wunschpublikum“ ausgewählt, das mit dem realen Publikum wenig zu tun hat?

Ich war positiv überrascht, als die Hauptdarstellerin der Vorstellung ,,das Karussell“ (Sabine Zeininger) im nach der Aufführung stattgefundenen kurzen Gespräch uns mitteilte, dass die Idee der Entstehung zu dieser Geschichte, die im Zweiten Weltkrieg ,,passieren könnte“, anhand von Fragen entstand, die ihr Kinder aus ihrem Umfeld über den Krieg stellten. Während der Regisseur Andreas Gruhn, der ,,Don Karlos“ von Friedlich Schiller inszeniert hat, sagte, dass die Auswahl des Stückes auf Wunsch der Lehrer stattgefunden hat.

Aber diese Vorgeschichte ist das eine, das Bild, was ich im Theater sah, war das andere.

Während der Aufführung ,,Don Karlos“ saß neben mir ein neun jähriger Junge, der diese Vorstellung, wie er mir mitteilte, schon ein zweites Mal f r e i w i l l i g besuchte und sogar die Erlaubnis seiner Eltern bekam, dafür die Schule „zu schwänzen“. Begeistert folgte er der Handlung auf der Bühne. Schillers Heldenpathos, das ich als Erwachsener und als ,,Theaterwissenschaftler“ gerade im Jugendtheater übertrieben fand, schien den Jungen geradezu zu begeistern. Mein Angst, dass alles Dramatische heute zu übertrieben wirkt und ganz schnell ,,peinlich“ werden kann, war angesichts des Enthusiasmus des Jungen mehr als unbegründet.

Bei der Vorstellung ,,das Karussell“ dagegen, hatte ich das Gefühl, dass trotz der interessanten Geschichte über den kleinen Paul, dessen Vater im Krieg eingezogen wurde und sich deswegen von seinem Sohn trennen musste und über die kleine Sara (die Freundin von Paul), die im Krieg verschwand, anwesende Erwachsenen mehr begeisterte als ihre Kindern. Lag dies vielleicht daran, dass es den Kindern schwer fällt, e i n e Hauptdarstellerin in f ü n f (Erzählerin, kleiner Paul, Pauls Vater, Pauls Mutter und kleine Sara) verschiedenen Rollen wahr zu nehmen?

Wichtig im Kindertheater (und nicht nur dort) ist nicht die Themenauswahl, sondern die Form, wie die ein oder andere Idee auf der Bühne realisiert wird. Der Erfolg eines Stückes im Kindertheater hängt also vor allem davon ab, ob die Bedürfnisse der Kinder befriedigt werden. Hierbei ist aber zu beachten, dass auch Kinder von der Grundidee des Theaters zu begeistern sind. D.h. ein erfolgreiches Kindertheater darf auf der einen Seite nicht zu viel von der Eigenständigkeit des „traditionellen“ Theaters und damit seinem Charme verlieren, muss auf der anderen Seite aber auch das Interesse der Kinder der heutigen Zeit treffen. Insofern bewegt sich ein erfolgreiches Kindertheater immer im Spagat.

(Nino Maisuradze)

Bagdad brennt!

Donnerstag, 28. Mai 2009

Die Atmosphäre im Theatersaal ist locker. Es wird darum gebeten, sich in den ersten drei, vier Reihen zu platzieren (Der Saal ist recht groß).

18.55 Uhr haben sich zunächst nur ein paar Theaterfreunde eingefunden. Erst nachdem einer der Organisatoren des Festivals “Quergeschaut” draußen vor der Stadthalle verkündet, dass in wenigen Minuten das Stück beginnt, füllen sich allmählich die vorderen Reihen.
Die Schauspielerin Christina Huckle befindet sich schon beim Einlass auf der Bühne. Die Bühne ist im hinteren Teil mit aufeinander gestapelten Umzugskartons und darauf befestigten, beschrieben Zetteln ausgestattet. Das Stück beruht auf die Sichtweise einer Irakerin, die im Internet über den Irakkrieg berichtet, und wie sich ihr Leben und das der anderen dort lebenden Menschen von Aufgrund verändert. Das in den Medienberichten geschilderte Bild eines/r Irakers/ Irakerin, wird hier komplett über den Haufen geschmissen. 50% der weiblichen Irakerinnen arbeiten und kriegen das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Arbeitskollegen. Genauso verhält es sich im Bezug auf das Klischee, dass jede Irakerin ein Kopftuch tragen muss. Falsch. 50% der Frauen die im Irak leben, tragen ein Kopftuch und tun dies freiwillig. Doch als W. Bush mit ‘seinen Männern’ in den Irak einzieht, verändert sich das Leben eines/ r Irakers/ Irakerin zu diesem Klischee, das wir immer vor Augen hatten.
Christina Huckle überzeugt voll und ganz in der Rolle der Irakerin, dass selbst einem Zuschauer neben mir die Tränen kommen. Man kann einfach nicht fassen, dass das Thema in den Medien immer so präsent war, aber man erst jetzt das Gefühl bekommt, wirklich zu wissen, was sich damals tatsächlich abgespielt hat.
Christina Huckle ist Gänsehaut pur. Sie spielt nicht nur eine Rolle, sie lebt in der Rolle von der ersten bis zur letzten Sekunde (wenn nicht sogar ein Stück darüber hinaus).
Durch sie beginnt das Stück zu leben und bringt dem Zuschauer das Thema ein Stück näher, was die Medien nicht geschaffen hätten.

