Blog „Bayerische Theatertage 2016“

Der Weg einer Freundschaft

Donnerstag, 9. Juni 2016

Von Maja Klimt

Residenztheater | Das Kinderstück „Thomas und Tryggve“ von Tove Appelgren begeistert in der Inszenierung von Anja Sczilinski kleine und große Besucher.
Thomas und Tryggve, beste Freunde seit dem ersten Schultag treffen sich und erinnern sich gemeinsame an Höhen und Tiefen ihrer gemeinsamen Schulzeit. Das Stück, das eigentlich in Klassenzimmern gespielt wird, wurde für die Theatertage auf die Bühne am Haidplatz verlegt. Durch Schulbänke links und rechts am Bühnenrand, ein Holzgerüst in der Mitte des Raumes und Wäscheschnüre mit bunten Klamotten ergibt das Bühnenbild von Bärbel Kober eine ideale Basis, um all die entzückenden Moment ihrer Freundschaft auszuschmücken.
Thomas Lettow und Franz Pätzold funktionieren wunderbar als Duo. Die beiden Männer spielen sehr energievoll, leichtfüßig und mit viel Humor. Thomas Lettow zeigt zum einen Klein-Thomas, der zwar ein super Sportler ist und es sogar schafft, die süße und kluge Frieda (gespielt von Franz Pätzold) zu küssen. Andererseits gibt er den fiesen Mobbing-Marki, der sogar auf Thomas‘ besten Freund und sein Mädchen losgeht.
Dieser beste Freund ist Tryggve, liebevoll und detailreich dargestellt von Franz Pätzold. Tryggve hat im Gegensatz zu Thomas eine sehr fürsorgliche Mama, die ihm Strumpfhosen anzieht und damit zur Lachnummer vor seinen Freunden macht. Diese peinlichen Strumpfhosen sind zunächst ein Streitgrund für die beiden Jungs, doch am Ende werden sie ziemlich hilfreich, als es darum geht, den bösen Marki zu überlisten.

Authentisch und direkt

Die beiden Darsteller spielen ihre Rollen mit sehr viel Aufrichtigkeit. Ihre Probleme und Sorgen, die das junge Publikum selber kennt, werden ernst genommen, und so fiebern die Kinder auch richtig mit. Da werden bei den Rollenwechseln keine Stimmen verzerrt oder Personen überspitzt, sondern da wird sich lediglich mal ein Rock angezogen oder ein Käppchen aufgesetzt. Und das reicht vollkommen, um die quirligen Kinder in den Bann zu ziehen. Da wird gelacht, geschrien, geklatscht und die Kinder werden sogar teilweise in das Geschehen involviert. Ein Mädchen bekommt eine Haarklammer von Tryggve, Thomas fordert die kleinen Schreihälse der ersten Reihe heraus, und ein Junge zeigt dem unsportlichen Tryggve sogar wie eine richtige Liegestütze funktioniert. So vergeht die knappe Stunde wie im Flug.
Das Team von „Thomas und Tryggve“ hat etwas geschafft, das nicht leicht ist: Zugang zu

einem Stoff und zum Publikum zu finden. Je sensibler die Darsteller mit den Themen umgehen, desto aufmerksamer wird man. Was macht eine Freundschaft aus? Wie ist es in der Schule? Welche Rolle spielt Frieda, das süße Mädchen, das Tryggve alias Strumpfli und Thomas wieder zu Freunden macht? Besucher jeder Altersklasse erleben das Gefühlskarussell der beiden Freunde mit. Besonders stark wirkt die Freundschaft der beiden, als sie am Ende zusammen ihr Abschlusslied singen. Mit viel Charme und Feingefühl wurde das Stück zu einem Highlight der Theatertage.

