Blog „Festival d´Avignon 2012“

Ostermeier,Stemann-Erfolgsmodell”Regietheater”

Donnerstag, 26. Juli 2012
Thomas Ostermeier in Avignon

Thomas Ostermeier in Avignon

“Shakespeare ist Gott und Ostermeier sein Prophet” schwärmte eine Pariser Tageszeitung  von Ostermeiers Hamlet, der von der deutschen Kritik durchaus ambivalent aufgefasst worden war. Bei standing ovations für Ibsens “Volksfeind”, der in Avignon Premiere hatte, überfüllten Publikumsgesprächen und strahlenden Gesichtern bei dem Namen “Ostermeier” vermittelt sich ein Eindruck dessen, in welchen Dimensionen deutsches Theater im Ausland gefeiert wird. Thomas Ostermeier, der nicht nur ein guter Regisseur, sondern sicherlich auch ein sehr guter Politiker mit vielen Kontakten ist, wir den “Volksfeind” in der nächsten Zeit mindestens in Australien, Berlin, Athen und Moskau zeigen- eine normale Produktion der Schaubühne!!

Stemanns postdramatische Inszenierung von Jelineks “Kontrakte des Kaufmanns- eine Wirtschaftskomödie”, die 2008 am Thalia Theater Premiere hatte, lässt das Publikum ebenfalls sprachlos und freudentaumelnd zugleich zurück, so ein ungezwungen verspieltes und dennoch kluges und anspruchsvolles Theater ist man nicht gewohnt. Ein Wunder, dass Elfriede Jelineks genial-chaotischer Text mit endlosen Wortspielen und Stilfiguren trotz seiner grossen Komplexität mit Untertiteln auch in Frankreich funktioniert.

Es ist wahrscheinlich das politische Moment von Theater, das im post-faschistischen Deutschland historisch einen grösseren Stellenwert als anderswo hatte. Die dramaturgischen Fragen nach dem “wieso?” und “was heute?” eines Textes, die seit Jahrzenten selbstverständlich sind, kennt Frankreich erst seit kurzem. An der  comédie-francaise beispielsweise, dem renommiertesten Theater in Paris, gibt es seit 4 Jahren einen Dramaturgen.

Auch die singuläre Tradition des intellektuellen Fürstentheaters in Deutschland sowie der noch existente Luxus institutionalisierter Ensembles und Theater, die ein nicht kommerzielles Arbeiten ermöglichen, hat die Wichtigkeit und Bedeutung von kritischem Theater immer als Selbstverständlichkeit etablieren können. Interessant wird es sein zu sehen, wie eine junge Generation von Regisseuren, die an internationalen Workshops, Festivals und Produktionen teilnimmt, vieles kennt und global arbeitet, in Zukunft Theater machen wird, sie ist auf jeden Fall nicht nur deutsch!

Ist das Theater oder kann das weg ?- wenn bildende Künstler inszenieren

Freitag, 20. Juli 2012

Dass Theater in die Situation kommen würde als Medium nicht mehr eindeutig definierbar zu sein, hat vor ein paar Jahren wohl kaum einer gedacht. Klar, die grossen Häuser in Deutschland , allen voran wahrscheinlich die Volksbühne, integrieren seit langem verschiedenste Medien in ihre Inszenierungen , der Einsatz einer Video-Kamera ist ebenso selbstverständlich wie Musik oder Tanz. Es ist aber gerade das institutionalisierte Theater Deutschlands , das einem relativ homogenen Ansatz von Regie-Theater folgt, freie Kollektive , selbst geschriebene Stücke oder performative Ansätze sind eher in der Minderheit .

Die auf dem Festival eingeladenen Inszenierungen von Romeo Castelluci und Marcus Cöhen könnten nicht unterschiedlicher sein, der eine entwickelt seit 30 Jahren eine eigene Theaterästhetik , der andere inszeniert zum ersten Mal, doch wird bei beiden Theater aus Perspektive der bildenden Kunst neu gedacht.

Der 40-jährige bildende Künstler Marcus Öhrn entwickelt in « Conte d’amour » (Liebesgeschichte) aus der Geschichte von Josef Fritzl, dem Österreicher, der seine Tochter 20 Jahre lang gefangen gehalten hielt und 7 Kinder mit ihr hatte, ein 3-stündiges Werk, dass Phänomene wie Liebe, Perversion, Gewalt und familiäre Idyllen in ihrer stereotypen Definition brutal seziert und in Frage stellt.

