Blog „kinder- und jugendtheatertreffen nrw – westwind – (2010)“

Keine Meisterwerke mehr!

Montag, 31. Mai 2010

Das suggeriert uns doch zunächst einmal eins: eine Diskussion über literarische Stoffe zur Grundlage einer Inszenierung nehmen – ja oder nein? Und was gibt es dazwischen? Der Untertitel der Podiumsdiskussion lautete: „Wie entsteht Theater heute? Ein Austausch über unterschiedliche Arbeitsformen.“

Eingeladen waren zu dieser Veranstaltung Stefan Fischer-Fels (Leiter des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf), Prof. Dr. Wolfgang Schneider (Weltpräsident der ASSITEJ), Barbara Wachendorff (Regisseurin) und Kay Voges (designierter Schauspieldirektor Theater Dortmund).

Wolfgang Schneider begann die Runde zunächst mit einem Hinweis auf die reiche Tradition des literarischen Theater, für die Deutschland oft beneidet werde. In Skandinavien sei es jedoch anders: Der starke choreografische Charakter des internationalen Theaters werfe Fragen über die Wichtigkeit des gesprochenen Textes auf. Gerade beim zeitgenössischen Theater rücke da Theater als permanenter Prozess, als eine Art Forschungsprojekt mit langen Entwicklungszeiten in den Vordergrund.

Als Forschungsreise betrachtet auch Stefan Fischer-Fels die Theaterarbeit. Er ging in seinem Plädoyer für den Theaterprozess vor allem auf die Dialogsuche zwischen Realität und Geschichten ein. „Entsprechen die Geschichten die heute im Theater erzählt werden eigentlich noch der Welt?“ Fischer-Fels zieht seine Inspiration oft aus Medien und wählt so einen Ausschnitt der Wirklichkeit als Idee für ein Projekt aus. Welche Facette der Wirklichkeit dann auf der Bühne erscheint, so Fischer-Fels, hängt davon ab, welche Utopie erzählt werden soll und ob es gelinge, die Wirklichkeit bis zur Erkennbarkeit zu inszenieren.

Für Wirklichkeit interessiert sich auch Regisseurin Barbara Wachendorff, die vermehrt projektorientiert mit Demenzkranken und Arbeitslosen gearbeitet hat.

Den Schluss machte Kay Voges, der hauptsächlich von seiner Produktion „Alice – Expedition ins Wunderland“ erzählte. Die Textfassung sei in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern entstanden. Durch Improvisation und das Abklopfen alter Texte bestand dabei auch stets die Gefahr, in der Materialsammlung stecken zu bleiben. Dieses Risiko einzugehen habe aber auch gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, in ein ähnliches Loch wie Alice zu fallen – Wunderland kann jeden Tag scheitern. Für die Produktion war diese Arbeitsweise, laut Voges, besonders zuträglich. Eine aktuelle gesellschaftliche Forderung an das Theater sieht Voges in dem Wunsch der Menschen nach Heimat, Sicherheit und Vielfalt der Geschichten. Das Bedürfnis nach großen Geschichten, vielleicht sogar neuen Meisterwerken, bestehe also nach wie vor, wobei die Aktualität des jeweiligen Stoffes immer wieder zu überprüfen sei.

Vielleicht hätte man der Diskussion, die sich hauptsächlich unter den eingeladenen Sprechern abspielte, den Titel „Projektorientiertes Arbeiten – ja oder nein?“ geben sollen. Antworten auf die Frage „Meisterwerke – ja oder nein?“ wurden nur zum Teil und eher am Rande gegeben. Große literarische Stoffe als Textgrundlage für Produktionen zu nehmen, davon distanzierten sich die Sprecher weder, noch sprachen sie sich eindeutig dafür aus. Wünschenswert wäre eine größere Interaktion zwischen Publikum und Rednern sowie den Sprechern unter sich gewesen, die so durchaus gewünscht war, allerdings nicht stattfand. Ein möglicher Grund dafür könnte grade sein, dass die Zuhörer andere Inhalt erwartet hatten. Dem Untertitel wurde die Podiumsdiskussion zwar gerecht, aber das Thema Meisterwerke blieb auf der Strecke. Es wäre zu klären gewesen, was ein Meisterwerk ausmacht und von welchem Pool literarischer Stoffe oder Aufführungen man überhaupt spricht. Gab es eine stillschweigende Übereinkunft, dass dazu Werke von Goethe, Schiller, Lessing etc. zählen oder war gar auch von zeitgenössischen Meisterwerken die Rede? Wie wird ein zeitgenössischer Stoff überhaupt zum Meisterwerk? Vielleicht handelt es sich dann doch eher um einen historisch konstruierten Begriff, dem sich heutige Dramatiker überhaupt nicht nähern können. Zudem fehlte ein offen bekundeter Bezug zum Kinder und Jugendtheater. Stefan Keims These der Annährung von Abendspielplan und Kinder- und Jugendtheater scheint begründet. In seinem Text „Die Kunst des Direkten“, der in dem zum Festival erschienenen Buch „Westwind. Kinder- und Jugendtheater in Nordrhein-Westfalen (AT)“ zu lesen ist, findet man genau das wieder.

All diese Fragen hätten geklärt werden müssen, um sich nicht nur dem Untertitel, sondern auch der These des Haupttitels zu nähern.

