Blog „Bayerische Theatertage 2016“

Langsam kommt man auch ans Ziel

Dienstag, 14. Juni 2016
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Schauburg – Theater am Elisabethplatz
von Bernadette Niedermeier
Das Münchener Jugendtheater Schauburg bringt „Die Entdeckung der Langsamkeit“mit zu den bayerischen Theatertagen. Mit Beat Fäth als Regisseur haucht das Ensemble dem bekannten Roman von Sten Nadolny neues Leben ein, allerdings in deutlich verkürzter Form, da 400 Seiten nicht in 90 Spielminuten passen. Da dieses Stück für Jugendliche ab 13 ist, wird der Schwerpunkt auf die Jugendzeit der Hauptfigur John Franklin gelegt.
John ist aufgrund seiner Langsamkeit und seiner verzögerten Wahrnehmung in der Schule ein Außenseiter. Beim Ballspiel dient er „nur“als Schnurhalter, wird verspottet und sogar geschlagen. Selbst sein eigener Vater will John los werden und ist deshalb froh, als der sich auf ein Schiff flüchtet, um Seefahrer und Entdecker zu werden.
Das Stück zeigt, wie aus dem verspotteten Jungen letztlich ein hoch geachtetes Mitglied der britischen Gesellschaft wird. Dies wird in Episoden erzählt. Dazu gehört Johns erste Seeschlacht.Hier tötet er versehentlich einen dänischen Soldaten, weil er zu langsam ist, den Griff um dessen Hals zu lockern. Aus einer weiteren Seeschlacht geht er als Held hervor und verschafft sich so das erste Mal in seinem Leben Anerkennung und Respekt. Er heiratet und gründet eine Familie. Es bleibt sein großer Traum, die Nordwestpassage zu entdecken und schließlich erhält er das Kommando über ein Expeditionsschiff Richtung Arktis. Dort rettet er seine Mannschaft und das Schiff durch überlegtes Handeln und genaue Beobachtung der Naturgegebenheiten vor einem todbringenden Sturm.
Während seiner letzten Expedition stirbt Franklin an einem Schlaganfall.Schauspieler und Bühnenbild. Das Bühnenbild ist sehr spartanisch gehalten und besteht im Wesentlichen aus weißen Bögen, die Schiffsbüge darstellen, sozusagen als Angelhaken für die eigene Visualisierung, denn sonstige Ausstattung und Requisiten gibt es nicht. Ein Highlight der Aufführung sind die Klang- und Soundeffekte. Auf die Sekunde genau mit der Musik abgestimmt, springen die Darsteller über die Bühne oder setzen selbst ein Instrument an die Lippen. Sogar Prügeleien sind auf die Klänge abgestimmt. Die Kompositionen von Taison Heiss erzeugen immer wieder eindrucksvolle Stimmungen.
Während der Seeschlacht etwa trommeln, flöten und tröten die Schauspieler wild
drauflos.John Franklin wird von Greulix Schrank verkörpert, und zwar im Wortsinn. Die Langsamkeit wird zum Ausdruck gebracht, indem er im ganzen Stück nur einen Satz spricht. Er besteht die Herausforderung, allein durch Mimik und Gestik die Gefühle und Sorgen von John Franklin darzustellen. Als Gedankenstimme dient Peter Wolter. Gemeinsam mit den anderen fünf Schauspielern wird der Lebensweg von John Franklin auf moderne, minimalistische Weise gezeigt, wobei auch Elemente aus dem Tanztheater einfließen. Das Ergebnis ist ein interessantes Stück mit Tiefgang, das davon erzählt, dass man trotz eines Handicap nicht aufgeben sollte und seine Ziele
verwirklichen kann.

Faszination Multiversum

Dienstag, 14. Juni 2016

Von Michael Geißelbrecht

Foto: Jochen Quast

Foto: Jochen Quast

 

Theater Regensburg | Die Welten des Stücks „pest“ des Regensburger Autors Konstantin Küspert drehen sich nicht nur um die Sonne, sondern besonders um die Entscheidungen der Protagonisten. Jede theoretisch mögliche Alternative eröffnet ein neues Universum. Ja oder nein, links oder rechts, Kopf oder Zahl. Ein Münzwurf entscheidet, in welcher Welt die Reise weitergeht. Die Inszenierung von Katrin Plötner fokussiert zwei Welten und stellt die Protagonisten in wechselnder Besetzung vor große Entscheidungen und visualisiert die parallelen Universen allein getrennt von einer mobilen Wand, die menschliche Existenzen auch mal von der Bühne räumt.

Was willst du einmal werden?