THOMAS UND TRYGGVE (Theater im Klassenzimmer) von Tove Appelgren Premiere am 12. Juni 2015 in der Grundschule an der St.-Anna-Straße Mit Thomas Lettow, Franz Pätzold Regie Anja Sczilinski Bühne Bärbel Kober Kostüme Eva Bienert Musik Kilian Unger Dramaturgie Christina Hommel v.l. Franz Pätzold (Tryggve), Thomas Lettow (Thomas), Grundschüler

THOMAS UND TRYGGVE (Theater im Klassenzimmer)
von Tove Appelgren
Premiere am 12. Juni 2015 in der Grundschule an der St.-Anna-Straße
Mit Thomas Lettow, Franz Pätzold
Regie Anja Sczilinski
Bühne Bärbel Kober
Kostüme Eva Bienert
Musik Kilian Unger
Dramaturgie Christina Hommel
v.l. Franz Pätzold (Tryggve), Thomas Lettow (Thomas), Grundschüler

Was den Mensch zum Menschen macht

Sonntag, 5. Juni 2016

Von Anja Seemann

Corinna Mühle als Sarah und Alexander Hetterle als Joe | Foto: Gabriela Knoch

Corinna Mühle als Sarah und Alexander Hetterle als Joe | Foto: Gabriela Knoch

Mainfranken Theater Würzburg| Der Titel des Dramas der britischen Autorin Kaite O‘ Reilly lässt im ersten Augenblick an ein Märchen denken: „Mandel und Seepferdchen“. Inszeniert hat Stephan Suschke allerdings kein Stück, das mit einem „Es war einmal ein Mann namens Mandel und der hatte ein Seepferdchen“ beginnt und mit einem „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ endet.

Im Zentrum stehen zwei Paare – Joe (Alexander Hetterle) und Sarah (Corinna Mühle) und Tom (Georg Zeies) und Gwennan (Maria Brendel) – die durch das gleiche Schicksal miteinander verbunden sind: das Leben mit dem liebsten Menschen nach einem Schädel-Hirn-Trauma. Seit Joe der Gehirntumor entfernt wurde, weiß er nicht mehr, was er vor 1-2 Minuten getan hat. Gwennan ist nach einem Autounfall vor über 20 Jahren in einer Zeitschleife gefangen: Jeden Morgen wacht sie auf und glaubt, sie sei immer noch Ende 20 und schwanger. In ineinander montierten Szenen vor einem klinisch nüchternen Bühnenbild, bestehend aus weißem Boden und weißen Wänden und einer Sitzbank als einziges Möbelstück, wird der tagtägliche Kampf der Angehörigen um die Erinnerungen, die Liebe und die Zukunft des geliebten Menschen erzählt. Manchmal ganz klar und strikt wissenschaftlich. Manchmal voller Empathie und einem Hauch Komik, wenn beispielsweise für Joe so etwas scheinbar Einfaches wie das Einnehmen seiner Medikamente zu einer regelrechten Odyssee von allen möglichen Piepstönen, Handyerinnerungen, Infozettelchen und Anrufen seiner Frau Sarah ausartet. Immer aber bleibt es ehrlich menschlich. Das Stück hat etwas Zartes, ohne verstellen zu wollen; etwas Tragisches ohne kitschig zu sein. Diese Balance war, wie Suschke im Anschluss bei der Nachbesprechung betont, wichtig, um dem Stück keinen Stempel der Aussichtslosigkeit aufzudrücken. Erkrankungen in den beiden zentralen Schaltstationen des limbischen Systems – Mandelkern und Seepferdchen – verwandeln den vertrauten Menschen von einem Moment auf den anderen in einen Fremden. Hoffnung findet sich in den Augenblicken, in denen die Betroffenen sich auf die Gegenwart einlassen und ein Funken ihrer alten Persönlichkeit durchschimmert.
In einer letzten nachdenklichen Szene begegnen sich Joe und Gwennan auf dem Flur der Klinik und als die Endlosschleife ihres Dialoges „Hallo. Ich bin Joe“ und „Hallo. Ich weiß“ langsam verklingt, schwebt die Frage im Raum, über die sich Literatur, Kunst und Philosophie seit Jahrhunderten streiten: Was macht den Mensch zum Menschen? Ist es sein Herz? Die Seele? Oder sein Verstand

Wildes Treiben bei den wilden Theatertagen

Sonntag, 5. Juni 2016

Nackte Haut, Intrigen und Sex – Das Staatstheater am Gärtnerplatz präsentiert „Gefährliche Liebschaften“ unter der Regie von Josef E. Köpplinger und der Musikalischen Leitung von Andreas Kowalewitz.