(Anna-Maria Brodt)

Workshop Ad van Iersel

Donnerstag, 28. Mai 2009

(Fotos: Ariane Schön)

FRÜHLINGSERWACHEN (LIVE FAST – DIE YOUNG)

Donnerstag, 28. Mai 2009

Die Inszenierung von Gerald Gluth im Rahmen des 25. Kinder- und Jugendtheatertreffen NRW war vor allem durch den Wunsch nach Modernität geprägt. Nuran David Calis lieferte die literarische Vorlage, die sich an die heutige Jugend richten und diese ernst nehmen sollte. Wegfallen sollten all die veralteten Problematiken, die eigentümlichen Ansichten einer längst vergangenen Zeit. Das Originalstück, auf dem Calis’ Werk basiert, entstand im Jahre 1890 – sicherlich eine Zeit, in der vieles anders war als heute. Und dennoch stellt sich die Frage, inwieweit eine neue Modernität in diesen Klassikern überhaupt notwendig oder wünschenswert ist. Dass dieses Stück überhaut noch immer inszeniert wird, ist doch schon ein deutliches Zeichen für die Aktualität des Stückes und seiner Inhalte.

Wie im 19. Jahrhundert, so auch heute durchleiden Jugendliche die Pubertät, versuchen sich zu finden und auszuprobieren. Diese Basis bleibt also in beiden Versionen von „Frühlingserwachen“ erhalten und trotzdem verschiebt sich der Fokus in den anderen Ebenen deutlich.

Ging es damals in Frank Wedekinds Originalversion um verschiedene Erziehungsmethoden, mangelnde Aufklärung der Jugend und die unmenschliche Einstellung der Lehrer und Geistlichen, so reduziert Calis die Problematiken auf Identitätsfindung und die damit verbundene Einsamkeit und Hilflosigkeit der Jugendlichen.

Sicherlich ist Calis konsequent, in dem er alle Lehrerfiguren, sowie die meisten Eltern wegstreicht. Die Jugendlichen durchleben die Pubertät allein, ohne viel Geleit von Autoritätsfiguren. Und selbst wenn diese da sind, so können auch sie die Tragödie nicht abwenden – gesehen in Wendlas und Moritz’ Fall. Doch streicht er damit auch äußerst humorvolle Szenen,; Szenen voll von grotesken Äußerungen, welche die Willkür von Schule und den Narzissmus der Elternschaft grandios zeichnen. Der Humor fällt der Depression zum Opfer.

Calis Fassung ist vor allem eins: weniger drastisch als seine Urfassung. Sicherlich entfacht „Frühlingserwachen“ keine erregten Proteste der bürgerlichen Gesellschaft mehr und dennoch wirkt vieles in „Live Fast – Die Young“ besonders unmotiviert und blass.
Deutlich wird dies speziell in der homosexuellen Figur des Hans. Wedekind kreierte mutig ein homosexuelles Liebespaar und ließ es über eine gemeinsame, glückliche Zukunft phantasieren. Eine ebenbürtige Beziehung, die gleich behandelt wurde, wie die der heterosexuellen Figuren im Stück. Calis strich eine Figur und machte aus dem Liebespaar einen Jungen mit einer plötzlichen schwulen Phase. Die leichtfüßige Ernsthaftigkeit des Originals fällt weg und wird gefüllt durch eine Willkürlichkeit, die der Figur die Kraft raubt.

Neben den Skandalen um „Frühlingserwachen“, war das Stück aber vor allem eine Charakterstudie der drei Hauptfiguren Melchior, Moritz und Wendla. Die Unschuld des Mädchens und ihr unverschuldetes Schicksal, sowie die tiefe Freundschaft zwischen den Jungen waren das Herz des Stückes. Die Beziehungen zwischen den Figuren waren glaubhaft und authentisch. Vor allem waren sie das positive Gegenstück zu den Beziehungen zu den Erwachsenen.