Copyright@Christophe Raynaud de Lage

Copyright@Christophe Raynaud de Lage

Elmer Bäck, der den Vater spielt, trohnt in der 1. Etage eines Rohbaus im Bademantel auf einem Sofa, eine Gummipalme neben sich, der weisse Miniatur-Gartenzaun fungiert als Schlossmauer. Rechts auf die Leinwand ist ein Loop aus Beton-Mixer, Spachteln und dem Errichten einer Mauer zu sehen, die Suggestion des patriarchalischen Eigenbauheims ist perfekt. Auf seinem Schoss hat er 4 Puppen, die er statisch streichelt, liebkost und penetriert, fast wie eine Zeremonie, ganz friedlich. Er füttert die Pupppen mit Chips und Cola, zerdrückt die Chips in ihrem Gesicht, schüttet die Cola über sie, bevor er alle Puppen in den Arm nimmt, sie wieder penetriert. Ein harmonisches Bild der sorglosen Instinktbefriedigung und Fürsorge, bevor sich Elmer Bäck durch einen Durchgang im Schrank und eine Luke in den Keller hinablässt und die Schauspieler die nächsten 3 Stunden hinter einer Plane im Verborgenen agieren, nur über 2 grosse Bildschirme zu sehen sind. Was Marcus Öhrn dann mit seinen 4 männlichen Schauspielern entwickelt hat, wiederstrebt so jeglicher Konvention des Theaters, der Struktur und Sehgewohnheiten, dass am Ende 50% gegangen sein werden und die anderen 50% mit standing ovations jubeln.

Zwischen Marilyn Monroes « Teach me Tiger », Schönheit, Erotik und purer Vergewaltigung, Sex-Spielen wie «Thailänderin », « Afrikaner »und Wrestling-Masken, zwischen Lidl-Tüten und Mc-Donalds Bürgern lösen sich die Halt gebenden Grenzen des Bösen auf. Anarchischer Trash neben komplexen intelektuellen Fragestellungen, die Vergleichbarkeit der Perversion globaler Phänomene wie dem Kolonialismus oder Sex-Tourismus ist ebenso Thema wie die Frage nach Sprache, Widerstand, Opfern, dem religiösen Inzest-Tabu, sexuellen Stereotpen und Gender-Rollen, Glück und Liebe. Es entsteht eine eigene Welt innerhalb dieses Kellers, aber die Perversion dieses Kellers fungiert auch als Abbild der Welt. Aus diesem vielschichtigen, mal wilden mal erdrückend langsamen Spiel kehrt das Stück immer wieder zur brutalen Vergewaltigung zurück, in einer unglaublichen physischen Leistung der Schauspieler, die verhindert, dass der faktische Schrecken der Situation verharmlost wird. Das ostinate « You have to see it from a more global perspective » sowie die Thematisierung des medialen Interesses an der schlichten Opferrolle karikiert die einerseits intellektualisierte und andererseits banalisierte Rhetorik im Umgang mit politischen Problemen, wie sowieso Jegliches in diesen 3 Stunden aufgegriffen wird, was man mit dieser schrecklichen Geschichte assoziieren könnte, denn Marcus Öhrn wollte definitiv alles, ausser das Publikum mit einem angenehmen Schauer zu unterhalten. Diese Nicht-Beschränkung, Nicht-Linearität, die Lust an multiperspektivischen und gleichzeitigen Gedanken sowie das Desinteresse an einer Theater-Tradition ermöglicht ein wahnsinnig dynamisches, innovatives Theater.

Ganz anders, aber ebenso unkonventionell arbeitet Romeo-Castellucci, 2008 artiste associé des Festivals, vielfach ausgezeichnet, ein grosser Denker, Autor und Künstler, der Malerei und Szenographie studiert hat, bevor er seit 1981 mit seiner eigenen Kompanie « la Socìetas Raffaello Sanzio » ein neues, interdisziplinäres Theater entwickelt hat.

Foto von Christophe Raynaud de Lage

Foto von Christophe Raynaud de Lage

Four Seasons Restaurant ist ein ästhetischer Diskurs über die Gravitation des Unbekannten, die Auflösung des Bildes, sich auf 3 verschiedene Werke beziehend: Das unvollendete Drama Hölderlins “Tod des Empedokles”, Hawthornes Novelle “Des Pfarrers schwarzer Schleier” und auf das Werk Rothkos. So wie sich diese 3 Werke um das Thema Nicht-Sagen, Nicht-Abbilden, Sehnsucht und Verschwinden drehen, so repräsentiert das Theater nichts im tradierten Sinne, die Präsenz der Schauspieler löst sich mehr und mehr auf, bis nur noch mit  dem Bühnenbild, Dunkelheit, Sound und einem ausgestopften Pferd gearbeitet wird.