Nicola Schubert, Kathrin Leneke

Fake-Familie

Samstag, 22. Mai 2010

Die Idee von „Familien Klauen“ ist ziemlich gut – zwei auf den ersten Blick abgedrehte Teenies (Anna und Paul) suchen die Extreme. Zum Beispiel mit einem außergewöhnlichen Geburtstagsgeschenk: er klaut für sie drei völlig Fremde zusammen um dann Familie zu spielen – das spannendste Spiel von allen. Die Entführten (zwei Frauen und ein Mann) bilden Vater, Mutter und Oma, die beiden Teenies sind die Kinder. Sämtliche Familien-Szenarien à la „Was machst Du, wenn ich nachts nach Hause komme und in den Flur kotze?“ werden durchgespielt und die neuen Familienmitglieder von den Halbstarken entweder belohnt oder bestraft, je nachdem ob sie sich so verhalten wie erwünscht oder nicht. Das Stück wiederum beginnt nicht halbstark, sondern mit aussagekräftigen und einnehmenden Bildern (die neue Familie sitzt gefesselt und unter blauen Mülltüten auf dem Tisch wie auf einem Präsentier-Teller) und einem guten Spiel.

Allerdings lässt diese Spannung recht schnell nach, wenn klar ist, wie das „Spiel Familie“ für die beiden Entführer funktioniert: es ist deutlich, wonach sie sich sehnen: Geborgenheit und Nähe. Dabei bewegen sie sich immer zwischen Aggressivität und verdeckter Zuneigung. Im wahren Leben sind sie von den eigenen Eltern massiv enttäuscht, wollen sich deshalb in einer neuen Familie ausprobieren. Es entsteht schließlich so etwas Ähnliches wie Zusammenhalt und Verständnis innerhalb der Fake-Familie. Am Ende kann man sich nur schwer voneinander lösen. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg: denn auch wenn dem Zuschauer längst klar ist, wie der Hase läuft, wie die Situationen von den einzelnen Figuren ver- und bearbeitet werden, bleibt die Handlung lange in sich selber stecken, geht es nicht wirklich weiter. Das ist nicht per se schlecht, allerdings ist nicht klar, welchen Sinn dieses „Stecken-Bleiben“ für die Gesamt-Handlung haben soll. So zum Beispiel auch das Nachspielen von „Hamlet“, das lustig ist und scheinbar dem Zweck dient, den Zusammenhalt der Familie zu untermauern. Das ist zwar wichtig und richtig für den Verlauf, allerdings ein wenig erzwungen, wenn das auf der Bühne nur über die Anlehnung an eine alte Tragödie passieren soll. Authentisch ist anders.

Die Situationen und Dialoge zwischen den Entführern und den Entführten hätten klarer sein müssen: vielleicht drastischer, kämpferischer, vielleicht von vornherein resignierter, aber auf jeden Fall nicht so schwammig. Wenn Paul den Vater provoziert, bringt er ihn zu einem kurzen Ausbruch – Vater: „Ich werde Dich nicht verprügeln, das habe ich ein einziges Mal in meinem Leben getan und dabei bleibt es.“ – Das lässt Tiefe vermuten, wird aber genauso schnell wieder fallen gelassen, wie es gekommen ist. Die Schauspieler hätten die Charaktere genauer zeichnen müssen – das Klischee des zickenden Teenie-Mädchens Anna war überflüssig, nicht differenziert und streckenweise nervig, auch wenn sich dieses Verhalten als Annas Maske und Schutz gegen die Welt entpuppt. Ihre ruhigen Momente waren schöner und hätten mehr ausgebaut werden sollen. Insgesamt wäre es wünschenswert gewesen, die Psychologie der Figuren klarer zu zeichnen: viele gute Andeutungen gab es, die einiges mehr hergegeben hätten als oberflächliches Aufblitzen von innerer Tiefe, die das Potential hätte, zum Kernpunkt der Stückes zu avancieren, ja zumindest irgendeinen Kernpunkt auszumachen. Damit wäre ein echter Rollentausch (wer ist Vater, wer ist Sohn?), ein wirklicher Wechsel der Stati möglich gewesen und nicht bei Andeutungen geblieben.

Nochmal – die Idee, die am Anfang des Stückes steht, ist gut! Sie hätte aber klarer umgesetzt werden müssen, mit klaren Statements und Kommentaren zu dem Verhalten der Figuren. Auch das Ende war unbefriedigend: ein bloßes Auseinanderstoben, nach dem Motto „Tschüss, man sieht sich dann“ birgt keinen echten Abschluss. Ein Ergebnis oder zumindest ein deutlich offenes Ende, über dem der Zuschauer brüten kann, hätten dem Stück gut getan.

Nicola Schubert

Die Treppe zum Garten

Montag, 17. Mai 2010

Zuhause ist dort, wo man willkommen ist, freundlich aufgenommen und verstanden wird.
Eine Frau aus Kroatien und zwei Männer aus dem Irak. Sie betreten die Bühne, mit Koffern. Auf der Bühne ist eine kleine Treppe zu sehen, eine Bank steht dort und Leinen mit Wäsche. Die beiden Männer setzen sich auf die Bank, die Frau stellt sich ein Stück neben sie und beginnt zu erzählen.

Im Verlauf des Stückes wird viel Musik gespielt, viele schöne, traurige und bewegende Geschichten erzählt.
Obwohl die drei aus verschiedenen Ländern kommen, sind sie sich dennoch ähnlich und sie verstehen sich, über Bewegungen, Musik und Sprache. Besonders deutlich machen sie es auch über die Sachen, die sie tragen. Jeder trägt helle Schuhe, eine schwarze Hose, die beiden Männer ein rotes Hemd, die Frau ein schwarz-rotes Hemd.

Viele Symbole und Bilder werden benutzt, um zu zeigen, wie nah sich doch eigentlich alle Menschen sind. Unabhängig von unterschiedlichen Ländern, Sprache, Kulturen und Sitten sich die Menschen dennoch verstehen und sich beieinander wohl fühlen können.
Im Laufe des Stückes holen die Schauspieler ihre Erinnerungen hervor – aus den Koffern, sie hängen sie teilweise mit an die Wäscheleine, wodurch sie sich den fremden Raum in einer charmanten Weise aneignen und aufzeigen, dass sie sich dort wohl fühlen.