In Calis’ Version scheint es sich häufig, besonders bei den Jungen, um zufällige Aufeinandertreffen zu handeln. Die langen Gespräche, in denen Moritz mehrmals von Selbstmord spricht, fehlen. Und daher scheint eben dieser Freitod unvorbereitet und auf schulisches Versagen reduziert. Während Wedekind viel Zeit auf den Aufbau von Moritz’ Verzweiflung verwendet, wird der Zuschauer des modernen Stückes, durch unfreiwillig komische englische Monologe irritiert.

Trotz all dieser Änderungen am Originaltext, wirkt „Frühlingserwachen“ noch immer. Das schlichte und dennoch äußerst wirkungsvolle Bühnenbild tut seiniges dazu.

Die Rampe fungiert als Trennung von Jugendlichen und Erwachsenen. Die jungen sind in ihrem Element, wenn sie sie runterrutschen und sich auf ihr bewegen. Betritt allerdings Moritz’ Vater die rutschige Oberfläche, so krabbelt er hilflos wie ein Kind.

Die Darsteller erscheinen sehr motiviert und verleihen einigen Szenen die notwendige Emotionalität. Besonders die letzte Szene bleibt im Gedächtnis, in der alle Figuren auf dem oberen Rand stehen und in ihrer Verzweiflung allein sind, während sich Wendla wiederholt in den eigenen Bauch schlägt.

Die Musikauswahl war hervorragend und im großen und ganzen ein Erfolg – besonders bei dem jugendlichen Zielpublikum.

Es stellt sich aber die Frage warum man nicht die passenden Elemente, wie z.b. Selbstfindung oder Sexualität, nimmt und ein eigenes Stück schreibt. Wedekinds „Frühlingserwachen“ wirkt als Gesamtwerk schlüssig. In dem eigenen System machen die Dinge Sinn, auch wenn wir sie so nicht mehr kennen. Können nicht auch die Jugendlichen von Heute dieses Erkennen, die für sie wichtigen Aspekte herauskristallisieren und den Rest als historischen Hintergrund sehen?

Die modernen Versionen erkennen der Jugend diese Fähigkeit ab und reduzieren sie zu bloßen Konsumenten, die lediglich zeitgenössische Häppchen genießen können. Wäre Calis’ Version nicht dem Original angelegt, so wäre es ein solides Jugenddrama gewesen. Doch in dieser Form wird es sich immer mit Wedekinds Stück vergleichen lassen müssen – um daran zu scheitern.

(Janine Wahrendorf)

(In) Vision (sein)

Donnerstag, 28. Mai 2009

Ich habe keine Zeit dazu, danach zu fragen, wer oder was ich bin. Ich erfülle. Ich fülle aus. Ich bediene eine Vision von dem perfekten Menschen. Und trotzdem bin ich bloß eindimensional. Leblos. Wann habe ich schon Zeit, zu überlegen, was ich will. Und was dieses „Ich“ ausmacht?

Der folgende Monolog ist etwas „aus der Form geraten“. Er basiert auf einem Gedankengang, der im Rahmen des Kinder- und Jugendtheaterfestivals „Quergeschaut“ innerhalb einer Aufnahme für den WDR kurz im Raum kursierte und die große Idee/Verbindung/Symbiose von „Theater und Schule“ mit sich herum trug. Die Frage lautete einfach formuliert: Für wen machen wir eigentlich Kinder- und Jugendtheater? Die Beantwortung erfordert eine enorme Ehrlichkeit und Reflexion von Seiten der Erwachsenen.

Im Folgenden wird eine Überlegung dargestellt. Wie dies geschieht, ist, wie gesagt: etwas „aus der Form geraten“.

Das Scheinwerferlicht ist sehr hell. Es strömt über die Bühne und teilt alles in Licht und gleich daneben Dunkelheit. Im Mittelpunkt stehe nur ich. Die Photographie ist in Sepia. Dadurch bekommen alle Konturen etwas Weiches. Sanft schmiegt sich die Violine an mein Kinn. Das Bild zeigt absolute Perfektion. Meine Bogentechnik ist noch heute perfekt. Ich spiele nicht einen falschen Ton. Mein Gehör nimmt jede negative Tonfärbung wahr und ich gleiche sie innerhalb weniger Augenblicke aus. Auf dem Photo bin ich mittelgroß. Schlank. Ich habe lange Haare, die anmutig zu einem Dutt aufgesteckt sind. Ich bin makellos.

Ich bin das perfekte Produkt.

Mein Blick wandert nach rechts. In einem silbernen Rahmen steht eine weitere Photographie. Sie zeigt meine Eltern und mich. Ich halte mein Abiturzeugnis in der Hand. Ich bin sechzehn. Meine Eltern stehen hinter mir. Sie sehen müde, ausgelaugt, abgekämpft aus.

Meine Eltern sind schließlich Dauerinvestoren. Und ich bin ihr größtes Projekt.