Von Julia Deppe

Staatstheater am Gärtnerplatz | Die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont sind ein eingespieltes Team – sie spinnt Intrigen, er verführt reihenweise die Frauen von Paris. Um jedoch noch „größeren Ruhm“ zu erlangen, will er die tugendhafte Madame de Tourvel für sich gewinnen. Aus seinem Vorhaben wird eine Wette zwischen ihm und der Marquise. Als Gewinn verspricht sie ihm eine Liebesnacht mit ihr. Doch dann verliebt sich der Vicomte in Madame de Tourvel, was Merteuil in rasende Eifersucht stürzt. Aus dem neckischen Spiel wird ein aggressiver Kampf ..

Gefährliche Liebschaften | Foto: Thomas Dashuber

Gefährliche Liebschaften | Foto: Thomas Dashuber

Das Liebeskarussell dreht sich.

Die Bühne des Theaters am Bismarckplatz drehte sich unaufhörlich – verwickelte die Figuren immer weiter in ein Netz aus Intrigen und Lügen. Ein großer Spiegel, der über der Bühne hing, verdoppelte das Geschehen noch, als ob die dargestellten Sünden noch gesteigert werden sollten. Zeitweise konnten sich die Zuschauer selbst beim Beobachten des wilden Treibens beobachten. Wurde bei den Requisiten gespart, hieß es bei den Kostümen klotzen statt kleckern. In schillernden Barockkleidern wirbelten die Darsteller über die Bühne. Von den Intrigen und den Lügen bleiben am Ende nur Wut, Kampf und der Tod.

Eingängige Melodien und die geschickte Verwendung von Erinnerungsmotiven hinterließen einen insgesamt positiven musikalischen Eindruck. Die Partitur ist Stephen Sondheim gewidmet. Dass dieser ein großes Vorbild des Komponisten ist, klingt auch in der Musik mehrfach an. Die durchgehende Vertonung des Texts wirkt leider besonders im ersten Teil mitunter verkrampft. Hier hätten auch einige Passagen durchaus gesprochen werden können.

Mit nackter Haut wurde nicht gegeizt – auf die zahlreichen Sexszenen reagierte das Publikum aber keinesfalls schockiert. Szenenapplaus gab es besonders für Anna Montanaro, die als Marquise de Merteuil stimmgewaltig ihre Intrigen spann. Hier bleibt vor allem der Song „Liebe macht uns schwach“ im Gedächtnis. Am Ende flog sogar ein Blumenstrauß auf die Bühne.

Im Nachgespräch mit Köpplinger (Regie), Marc Schubring (Musik) und den drei Hauptdarstellern Anna Montanaro (Marquise de Merteuil), Armin Kahl (Vicomte de Valmont) und Julia Klotz (Madame de Tourvel) wurde ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert. Ein schöner Abschluss für einen gelungenen Abend.

Mei Brouda, da Reiba Kneissl

Donnerstag, 2. Juni 2016

Die Geschichte vom Schachermühlhiasl

Von Johannes Frank

Landestheater Oberpfalz | Die Schwester vom Hiasl liest seinen letzten Brief aus dem Gefängnis vor. Darin betont er, dass er das alles nicht wollte und lieber mit ihr spielen würde, als auf die Todesstrafe zu warten. Während Cecilia, genannt Cilly, das vorträgt, bekomme ich Gänsehaut und bin sofort für das Stück gefangen.

Der Räuber Kneissl war eigentlich ein guter Mensch, bevor ihn die böse Welt einholte. Er hat es nicht leicht gehabt, stammt er doch aus der Schachermühle, einem abgelegenen Wirtshaus und von verrufenen Eltern ab. Da ist zum einen die Mutter, eine geborene Pascolini, Italienerin, über die man sich im Dorf das Maul zerreißt. Sie lässt sich zum Diebstahl von Wertgegenständen aus der Kirche überreden, wird aber von den Gendarmen erwischt und landet im Zuchthaus für viele Jahre. Der Bruder Loisl schießt aus Angst auf zwei Polizisten und wird erschossen. Mathias wird als Komplize verhaftet und ebenfalls eingesperrt. Im Gefängnis beginnt er eine Lehre als Schreiner. „Er ist geschickt mit den Händen“, das hat ihm schon sein Vater beim Herrgottschnitzen gesagt. Das Gerede der Leute und die Untaten seiner Familie scheinen den starken Hiasl nicht vom rechten Wege abzubringen. Zunächst scheint alles gut. Er kommt frei, bekommt eine Stelle in einer Werkstatt und lernt Matilda, die Liebe seines Lebens kennen.