Die drei haben eine wunderschöne, beeindruckende und mitreißende Ausstrahlung. Es macht unheimlich großen Spaß, ihnen zuzuschauen.
Es fiel mir sehr leicht, mich auf das Stück einzulassen und die Geschichten in Bildern in meinem Kopf ablaufen zu lassen, die erzählt wurden. Die Musik war teilweise fremd, dennoch sehr schön. Adriana Kocijan hat mich besonders fasziniert, aber auch der Umgang der drei miteinander macht das Stück zu etwas besonderem und erzeugte die wunderbare Stimmung, die auf das Publikum überschwengte.
Man merkt den Schauspielern ganz klar an, dass sie mit vollen Herzem dabei sind und die Geschichten demnach auch erzählen.
Während des Stückes hatte ich ein sehr schönes Gefühl, habe mich selbst sehr wohl gefühlt und es sehr genossen. Als ich jedoch wieder unterwegs war, spürte ich viel deutlicher, wie viele Vorurteile man so vielen Menschen gegenüber hat und wie tief verwurzelt das in einem ist. Ich fragte mich, warum das so ist und warum andere Menschen und man selber sich nicht das gleiche Gefühle geben können, was die Schauspieler auf der Bühne transportiert haben.
Verständnis hat nichts mit Ländern, Sprachen und Kulturen zu tun.

Dennoch wird die Spannung die ganze Zeit aufrecht erhalten, durch viel Abwechslung, Bilder, Musik, Geschichten, Tanz und einem erfüllten und sehr ästhetischen Bewegungsspiel.
Obwohl sich der Bühnenraum kaum verändert, ist man dennoch immer wieder auf der Reise und in anderen Ländern und Orten durch die Geschichten, die erzählt werden.
Es geht auch um die Gründe, sein eigenes Land zu verlassen und in ein fremdes zu gehen.

Die Treppe zum Garten, zu dem Garten, in dem die fremden Kinder spielen, in deren Land man gezogen ist. Obwohl sie die gleichen Spiele spielen, wie das Mädchen mit ihren Freundinnen früher, traut sie sich dennoch nicht zu ihnen zu gehen und zu fragen, ob sie mitspielen darf. Es sind andere Kinder, es sind nicht ihre Freunde.
Aber es ist auch die Treppe zu ihrem eigenen Garten, zu dem Haus, in dem sie vorher aufgewachsen ist, mit dem sie viele Erinnerungen verbindet, das, was sie zurücklassen musste, zum Beispiel ihren Hund, als sie ihr Land verließ. Vielleicht kehrt sie nie wieder zurück und wenn, hat sich wahrscheinlich vieles verändert, dennoch ist es nicht unbedeutend und vergessen, denn sie trägt all ihre Erinnerungen immer bei sich.
Die Treppe schlägt die Verbindung zwischen dem eigenen Land und dem fremden.
Durch die Geschichten entdeckt man viele Ähnlichkeiten, man merkt, dass Menschen aus fremden Ländern doch nicht so anders sind als wir. Wie viele von uns ist auch sie mit einem Haustier aufgewachsen und hat es geliebt.

Die Treppe zum Garten ist Appell an uns, die Vorurteile fallen zu lassen, einem fremden Menschen aus einem anderen Land freundlich und aufgeschlossen zu begegnen.
Das Thema ist sehr zeitnah, denn ist permanent vorhanden in Medien, Gesprächen, Gedanken.

Wie lange kann man ohne Freunde sein? Wahrscheinlich kann man es gar nicht, so würde ich es für mich beantworten. Aber es spielt keine Rolle, woher diese Freunde kommen und was uns vielleicht alles von ihnen unterscheidet. Freunde kann man überall finden.

Anne-Christin Kutsche

Die Verwirrungen des Zögling Törleß

Montag, 17. Mai 2010

Törleß betritt als erster die Bühne. Er trägt auf dem Kopf einen Lorbeerkranz und ein weißes Laken, welches er später fallen lässt und darunter kommen ein weißes Hemd und eine weiße Unterhose zum Vorschein.
Im antiken Griechenland wurden hervorragende Sportler und Dichter mit dem Lorbeerkranz ausgezeichnet. Törleß hebt sich damit auf die Stufe eines großen Dichters. Ganz poetisch stellt sich auch sein erster Monolog nach dem Aufdecken des Diebstahls dar.
Danach betritt Reiting in Schuluniform und einer Kapitänsmütze auf dem Kopf die Bühne. Er stellt sich uns damit als Kopf des Gefüges vor.
Als letztes kommt Beineberg auf die Bühne, der einen Schutzhelm trägt, er ist derjenige, der Reitings “Befehle” ausführt.
Beineberg erzählt, dass er Basini, ein Junge, der ihm Geld schuldet, mit dem Geld erwischt habe, was einige Stunden zuvor Reitung gestohlen wurde. Nun habe er ihn in der Hand und könne mit ihm machen was er will. Er wolle ihn für die Tat bestrafen.
Beineberg flucht immer wieder in der Unterhaltung und Reiting verbietet es ihm, Beineberg stellt sich ihm unter und versucht es zu unterbinden.
Törleß mischt sich dann pötzlich in das Gespräch ein und fordert eine Meldung des Verbrechens und eine gerechte Strafe.
Reiting gerät mit Törleß im folgenden Verlauf des Gesprächs immer wieder aneinander und versucht, ihn zu verprügeln, wovon Reiting ihn abhält, Törleß provoziert jedoch bewusst und denkt augenscheinlich, dass Reiting schon darauf aufpassen werde, dass ihm nichts zustößt – eine sehr naive Haltung. Trotzdem zittert Törless jedes Mal vor Angst, wenn Beineberg wieder auf ihn losgeht.
Nachdem Reiting und Beineberg abgegangen sind, schreibt Törleß einen poetischen Brief an seine Eltern, entweder er oder Basini habe die Schule zu verlassen.
Durch das Ausziehen des Lakens und der hohen künstlichen Stimme, mit der Törless zum ersten Mal spricht, gibt er sich der Lächerlichkeit preis. Er sitzt von da an nur in Unterwäsche auf der Bühne, später zieht er jedoch auch seine Schuluniform an, als sie anfangen, ein Musikstück zu spielen – was ihnen jedoch nicht sehr gut gelingt. Einen Schritt in die Realität scheint er damit gemacht zu haben, den Lorbeerkranz jedoch behält er auf. Diesen verliert er erst wesentlich später.
Reiting weist Beineberg an, dass er Basini auf den Dachboden bestellen solle.