Kernphysiker oder Fußballprofi? – Vor dieser Entscheidung steht der junge Georgios und sie hat gewaltigen Einfluss nicht nur auf seine eigene kleine Welt. Es entstehen zwei parallele Szenarios, in denen sich Georgios einmal dem Vater und dessen Wunsch nach einer Profikarriere des Sohnes fügt und einmal erfolgreich widersetzt. Als Kernphysiker unterläuft ihm jedoch ein großer Fehler bei einem Test im Kernkraftwerk und es kommt zum Super-GAU.

Apokalyptische Zustände

Katrin Plötner inszeniert die parallelen Welten als postapokalyptische Landschaften, die von weißen und schwarzen Plastikfetzen überzogen sind. Das fünfköpfige Ensemble (Sina Reiß, Ulrike Requadt, Patrick O. Beck, Michael Haake und Jacob Keller) wechselt ständig die Rollen – auch untereinander, sodass z.B. der Vater unter anderem je nach Welt sowohl von Patrick O. Beck als auch Ulrike Requadt gespielt wird – und verleiht den Figuren in redundanten Episoden nuanciert verschiedene Persönlichkeiten, die schon ausreichen, um eine andere Entscheidung authentisch zu begründen. Zusätzlich treten die Verbliebenen als Kommentatoren in grünen Jacken auf und sprechen Erzählertext, kreieren Sound oder bedienen die Windmaschine. Eine besondere Schauspielerleistung herauszuheben ist schwer, aber gerade das durchweg hohe Niveau des Quintetts und die häufigen Rollenwechsel während des Stücks unterstützen das Gefühl, sich auf nichts wirklich festlegen zu können. Das ist im Kontext der vielen Parallelwelten, deren Gesamtheit als „Multiversum“ bezeichnet wird, durchaus ein probates inszenatorisches Mittel, macht es aber auch natürlich schwerer, der Handlung zu folgen.

Spannendes Gedankenexperiment

„pest“ ist ein Stück, aus dem ich fasziniert und perplex gleichermaßen herausgegangen bin. Die Uneindeutigkeit lässt einen noch lange über das theoretisch Mögliche nachdenken. Die Inszenierung ist nicht primär Unterhaltungstheater, sondern ein spannendes Gedankenexperiment, auf das man sich aber auch einlassen muss.

Wild und teuflisch

Dienstag, 14. Juni 2016

Von Leonie Dinkloh

The Black Rider, v.l.n.r. Christian Baumann, Andreas Thiele, Fotografin_Hilda_Lobinger

The Black Rider, v.l.n.r. Christian Baumann, Andreas Thiele, Fotografin: Hilda Lobinger

 

Metropoltheater München | Für das letzte Gastspiel der 34. Bayerischen Theatertage öffnete sich am Freitagabend im Theater am Bismarckplatz der Vorhang für „The Black Rider“, ein schräges, verrücktes und spannendes Musical, das man auf jeden Fall gesehen haben sollte.
Grundlage der Handlung ist die „Freischütz“-Geschichte: Der Schreiber Wilhelm (Philipp Moschitz) muss jagen lernen, um die Förstertochter Klärchen (Sybille Lambrich) zur Frau nehmen zu dürfen und die Försterei zu erben. Er geht einen fatalen Pakt mit dem Teufel (Viola von der Burg) ein, der ihm zwar ein paar Schuss zielsichere Munition anbietet, aber im Gegenzug das Ziel des letzten (und natürlich entscheidenden) Schusses selbst bestimmen will.

„Einer wie du trifft nicht mal eine angepflockte Kuh!“

In dem Stück ist alles drin: Witzige Sprüche und Szenen – zum Beispiel als der tollpatschige Wilhelm seine ersten Schießversuche startet, die das Publikum immer wieder zum Lachen bringen – dynamische und schwungvolle Tänze und natürlich die emotionale Ebene, als klar wird, dass der Teufel Wilhelm hinters Licht geführt hat.
Die einzigen Requisiten sind Regenschirme – in allen Größen, Farben und Formen –, die das Bühnenbild zwar einfach, aber nicht weniger lebhaft wirken lassen. Mithilfe der Regenschirme werden die Schauspieler zu Bäumen, sie dienen als Gewehre oder Schreibwerkzeuge, als Kutschenräder oder als ausgebreitete Schwingen des Teufels. Die Musik von Tom Waits – eine Mischung aus schrägen, düsteren und wunderschönen Melodien – sorgen für eine spannende Atmosphäre, die das Publikum sofort in den Bann zieht. Auch wenn vielleicht manche der Schauspieler leichte gesangliche Schwächen zeigten und die Lieder oft etwas merkwürdig und verrückt klingen, überzeugen doch (fast) alle durch ihre vielschichtigen, stimmgewaltigen Darstellungen.
Kommentiert wird das Geschehen vom rollstuhlfahrenden „Oheim“ (Christian Baumann) und seinem Diener (Andreas Thiele), die in ihren Szenen durch skurrile Bilder und lustige Anekdoten dem Stück einen ganz eigenen Humor verleihen.