Dann aber sind die Gendarmen wieder auf seiner Spur und seine Geschichte macht die Runde. Der Schreinermeister fürchtet um seinen Ruf und entlässt ihn. Um zu überleben, muss er stehlen und ist jetzt ständig auf der Flucht vor der Polizei. Er gleitet auf einen Abgrund zu…

Diese Geschichte wird in Oberpfälzer Mundart erzählt, wirkt durch die ungekünstelte Spielweise der Schauspieler natürlich und passt perfekt zum „Wilden Bayern“. Johannes Aichinger als Mathias Kneißl strahlte Charisma, Mut und ein gutes Herz aus. Christian Hofmann brillierte mit Witz und gutem Timing – ob nun als pedantischer Gendarm, als „oides Weiberl“ oder als Loisl. Claudia Lohmann war als Mutter nicht unterzukriegen. Last but not least verzauberte Doris Hofmann als Cecilia und Matilda durch ihr dynamisches und zugleich natürlich-kindliches Spiel die Zuschauer.

Das Volksstück von Christian Schönfelder unter der Regie von Till Rickelt war auch musikalisch ein Genuss: Die Lieder stammten von dem bayerischen Sänger und Musiker Georg Ringsgwandl und fügten sich gut in die Geschichte. Wie ein Trachtenjanker, der am Hals kratzt und zu eng ist, ist diese Geschichte vom Räuber Kneissl schön aber auch zum Sterben traurig. Das ist Heimat. So fühlt sie sich manchmal an. Dem nostalgischen Heimatgefühl bei „Mein Bruder, der Räuber Kneissl“ kann man sich nicht entziehen.

 

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Mein Bruder, der Räuber Kneissl |Foto: Jochen Schwab

Ganz normaler Wahnsinn

Donnerstag, 2. Juni 2016

Theater // an der Rott | „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist ein Roman von Ken Kesey, woraus Dale Wasserman eine Theaterfassung schuf, die nun im Rahmen der Bayerischen Theatertage auf der Bühne des Velodroms zu sehen war – inszeniert von Bernd Liepold-Mosser.

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Randle McMurphy hat es satt, seine Gefängnisstrafe im Arbeitslager abzusitzen und täuscht deshalb eine psychische Erkrankung vor. So trifft er auf die Geisteskranken: den suizidgefährdeten, stotternden Billy Bibbit, gespielt von Andreas Jähnert, den scheinbar taub-stummen Häuptling, Martin Dreiling, Max Grant in der Rolle des „Oberirren“ Dale Harding und die Herren Cheswick/Martini, großartig von Sebastian M. Winkler auf der Bühne verkörpert. Ein Trupp, der ruhiggestellt wird – durch Medikamente und allerlei Therapiemaßnahmen, den Elektroschock nicht ausgenommen. Dies geschieht alles unter den strengen Augen von Schwester Ratched, gespielt von Julia Ribbeck. Diese von ihren Thron zu stoßen, macht sich McMurphy zur Aufgabe und auch zu seinem Vergnügen. Zugleich versucht er den Insassen die Augen zu öffnen, indem er das basis-demokratische System als Tyrannei entlarvt. Widerstand regt sich und nach der gemeinsamen Nacht Billys mit Candy Starr, die zusammen mit der Rolle einer zweiten Schwester von Johanna Martin besetzt ist, kommt es zur Eskalation des Konflikts: Billy begeht Selbstmord und weil sich McMurphy dafür verantwortlich fühlt, lässt er sich zu Übergriffen auf Schwester Ratched hinreißen, die schließlich zur drastischsten aller Maßnahmen greift: der Lobotomie.

