Blog „Hart am Wind – Norddeutsches Kinder- und Jugendtheaterfestival“

Viele Grüße von den Missionaren der Heiterkeit!”

Freitag, 26. Februar 2010

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Seit wann ist der Bahnsteig Ort für ein spontanes Blitzfotoshooting? Wer käme auf die Idee, seine Wäsche auf eine Schnur zwischen zwei Pfeiler einer U-Bahnstation zu hängen? Und wer, außer dem Kontrolleur, verteilt  Zettel mit erheiternden Sprüchen? Das kann eigentlich nur eine verrückte Theater-Aktion sein. Richtig, und sie gehört zu “Hart am Wind”! Jeden Nachmittag während des Festivals startet die “Balljugend Hannover” vom Jungen Schauspiel Aktionen in der Straßenbahn – und macht dabei die Passanten froh. Im Idealfall. Unsere Redakteure Tobias Malcharzik und Annika Becker haben sich das Ganze mal angesehen.

Es ist kurz nach 18 Uhr am Montagabend an der U-Bahnstation Steintor. Von ihrem ersten Arbeits- bzw. Schultag der Woche genervt und gestresst strömen die Fahrgäste aus der U- Bahn. Unter ihnen entdeckt man auch sechs zufriedene Jugendliche. Es sind Deborah, Johanna, Katharina, Lea, Nabila und Carolin von der Balljugend Hannover. Während des Theaterfestivals „Hart am Wind”  begleiten sie und Jule sowie Cyra die Fahrgäste der U- Bahnlinien 5, 6 und 11 zwischen Kröpcke und Marienstraße und die der Buslinie 121 zwischen Hauptbahnhof und Marienstraße und hauchen der Üstra- Stadtbahn eine Brise Heiterkeit ein.

Nachdem die sechs sich kurz auf dem Bahnsteig besprochen haben, teilen sie sich auf und starten den ersten Teil ihrer “site specific performances”. Mit Fotoapparaten ausgestattet fragen die sechs Passanten, ob sie Lust hätten, mit ihnen ein Foto zu schießen. Deborah hat zunächst kein Glück, ihr antwortet ein Mädchen: „Tut mir leid. Ich bin heute nicht aufgestylt.” Doch nach kurzer Zeit machen doch einige ein Foto mit ihr. Klick. Und schon ist der Moment der Begegnung wieder vorbei. „Was? Wie? Wofür denn?” Die Frau bleibt stehen und mustert Lea und Katharina skeptisch. Ein Foto wollen sie, für eine Wette. Aber in Zeiten von Internet und Datenmissbrauch will sich nun mal nicht jeder so völlig ohne Grund ablichten lassen. „Wehe, wenn ich das dann im Internet finde!”, droht eine andere Passantin lächelnd, während auf den Auslöser gedrückt wird. Misstrauen schlägt den Fotojägern entgegen. Entweder haben die Leute (angeblich) keine Zeit, Angst vor Datenmissbrauch oder fühlen sich schlicht und einfach zu hässlich. „Ich doch nicht, ich sehe fürchterlich aus!” Aber was die einen zu wenig haben, haben andere im Übermaß. Drei junge Herren halten die Frage nach einem Foto für eine platte Anmachaktion, die auf ihr gutes Aussehen zurückzuführen sei. Weit gefehlt.

Aber peinlich gibt’s nicht, es steht schließlich viel auf dem Spiel. Das was die Gruppe vom Improvisationstheater hier macht, wird vielleicht noch den ein oder anderen lange beschäftigen. Es ist ja auch nicht alltäglich, was da in der Straßenbahnstation Steintor vor sich geht.

Eine Mutter mit ihrem Kind an der Hand steigt aus der Bahn und bleibt etwas perplex stehen, während der kleine Junge mit großen Augen zu den T-Shirts empor blickt, die da gerade vor ihm an einer Wäscheleine mitten auf dem Bahnsteig aufgehängt werden. Da wird die Mutti am Ärmel gezogen. „Mama, warum hängen die Wäsche auf?” Die Frau Mama hat darauf auch keine Antwort, und so wie ihr geht es wohl allen Fahrgästen, die aus der Bahn kommen und teilweise  unter der Wäscheleine durch tauchen müssen. Doch diese verwirrten Gesichter sind es schon, was die selbsternannten Botschafter der Fröhlichkeit bezwecken: Die Leute kurz aus dem Alltagstrott reißen, sie kurz zum Stehenbleiben zu bringen. Einige lächeln, zwei Jungs mit Schulranzen fragen sich grinsend, ob man die T-Shirts wohl mitnehmen darf. Darf man nicht, aber Grinsen ist erlaubt. Gewünscht sogar. Seelenruhig hängt die Theatertruppe die Wäsche auf und wieder ab, läuft samt Leine auf den gegenüberliegenden Bahnsteig und hängt dort wieder auf. Ein junger Mann zückt das Fotohandy. Wer weiß, was die da noch vorhaben. „Vielleicht drehen sie einen Film.”, sagt eine ältere Dame zu ihrem Mann und guckt sich neugierig nach Kameras um.