Wenn die magische Kugel daneben trifft

Nach einer fünfzehnminütigen Pause beginnt der zweite Teil, der sich zeitweise etwas in die Länge zieht, aber dem ersten in Humor und Spannung in nichts nachsteht.
Wilhelm scheint die Bedingung des Teufels nicht ganz verstanden zu haben, als er sich für seine letzte Prüfung abermals treffsichere Kugeln besorgt. Denn der alles entscheidende Schuss wird vom Teufel selbst gelenkt und tötet Klärchen an ihrem Hochzeitsmorgen.
Das Gesamtkonzept ist atemberaubend: Schwungvolle Choreographien, starke Bilder und tolle Songs, dargeboten von einem sehr guten Ensemble und einer ebenso guten Band – zu Recht bedacht mit donnerndem, langanhaltendem Applaus und nicht wenigen Jubelrufen. Ein sehr faszinierender und wilder Theaterabend – der perfekte Abschluss für das „wilde Bayern“

 

 

Die Jagd nach der Droge Glück

Freitag, 10. Juni 2016

„Superman ist tot“ erzählt voller Menschlichkeit von Liebe, Spaß und tragischer Sucht

Foto: Christian Flamm

Foto: Christian Flamm

Von Anja Seemann

Theater Wasserburg | Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, von einem Superhelden gerettet zu werden oder selbst Superkräfte zu haben? Fliegen zu können, wann und wohin man will, Spidermans geschärfte Sinne und Reflexe zu haben oder die Muskeln von Captain America? In dem Jugendstück „Superman ist tot“ von Holger Schober inszeniert Jörg Herwegh die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die in einer existenziellen Krise stecken und nach der härtesten und am schwierigsten zu bekommenden Droge suchen: Glück.

Romeo und Julia der Comic-Welten  

Die Liebe von Karl und Luisa beginnt wie bei allen großen Liebespaaren der Literatur: Ihre Weltanschauung und Hintergründe sind so gegensätzlich wie Tag und Nacht. Zwar sind beide Comic-Fans, doch Karl steht auf das Marvel-Universum, Luisa dagegen mag lieber Superman, Wonder Woman & Co. aus den DC Comics. Was die beiden trotzdem verbindet, ist ihr tagtäglicher Kampf gegen sich selbst. Mal urkomisch in Form von Rollenspielen, wenn Karl und Luisa sich neue Superhelden mit abgefahrenen Superkräften ausdenken und als „Orgasmusman“ oder „Leathergirl“ gegeneinander antreten; mal in Form von Realitätsflucht – ebenso witzig gespielt, aber inhaltlich bitter – wenn sich die beiden im Alkohol- und Drogenrausch verlieren. Luisa arbeitet als Apothekerin. Sie kennt die Wirkungen und Nebenwirkungen euphorisierender Stoffe, hat mit ihnen aber keinerlei Erfahrung. Karl dagegen ist ein Junkie. Beim Nachgespräch mit dem Regisseur und den Schauspielern betont Herwegh, dass er sich dieses Stück nicht wegen der Drogenthematik ausgesucht habe, sondern wegen der Liebesgeschichte. Das Stück zeigt von der Begegnung im Comic-Laden bis zum endgültigen Absturz in filmschnittartigen Aneinanderreihungen verschiedene Stationen dieser Liebe.

Ist Superman so tot wie Gott?

Die Tragik von Karl und Luisa liegt darin, dass sie um sich selbst und um den anderen kämpfen, aber niemals wirklich einen Sieg davon tragen. Wie bei ihren Helden in den Comics jagt ein Gegner den nächsten und jeder neue Bösewicht ist stärker und gerissener als der vorherige. Karl verliert seinen letzten Kampf, und es bleibt ungeklärt, ob Luisa das Kind in ihrem Leib daraufhin aus einer Kurzschlussreaktion heraus tötet, sie selbst diese Tat überhaupt überlebt oder warum genau das Stück „Superman ist tot“ heißt. Haben Karl und Luisa wie Nietzsche mit dem Stichwort „Gott ist tot“ am Ende den Glauben an Superhelden getötet?
Die 70 Minuten in Karls und Luisas Welt bedeuten Seelen-Striptease verpackt in Situationskomik, knackig-witzige Formulierungen und zwei Helden, die wir – um den Batman-Film „The Dark Knight“ zu zitieren – „brauchen, aber nicht verdienen“. Man muss kein Comic-Nerd sein, um von diesem Stück gefesselt zu werden!

