
Seit wann ist der Bahnsteig Ort für ein spontanes Blitzfotoshooting? Wer käme auf die Idee, seine Wäsche auf eine Schnur zwischen zwei Pfeiler einer U-Bahnstation zu hängen? Und wer, außer dem Kontrolleur, verteilt Zettel mit erheiternden Sprüchen? Das kann eigentlich nur eine verrückte Theater-Aktion sein. Richtig, und sie gehört zu “Hart am Wind”! Jeden Nachmittag während des Festivals startet die “Balljugend Hannover” vom Jungen Schauspiel Aktionen in der Straßenbahn - und macht dabei die Passanten froh. Im Idealfall. Unsere Redakteure Tobias Malcharzik und Annika Becker haben sich das Ganze mal angesehen.
Es ist kurz nach 18 Uhr am Montagabend an der U-Bahnstation Steintor. Von ihrem ersten Arbeits- bzw. Schultag der Woche genervt und gestresst strömen die Fahrgäste aus der U- Bahn. Unter ihnen entdeckt man auch sechs zufriedene Jugendliche. Es sind Deborah, Johanna, Katharina, Lea, Nabila und Carolin von der Balljugend Hannover. Während des Theaterfestivals „Hart am Wind” begleiten sie und Jule sowie Cyra die Fahrgäste der U- Bahnlinien 5, 6 und 11 zwischen Kröpcke und Marienstraße und die der Buslinie 121 zwischen Hauptbahnhof und Marienstraße und hauchen der Üstra- Stadtbahn eine Brise Heiterkeit ein.
Nachdem die sechs sich kurz auf dem Bahnsteig besprochen haben, teilen sie sich auf und starten den ersten Teil ihrer “site specific performances”. Mit Fotoapparaten ausgestattet fragen die sechs Passanten, ob sie Lust hätten, mit ihnen ein Foto zu schießen. Deborah hat zunächst kein Glück, ihr antwortet ein Mädchen: „Tut mir leid. Ich bin heute nicht aufgestylt.” Doch nach kurzer Zeit machen doch einige ein Foto mit ihr. Klick. Und schon ist der Moment der Begegnung wieder vorbei. „Was? Wie? Wofür denn?” Die Frau bleibt stehen und mustert Lea und Katharina skeptisch. Ein Foto wollen sie, für eine Wette. Aber in Zeiten von Internet und Datenmissbrauch will sich nun mal nicht jeder so völlig ohne Grund ablichten lassen. „Wehe, wenn ich das dann im Internet finde!”, droht eine andere Passantin lächelnd, während auf den Auslöser gedrückt wird. Misstrauen schlägt den Fotojägern entgegen. Entweder haben die Leute (angeblich) keine Zeit, Angst vor Datenmissbrauch oder fühlen sich schlicht und einfach zu hässlich. „Ich doch nicht, ich sehe fürchterlich aus!” Aber was die einen zu wenig haben, haben andere im Übermaß. Drei junge Herren halten die Frage nach einem Foto für eine platte Anmachaktion, die auf ihr gutes Aussehen zurückzuführen sei. Weit gefehlt.
Aber peinlich gibt’s nicht, es steht schließlich viel auf dem Spiel. Das was die Gruppe vom Improvisationstheater hier macht, wird vielleicht noch den ein oder anderen lange beschäftigen. Es ist ja auch nicht alltäglich, was da in der Straßenbahnstation Steintor vor sich geht.