Das Hauptwort ist Bildung. Bildung bedeutet nichts Prozesshaftes mehr, es beschreibt nicht, dass sich etwas bildet, sich entwickelt, sich zusammensetzt. Bildung ist Existenz, im ursprünglichsten Sinne Sein. Bildung bedeutet, dass du ohne sie nicht mehr leben kannst.

Wenn man darüber nachdenkt, scheint aber gerade der Begriff „Bildung“ gewachsen zu sein. „Bildung“ ist nicht klar definierbar. Aus diesem Grund werden meine Eltern den angespannten Ausdruck aus ihren Augen nicht verbannen können. Sie bleiben in der Dauersorge um ihr Produkt. Um mich.

Ich habe eine glänzende Schullaufbahn hinter mir. Ich habe so viel Bildung erhalten, dass sie für ein ganzes Leben reichen müsste, finde ich. Ich habe mich angestrengt. Gelernt. Mich bilden lassen. Selten habe ich mich gefragt, warum. Heute muss ich fragen. Heute kann ich nicht mehr anders. Ich frage zum ersten Mal danach, was das „Ich“ wirklich will. Was es sich wünscht. Aber Visionen sind nicht erfüllbar, nicht einholbar. Besonders die der Erwachsenen sind schwierig zu erfüllen. Sie verändern sich so schnell. Du musst am besten alles können. Das „Ich“ hat also nicht so viel Zeit, sich selbst zu fragen, während es mit der Bedienung beschäftigt ist.

Also, bediene ich weiter. Erfülle. Fülle aus. Das mache ich lange, weil ich einfach nicht zum Innehalten komme.

Manchmal fallen mir dunkle Erinnerungen ein. Dunkle Flecken auf meiner sonst makellosen Schulbildung. Die Geigenphotographie ist einer der Flecken: Ich erinnere mich, dass ich eine Romanze von Beethoven spielen sollte. Ich hatte sie gelernt, ich kannte jeden Ton, wusste, welche Intensität und welchen Ausdruck er innerhalb seines Notenkontexts haben musste, um vollkommen zu sein. Im Unterricht hatte die Musikerin uns über Beethoven erzählt, wir hatten über ihn gelernt, seine Zeit, seine soziale Umwelt, seine Musik, seinen Wahnsinn, seinen Verfall. Ich hatte alles gelernt, was man lernen konnte. Ich spielte die Romanze fehlerlos. Perfekt. Es muss beeindruckend gewesen sein, wie eine Zwölfjährige ein solches Werk absolut wiedergeben konnte. Obwohl sie nicht das geringste dabei fühlte. Die Musikerin war auch beeindruckt. Mit Sicherheit. Aber sie war nicht zufrieden. „Du spielst alles perfekt. Das Metrum ist durchgängig. Der Ausdruck ist dann expressiv, wenn er es zu sein hat und zaghaft, dolce, wenn das in dem Fall besser klingt“, stellte sie fest. „Aber du machst keine Musik. Du liebst sie nicht.“

Nein, das tat ich natürlich nicht. Wie und wann denn auch? Ich arbeitete rund um die Uhr. Ich hatte einen Voll-Zeit-Job, auch „Ganz-Lebens-Projekt“ genannt. Ich musste den Markt bedienen. Da kann ich nicht noch gleichzeitig schauen oder fühlen, ob ich irgendetwas besonders mag. Ganz zu schweigen, nach diesem „Ich/ Mir / Mich“ Ausschau halten.

Eine andere Erinnerung – vielleicht meine wichtigste – setzt in der neunten Klasse ein.

Ein neues Fach steht auf dem Lernplan: „Darstellendes Spiel / Theater“. Es setzt sich aus den drei großen Blöcken Theatergeschichte, Theatergegenwart und Theaterzukunft zusammen. Man soll sich im Theater Stücke ansehen, Schauspieler kennen lernen, den Apparat Theater, Theatertexte schreiben etc. Und man kann sich auch an einem Kooperationsstück der Schule zusammen mit dem Stadttheater beteiligen. Meine Eltern forcieren das. Sie befinden, dass Schauspielerei mich weiter bilden könnte und so stehe ich an einem Tag, der meine Fleckerinnerung bildet, auf der Aulabühne. Wenn man dem Ausspruch Glauben schenken kann, „Life is a stage and we are nearly players“, dürfte es nicht so schwierig sein, zumindest eine Rolle zu beherrschen und von ihr auf der Bühne Gebrauch zu machen. Die Theaterregisseurin ermuntert mich lächelnd, doch spontan eine kleine Szene aus meinem Leben zum besten zu geben. „Etwas, das für dich typisch ist.“ Sie ahnt nicht, welche Leistung sie in diesem Moment von mir verlangt. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Also, stehe ich einfach nur da. In dieser Situation machen wohl die Regisseurin und ich jeweils eine neue Erfahrung: Ich erlebe, wie es ist, nicht perfekt zu sein, nicht genug Bildung zu haben und für die Regisseurin offenbart sich ein ganz neuer Menschentyp: einer ohne Identität. Für die perfekten Kinder, ich nenne sie auch die perfekte Generation, ist es nicht leicht, Theater zu spielen; obwohl sie im Grunde ihr ganzes Leben gezwungen sind, wer anders zu sein und nach fremden, von Außen diktierten Maßstäben zu leben. Sie haben keine definierte Identität, von der sie ausgehen können. Wenn du keinen festen Punkt hast, von dem du dich abstoßen kannst, um dich in die Lüfte zu erheben: Wie willst du es dann tun?