Aber langsam und von vorne: Was will mir das sagen, wenn sich 15 junge schöne Frauen im grossen Gestus einer antiken Formsprache ihre Zungen abschneiden und sich im Kreis zusammenfinden, umgeben von einer faschistischen Turnhallen- Ästhetik? Und dann zwei Hunde, die gierigen, die im dunklen Licht auf die Bühne kommen und diese als Zungen getarnten Knet-Lekkerlies auffressen. Und dann das kultische Spiel von Hölderlins Tod des Empedokles, das an Renaissance-Gemälde erinnert, bis ins Detail durchdachte Gemälde aus Schauspielern. Und dann liegt da nur noch ein ausgestopftes Pferd, das hinter einem sich selbst bewegenden blauen Vorhang auftaucht, und dann schwarze Kugeln und vorher nackte Frauen, die sich aus einer verwobenen Figur gebären. Und dann ist die Bühne weiss und ein schwarzer Stoff rollt sich über die gesamte Fläche, bevor im Ursturm eines wild zirkulierenden Federmeers und Soundozeans in einem die gesamte Bühnenvorderseite einnehmenden Plexiglaskasten  eine umhüllte Figur eine schwarze Fahne schwenkt: Ende. Puh! Wow! Schön! Klug! Schwierig! And now? Kann ich wieder zurück in die Banalität der Realität eines Cafés und Baguettes, auf das ich doch so grosse Lust habe? Und wenn ich wie wahrscheinlich 99% der Zuschauer das Gefühl habe, das Stück nicht fassen, begreifen zu können, ist das dann trotzdem okay, dass ich so begeistert bin von dieser irrationalen Grösse? Von der physischen Macht dieser Bilder,des Nicht-Theaters, das gleichzeitig nicht-ironisches Theater wieder möglich macht. Castellucci kann man nicht konsumieren und nicht hinnehmen und vor allen Dingen kann man danach wieder an eine Zukunft von neu gedachten Theater glauben.

Lennart Boyd

Mäzen-Empfänge, die Aftershow-Bar und Premierenfeiern- les fêtes

Mittwoch, 18. Juli 2012

Ein lauer Wind weht im Innenhof des Luxus-Hotels Cloître des Célestins. Unter dezent beleuchteten Platanen werden Champagner und exotische Häppchen gereicht- lächelnde Gesichter, die grandes dames in aufwendigen Kleidern, die Herren im Smoking, die Kulisse könnte auch einem James-Bond-Film entstammen. Eingeladen sind die Mäzenen, private Geldgeber, sowie politische und kulturelle Persönlichkeiten. Das Festival organisiert solche aufwendigen Abende als Anreiz und Dankeschön an die Mäzenen, deren Spenden etwa 5% vom 12 Millionen-Euro-Volumen des offiziellen Festivals ausmachen.

Weniger formell (liegt es am Alkohol?) geht es im mittelalterlichen Garten am Fuß der erleuchteten Mauern des Papstpalastes zu. Ein aufwendiges Buffet, guter Wein und lauter Gesichter, die man eigentlich kennen müsste, formen den Rahmen der wunderschönen Premierenfeiern. Da die meisten Künstler im Festival-Kontext international arbeiten, langfristig Projekte und Koproduktionen planen und  bei den Programmatoren der unterschiedlichen Festivals präsent sein müssen, sind solche Begegnungen für sie unverzichtbar, eine kleine Entschädigung für das sonst knappe Budget und Dosen-Essen.

Premierenfeier Conte d`Amour

Parallel dazu eine  Menge schöner Menschen in der Festival-Bar, Journalisten, die auftretenden Künstler und das Team trifft sich auf Getränke, gute Musik und Gespräche, glitzernde Augen, jeder scheint froh, hier zu sein.

Einmal auf dem Festival eingeladen oder involviert, kann man sich vor Gesprächen und sonst unerreichbaren Bekanntschaften kaum retten. Da die Stadt so klein ist und es ungefähr eine Handvoll Veranstaltungen vom offiziellen Festival am Tag gibt, läuft man permanent Theater-Menschen über den Weg, die ausnahmsweise keine überarbeiteten Unmeschen sind, da sie 1. froh sind, in der anonymen Touristen-Masse ab und an ein Gespräch zu führen, man 2. dem blauen Himmel, dem leichten Mistral und der mittelalterlichen Kulisse einfach nicht widerstehen kann und sie 3. denken, dass du wichtig bist, weil du dich auch über längere Zeit an verschiedenen Orten des Festivals herumtreibst. Wer also arbeitsloser Schauspieler oder Regisseur ist, sollte sich irgendwie ins Festival schmuggeln und fleißig lächeln und reden!

Lennart Boyd

Auseinandersetzen statt Absetzen

Montag, 16. Juli 2012

Der durchschnittliche Festivalbesucher hat studiert, ist stilvoll, aber nicht zu modisch gekleidet und hat prinzipiell keine existenziellen Sorgen was eben so klar ist wie seine Forderung an Theater, auch politische Themen aufzugreifen, Kritik zu üben, herauszufordern. Was ist das kritische Potential von Theater in einem so behüteten Kontext?