Foto: Christian Flamm

 

Sitcom pur

Freitag, 10. Juni 2016


Von Anja Seemann

Staatstheater Nürnberg | Oft entscheidet schon der allererste Satz, ob das Publikum in eine Inszenierung einsteigt. Und als die Scheinwerfer auf Colin (Pius Maria Cüppers) und seine Frau Kathryn (Adeline Schebesch) fallen und Colin in überspitztem Tonfall sagt „Ich kann nicht behaupten, dass mich diese Orangenmarmelade vom Hocker reißt“, hallen bereits die ersten Lacher durch das Velodrom. Doch Klaus Kusenberg verlässt sich bei der Inszenierung der Komödie „Alle lieben George“ von Alan Ayckbourn nicht nur auf Klischees und stereotype Charakterisierungen, er gibt der Handlung und den Figuren auch Momente, in denen es tiefer geht und nicht der Klamauk, sondern echte Empfindungen im Vordergrund stehen.

„Als Erstes trifft es immer Menschen, die voller Leben sind, ist es euch nicht aufgefallen? Die Arschlöcher dagegen sterben nie.“

Und solche Momente braucht es auch bei einer Handlung, in der sich alles um drei Mittelstandspaare und deren Beziehung zu einem todkranken Mann dreht: Der Arzt Colin und seine Frau Kathryn spielen zusammen mit dem Geschäftsmann Jack (Michael Hochstrasser) und seiner Frau Tamsin (Josephine Köhler) in einer Laientheatergruppe. Die Proben für ein Stück sind im vollen Gange, als Colin die Nachricht erreicht, dass bei George Riley, einem seiner Patienten und der beste Freund von Jack, Krebs diagnostiziert worden ist. Schnell steht für alle Beteiligten fest: George hat nur noch sechs Monate zu leben und in dieser Zeit muss man sich mit vollem Einsatz um ihn kümmern. Kurzerhand wird George mit in die Theaterproduktion aufgenommen und Jack kontaktiert Georges Exfrau Monica (Elke Wollmann), die mittlerweile mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem Bauer Simeon (Thomas Nunner) auf dem Land lebt.

Wen lieben alle denn wirklich?

Nach und nach entwickelt sich zwischen den drei Frauen ein regelrechter Wettstreit darum, wer sich um den offenbar ewig junggebliebenen und attraktiven George kümmern darf und warum – sehr zum Missfallen ihrer Männer. Es kommt zu Streitereien und Lügen, die Grenzen zwischen echter Fürsorge für George und Eigennutz der Figuren verschwimmen. Immer mehr scheint es so, als ob alle nur vorgeben, George zu lieben, denn jeder liebt sich selbst doch eigentlich am meisten.
Über zwei Stunden lang wird einem Phantom namens George nachgejagt, das als Figur selbst nie in Erscheinung tritt. Die Situationskomik funktioniert, auch die Dynamik zwischen den Charakteren verliert dank der soliden schauspielerischen Leistungen nie an Fahrt, sodass sich der Zuschauer selbst nach dem hundertsten Wortgefecht immer noch unterhalten fühlt – mehr als gute Unterhaltung darf man von „Alle lieben George“ aber nicht erwarten.

 

Fotos: Marion Barle

Auf die Zigarette danach mit … Abdullah Kenan Karaca

Freitag, 10. Juni 2016

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Von Michael Geißelbrecht und Caroline Riedl

Woher kam bei dir die Idee, das Stück mit Männern zu besetzen?

Abdullah Das kam eigentlich relativ schnell. Nachdem ich das Stück mehrmals gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass die Frauen sehr männliche Züge in sich haben und auch diese Brutalität – dass man eigentlich Frauen zeigt, die das Gesicht von einem Mann haben und auch die Power, die Kraft. Was sie sagen ist ja zum Teil unter der Gürtellinie, sodass es auch interessant wäre, wenn das von Frauen gespielt wird. Aber ich hatte sehr schnell das Gefühl, dass ich das mit Männern machen muss. Es ist zwar nichts Neues, Frauenrollen mit Männern zu besetzen, aber für mich war es eigentlich logisch.

Hattest du an diesem Punkt schon das Konzept, das Ganze in einen Schweinestall zu verlegen? Was ist die Idee dahinter?