In meiner Erinnerung stehe ich wie tot gute zwei Stunden auf der Bühne herum. Wahrscheinlich waren es nur wenige Minuten, aber entscheidende.

Als ich am Abend nach Hause kam, waren meine Eltern schon von der Direktorin unterrichtet worden über mein „Versagen“, wie sie es bezeichneten. Ihre Lösung sah so aus, dass ich dreimal in der Woche das Fach „Darstellendes Spiel / Theater“ belegen würde und so oft, wie möglich mit der Schulklasse Stücke in Stadt und Umgebung besuchen sollte. So lange, wie es die Regisseurin „für nötig“ erachten würde.

Und ich hatte Glück. Sie hielt es für „sehr notwendig“.

Ich blicke noch einmal die Photographie genau an: Meine Eltern sehen müde aus. Das stimmt. Und ich strahle über beide Ohren.

Ich scheine sehr stolz zu sein. Nicht auf mein sehr gutes Abiturzeugnis. Diese Leistung wurde erwartet, war von Außen auferlegt, vorbestimmt. Da hatte ich keine andere Wahl. Bildung ist eben alles. So etwas wie das Gesetz.

Nein, ich bin zu dem Zeitpunkt, als das Photo aufgenommen wurde, stolz, weil ich den Satz „Ich wünsche mir“ laut aussprechen konnte und genau wusste, wer überhaupt spricht.

[Ich bin der Vision entkommen. Ich bin keine Vision mehr.]

(Marie-Claire Fink)

Der Seelenvogel

Donnerstag, 28. Mai 2009

Das Tanzstück „Der Seelenvogel“ für Kinder ab fünf Jahren begeisterte Groß und Klein. Ein gelungenes Stück, in das Familien mit Nachzüglern ruhig die älteren Geschwister mitnehmen können, auch wenn die Geschichte des Bühnenwerks in einem Satz erzählt werden kann: Ein Vogel stellt sich vor und erklärt die Bedeutung der Seele. Die Seele als Allegorie eines Seelenvogels darzustellen, ist wunderschön und passend. Denn gerade Kinderseelen sind zerbrechliche kleine Wesen, die von einer äußeren Schale beherbergt werden. Durch diese Unsichtbarkeit vergessen Erwachsene häufig, dass Kinder Freiheit brauchen, um ihre Gefühle erkennen und ausleben zu können. Das wird in jener Szene sehr schön ausgespielt, in der das „Kind“ malt und die „Erwachsensen“ ihm immer wieder einzureden versuchen, was es nun zeichnen soll.

Aus kleinen angedeuteten Gesten entstehen neue Geschichten und viele Assoziationen. Das daran Faszinierende: es funktioniert bei den Kindern ebenso wie bei den Erwachsenen. Das Bühnenbild ist schwarz und kahl, nur durch unterschiedlichste „Lichtspiele“ und Beleuchtungen verwandelt es sich mal in einen Käfig oder an anderer Stelle in ein Kinderzimmer (Lichtblitze die gleichmäßig auf und abfahren, suggerieren das Bild von Rolllädenschlitzen und vorbeifahrenden Autos). Ein Höhepunkt ist die Verwandlung der Bühne in ein großes Kinderplanschbecken, mit nur vier Eimern Wasser. Die TänzerInnen rutschen dann in Badeanzügen über die Bühne, so dass es fast scheint, als ob sie schwimmen. Darüber hinaus werden Gegenstände verwendet, die Kinder aus ihren Alltagsleben kennen: Papier, Luftballons und Hocker. Die Idee, die Luftballons einzusetzen, ist grandios. Jeder kennt das Spiel: man darf den Ballon nicht auf den Boden kommen lassen. Dieses Spiel wird am Anfang angedeutet und dann wird mit den Luftballons Musik erzeugt und das rhythmische Zerplatzen der Ballons erfreut nicht nur die jüngeren Besucher.

Kurzum, es ist eine sehr bunte Aufführung, die man gesehen haben muss. Egal ob Sie fünf oder 85 Jahre alt sind: ein Nachmittag mit dem Seelenvogel und man fühlt sich wie ein kleines Kind, meint tief in seinem Inneren die Flügelschläge des Seelenvogels spüren und hören zu können.