Danach betritt Basini zum ersten Mal die Bühne, in einem Frauenkleid. Er erzählt ängstlich und sehr bilderhaft von dem, was in der Dusche und danach passiert ist mit Reiting und Beineberg.
Mit dem Kleid, was er trägt, positioniert er sich meiner Meinung nach direkt in die absolute Opferrolle, auch das ängstliche Flüstern und das Zittern am ganzen Leibe trägt dazu bei.
Man merkt jedoch im Laufe der Geschichte, dass es für ihn durchaus erregend und lustvoll war, was die beiden mit ihm gemacht haben. Er berichtet gleichermaßen von Lust und Schmerz, der schmerzvolle Aspekt scheint aber viel stärker in der Erinnerung vieler Zuschauer zu bleiben als der lustvolle.
Meiner Meinung nach lässt sich Basini anfänglich bewusst und gewollt darauf ein, es gefällt ihm und er hätte es jederzeit beenden können und sich selbst melden beim Direktor und ihm beichten, was er getan hat. Danach gerät er immer mehr in die Machtspiele hinein und kommt nicht mehr heraus aus der Spirale von Lust, Sex und Gewalt.

Als Törleß, Reitung und Beineberg gemeinsam im Klassenzimmer sitzen und an einer Arbeit schreiben, zieht Reitung Törleß bewusst in die Mitwisserschaft, um mehr Macht über diesen zu haben und gegen Beineberg einen Zeugen zu haben, falls dieser etwas erzählt. Er erzählt Törleß, dass Basini der persönliche Lustsklave von Beineberg sei und die beiden unzüchtige Dinge treiben würden. Törleß ist durchaus interessiert an der Geschichte. Reiting weiß, wie er seine Mitschüler gegeneinander ausspielen kann und hält gegen jeden ein Druckmittel in der Hand.
Jedoch fängt hier seine moralische Position bereits zu bröckeln an, denn er hört Reiting zu, beginnt daraufhin jedoch nicht zu handeln, genau genommen fängt es bereits damit an, dass er einen Brief an seinen Vater schreibt und es nicht dem Direktor direkt meldet, dass Basini geklaut hat.
Beineberg konzentriert sich auf seine Arbeit und vertieft sich immer weiter darin, dass Gespräch der beiden scheint er am Rande wahrzunehmen und es stört ihn bei seiner Konzentration, kurzzeitig verlässt er durch Rutschen des Stuhles die Bühne, kommt jedoch wieder, Reiting erzählt immer euphorischer und auch Beineberg wird euphorisch, weil er dem Ende seiner Arbeit immer näher kommt. Beides endet gleichzeitig.
Törleß und Reiting reden darüber, wie mit Basini und Beineberg zu verfahren sei, es sind jedoch nur Phantasien, sie setzen davon nichts in die Tat um.

Beineberg und Reiting fahren für vier Tage vom Internat weg, sie gehen tanzen.
Am Abend des ersten Tages kommt Basini zu Törleß, der liest, und zieht sich vor ihm aus, er antwortet nur sehr zögerlich auf die Fragen von Törleß, der ihn dazu drängt, sich wieder anzuziehen und fragt, warum er das denn tue, er wird immer lauter und prügelt es aus Basini heraus. Plötzlich nutzt Törleß die Situation und die Unterwürfigkeit Basinis aus, schreit ihn an, er solle sich ausziehen und spielt einen Moment lang damit, ihn ebenfalls zu missbrauchen und zu misshandeln, fängt sich jedoch wieder und lässt von ihm ab.
Törleß macht Basini anfänglich viele Vorwürfe, wie er klauen konnte, wie er sich dabei gefühlt habe, ob nicht etwas in ihm gebrochen sei. Basini verneint die Fragen und kann Törleß nicht die erwünschten Antworten geben, Törleß reagiert mit absolutem Missverständis, handelt jedoch überhaupt nicht nach seinen angeblichen Moral- und Bestrafungsvorstellungen.
Törleß ist ebenfalls gleichzeit angeekelt von dem, was Reitung und Beineberg mit Basini machen, andererseits ebenso erregt, am Ende dieser Szene küsst er Basini.

Törleß hat Angst davor, dass ihm das gleiche wie Basini passieren könne und er ebenfalls zum Opfer wird, andererseits gefällt es ihm mehr und mehr, ebenfalls Macht zu haben und Basini zu unterdrücken. Er verfällt Reitings Machtspielen.
Von Anfang an weiß Törleß, was vor sich geht, dennoch sieht er nur zu und seine Monologe, Reden, Ideal- und Moralvorstellungen fallen in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Am Ende, als Reitung und Beineberg wieder da sind, überlegen sie sich, dass sie Basini hypnotisieren wollen.
Als sie mit ihm auf die Bühne kommen, setzt sich Törleß in einiger Entferung mit einem Buch hin, er trägt eine Maske. Er gibt vor im Buch zu lesen, trotzdem schaut er dem Geschehen immer wieder zu.
Mit der Maske, die sein Gesicht bedeckt, symbolisiert er Unwissenheit.