Ein Spiel mit fiktiven Spiegeln, das uns Liepold-Mosser zeigt. Aus dem Spiegelbild der Normalen schreit uns der Wahnsinn förmlich an, während der wahnwitzige Blick der Irren in den Spiegel eine Idee von Vernunft, Recht und Aufrichtigkeit zurückwirft. McMurphy fungiert dabei gewissermaßen als Spiegel, der den richtigen Blick für alle erst ermöglicht. Dieselbe Linie verfolgt die Musik von Herwig Zamernik, die überwiegend aus Percussion konzipiert ist und zu Beginn mit metallern klingendem Wetzen an den Nerven des Publikums sägt. Doch Zeit gewöhnt und die fast permanente Geräuschkulisse wird zur Selbstverständlichkeit – zur Normalität.

„Einer flog über das Kuckucksnest“ präsentiert den Wahnsinn in hin- und hergerissenen, rasenden, springenden und überschlagenden Bewegungen und in schrillem, schallendem Gelächter. Und es ist dieser Wahnsinn, der die Wirklichkeit für den Zuschauer als absurdes Tollhaus erscheinen lässt. – Eine unbedingt gelungene Inszenierung!

Einer flog über das Kuckucksnest | Foto: Sebastian Hoffmann

Auf ein Wort mit … Can Fischer

Donnerstag, 2. Juni 2016

Fischer Ich habe fast ein Jahr daran gearbeitet. Das liegt daran, dass ein Drehbuch aus unglaublich vielen Szenen, Regieanweisungen und Beschreibungen besteht. Man muss sich auf einen kleinen Teil der Szenen fokussieren und das habe ich in einer sehr langen Vorbereitungsphase gemacht und habe mich dann dem Künstlerischen gewidmet. Das heißt, ich habe Dinge die im Drehbuch nicht gesagt werden in Dialogen ausgeschrieben, denn Dialoge sind im Film teilweise sehr kurz und müssen deshalb für das Theater bearbeitet und ausgeschrieben werden. Dinge, die man im Film in einem Bild sieht, muss man im Theater manchmal einfach sagen.

Wie sah Ihre Vorbereitung aus?

Fischer Die Vorbereitung ist eine dramaturgische Arbeit. Anhand des Drehbuchs schaue ich, auf was ich mich fokussieren möchte. Das sind dann die wichtigen Details und die kürze ich dann für die Bühnenfassung zusammen. Ich finde also einen groben roten Faden und fokussiere z. B. von 60 auf zehn Szenen. In der künstlerischen Arbeit schreibe ich diese dann anschließend auf.

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Drehbuch und der Bühnenfassung?

Fischer In der Bühnenfassung geht es viel mehr um Jakob. In dem Film gibt es sehr viele Nebenbaustellen, z.B. die Szenen im Klassenzimmer und der Schule. Die habe ich heraus genommen, um die Bühnenfassung zu kürzen und um mehr auf Jakob fokussieren zu können. So kann man in der kurzen Zeit, die man im Theater hat, den Moment mehr erleben.

Waren sie mit der Premiere heute zufrieden?

Fischer Definitiv. Ich fand es unglaublich intim gespielt, weil ich selber Schauspieler bin, weiß ich, wie schwierig es ist, so etwas darzustellen. Ich fand es auch sehr zart, nicht zu laut und somit sehr gut gespielt.

Was ist es für ein Gefühl, wenn die eigene Bühnenfassung das erste Mal aufgeführt wird?

Fischer Ich habe da einen guten Abstand und sehe das Stück dann als Zuschauer und nicht mehr als Autor. Für diese Inszenierung wurden die hinteren Szenen etwas umgestellt. Es ist wichtig, wenn man während der Arbeit merkt, dass gewisse Änderungen vorgenommen werden müssen, diese auch durchzuführen. Und da muss ich als Autor die Distanz zum Stück wahren. Ich war heute als Zuschauer hier und fand die Aufführung sehr, sehr gut.