Abdullah Das ist gemeinsam entstanden, als wir mit dem Bühnenbildner überlegt haben, in was für einer Welt das spielen kann. Und es geht ja im Stück auch um den „Lebensschmutz, der aufgewirbelt wird“ und um das Animalische, deshalb war es für mich klar, dass es kein Wohnzimmer werden kann. Es muss ein anderer Ort sein, der Assoziationen zu der Geschichte aufmacht, obwohl wir das nicht eins zu eins benutzen. Wir haben also nicht gesagt, das sind Schweine, sondern uns war wichtig, dass gleich klar ist, wo wir uns befinden – nämlich ganz unten.

Warum muss Mariedl ihren Pullover aufessen?

Abdullah Das ist in den Proben entstanden. Ich mochte diese Nervosität und dann bringt der Schauspieler auch selbst etwas ein. Ich habe nicht gesagt: Du musst deinen Pullover aufessen. Es war eine Weiterentwicklung von dem, was ich ihm gesagt habe, was diese Nervosität oder dieses Nicht-Aushalten-Können ausdrückt.

Ist es immer noch der erste Pullover?

Abdullah Ja. Am Anfang haben wir noch den Witz gemacht, dass es doch total geil wäre, wenn er bis zur 50. Vorstellung einen Pulli hat, der nur noch bis zur Brust geht. Ich habe es heute seit Langem wieder gesehen und es ist schon eine Menge weg.

Wie viele Vorstellungen sind schon gelaufen?

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Männer sind Schweine

Freitag, 10. Juni 2016

„Und wenn das Leben einen Stuhl macht, dann ist das Vorsehung, da kann man gar nichts machen.“ – Grete

 

Foto: Gabriela Neeb

Foto: Gabriela Neeb

Von Michael Geißelbrecht

Münchner Volkstheater | „Die Präsidentinnen“ – das ist Halligalli-Drecksautheater über menschliche Abgründe und schweinische Monströsitäten. Warum liegt hier eigentlich Stroh rum? – Weil Regisseur Abdullah Kenan Karaca das Setting des selbsternannten „Fäkaliendramas“ von Werner Schwab kurzerhand vom Wohnzimmer in den Saustall verfrachtete. Die drei Schauspieler lassen ordentlich die Sau raus und machen das Stück zu einem umjubelten Schlachtfest.

„Mit festen Füßen muss man der Wahrheit in die Augen schaun, auch wenn die Füße geschwollen sind“

Während eine Papstmesse im Fernsehen läuft, rechnen drei alternde Freundinnen schonungslos mit treulosen Kindern, dem Leben und einander ab. Grete und Erna suhlen sich in Selbstmitleid ob schwindender sexueller Reize und ausbleibender Wertschätzung. Einzig das fromme Mariedl ist mit sich im Reinen – und dabei voll fremder Scheiße. Sie „macht’s auch ohne“! Ohne Gumminhandschuhe wühlt sie als personifizierter Rohreiniger auch wortwörtlich im Lebensschmutz der anderen. Als sie sich allerdings am Dreck ihrer Freundinnen vergreift, sehen Grete und Erna rot. Ihre Ansichten und und Ideale sind ihnen heilig, diese allein halten sie über dem Abwasser des Lebens.

Striptease: Fleischfarben und behaart

Der Platz ist eng, der eigene Stall zu klein. Wem die Luft zu dünn wird, der rückt der anderen auf die Pelle und verschiebt die mobilen Trennwände. Die Präsidentinnen legen einen Seelen-Striptease ihrer intimsten Wünsche hin – und die Schauspieler entblättern sich. Behaart und im Fatsuit mit Hängetitten (Austattung: Sita) stehen sie da und wetteifern mit ihren erotischen Fantasien.