Das Hypnotisieren gelingt nicht, wieder tritt Reiting in einem Kostüm auf, dass für mich etwas spirituelles hat, er trägt ein Gewand und eine Mütze, er erinnert an einen Schamanen oder ähnliches, Beineberg dagegen trägt nur eine Mülltüte um das Becken. Damit wird erneut deutlich gemacht, dass Reiting der Führer des Gefüges ist.
Sie foltern Basini, der vollkommen willenlos ist und alles mit sich machen lässt.
Nachdem die drei die Bühne kurzzeitig verlassen, setzt Törleß seine Maske ab und seine Brille auf. Basini schreit hinter der Bühne, Törleß schaut immer wieder verstört auf, versucht sich dann jedoch wieder auf sein Buch zu konzentrieren.
Basini kommt später alleine auf die Bühne und bittet Törleß, ihm zu helfen, der jedoch nicht wirklich darauf reagiert und ihn erneut küsst, Beineberg erwischt die beiden dabei, geht jedoch nicht weiter darauf ein, er erpresst Törleß dann, dass es ihm genauso wie Basini ergehen könnte, nutzt jedoch nicht den Kuss, um ihn zu erpressen.

Das Stück wurde wesentlich dadurch beeinflusst, dass der Regisseurs entschied, Basini mehr Raum zu geben. Roman Konieczny weiß gekonnt diesen Raum zu nutzen. Der ausgewählte Text des Monologs geht für viele Zuschauer über eine Grenze, er ist provokativ und ausgezeichnet gewählt.

Das Stück ist über Machtgefüge, Machtmissbrauch, Angst, Mitwissenschaft eines Verbrechens und dennoch Nichtstun. Es ist ein Wechselbad der Gefühle: Von Erregung über Belustigung, Ekel und Brutalität. Das Stück geht unter die Haut, es schwirrt mir immer noch am meisten im Kopf herum.

Törleß selbst beschmutzt sehr schnell seine dargestellte Unschuld, er verliert, so schnell er das Laken fallen lässt, seine Moralvorstellungen und seinen damit vorgestellen Charakter.
Das Stück zeichnet sich durch eine starke Körperlichkeit und eine große Vielfalt an Bildern aus.
Der Schluss spielt uns eine heile Welt vor.
Das Stück ist bewegend, mitreißend und ein gelungener Abend.

Anne-Christin Kutsche

Weder Prinzessin noch Ritter – und auch nicht Pippi

Montag, 17. Mai 2010

Eine theatrale Studie über eine Kinderheldin

In der letzten Schulwoche vor den Abiturprüfungen ist es an zahlreichen Gymnasien üblich, eine Motto- oder Verkleidungswoche zu veranstalten. Einer der beliebtesten Mottotage dabei ist der mit dem Titel „Helden der Kindheit“. An solchen Tagen gibt es eine Unzahl von Prinzessinnen und Pippis.

Die Schauspielerinnen von „Pulk Fiktion“ sind sich am Anfang der Aufführung von „Efraims Töchter“ einig, dass sie Pippi sein wollen – und zwar alle drei. Prinzessinnen sind schließlich langweilig und Ritterinnen gibt es einfach nicht. Tommi oder Annika will keine sein; Tommi will Pippi III noch nicht einmal ihren Mitspielerinnen zumuten und streicht ihn zugunsten einer zweiten Annika einfach ganz.

Letztlich greifen dann aber alle drei zu einem Satz orangeroter Zöpfe und beginnen, Pippi zu spielen, erinnern an all das, was ihre Kinderheldin ausmacht. Eine eigene Wohnung, tun was man will und dank phantasievoller Lügengeschichten auch das Unmögliche erleben können. Was gewollt ist, ist klar und trotzdem schaffen es die drei Schauspielerinnen nicht, Pippis Witz und Energie auf die Bühne zu bringen. Der scheinbar zu große (Gast-) Theaterraum wird nicht gefüllt, es entstehen Längen und im Gespräch mit der Spielfilmpippi im Fernsehapparat auf der Bühne erntet die „echte“ Pippi alle Lacher des Publikums. Heißt das, dass die Schauspielerinnen in ihrem Unternehmen gescheitert sind? Nein.

Denn nach und nach wird deutlich, dass es keine Chance gibt, zu sein wie Pippi. Das starke, reiche, unabhängige, kluge und witzige Mädchen ist zu stark, zu reich, zu unabhängig, zu klug, zu witzig um real zu sein. Die drei Bühnenpippis konzentrieren sich mehr auf ihre eigenen Geschichten. Sie erzählen im Handstand an der Wand – mit diesem Maß an Stärke können sich auch die identifizieren, die lediglich verkleidet oder in ihren eigenen Lügengeschichten einmal Pippi sein durften – von starken Momenten, für die sie doch nur mit Einschränkung gelobt wurden: „Du bist ziemlich stark – für’n Mädchen“.

An Kuscheltiere werden Forderungen gerichtet, die so manches Kind von seinen Eltern kennen dürfte. „Sei doch mal mutig“. „Andere Kinder würden sich freuen…“.

Und dann kommt wieder die „echte“ Pippi ins Spiel, die ganz alleine ihren Geburtstag feiern muss, schließlich ist der Vater Efraim nie da und die Mutter schon lange tot.

Ein Interview mit der kleinen Inger Nilsson zeigt, wie das Mädchen, das Pippi in den Spielfilmen lebendig werden ließ, an den Kräften ihrer Rolle scheiterte: „Ich bin doch nicht Pippi“ und dann ein sehnsuchtsvoller Song über Annika, die zwar zögert, zweifelt und ängstlich ist – aber eben auch einfach Schwäche zeigen darf, Schutz suchen und „klein sein“ kann. Es wird deutlich, was Pippi fehlt, warum ihre Situation nur für eine Romanfigur der Himmel auf Erden sein kann und die drei Mädchen fordern auf, Tränen zu spenden für die Heldin.