(Angelika Patotzka)

Wolkenkratzer mit Hut

Montag, 25. Mai 2009

Kinder- und Jugendtheater befindet sich zwangsläufig im ständigen Spagat. Soll man nur Kinder ansprechen, oder nur Jugendliche oder auch Erwachsene? Pädagogisch besonders wertvolles oder einen heiteren Abend darbieten? Soll man kunterbunt sein oder ästhetisches Neuland betreten? Soll man lustig sein oder ernste Themen ansprechen?

Mit dem Stück „Wolkenkratzer mit Hut“ (Soms is een Flatgebebouw ook Plat) gelang dem Niederländer Ad van Iersel ein poetisches Stück, dass es schafft die Generationen und Ansprüche zu vereinen, ohne eine Kompromisslösung zu sein.

„Wolkenkratzer mit Hut“ ist die Geschichte einer eigentlich unmöglichen Freundschaft: die zwischen einem kauzigen alten Mann einem träumerischen kleinen Jungen, die beide in einem Hochhaus leben. Diese Freundschaft macht die Liebe zwischen dem kleinen Max und dem liebenswertseltsamen Nachbarsmädchen möglich. Sie ermöglicht aber auch die Erfüllung eines Lebenstraums: ein Hut für das Hochhaus. Die Grenzen zwischen Realität und Tagträumerei sind fließend und letztendlich irrelevant. Beides erscheint gleich wahr(-haft).

Van Iersels Spiel ist faszinierend und einnehmend. Im Alleingang erschafft er eine ganze (Kinder-)Welt und seine Darstellung eines Achtjährigen zeugt von großem Verständnis für das kindliche Wesen. Das Stück arbeitet mit einer faszinierenden Rhythmik, die es bewerkstelligt, dynamisch ohne hektisch zu sein und ruhig ohne langweilig zu werden. Das Bühnenbild besteht aus nichts weiter als ein paar belanglos wirkenden Requisiten. Diese werden aber so kreativ und gekonnt eingesetzt, dass quasi aus dem Nichts ein ganzer Mikrokosmos entsteht. Als van Iersel eine schnöde Styroporlatte auslegt und ein paar Federn tänzeln lässt, glaubt man geradezu das Knirschen des Schnees zu hören. Aus einem Stück Holz wird die graue Anonymität einer Hochhaussiedlung, der Schauplatz eines fantastischen Coups und schließlich die Grenze zwischen Leben und Tod.

Mit seinem fantasievollen Stück schafft es Ad van Iersel auf eine große philosophische Frage eine scheinbar einfache Antwort zu geben. Er entwirft das Bild einer wunderbaren Freundschaft, die auf gegenseitigem Respekt basiert (eben Herr Max und Herr Vos) und weiß, wann es gilt zusammenzuhalten und wann man loslassen muss. Er erzählt vom Tod und lässt einen sowohl die tiefe Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, als auch das große Glück diesen gekannt zu haben spüren. Und er erzählt vom Suchen und Finde der ersten großen Liebe und wie wichtig es ist sich nicht nur zu kennen, sondern zu erkennen.

Naiv ohne einfältig zu sein. Komisch ohne albern zu sein. Rührend ohne rührselig zu sein. Märchenhaft ohne kitschig zu sein. Einstimmige Zustimmung zu schaffen ohne Einheitsbrei zu sein. Schade, dass „Wolkenkratzer mit Hut“ außer Konkurrenz lief. Für mich hat Ad van Iersel gewonnen, bzw. ich habe dazu gewonnen, denn er schafft es bedingungslos von Glaube, Liebe und Hoffnung zu sprechen ohne dass sich in mir das Bedürfnis nach Sarkasmus regt.

(Anna Schiff)

Zu „Eintrittskarte ins Paradies“

Montag, 25. Mai 2009

Das Stück des Helios Theaters aus Hamm trifft mitten ins Herz. Es zeigt eine warme Sommergeschichte, die es durchaus versteht neben der Fröhlichkeit und der Luftigkeit des Südens auch tiefer zu graben, an den Ort wo Wünsche und Sehnsüchte zu Hause sind.

Wir befinden uns in einem schnuckeligen Dorf irgendwo im Süden unseres Kontinents wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Da ist der Wirt, dessen Gaststätte der Mittelpunkt des Dorflebens ist. Dort versammelt sich alles, die schrullige alte Dona Olga, der Professore, der draufgängerische Pedro, der geistig leicht verwirrte Großvater Peng-Peng, die schöne Golondrina, die kleine Semanta, die sich gerne unter die Tische zu den Katzen verzieht und natürlich kehren hier auch die Gäste ein, die den neugierigen Blicken der Dorfeinwohner nicht entweichen können.