„Du bist eine Drecksau!“

Das omnipräsente Wort „Drecksau“ trifft durchaus auf die Schauspieler zu, ist dann aber als Kompliment zu verstehen. Mit vollem Körpereinsatz stemmen sie sich gegen hinterhältige Attacken, die klaustrophoben Zustände des Seins und der schmutzverkrusteten Ställe. Sie kehren das Tierische im Menschen nach außen und beweisen dabei großen Mut zur innerlichen wie äußerlichen Hässlichkeit. Energisch steigern sie sich in ihre Rolle und entfesseln deren verborgene Monströsitäten.
Dreckig, geil, gut gebaut: Max Wagner als Grete etabliert Fett wieder als erotische Schwungmasse und erinnert mit seinem Spiel, zwischen abstoßend eklig und gekonnt lasziv, an eine hässliche Schwester von Hape Kerkeling. Getreu dem Motto „Wenn dir die Scheiße bis zum Hals steht, lass den Kopf nicht hängen!“ gibt Paul Behren die spießige und sparsame Erna mit trotziger Reserviertheit. Offensiv wehrt sie sich gegen die Sticheleien der Freundinnen und kontert arrogant. Moritz Kienemann unterdessen hat sichtlich Freude am Ekel des Publikums. Geradezu lüstern entfesselt er den Fäkalien-Fetisch der überfrommen Mariedl und spielt gekonnt mit den Reaktionen aus dem Zuschauerraum. Die Nervosität seiner Figur manifestiert er als Tick, indem er seinen rosafarbenen Pullover Fadenlänge um Fadenlänge kürzer knabbert.

Dreckig und gnadenlos

Ohne Schock-Theater per se zu glorifizieren – „Die Präsidentinnen“ geben gediegen auf die Fresse und bleiben dabei nicht trivial. Die Inszenierung taucht über drei surreale Psychogramme tief in menschliche Abgründe hinab, die bis zum Rand mit Selbstmitleid, Größenwahn und Schuld gefüllt sind. Die drastischen Darstellungen wecken lebhafte Assoziationen und visualisieren den Subtext gleich mit. Den dreckigen und gnadenlosen Ton von Werner Schwabs Fäkaliendrama trifft Regisseur Karaca  mit seiner Inszenierung unangenehm genau. Prädikat: Saugeiler Scheiß.

 

Foto: Gabriela Neeb

Wirklich WILD

Donnerstag, 9. Juni 2016

Das Theater Ausgsburg macht mit Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ dem Motto der Theatertage alle Ehre

Von Julia Deppe

Fotos: Kai-Wido Meyer

Fotos: Kai-Wido Meyer

Theater Augsburg | Blanche DuBois, eine gescheiterte, egozentrische und alkoholabhängige Lehrerin, rettet sich mittellos zu ihrer Schwester Stella, die mit ihrem Mann Stanley in ärmlichen Verhältnissen lebt. Mit Blanche und Stanley treffen zwei Welten aufeinander. Während Blanche der Vergangenheit nachhängt, ist Stanley misstrauisch und versucht herauszufinden, was hinter ihrer Flucht steckt.

Lamas, Fernseher und ein Schlauchboot

Mein erster Blick fällt auf ein ausgestopftes Lama. Es steht in einem Bühnenbild, das an das Foyer eines abgebrannten Herrenhauses mit einer großen geschwungenen Treppe erinnert (Ausstattung: Wolfgang Menardi). In der Luft wabern Rauchwolken, als sei gerade ein Feuer gelöscht worden. Neben dem Lama gibt es noch eine Menge anderer Kuriositäten zu sehen: ein kaputtes Bett, einige alte Röhrenfernseher, ein kleiner Schaukasten, der einen Wald zeigt (und weitere ausgestopfte Tiere), ein Schlauchboot und viele, viele Schnapsflaschen. Was in den folgenden zweieinhalb Stunden passiert, kann man wirklich nur als WILD beschreiben. Am Ende sieht die Bühne aus wie nach einer Explosion.

„Ich will keinen Realismus, ich will Zauber“

Mit ihren hübschen, glitzernden Kleidern will Blanche (Ute Fiedler) nicht in die düstere, ungeordnete Umgebung ihrer Schwester Stella (Jessica Higgins) passen. Diese hat sich gut eingelebt in die verrückte Gemeinschaft, die neben Stanley (Sebatián Arranz) noch aus Eunice (die auch Teil der Addams Family sein könnte), Steve, Pablo und Mitch besteht und deren Hauptbeschäftigungen offenbar Pokerspielen und Partymachen sind. Getrieben von den Bildern ihrer Vergangenheit, wird Blanche im Laufe des Stücks immer verrückter. Ihre Drohung, „alle meine hübschen Kleider“ zu tragen, macht sie wahr und wechselt gefühlt alle zwei Minuten ihr Outfit samt Perücke. Sie träumt von Poesie, von Zauber; was sie aber bekommt ist die harte Realität. Und am Ende verliert sie selbst die; driftet ab in eine (Alp)Traumwelt.