Der französische Choreograph Jêrome Bel berührt mit „Disabled Theatre“ auf beeindruckend subtile und unprätentiöse Weise eine empfindliche Seite unserer Gesellschaft- die Verlogenheit von egalitären, demokratischen Postulaten in einer distinktionswütigen Leistungsgesellschaft: Die schweizerische Behinderten-Theatergruppe „Theater Hora“, deren Schauspieler größtenteils das Down-Syndrom haben, schafft es innerhalb von hundert Minuten, unseren Begriff der Normalität zu korrumpieren.

Foto von Christophe Raynaud De Lage

Copyright@Christophe Raynaud De Lage

12 leere Stühle auf der Bühne. Rechts an einem Tisch sitzt Simone Truong, Assistentin und Dolmetscherin, die Anweisungen in neutralem Ton vortragen wird. Zunächst die, einer nach dem anderen auf die Bühne zu kommen und eine Minute dazustehen, vorne, an der Bühnenrampe.

Aushalten. Schauen müssen und dürfen, wo man sonst nicht hinschaut, weil es einem peinlich ist, dieser anders geformten Körper, der schielende Blick und die aus dem Mund tretende Zunge. Keine Fiktion, keine Rolle, die die Schauspieler außer sich selbst spielen, außer dem, wie sie sich als Mensch präsentieren wollen.

„Jêrome bittet euch jetzt, eure Behinderung zu nennen“ eine andere Anweisung der Assistentin. Es werden vorne in ein Mikrofon Sätze gesagt, wie: „Ich habe eine Behinderung und es tut mir Leid“ oder „Ich bin Mongoloidin, eine Art Affe heißt es, manches ist da dran, Ja, manches Nein.“ Ehrliche Worte, die traurig machen, da die Darsteller selbst ihr Handicap artikulieren und bewusst sehen- Klar, die Realität ist keine Traumwelt, die Behinderte tatsächlich als besonders begabte Menschen wahrnimmt.

Dass diese Menschen aber begabt sind, versteht man spätestens nach den Tanz-Soli, die sich die Schauspieler zu einem selbstgewählten Lied ausdenken sollten. Nacheinander werden die 7 ausgewählten Soli getanzt, gerannt, gesprungen und geschauspielert.Die Diskrepanz zwischen dem Performten und unser populärkulturellen Metaphern-und Bildwelt, die sich bei Trance-Techno, Schlager oder ABBAS „dancing queen“ aktiviert, entühllt eine machtvolle Melancholie. Eine Melancholie des Begreifens, das Sehnsuchts-Horizonte übereinstimmen, das „Behinderte“, die „Problemfaktoren“, auch ein Recht auf Schönheit, Kitsch und Wünsche haben.

Dieses Begreifen zu erreichen, die gewohnte Hierarchie umzukehren und die Schauspieler  als talentierte Persönlichkeiten zu zeigen, ist eine unglaubliche Leistung, gerade mit einem Probenaufwand von nur 6 Wochen und so einfachen, aber klar gedachten Mitteln. Aufklärerisches Potenzial!

Lennart Boyd

Festival d´Avignon- a la recherche du théâtre perdu.

Montag, 16. Juli 2012

Festival d`Avignon, Documenta des Theaters, Tummelplatz für Künstler, Denker, Schriftsteller und die intellektuelle Bourgeoisie.Das von mittelalterlichen Stadtmauern eingerahmte Städtchen in der Provence, dessen Bedeutung mit dem Exil des Papstes von 1309 bis 1423 eigentlich seinen Zenit erreicht hatte, verwandelt sich im Juli für 3 Wochen in ein Mekka der Theaterwelt.Die sonnengewärmten Gassen quillen über vor Plakaten, Touristen und Straßenkünstlern, die um die Gunst der Touristen buhlen, das parallel statt findende Off-Festival verwandelt jedes Hinterzimmer in eine Bühne.

Festivalplakat

Wird hier eine Utopie von Theater als Katalysator von Ideen, künstlerischer Reflexion und politisch-sozialen Inhalten Realität, oder bedient ein kommerzialisiertes und etabliertes Festival bloß die Erlebniswut der Touristen?

Was sind die Brecht, Müller und Castorfs anderer Länder, wie prägen die ihre Ästhetik?

Welchen Weg schlägt Theater international als Medium ein, was sind seine Perspektiven, seine Bedeutung?

Wie wird man zum Festival eingeladen? Was ist sein „kuratorisches Konzept“, wie entsteht es und welcher Teil der Zuschauer interessiert sich dafür?

In den nächsten Wochen, zwischen Schauen, Interviews, Podiumsdiskussionen und Gesprächen, werde ich diesen fragen nachgehen und freue mich, meine Erlebnisse mit euch zu teilen! Viel Spaß!

Lennart Boyd