All diese Momente sind eindrücklich, stark, sie sprechen für sich, sie machen deutlich, was dann in einigen Sätzen zum Schluss noch einmal – überflüssigerweise – zusammengefasst wird: Pippi ist eine „großartige Lüge“, eine „Sehnsucht“, die aber „zwischen den Buchdeckeln“ bleiben muss. So wird „Efraims Töchter“ zu einer schönen Collage über Phantasie und Mut, aber auch darüber, dass Schwäche und Einsamkeit ebenso zum Leben gehören.

Fli Fla Flu

Donnerstag, 13. Mai 2010

oder: Warum hat die Mumie kein Gesicht?

Laute Geräusche.

Klangstäbe.

Ein Harmonium.

Akkordeonmelodien.

Polka.spiel-der-krafte-1

Eine Seilbahn.

Lichtspiele.

Schattenspiele.

Seilzüge.

Pendel.

Graue, runde Steine.

Eine Puppe.

Zwei nackte Füße, rhythmisch zwei Pedalen tretend.

Fliegende Engel (Geister?).

Entdeckerlampen.

Projektion.

Eindrücke nach dem Besuch von „Spiel der Kräfte“ des Helios Theaters aus Hamm. Eine durchdachte und vor allem komplett durchgehaltene Ästhetik, die auf den ersten Blick eine eigene, sehr sinnliche Welt aus Klang, Licht, Raum und Bildern erschafft  und erst mal keine Geschichte erzählt.

Doch woraus sonst bestehen dann Geschichten, besonders Theatergeschichten, wenn nicht aus diesen Komponenten?

Und so taucht man also doch in eine Geschichte ein, bei der ganz viel nur auf Wahrnehmung basiert und die wahrscheinlich noch mehr als alle anderen Theatergeschichten für jeden Zuschauer eine ganz eigene ist.

Es beginnt relativ brutal, fast schon verstörend, mit lauten Geräuschen. Die drei Akteure betreten die Bühne und zunächst wirkt es so, als ob sie alles ausprobieren, was die Bühnen ihnen bietet. Töne werden produziert, Scheinwerfer an- und ausgeschaltet. Und schon bald taucht die Hauptperson des Geschehens auf, eine kleine Puppe, ein kleines, eifrig wirkendes Wesen, das scheinbar ganz nach dem Vorbild der Großen beginnt, auf seine Umgebung einzuhämmern.

Den Geräuschen und den Tönen nach sind wir zunächst ganz unten. Sie sind tief, kräftig, wirken fast urtümlich und scheinen eine gewisse Macht zu haben. Besonders die Steine, mit denen die Puppe sich schnell zu beschäftigen beginnt, sind sichtbar schwer und machen Urkräfte wie die Schwerkraft durch das laute Aufprallgeräusch nur durch akustische Wahrnehmung erfahrbar.

Da scheint dann der Wunsch der Puppe nach dem Fliegen, dem Fli Fla Flu,  besonders gewagt und unmöglich. Wie soll ein Wesen, vielleicht sogar eines aus der Tiefe, ganz bestimmt aber ein sehr erdverhaftetes, sich in solch luftige Gefilde begeben können?

Doch das kleine Wesen versucht es mit einer ungeheuer sympathischen Beharrlichkeit, die mit der Zeit fast schon rührend wird.

Es beweist einen ungeheuren Einfallsreichtum, etwas so offensichtlich Unmögliches zu schaffen – und schafft dadurch, dieses Unmögliche für uns doch ein bisschen möglich zu machen. Man möchte es anfeuern, auch für sich selbst. Auf dass sein Ziel auch für uns ein bisschen greifbarer werde.

Und so wird der ungeheuer alte Wunsch des Menschen nach dem Fliegen, nach dem Loslassen der Erdenschwere sinnlich erfahrbar.

Besonders die Materialien scheinen uns Geschichten zu erzählen, zuweilen sind es so viele, dass man nahezu damit überfordert ist, sie alle zu sehen und zu hören.

Aber was sind das überhaupt für Geschichten, sind sie nacherzählbar?

Eigentlich kann man wirklich, wie eingangs, nur Wahrnehmungen schildern.

Brauchen wir gar die Geschichten, weil wir nicht einfach zuhören und –sehen können? Als ob ein Drang entstünde, alles miteinander zu verbinden, Kausalitäten zu schaffen, um das Ganze gar letztlich in eine chronologische Reihenfolge zu bringen.

Eventuell ist dieses Suchen nach Geschichten aber auch einfach ein Sinnstiften aus Hilflosigkeit, mit dem wir zu übersehen versuchen, dass wir verlernt haben, bloß sinnlich wahrzunehmen.

Für die Patenklasse der Inszenierung stellten sich diese Fragen gar nicht. Hier wurden rationale Erklärungen gefordert: Wo habt ihr den Film her, wie kam der auf den Geist/den Vogel/den Drachen aus Papier und-

Warum hat eigentlich die Mumie kein Gesicht?