Die komplette Reizüberflutung

Begleitet wird die rasante Inszenierung von einer Band im 40er-Jahre-Look, deren Musik die Streitigkeiten und Dialoge teilweise komplett übertönt. Mit dem Einsatz von Stroboskoplicht, Videoprojektionen und dem Auftritt einiger Darsteller in Flamingokostümen aus dem Zuschauersaal ist die Reizüberflutung dann komplett – was nicht allen Zuschauern gefällt. Die Inszenierung hinterlässt viele offene Fragen, was sich auch beim Nachgespräch zeigte. Da ging es beispielsweise um das  Lama (ja, es war tatsächlich einmal lebendig) oder die Flamingo-Kostüme (die sich auf den Namen eines Hotels beziehen, in dem Blanche gewohnt hat).
„Endstation Sehnsucht“ ist eine überraschende, verrückte, facettenreiche Inszenierung, die die Sehgewohnheiten herausfordert. Dadurch wird die Geschichte so erzählt, dass man sich nicht –wie bei anderen Inszenierungen des Stücks – schon nach einer Stunde wünscht, die quengelnde Blanche möge bitte ganz schnell psychologischen Beistand suchen.

Fotos: Kai-Wido Meyer

Wachsender Wahnsinn

Donnerstag, 9. Juni 2016

„Foxfinder“ begeistert mit Intensität und schauspielerischer Glanzleistung

Von Anja Seemann

 

Foto: Sebastian Worch

Foto: Sebastian Worch

Theater Schloss Maßbach – Unterfränkische Landesbühne | Überschaubar ist die Zahl der Zuschauer, die sich am Theater am Haidplatz eingefunden haben, um das Stück „Foxfinder“ der britischen Schriftstellerin Dawn King zu erleben. Auf den ersten Blick lässt die Handlung an Stoffe wie „Biedermann und die Brandstifter“ oder „V wie Vendetta“ denken, und auch wenn dem Stück etwas Parabelhaftes zu eigen ist, so überrascht die Inszenierung von Augustinus von Loë mit viel Einfühlsamkeit und großer Wirkung durch kleine Mittel.

Der Fuchs geht um

In einem autoritär regierten England wurden Füchse zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt. Ihnen wird nachgesagt, sie könnten den menschlichen Verstand manipulieren und Bürger in Bestien verwandeln; sie würden kleine Kinder töten und für Missernten sorgen – kurzum:  Füchse gelten als Inbegriff alles Bösen und als dafür verantwortlich, wenn Staat und Gesellschaft zerfallen. Der junge „Foxfinder“ William Bloor (Benjamin Jorns) wurde seit seinem fünften Lebensjahr dazu ausgebildet, von Füchsen „kontaminierte“ Gebiete ausfindig zu machen. Als das Bauernehepaar Samuel (Ingo Pfeiffer) und Judith (Susanne Pfeiffer) Covey mit seiner Ertragsquote zurückliegt, wird William bei ihnen einquartiert, um herauszufinden, ob ein Fuchsbefall Schuld an dem Niedergang des Hofes ist.

Der Mensch ist dem Menschen ein Fuchs

Wie Mäuse gefangen in einem Labyrinth huschen die Schauspieler über die Bühne, wenn sie während eines Szenenwechsels das Bühnenbild (Robert Pflanz) aus einem Gewirr dielenartiger, frei beweglicher Holzwände umformen. Die Figuren wirken nicht eindimensional, sondern werden in das Verhältnis ihrer Umstände und ihrer Erlebnisse gesetzt: Der kleine Sohn von Samuel und Judith ist bei einem Unfall ertrunken und Sam wird seitdem von Schuldgefühlen zerfressen. William ist ein Produkt des Regimes: Ihm wurde eingetrichtert, als Foxfinder müsse er in Körper und Geist rein sein und daher alle emotionalen Empfindungen unterdrücken. Er stellt weder die Existenz noch die zerstörerische Macht der Füchse infrage. Als sich bei ihm nach und nach Zweifel an diesen Lehren einschleichen und sein ganzes Weltbild zu zerfallen beginnt, schwappt seine Besessenheit mit den Füchsen auf Samuel über, der zu einem fanatischen Fuchsjäger mutiert und in den Füchsen die Mörder seines Sohns sieht. Absehbar, aber nicht vorhersehbar gipfelt Williams und Samuels wachsender Wahnsinn in einer Tragödie.
Benjamin Jorns gelingt als William eine atemberaubende Darbietung, die in Zusammenspiel mit den nicht weniger starken Leistungen von Susanne und Ingo Pfeiffer sowie Lisa Oertel als Nachbarin Sarah von der ersten bis zur letzten Minute Intensität auf der Bühne garantiert. Am Ende gab es tosenden Applaus trotz zurückhaltendem Publikumszulauf für diese Perle der Theatertage. Ein echter Geheimtipp!