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       Premieren-Haufen | Foto:Michael Geißelbrecht

Die Odyssee des Oskar Maria Graf

Mittwoch, 1. Juni 2016

Eine autobiographische Irrfahrt durch skurrile Gewässer: „Wir sind Gefangene“

Wir sind Gefangene | Foto: Thomas Dashuber
Wir sind Gefangene | Foto: Thomas Dashuber

Von Michael Geißelbrecht

Residenztheater München | Mit „Wir sind Gefangene“ verspricht Regisseur Robert Gerloff das gleichnamige autobiografische Werk Oskar Maria Grafs und somit das Leben jenes freidenkenden Literaten auf die Bühne zu bringen, der sich stets auf Seiten der Revolutionäre stellte und sich klar gegen alles Autoritäre positionierte.

Wahnwitz in der Reihenhaussiedlung

Im Patina-behafteten Abbild einer Reihenhaussiedlung sitzt Graf, gespielt von Gunther Eckes, in einer kleinen Gartenlaube vor grauer Häuserfront. Hinter den Fenstern blitzen kalte Lichter und Menschen erscheinen und verschwinden. Und das tun sie die nächsten zwei Stunden und zehn Minuten in so rasantem Wechsel, dass gelegentlich Requisiten fallen und Umzüge hinter den Kulissen regelmäßig sichtbar werden.
Die klamaukige Maschinerie läuft stets auf Hochtouren weiter, an audiovisuellen Effekten spart die Inszenierung nicht. Fast jedes Geräusch wird eingespielt und die Häuserfront immer häufiger zur Projektionsfläche für Videos oder sogar Live-Schaltungen hinter die Kulissen. Spielfluss will leider selten aufkommen. Auch der Tiefsinn über die wichtigen Themen wie Nationalismus, Machtmissbrauch oder Misshandlung geht allzu oft in den skurrilen Scharmützeln verloren. Viele der Figuren verschwinden ebenso schnell wieder in der Belanglosigkeit, wie sie in Guerillero-Manier aufgetreten sind. Einzige Konstante ist neben Graf ein omnipräsenter Hitler als seltsamer aber liebenswerter Mann von Nebenan, der vor leuchtendem Globus wohl über die Weltherrschaft sinniert. Er bleibt aber wie so viele Figuren ohne Tiefgang, sodass die oppositionelle Haltung, mit der Eckes Graf beharrlich spielt, oft ins Leere läuft. Den Vorgesetzten beim Militär gibt Alfred Kleinheinz hier nahezu zaghaft. Eine der wenigen Figuren, der Genija Rykova ein wenig Leben einzuhauchen vermag, ist Grafs treuer Wegbegleiter Schorsch, der aber meist bloßer Gesprächspartner bleibt. Und so hastet Gunther Eckes durch entscheidende Jahre im Leben des Oskar Maria Graf und es bleiben leider nur wenige Stationen und Menschen im Gedächtnis hängen.

Das Ende der Odyssee

Graf strandet schlussendlich wieder in der Gartenlaube, in deren Lampionschein er resignierend feststellt: „Wir sind Gefangene“. Begleitet wird er von einem wehmütig Harmonica spielenden Hitler, der zuletzt noch freundlich vom Balkon grüßt und andeutet, was das Stück gekonnt hätte. Mit Groteske und Humor an schwere Themen wie Nationalismus, Machtmissbrauch oder Misshandlung heranzutreten, anstatt sie nur allzu oft unter dem Deckmantel von Absurdität und ausufernder Situationskomik zu verharmlosen. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen, so kommt „Wir sind Gefangene“ leider nicht über einige eindrückliche Bilder und schöne Ansätze hinaus.