Next Generation mit Blick auf Kummer und Courage

Mittwoch, 12. Mai 2010

‚Ästhetik‘, aus dem Griechischen von ‚aisthesis‘, heißt soviel wie sinnliche Wahrnehmung aber auch Sinnwahrnehmung. Theaterpädagogik,  als Teildisziplin von ästhetischer Bildung hat sich denn eben mit solchen (Sinn)Wahrnehmungsprozessen auseinanderzusetzen, ist ihr Augenmerk auf die Kunstform Theater und ihre Zielgruppe gerichtet und darauf, was sie (die Kunstform) denn als solche zu leisten vermag. Stehen denn Kinder- und Jugendliche nicht selber auf der Bühne, d.h. erfolgt die Auseinandersetzung mit Theater nicht über das Gestalten mit dem eigenen Körper, geraten Kinder und Jugendliche als Wahrnehmende in den Blick und als diejenige, die Erfahrungen machen. Das Stück Kummer und Courage, empfohlen für Kinder ab 9 Jahren, bietet seinen Zuschauern ein Kriegs-Spiel der besondern Art. Der Theaterrahmen des ‚als-ob’ wird konsequent genutzt, um darin Krieg und damit verbundene Leidenserfahrungen zu spielen. Die Dialoge geben den Kindern viele Lachmomente, wenn sich z.B. Courage seinen Reim auf Schritte macht. Ein Erzähler berichtet den Kindern, wo und in welcher Zeit wir uns denn eigentlich befinden, wie viele Todesopfer der Krieg brachte und Scherenschnittpferde geben Auskunft über ihre je eigenen Kriegserlebnisse. Es wird geschossen, gelitten, gekämpft und um sein Leben gefürchtet – gerade so, ‚als ob’ man sich inmitten des napoleonischen Krieges befindet. Als Theaterpädagogin und Regisseurin1 frage ich mich, welche Art von Erfahrung eine solche Art der Inszenierung Kindern bietet. Sollen sich die Kinder einfühlen in die Kriegserlebnisse, dabei erschaudern und trotzdem zwischendurch lachen? Lassen Uniform, Gewehr und amputiertes Bein das Ganze zu einem echten Erlebnis werden? Sind denn Kindern nur über eine Spielweise zu erreichen, die Sehgewohnheiten bedient und dabei nur Abbild ist ?

Das die Kinder Spaß hatten, war deutlich zu hören und dagegen ist auch nichts einzuwenden. Über Humor lässt sich ja bekanntlich streiten. Mein Anspruch an Kindertheater geht aber über eine derartige Form von Clownerie und Nachspielen hinaus, die meint Sehgewohnheiten von Kindern bedienen zu müssen. Wird denn Schnee zum einen als Bettlaken und zum anderen als Kunstschnee behauptet, geht ein Fernrohr in all dem ‚als ob’ nicht einfach verloren, sondern wird durch den Erzähler von seinem Platz entfernt und irgendwann wieder an seinen Platz zurückgelegt und kommt ein amputiertes Bein plötzlich wieder zum Vorschein, sind dies Beispiele für eine Inszenierung, die sein Publikum und damit die Kinder nicht ernst nimmt. Anspruchsvolles Theater für Kinder auf die Bühne zu bringen ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Wer aber meint zu wissen, was denn Kinder sehen wollen bzw. was ihnen zuzutrauen ist, der nimmt ihnen gerade die Momente, in denen sie wahrnehmen und in den Prozess von Auseinandersetzung mit der Theaterkunst und ihren Formen gehen können. Sinnwahrnehmung geschieht denn immer als innerer Antrieb, manchmal auch in der Reibung mit dem GegenSinn. Wo denn aber nur über den Clown im Kriegsspiel gelacht wird2 und einem dieses Lachen aber nicht im Halse stehen bleibt, können ästhetische Erfahrungsprozesse kaum zum Zuge kommen.

Ina Driemel

kinder und jugendtheater – kummer und courage

heute aus bochum, ein stück, dass vorbild sein sollte für andere kinder und jugendtheater.kummer-und-courage-21

naiv und völlig in der geschichte liegend, eben vermischend, sich selbst spiegelnd.

ein großer kniff. ein clou, ein genialischer Akt, ein großer haufen scheiße, plastisch, sinnlich erfahrbar, mit rauch und schnee, mit stoff und musik. mit einem multifunktionalen bühnenbild und viel zeit.

geschlossene figuren im besten brechtschen sinne gebrochen. eine renaissance des althergebrachten, das nicht vergessen ist.

das, was europa damals so im kern verunsichert hat. diese geschichte, die uns allen ein mahnmal der früheren kriegspraktik sein soll. die revolution, die in den biedermayer und die romantik führrte. in nationalsstaatsbestrebungen und liberalisierung. das aufstrebende bürgertum, das vom adel unterdrückt sich ins private zurückzog um dann 1848 doch noch einmal den schritt zur revolution wagen sollte.

ach das waren zeiten. büchner, der den weg für die postdramatik ebnete. später bismarck, der noch heute eine identiträsstiftende figur für deutschland ist. 1871. wo wir dann endlich frankreich besiegten und dann eben den platz an der sonne suchten, um dann nach dem ersten weltkrieg den zweiten zu suchen und im faschismus brecht zu hochtouren brachten. anschließend die zweiteilung der welt in kommunismus und kapitalismus. sich anschließend das los lösen von monokausalen bedeutungszusammenhängen.

und doch blieben immer freundschaft in extremsituationen bestehen. das werden wir nie vergessen. und die zukünftigen kinder sollen das auch nicht mehr vergessen und deshalb danke bochum für die zeit in der ersten liga, doch der abstieg ist eben auch ein regionales problem. nicht nur im fussball.

Martin Grünheit

Der fünfte Tag

Mittwoch, 12. Mai 2010

Ich und andere Lügen

Mittwoch, 12. Mai 2010

Noch nie stellte ich mir die Frage, ob das, was sich auf der Bühne abspielt, authentisch ist.
“Ich und andere Lügen” ist fesselnd, regt sehr zum Nachdenken an und die 90 Minuten sind im Fluge vorüber.
Abstrakt und aus der Realität gerissen einerseits, andererseits könnte ein Stück einem Zuschauer nicht näher kommen und die Gedanken der Jugendlichen zutreffender beschreiben.