 

Es nützt alles nichts

Donnerstag, 9. Juni 2016

In „Was nützt die Liebe in Gedanken“ wird viel geknallt

Von Michael Geißelbrecht

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Landestheater Coburg | Eigentlich sind Adoleszenz und erwachende sexuelle Begierde zeitlose Themen. Die Inszenierung „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ nach dem Roman von Arno Meyer zu Küingdorf wirft allerdings einen sehr antiquierten Blick auf einen historischen Fall: Es geht um die skandalträchtige Steglitzer Schülertragödie, bei der im Mai 1927 ein 19-Jähriger einen Freund und sich selbst erschoss. Aktuelle Bezüge spart die Aufführung ebenso aus wie eigene Haltung gegenüber der Kontroverse. Stattdessen koitiert man auf der Bühne schwermütig bis zum erlösenden Suizid.

Uneindeutigkeit und Pragmatismus als Konzept

Sind die Kostüme (Ausstattung: Udo Herbster) noch stimmig im Stil der 1920er-Jahre gehalten, treten die ersten größeren Irritationen beim Bühnenkonzept auf. Ein riesiger Baum dominiert das Bild, daran hängt eine Schaukel und im Vordergrund steht ein wahres Arsenal an Schultafeln. Regisseur Johannes Zametzer überlässt die Interpretation dem Publikum, er ist – wie er im Nachgespräch erläutert – gerne uneindeutig und manchmal pragmatisch. So kann der poetisch begabte Schüler Paul sich endlich auch schriftlich ausdrücken und die Mädchen können mit flinken Fingern eine improvisierte Toilette samt „Ficken“-Slogan skizzieren. Das war es im Großen und Ganzen aber auch schon an Interaktion mit der Bühne. Auf die Schaukel wird sich zweimal gesetzt, der Baum ohne erkennbaren Grund erklommen.
Meistens aber werden die Schauspieler nur vorne an die Tafel gerufen, sagen auf, was sie wissen – die erste Reihe kann ja gottseidank einsagen – und setzen sich wieder hinten in die letzte Reihe.
Ähnlich unausgereift präsentieren sich die handelnden Figuren: In der ach so freigeistigen Clique herrscht klare Geschlechtertrennung. Anstatt sexueller Selbstbestimmung symbolisieren die Mädchen Hilde (Sarah Zaharanski) und Ellinor (Eva Marianne Berger) die ewiggestrige Rolle des bereitwilligen Männerspielzeugs. Hier hätte man sich gewünscht, diese Repression zumindest zu thematisieren anstatt sie über Koitus-Choreographien, Höschenblitzer und Busengrabscher noch zu glorifizieren. Als sich Ellinor einmal gegen Günter zur Wehr setzen will, hüpft sie mehrmals unbeholfen gegen ihn – das Publikum lacht ob des Klamauks. Kein dankbares Stück für Schauspielerinnen.

„Wir verpflichten uns daher unser Leben in dem Augenblick zu beenden, in dem wir keine Liebe mehr empfinden!“

Einen der wenigen Lichtblicke stellte Oliver Baesler als Günter dar. Mit E-Zigarette und Revolver bewaffnet spielte er eine zerissene Figur, oszillierend zwischen Lebenslust und Weltschmerz, schwankend zwischen Ellinor und dem betont maskulinen „Proleten“ Hans. Aus Verzweiflung über die Liebe gründet der Snob mit seinem Freund Paul, einem Streber aus armen Verhältnissen, den Selbstmörder-Klub. „Blass“ ist Benjamin Hübners erstes Wort als schüchterner Paul und blass blieb er selbst die gesamte Aufführung über. Ingo Paulick als dritter im Bunde gab Hans Stephan – doch nur in seinen Szenen mit Günter, die von gegenseitiger Anziehung und Abstoßung erzählen, existierte überhaupt einmal Spannung zwischen den Figuren. Dann knallt es wieder. Dem pragmatischen Ansatz im Regiekonzept konsequent folgend, dürften die häufigen Schüsse wohl als Weckruf für abschweifende Zuschauer dienen.

Das Milieu, die Tafeln und nicht zuletzt die Stimmkarten nach der Aufführung schreien geradezu nach einer Vergabe von Schulnoten. Aber am liebsten würde man dem Produktionsteam dessen Schnellschuss – nur zwei Monate Produktionszeit, weil eine andere Inszenierung ausfiel – zur Überarbeitung zurückgeben. Das Thema kann aktuell und brisant sein, wenn man es dementsprechend behandelt und nicht unreflektiert antiquierte Ansichten auf die Bühne bringt. So nützt das alles nichts!

Fotos: Henning Rosenbusch