Eine Mutter mit ihrem Kind an der Hand steigt aus der Bahn und bleibt etwas perplex stehen, während der kleine Junge mit großen Augen zu den T-Shirts empor blickt, die da gerade vor ihm an einer Wäscheleine mitten auf dem Bahnsteig aufgehängt werden. Da wird die Mutti am Ärmel gezogen. „Mama, warum hängen die Wäsche auf?” Die Frau Mama hat darauf auch keine Antwort, und so wie ihr geht es wohl allen Fahrgästen, die aus der Bahn kommen und teilweise unter der Wäscheleine durch tauchen müssen. Doch diese verwirrten Gesichter sind es schon, was die selbsternannten Botschafter der Fröhlichkeit bezwecken: Die Leute kurz aus dem Alltagstrott reißen, sie kurz zum Stehenbleiben zu bringen. Einige lächeln, zwei Jungs mit Schulranzen fragen sich grinsend, ob man die T-Shirts wohl mitnehmen darf. Darf man nicht, aber Grinsen ist erlaubt. Gewünscht sogar. Seelenruhig hängt die Theatertruppe die Wäsche auf und wieder ab, läuft samt Leine auf den gegenüberliegenden Bahnsteig und hängt dort wieder auf. Ein junger Mann zückt das Fotohandy. Wer weiß, was die da noch vorhaben. „Vielleicht drehen sie einen Film.”, sagt eine ältere Dame zu ihrem Mann und guckt sich neugierig nach Kameras um.
Lang muss sie nicht suchen, die Presse ist vor Ort und hat das Blitzlicht gleich mitgeliefert. Umsonst quasi. All inclusive. „Guckt mal hier her!” „Stell dich mal da hin!” Plötzlich wird aus der Wäscheleinen-Aktion eine Art Fotoshooting, die Leute wenden sich ab. Als Inszenierung für die Pressevertreter verliert das ganze seinen geheimnisvollen Reiz. Zwischenzeitlich wird mit drei Fotoapparaten gleichzeitig geknipst. Die Weiterfahrt mit der Bahn zur nächsten Station steht ebenfalls im Schatten des Blitzlichtgewitters. Durch die Bahn soll gelaufen werden, samt Wäscheleine und T-Shirts natürlich. Aber immer schön in Richtung der Kamera schauen und keinen Schritt zu weit, sonst sind nicht alle im Bild. So schnell wie möglich ein Foto schießen lautet die Devise der Fotografen. Sie scheinen die Botschaft nicht verstanden zu haben. Zeit schenken wollen die Jugendlichen der Balljugend. Und genauso schnell wie sie gekommen ist, verschwindet die Presse wieder und man ist unter sich.
„Hallo, guten Tag, darf ich Ihnen diesen Zettel schenken?” Kurze Zeit später wieder am Bahnsteig. Die nächste und letzte Aktion für heute steht an. Es sollen Zettel mit kleinen Botschaften vorgelesen und verschenkt werden. Die befragten Leute sehen unentschlossen aus und scheinen abzuwägen, was ihnen passieren könnte, wenn sie den Zettel an sich nehmen. Dass es sich nur um einen netten Spruch handelt, vermutet erst mal keiner. Und wildfremden Leuten zu vertrauen, erscheint auch utopisch. Aber die meisten nehmen den Zettel dann doch entgegen und lächeln, als sie zu lesen beginnen.
„Das sind doch bestimmt alles dieselben Sprüche”, behauptet ein junger Mann. Vollständig überzeugt von der einfach netten Geste ist er noch nicht. Als Lea selbst einen Zettel aus der Tüte zieht und ihn vorliest, beginnt er zu lächeln und lächelt beim Aussteigen noch immer.
Eine alte Frau steckt den Zettel vorsorglich in die Innentasche ihrer Jacke. Vielleicht wird sie ihn heute Abend ihrer Familie vorlesen. Oder ihr gefällt der Spruch einfach. Die anfängliche Skepsis verwandelt sich zusehends in Fröhlichkeit. Auch die Leute, die in der Bahn Sprüche vorgelesen bekommen, sind angetan, wenn auch etwas verwirrt. Aber es ist ja irgendwie auch nett.
Nun macht die Balljugendgruppe Seifenblasen und verteilt Luftballons. Nach und nach kann man den Mädchen ein Lächeln von ihren Lippen ablesen. „Wer andere beglückt, wird selber glücklich”, sagt Johanna und drückt bevor sie und Nabila aussteigen einem Fahrgast noch einen Luftballon in die Hand. Sie steigen aus und als sich die Bahntüren wieder schließen, sieht man gerade noch, wie die Frau ihrer Sitznachbarin den Text auf dem Ballon vorliest, während die Straßenbahn wieder in den tristen Alltag weiterfährt: „Viele Grüße von den Missionaren der Heiterkeit!”