Skurrile Infantilität im Spießbürger-Outfit

Dienstag, 31. Mai 2016
Foto: Christian Flamm

Foto: Christian Flamm

von Carloline Riedl

Theater Wasserburg | Einen „Peter Pan“, der gar keiner ist, hat Uwe Bertram da inszeniert. Denn auf der Bühne handelt es sich zunächst einmal um das reservierte Ehepaar Darling, das in einem mit Puppen ausstaffierten Kämmerchen sitzt. Aus Gedankenspielen folgt die sehnsüchtige Flucht in eine geträumte Welt ohne Probleme. Susan Hecker und Hilmar Henjes schlüpfen nun als die Darlings in die Rollen der Wendy und des Peter Pan.
Willkommen im Land Nirgendwo! Hier werden phantastische Erlebnisse wahr: Seeräuber bekämpfen, Nixen jagen, mit Feen in der Sprache der Glocken sprechen – noch einmal Kind sein. Ist das des Pudels Kern? In einer einfachen Kindheit leben, in Erinnerungen, die bereits schwinden, weil sie „vom Traumboot aus auf die Zauberinsel hinübergeworfen“ wurden? Die alternative Erwachsenenwelt scheint doch so starr und trist. Diese Frage stellt Bertram konsequent im ganzen Stück.
Der Widerstreit zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt ist schon im Bühnenbild präsent: Schränke, deren Inhalt zum Teil in Schubladen aufgeräumt ist und zum anderen Teil aus Puppen und Puppenteilen besteht, die aber selbstverständlich sortiert sind – Mutti will ja Ordnung! Doch man sieht es den Darlings förmlich an, wie gern sie ihre spießbürgerlichen grauen Strickwesten ablegen würden. In nicht vollkommen geglückter Befreiung singen sie schließlich „Dreams are my reality“ und Soft Cell’s Text „I’ve got to run away, I’ve got to get away“ aus dem Disco-Klassiker „Tainted love“. Nik Mayr kontrastiert in seiner Musik schließlich ebenso die beiden in diesem Stück möglichen Welten, denn ein Teil der musikalischen Gestaltung ist aus Adaptionen berühmter Werke für Kinder – wie zum Beispiel Peter und der Wolf und die Nussknacker-Suite – konzipiert. Letztendlich sind es auch die ausgewählten Instrumente, die die Antwort auf die Frage erahnen lassen. Die dumpfen, tiefen Töne der blechernen Tuba und das gelegentliche Ertönen einer Ratsche erwecken den Anschein einer dümmlichen Infantilität.
Das Bild der romantischen Alltagsflucht, des niemals Erwachsenwerden kippt. Die verlorenen Jungs – Ann-Sophie Ludwig, Nik Mayr, Annett Segerer und Regina Alma Semmler – unterstreichen diese Naivität in einem vollkommen überzeichneten Schauspiel und einer doch dämlich klingenden Intonation.
So passt der Traum vom Nimmerland ganz gut in dieses düstere Bühnenbild, denn – wie es auch die Darlings einsehen müssen – ist die Welt nicht in schwarz-weiß gemalt. Die Inszenierung zeigt überzeugend, dass sowohl nostalgisches Schwelgen in Kindheitserinnerungen als auch das angepasste Spießertum inklusive strengem Dutt nicht als Lebensentwürfe taugen. Bertrams skurriles Konzept von James M. Barries Werk erschüttert den Mythos Peter Pan und irritiert durch viele „Als-ob“-Momente, die den Kopf nicht ruhen lassen – während und nach der Vorstellung.
Eine durchaus kurios anmutende Inszenierung, die es verlangt und die es lohnt, sich darauf einzulassen! Leider hatte das Regensburger Publikum nicht die nötige Ausdauer und das Velodrom hatte sich nach der Pause sichtlich geleert.

Nashörner sind auch nur Menschen

Dienstag, 31. Mai 2016

Von Johannes Frank

Theater // an der Rott | Aus Niederbayern kam ein ganzer Zoo nach Regensburg. Im Gepäck hatten sie das „Theaterstück über Zivilcourage“ mit dem Titel „Was das Nashorn sah als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ von Jens Raschke für Menschen ab 10 Jahren. Der Intendant Dr. Uwe Lohr erklärte in der Einführung knapp die Handlung der Tierparabel, nannte aber den historischen Kontext um den Zoo im KZ Buchenwald bewusst nicht, um die Phantasie der Zuschauer nicht zu beeinflussen.