Ein lustig buntes Bühnenbild, das mit Saiten bespannt in der einen oder anderen Szene auch als Musikinstrument verwendet wird, schafft eine warme Atmosphäre, in welche sich die Zuschauer gerne einladen lassen.

Als Don Pippin, ein reicher Verleger aus der Stadt, seinen Weg in das Dorf findet, scheint er gefunden zu haben wonach er sich gesehnt hat. Er nennt den Ort, den er vorfindet und ungeniert aufrührt, einen „Ort der Sehnsüchte“. Und somit findet die Frage nach dem Glücklichsein ihren Weg in den Zuschauerraum. Was braucht ein Mensch, um glücklich zu sein? Auf was kommt es an im Leben? Wo werden meine Sehnsüchte gestillt?

Das Stück geht sehr behutsam mit diesen Fragen um und zeigt in unaufdringlicher Weise, dass das, was zählt, Beziehungen sind. Menschen, Freunde und auch Nicht-Freunde von denen man lernen kann, die einen prägen, formen, annehmen, herausfordern. Und in alledem spricht es auch von der Wichtigkeit, zu sich selbst zu stehen, frei zu bleiben und sich nicht zu abhängig von den anderen zu machen, seine eigenen Grenzen zu kennen und sich von niemandem einen anderen Weg aufdrängen zu lassen. Auch gerade in dem Prozess des Sich-Kennenlernens bei Verliebten sei es wichtig, sich zu nichts drängen zu lassen. So zeichnet die schöne Golondrina ihrem Verehrer eine deutliche Linie mit Kreide auf den Boden, um ihm deutlich zu machen, dass es so weit geht und nicht weiter. Ein deutlich pädagogischer Zug des Stücks, bei dem manche vielleicht die Augen rollen mögen, der jedoch auch auf ästhetischer Ebene gelungen in Szene gesetzt ist.

Das Happy End am Ende wirkt dann doch ein bisschen zu schön um wahr zu sein. Der arme Wächter des Don Pippins wird zu dessen Erben und darf somit als reicher Mann auch die schöne Golondrina zur Frau nehmen und die Dinge im Dorf können wieder ihren gewohnten Lauf nehmen. Das Stück endet, als wolle es sagen, dass es schlussendlich doch vor allem einfach eine schöne luftige Sommergeschichte sein will und lässt den Zuschauern mit einer – im Gegensatz zu den Tiefen die das Stück sonst aufweist – leider etwas seichten Genieß-das-Leben-Botschaft zurück.

Alles in allem jedoch ein sehr liebevoll und mit reicher Fantasie dargestelltes Stück, dem es weder an Unterhaltungswert noch an Inhalt fehlt. Man hatte den Eindruck, dass es ebenso auch bei den Kindern ankam, die sich während der Aufführung sichtlich amüsierten und später beim Publikumsgespräch auch mit Fragen nicht geizten.

(Anne-Kerstin Hege)

Ein Schaf fürs Leben

Montag, 25. Mai 2009

Aus weißem Stoff gespannte Schneehänge im Hintergrund. Ein Verkehrsschild, das vor Glätte warnt. Mittig auf dem Boden eine große kreisrunde Platte. Links und rechts davon jeweils ein Hocker, zwei Mikros und eine Sammlung an Geräuschmitteln. Sparsamer, aber unglaublich gewählter Einsatz von Musik, Licht und Kostüm. Und dazu zwei grandios gute Schauspieler… oder sollte man besser sagen Hörspieler? Denn die beiden verstanden es auf fesselnde Art und Weise, die Zuschauer mit auf eine visuelle wie auch akustische Reise zu nehmen.

Eine Reise zweier Tiere, die für eine Freundschaft nicht geeignet scheinen – ein hungriger smarter Wolf und ein naives abenteuerlustiges Schaf. Kann diese Geschichte überhaupt gut ausgehen? Sie kann. Denn anfangs noch schwindelig vor Hunger, taumelt der Wolf später eher durch die ansteckende Lebensfreude des Schafes. Er beginnt es zu mögen. Ganz ohne Basilikum und zerlassene Butter. Und so erwacht er aus einem Albtraum, in dem sein neuer Freund vor ihm zwischen Kartoffeln auf dem Teller lag, und stammelt „Du bist… du warst in Gefahr“. Er bittet das Schaf zu gehen – denn er weiß so gut wie der Zuschauer, dass er seine Natur nicht auf ewig wird unterdrücken können. Ein bewegender Moment. Man ist irgendwie traurig. Und erwischt sich ähnlich naiv wie das Schaf – hatte man nicht insgeheim gehofft, dass diese Freundschaft würde funktionieren können? Was tröstet: beide sind um eine schöne Erfahrung reicher – und war jene nicht überhaupt erst der Grund für ihre gemeinsame Reise gewesen?

