Das suggeriert uns doch zunächst einmal eins: eine Diskussion über literarische Stoffe zur Grundlage einer Inszenierung nehmen – ja oder nein? Und was gibt es dazwischen? Der Untertitel der Podiumsdiskussion lautete: „Wie entsteht Theater heute? Ein Austausch über unterschiedliche Arbeitsformen.“
Eingeladen waren zu dieser Veranstaltung Stefan Fischer-Fels (Leiter des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf), Prof. Dr. Wolfgang Schneider (Weltpräsident der ASSITEJ), Barbara Wachendorff (Regisseurin) und Kay Voges (designierter Schauspieldirektor Theater Dortmund).
Wolfgang Schneider begann die Runde zunächst mit einem Hinweis auf die reiche Tradition des literarischen Theater, für die Deutschland oft beneidet werde. In Skandinavien sei es jedoch anders: Der starke choreografische Charakter des internationalen Theaters werfe Fragen über die Wichtigkeit des gesprochenen Textes auf. Gerade beim zeitgenössischen Theater rücke da Theater als permanenter Prozess, als eine Art Forschungsprojekt mit langen Entwicklungszeiten in den Vordergrund.
Als Forschungsreise betrachtet auch Stefan Fischer-Fels die Theaterarbeit. Er ging in seinem Plädoyer für den Theaterprozess vor allem auf die Dialogsuche zwischen Realität und Geschichten ein. „Entsprechen die Geschichten die heute im Theater erzählt werden eigentlich noch der Welt?“ Fischer-Fels zieht seine Inspiration oft aus Medien und wählt so einen Ausschnitt der Wirklichkeit als Idee für ein Projekt aus. Welche Facette der Wirklichkeit dann auf der Bühne erscheint, so Fischer-Fels, hängt davon ab, welche Utopie erzählt werden soll und ob es gelinge, die Wirklichkeit bis zur Erkennbarkeit zu inszenieren.
Für Wirklichkeit interessiert sich auch Regisseurin Barbara Wachendorff, die vermehrt projektorientiert mit Demenzkranken und Arbeitslosen gearbeitet hat.
Den Schluss machte Kay Voges, der hauptsächlich von seiner Produktion „Alice – Expedition ins Wunderland“ erzählte. Die Textfassung sei in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern entstanden. Durch Improvisation und das Abklopfen alter Texte bestand dabei auch stets die Gefahr, in der Materialsammlung stecken zu bleiben. Dieses Risiko einzugehen habe aber auch gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, in ein ähnliches Loch wie Alice zu fallen – Wunderland kann jeden Tag scheitern. Für die Produktion war diese Arbeitsweise, laut Voges, besonders zuträglich. Eine aktuelle gesellschaftliche Forderung an das Theater sieht Voges in dem Wunsch der Menschen nach Heimat, Sicherheit und Vielfalt der Geschichten. Das Bedürfnis nach großen Geschichten, vielleicht sogar neuen Meisterwerken, bestehe also nach wie vor, wobei die Aktualität des jeweiligen Stoffes immer wieder zu überprüfen sei.
Vielleicht hätte man der Diskussion, die sich hauptsächlich unter den eingeladenen Sprechern abspielte, den Titel „Projektorientiertes Arbeiten – ja oder nein?“ geben sollen. Antworten auf die Frage „Meisterwerke – ja oder nein?“ wurden nur zum Teil und eher am Rande gegeben. Große literarische Stoffe als Textgrundlage für Produktionen zu nehmen, davon distanzierten sich die Sprecher weder, noch sprachen sie sich eindeutig dafür aus. Wünschenswert wäre eine größere Interaktion zwischen Publikum und Rednern sowie den Sprechern unter sich gewesen, die so durchaus gewünscht war, allerdings nicht stattfand. Ein möglicher Grund dafür könnte grade sein, dass die Zuhörer andere Inhalt erwartet hatten. Dem Untertitel wurde die Podiumsdiskussion zwar gerecht, aber das Thema Meisterwerke blieb auf der Strecke. Es wäre zu klären gewesen, was ein Meisterwerk ausmacht und von welchem Pool literarischer Stoffe oder Aufführungen man überhaupt spricht. Gab es eine stillschweigende Übereinkunft, dass dazu Werke von Goethe, Schiller, Lessing etc. zählen oder war gar auch von zeitgenössischen Meisterwerken die Rede? Wie wird ein zeitgenössischer Stoff überhaupt zum Meisterwerk? Vielleicht handelt es sich dann doch eher um einen historisch konstruierten Begriff, dem sich heutige Dramatiker überhaupt nicht nähern können. Zudem fehlte ein offen bekundeter Bezug zum Kinder und Jugendtheater. Stefan Keims These der Annährung von Abendspielplan und Kinder- und Jugendtheater scheint begründet. In seinem Text „Die Kunst des Direkten“, der in dem zum Festival erschienenen Buch „Westwind. Kinder- und Jugendtheater in Nordrhein-Westfalen (AT)“ zu lesen ist, findet man genau das wieder.
All diese Fragen hätten geklärt werden müssen, um sich nicht nur dem Untertitel, sondern auch der These des Haupttitels zu nähern.
Nicola Schubert, Kathrin Leneke




