    WAS DAS NASHORN SAH, ALS ES AUF DIE ANDERE SEITE DES ZAUNS SCHAUTE (c) Sebastian Hoffmann

WAS DAS NASHORN SAH, ALS ES AUF DIE ANDERE SEITE DES ZAUNS SCHAUTE (c) Sebastian Hoffmann

Schon die erste Szene berührte. Die vier Schauspieler traten zunächst als Musiker auf und spielten mit Gitarre, Geige, Cello und Ukulele „Somewhere over the rainbow“. Sie standen vor aufeinander gestapelten Holzpaletten im warmen, satten Scheinwerferlicht. Dynamisch gestalteten sie dieses Bühnenbild immer wieder um, indem sie die Paletten herumwuchteten und sich dahinter verschanzten. Die Schauspieler David Baldessari, Max Gnant, Johanna Martin und Constanze Rückert brillierten alle vier in den Tierrollen, die sie verkörperten. Alle Schauspieler zeichneten sich durch große Körperspannung aus, Max Gnant war als herumspringender Papa Pavian geradezu ein leichtfüßiger Akrobat. Auch das Murmeltiermädchen bestach mit ihrer komischen Redeweise mit zusammengebissenen Szenen. Die beiden, ein Ehepaar von stolzen, schwarzen Schwänen mit französischem Akzent und ein Muffllonpärchen stellen den kleinen „Schwarzweißphotozoo“. Am Anfang wird von einem Nashorn aus Bengalen erzählt, das auf mysteriöse Weise umkommt. Es gehörte auch zum Zoo, stirbt aber ganz plötzlich. Rätselhaft. Dann kommt ein Neuer in das Gehege. Ein russischer Bär. Er erkundet alles neugierig und hinterfragt das Gefängnis, das hinter dem Zoo liegt, wo die „Gestiefelten“ über die „Gestreiften“ herrschen und sich verzweifelte, dürre, zitternde Gefangene in den Elektrozaun werfen. Außerdem ist die Luft verpestet vom Rauch der Öfen, wo die Leichen verbrannt werden. Deutlicher kann man die Konzentrationslager der Nazizeit nicht darstellen. Die Tiere wollen diese Realität nicht wahr haben und verschließen die Augen, bis auf den mutigen Bären, der einen Plan ersinnt, der für ihn schlimm enden wird. Aber in dieser Welt hatte auch das Nashorn keine Chance, denn sein Herz zersprang, als es das Ausmaß des Grauens wahrnahm.

Diese Tierfabel für Kinder hat es in sich und schreckt nicht vor der grauenvollen Realität der NS-Geschichte zurück. Frei nach Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“ In „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaut“ von Regisseur Markus Steinwender wird einem auf beeindruckende Weise ganz schön viel zugemutet.

Revolution am Haidplatz

Sonntag, 29. Mai 2016

Von Caroline Riedl

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Theater Regensburg | Die Geschichte vom Zusammenleben des Autors Marc-Uwe Klings und dem Känguru – das sind die „Känguru-Chroniken“, die Daniel Thierjung szenisch einrichtete. Marc-Uwe, interpretiert von Michael Haake, ist Künstler – oder besser gesagt Kleinkünstler – und beim ersten Aufeinandertreffen mit dem Känguru offenkundig überrumpelt. Aus seiner Überforderung und aus der Aufdringlichkeit seitens des Kängurus entwickelt sich schließlich eine Freundschaft, die allerlei lustige Erlebnisse mit sich bringt. Gerhard Hermann im Kängurukostüm und in sichtlich in die Jahre gekommener Lederjacke überredet Marc-Uwe zu ebenso subversiven, das kapitalistische Ausbeutersystem untergrabenden, wie sinnlosen Aktionen. So erklärt Hermann mit Fistelstimme, welche Hunde die bessere Flugbahn haben, bestellt Whopper bei McDonald’s und dank überzeugendem Schluchzen des manipulativen Kängurus tritt Marc-Uwe schließlich der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung – e.V.! – bei.
Die Schauspieler schaffen es in ihrer Lesung, das Publikum in das Geschehen zu holen. So entsteht das Gefühl, dem ausufernden Kneipenbesuch durchaus in ähnlicher Stimmung beiwohnen zu können. Ebenso lässt sich Marc-Uwes Wut auf das Beuteltier, die häufig in sympathisierende Resignation umschwenkt, nachvollziehen. Und auch der romantische Kommunismus des Kängurus stachelt das rebellische Herz zur Revolution an. Eine humoristische Systemkritik, die mehr als nur zum Schmunzeln anregt.