Der Erwachsene, der anfänglich noch die Jugendlichen leitet und ihnen Denkanstöße gibt, wendet sich am Ende jedoch ab, lässt die Jugendlichen mit ihren Gedanken allein und kümmert sich um sich selbst.
So verwerflich es auch sein mag, ist es nicht verständlich? Könnten ihn denn nicht ähnliche Gedanken beschäftigen? Jeder von uns leidet an Ängsten, Unsicherheit, Erfolgsdruck, vielleicht auch Mobbing, unkontrollierte Gefühle und Aggressionen.
Am Ende des Stückes wird ein kleines Video eingespielt, in dem Erwachsene gefragt werden, was ihnen an sich selbst missfällt, jedem fällt spontan eine Antwort ein – sie denken über sich selbst, dass sie zu klein, zu blöd, zu dick und einiges mehr seien. Gedanken, die sie jeden Tag begleiten und sicherlich auch gelegentlich als quälend empfunden werden.
Viele Themen und Gedanken, die in dem Stück Erwähnung finden, tauchen in dem Leben eines Erwachsenen immer wieder auf, wenn man ein Vorstellungsgespräch für einen neuen Job hat, wenn man zum ersten Mal Mutter oder Vater wird. Ängste und Unsicherheiten begleiten uns unser ganzes Leben lang. Nur weil man älter wird, lernt man nicht unbedingt besser damit umzugehen, man lernt vielleicht es zu verdrängen.

Scheinbar einfache Fragen werden gestellt: Was ist schwarz? Wer ist klein? Die Schauspieler denken selber darüber nach und fragen nach kurzer Zeit die Zuschauer, es kommen die gleichen Antworten. Die Fragen ohne längere Bedenkzeit zu beantworten ist doch nicht so einfach, wie gedacht.
Aber wie steht es mit Fragen wie: Was ist Schmerz?
Mir selbst fiel es wirklich schwer, das in Worte zu fassen.

Wer bin ich? Was kann ich? Wohin soll ich? Fragen, die sich die Schauspieler zu Beginn des Stückes stellen.
In dem Leben vieler Menschen spielen diese Fragen eine zentrale Rolle. Und sie zu beantworten ist schwer oder sogar unmöglich. Doch gerade eine Antwort auf diese Fragen für uns selbst zu finden ist wichtig. Es kann uns wieder auf den richtigen Weg führen, wenn wir von ihm abgekommen sind, wenn wir vielleicht vergessen haben, was unser Ziel war – was wir wollen – was ich will.
Dies steht auf den Eimern, der einzige Gegenstand, der im ganzen Stück eine wichtige Rolle spielt.
Man hat sie immer vor Augen – genauso wie man sich immer vor Augen halten sollte, was man selbst will und was die Menschen um einen herum wollen.

Auch einzelne Fälle und Charaktere werden beleuchtet – ein Junge, der ein Mädchen sein möchte und das mithilfe von Operationen erreichen will, ein fülliges Mädchen, welches sich wünscht, anders zu sein, so zu sein wie ihre Freundinnen – schlank und schön. Dann der andere Junge, der sich nach außen hin hart gibt und dennoch immer wieder betont, dass er sensibel sei, was ihm die anderen jedoch nicht glauben.
Uns werden verschiedene Rollen aufgezeigt, die sich so oder ähnlich auf manche Menschen in unserem Umfeld übertragen lassen. Der Wunsch anders zu sein ist weit verbreitet, was uns in diesem Stück mehrmals vor Augen geführt wird. Ich denke, besonders Jugendliche sind von diesem Gedanken stark beeinflusst, jemand anderes sein zu wollen und sich in seiner eigenen Haut unwohl zu fühlen.

Gegen Ende des Stückes soll jeder der sieben Jugendlichen sich Gedanken zu einem bestimmten Thema machen. Themen sind Körper, Schönheit, Idole.
Jeder erzählt eine persönliche Geschichte, die Schauspieler tun dies so überzeugend – was allerdings für das ganze Stück gilt – dass man nicht weiß, ob die Geschichten authentisch oder nur erfunden sind.
Es war ein außergewöhnliches Stück. Als Zuschauer schwenkt man immer wieder zwischen Realität und Fiktion hin und her.
Viele Themen werden im Laufe des Stückes angesprochen – Aggressionen, Mobbing, Alkohol, soziale Internetplattformen, es bleibt jedoch nicht genügend Zeit, um diese Themen eingehend zu besprechen. Inwieweit man selber darüber nachdenkt, bleibt jedem selbst überlassen.

Als abschließendes Fazit kann man sagen, dass es ein fesselndes, interessantes, ästhetisches Stück ist, welches einen mehr als nur anregt über sich selbst nachzudenken.
Beruhigt es nicht, zu wissen, dass viele Menschen die gleichen Gedanken und Ängste plagen?
Es ist ein Stück für jedes Alter und ist es wert, mehrmals gesehen zu werden.
Die Schüler und Schülerinnen, die das Stück gesehen haben, sollten ihre Eltern bitten, ihnen von ihrer eigenen Kindheit zu erzählen, von ihren Problemen und Gedanken – soweit diese sich noch daran erinnern. Die Jugendlichen werden sicherlich öfters Gemeinsamkeiten entdecken. Vielleicht hilft es ihnen auch zu erfahren, wie ihre Eltern damals damit umgegangen sind um für sich selbst Lösungen zu finden. Es kann vielleicht helfen, zu wissen, dass es den Eltern damals nicht viel anders ging, auch wenn die Jugend einem ständigen Wandel unterzogen ist, die Ängste und viele Situationen ähneln sich jedoch oder bleiben gar gleich.
Auch die Erwachsenen sollten darüber nachdenken, was sie erreicht haben und wovon sie früher geträumt haben, ob sie sich diese Träume schon erfüllt haben oder es eventuell noch tun können.
Träume, Ängste, Gedanken, viele fühlen sich damit allein, doch festzustellen, dass man mit fremden Menschen Gemeinsamkeiten hat, ist beruhigend.

Anne-Christin Kutsche

Bilder 6. Tag

Mittwoch, 12. Mai 2010