Als Vorlage diente das Textbilderbuch von Maritgen Matter, welches 2004 mit dem Kinderbuchpreis des Landes NRW ausgezeichnet wurde. Und nun trägt auch die Theaterproduktion des Theater Marabu aus Bonn einen Preis nach Hause, gestiftet von der Staatskanzlei NRW für das Kinder- und Jugendtheatertreffen NRW 2009 in Castrop-Rauxel. Völlig zu Recht, wie ich finde. Denn es hat mit seinem „Hörspiel zum Sehen“ etwas erreicht, was nicht jedes Stück vermag – mit wenigen Mitteln verzaubert. Deutlich genug, um keine Verwirrung zu stiften. Frei genug, um Raum für Fantasie zu lassen. Statt alles verzehrbereit auf dem Silbertablett zu präsentieren, wurden hier einzelne Elemente angeboten, die zum Entdecken, Assoziieren und Weiterdenken einluden. Und so hat der Zuschauer nach 55 Minuten Spieldauer etwas mit den ungleichen Freunden gemeinsam: Er ist um eine sinnliche Erfahrung reicher – und wünscht sich, die Zeit wäre doch bloß nicht so schnell vergangen.

(Larissa Braunöhler)

Der Seelenvogel – Kindertheater mit Gefühl

Montag, 25. Mai 2009

„Der Seelenvogel“, inszeniert von Sabine Seume, ist ein Tanztheaterstück für Kinder ab fünf Jahren. Das Bilderbuch von Michal Snunit bildet dabei den grundlegenden Impuls zu diesem Stück, welches sich mit sehr einfachen Mitteln in die Herzen der Zuschauer spielt.

Nur vier Darsteller braucht es, um ein buntes Tohuwabohu auf die Bühne zu bringen, dass neben den Tanzeinlagen auch Tiefgang hat. Der Seelenvogel berichtet den kleinen sowie den großen Zuschauern was eine Seele ist und vermittelt auf anschauliche Weise zu welchen Gefühlen ein Mensch fähig ist. Dabei hat mir besonders gut gefallen, dass die Kinder in die ersten Reihen gesetzt wurden, damit eine bessere Interaktion zwischen dem Seelenvogel und ihnen stattfinden kann. Seine Fragen und Erklärungen richtet der Seelenvogel direkt an die Kinder, welche so in das Stück miteinbezogen werden.

Noch besser als die direkte Ansprache an die Kinder wirken meiner Meinung nach die spielähnlichen Tänze. Je nachdem welche Emotion vermittelt wird, passt sich auch die Musik an. Diese ist mal schnell, mal langsam, dann wieder heiter, aber auch traurig oder Angst einflößend. Bei letzterem hatte ich selbst manchmal Angst, dass es zu stark auf die Kinder wirkt, weil selbst ich, als 21-Jährige, bei manchen Szenen ein ungutes Gefühl hatte. Zum Glück ist kein Kind weinend aus dem Theater gelaufen, was ja manchmal tatsächlich passieren kann.

Ein besonders Highlight bot mir die Vorstellung relativ am Ende, als die drei anderen Darsteller das weiße Fenster des bunten Vogelgerüstes zerstörten. Vielleicht muss an dieser Stelle gesagt werden, dass der Seelenvogeldarsteller in einem übergroßen Vogelgerüst auf Rollen steckt, welches stellenweise mit bunten Vierecken umkleidet ist und das er nach Belieben verlassen kann. Die Zerstörung gerade des weißen Fenster symbolisiert für mich die Zerstörung der Unschuld und das Ende der Kindheit. Außerdem leitet es die Pubertät ein, die bekanntlich durch Gefühlsschwankungen charakterisiert wird. Diese glaube ich in hektischen Rhythmus- und Melodiewechseln der darauf folgenden Szenen erkannt zu haben. Diese Umsetzung hat mich besonders begeistert.

Ich fand es wirklich sehr spannend zu sehen, wie das Thema Seele in einem Tanztheater für Kinder umgesetzt wurde und kann für mich viele Aspekte darin erkennen. Allerdings frage ich mich, ob die nonverbalen Aussagen tatsächlich bei dem etwas jüngeren Publikum ankommen, denn gerade diese regen zum Nachdenken an und benötigen vielleicht ein gewisses Erfahrungsspektrum.

Andererseits sind die Textpassagen besonders kindgerecht gestaltet und es macht Spaß zu sehen, wie der Seelenvogel mit den kleinen Zuschauern interagiert. Auch die lustigen Spiele zwischendurch regen die Kreativität der Kinder an und machen bestimmt auch den Älteren Spaß. Somit kann man nur sagen, dass „Der Seelenvogel“ ein richtiges Familienstück ist und jede Altersgruppe anspricht.

(Constanze Helena Höber)