Im Rahmen des Freischwimmer Festivals 2011 bekommt der Zuschauer die Möglichkeit zwei Stücke, kurz und knackig, an einem Abend zu sehen.
Der Abend beginnt mit King of the Kings, einer Produktion der Berliner „Lovefuckers“, die sich mit dem selbsternannten „Revolutionsführer“ Muammar al-Gaddafi beschäftigt. Gaddafi selbst ist eine 70-Zentimeter-Puppe, die von den Puppenspielerinnen Anna Mentzel und Annemie Twardawa zum Leben erweckt wird. Die Schauspieler halten sich dezent im Hintergrund und tun nur, was ihnen die nach Macht gierende Gaddafi-Figur sagt. Beeindruckend lassen die Darsteller die Puppe tanzen und schaffen eine Illusion, die für den Zuschauer immer realistischer wird. Unsichere Reaktionen kommen aus dem Publikum, man ist sich nicht sicher, ob man über den kindisch dargestellten Trotz schmunzeln oder über die so sarkastisch zur Schau gestellte Gewaltbereitschaft entsetzt die Hände vor den Mund schlagen soll. So lässt sich die quirlige Gaddafi-Puppe von ihrer weiblichen Garde, welche die beiden herausragenden Puppenspielerinnen auch noch verkörpern, zerbrechlich und bettelnd nach Bestätigung liebkosen, beweist aber wenig Humor, wenn es um einen politischen Witz geht: Gezielte Schüsse verhindern die Verbreitung des Witzes in kürzester Zeit. Die Gaddafi-Puppe gewährt uns Einblick in die Psyche einer Figur, die nach Anerkennung giert, nach Macht und Alleinherrschaft. Sie ist ausgesprochen beweglich, ein Darsteller bedient stets die Hände und ein anderer den auf- und zugehenden Mund der Puppe, und wir erleben eine Marionette, die aber selbst die Fäden in der Hand hält. Die Art der Darstellung ist genial, das Thema schwierig. Trotzdem hatte Ivana Sajevic den Mut diese Problematik in Angriff zu nehmen und bietet mit ihrer Inszenierung einen Raum schwarzen Humor auszuleben.
Nachdem wir die gestörte Persönlichkeit der Gaddafi-Figur kennenlernen durften, setzen wir den Abend mit weiterer Skurrilität fort. In Furry Species brilliert Corinna Korth als Vertreterin eines „Instituts für Hybridforschung“. Sie spricht ruhig und emotionslos, als hielte sie einen wissenschaftlichen Vortrag, in dem es um die Optimierung der Menschheit durch Überwindung des Mensch-Tier-Dualismus geht. Während des Vortrages scheint es, als lispele sie ein bisschen. Der Grund dafür: Sie selbst hat sich schon teilweise operativ in einen Wolf transformiert und zeigt dem Publikum stolz ihre Wolfs-Reißzähne. Ein weiterer Schritt der Transformation soll folgen: Corinna Korth kündigt dem Publikum eine Live-OP an. Das lässt einige Besucher amüsiert schmunzeln, fesselt aber auch alle Aufmerksamkeit. Viele Vorteile scheint es zu haben, wenn man sich für ein Leben als Wolf entscheidet. Es gibt sogar die Möglichkeit zur Paarung von Wolf und Mensch, so erklärt es uns zumindest die PowerPoint-Präsentation mit sehr anschaulichen Bildern. Corinna Korth jedoch wählt eine andere Variante, um sich selbst zu optimieren: Zum krönenden Abschluss des Abends lässt sie sich live auf der Bühne operieren. „Blutig“ nähen Arzt und OP-Schwester ihr einen Wolfsschwanz an. Doch damit nicht genug: Nach erfolgreicher Transformation tritt auch noch ihr Kollege auf. Er hat die Transformation schon komplett hinter sich gebracht und ist nunmehr als „Hund“ zu bezeichnen. Die Idee einen echten Hund mitspielen zu lassen nimmt das Publikum begeistert an, was jedoch an diesem Abend bedeutet, dass man ihn intensiv streichelt, fast schon attackiert mit Streicheleinheiten, sodass der tierische Schauspieler prompt vergisst auf die Bühne zu seiner transformierten Kollegin zu laufen und mit ihr zusammen zu heulen wie ein Wolf. Trotzdem ein gelungener Abend mit einem etwas anderen Theatererlebnis.
TaSchi