Lang muss sie nicht suchen, die Presse ist vor Ort und hat das Blitzlicht gleich mitgeliefert. Umsonst quasi. All inclusive. „Guckt mal hier her!” „Stell dich mal da hin!” Plötzlich wird aus der Wäscheleinen-Aktion eine Art Fotoshooting, die Leute wenden sich ab. Als Inszenierung für die Pressevertreter verliert das ganze seinen geheimnisvollen Reiz. Zwischenzeitlich wird mit drei Fotoapparaten gleichzeitig geknipst. Die Weiterfahrt mit der Bahn zur nächsten Station steht ebenfalls im Schatten des Blitzlichtgewitters. Durch die Bahn soll gelaufen werden, samt Wäscheleine und T-Shirts natürlich. Aber immer schön in Richtung der Kamera schauen und keinen Schritt zu weit, sonst sind nicht alle im Bild. So schnell wie möglich ein Foto schießen lautet die Devise der Fotografen. Sie scheinen die Botschaft nicht verstanden zu haben. Zeit schenken wollen die Jugendlichen der Balljugend. Und genauso schnell wie sie gekommen ist, verschwindet die Presse wieder und man ist unter sich.

„Hallo, guten Tag, darf ich Ihnen diesen Zettel schenken?” Kurze Zeit später wieder am Bahnsteig. Die nächste und letzte Aktion für heute steht an. Es sollen Zettel mit kleinen Botschaften vorgelesen und verschenkt werden. Die befragten Leute sehen unentschlossen aus und scheinen abzuwägen, was ihnen passieren könnte, wenn sie den Zettel an sich nehmen. Dass es sich nur um einen netten Spruch handelt, vermutet erst mal keiner. Und wildfremden Leuten zu vertrauen, erscheint auch utopisch. Aber die meisten nehmen den Zettel dann doch entgegen und lächeln, als sie zu lesen beginnen.

„Das sind doch bestimmt alles dieselben Sprüche”, behauptet ein junger Mann. Vollständig überzeugt von der einfach netten Geste ist er noch nicht. Als Lea selbst einen Zettel aus der Tüte zieht und ihn vorliest, beginnt er  zu lächeln und lächelt beim Aussteigen noch immer.

Eine alte Frau steckt den Zettel vorsorglich in die Innentasche ihrer Jacke. Vielleicht wird sie ihn heute Abend ihrer Familie vorlesen. Oder ihr gefällt der Spruch einfach. Die anfängliche Skepsis verwandelt sich zusehends in Fröhlichkeit. Auch die Leute, die in der Bahn Sprüche vorgelesen bekommen, sind angetan, wenn auch etwas verwirrt. Aber es ist ja irgendwie auch nett.

Nun macht die Balljugendgruppe Seifenblasen und verteilt Luftballons. Nach und nach kann man den Mädchen ein Lächeln von ihren Lippen ablesen. „Wer andere beglückt, wird selber glücklich”, sagt Johanna und drückt bevor sie und Nabila aussteigen einem Fahrgast noch einen Luftballon in die Hand. Sie steigen aus und als sich die Bahntüren wieder schließen, sieht man gerade noch, wie die Frau ihrer Sitznachbarin den Text auf dem Ballon vorliest, während die Straßenbahn wieder in den tristen Alltag weiterfährt: „Viele Grüße von den Missionaren der Heiterkeit!”

Ich sehe was, was du nicht siehst: Schneewitte “offstage”

Freitag, 26. Februar 2010

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Was macht der König eigentlich hinter der Bühne, nachdem er gerade vor den Zuschauern seine Frau beweint hat? Und wie kommt es, dass aus dem Kochtopf, den Schneewitte hält, Dampf strömt? Mareike Zoege hat sich von “Schneewitte” vom Staatstheater Oldenburg nicht ver- sondern entzaubern lassen. Sie schaute sich das Stück hinter der Bühne an.

Zehn vor sechs. Im Foyer des Ballhofs Eins flanieren immer mehr Theatergäste und warten entspannt auf den Gong zum Einlass. In den Gängen hinter der Bühne läuft das Team vom Oldenburgischen Staatstheater hektisch hin und her. Die Nerven sind angespannt. In zehn Minuten soll das Musiktheater Schneewitte losgehen. Der Aufbau war schwieriger als gedacht, zu Hause ist die Bühne viel breiter. Vor den Bühneneingängen liegen Requisiten bereit: eine Babypuppe, ein altmodischer Kinderwagen und natürlich Schneewittes Sarg.

In dem kleinen Raum am rechten Bühneneingang scheint das Adrenalin förmlich in der Luft zu schwirren. Es ist eng hier, auf einem Tisch stehen Kaffeetassen und Wasserflaschen. An einem Kleiderständer hängt ein flauschigroter Königsumhang. „Puh, was alles schief gehen könnte”, sagt jemand leicht ironisch. Immer noch rennen Leute rein und raus.

Es kann losgehen. Der Inspizient sitzt auf einem Drehstuhl vor einem grauen Kasten mit vielen Schaltern und einem kleinen quadratischen Fernsehbildschirm, auf den die ganze Bühne und die ersten Zuschauerreihen übertragen werden. Über Mikrofon gibt er das Signal: „Alle auf ihre Position!” Per Knopfdruck löst er die Klingel im Foyer aus. Auf dem Bildschirm lässt sich verfolgen, wie sich der Zuschauerraum langsam füllt. Im Hinterraum herrscht jetzt gespannte Stille. Jeder scheint in seinem Element zu sein, jeder kennt seine Aufgabe und funktioniert. Das Stück beginnt.

„Achtung, Phil die Zweite.” Der Inspizient spricht über sein Mikrofon mit den Licht- und Tontechnikern, die hinter dem Publikum an ihren Pulten sitzen. „Dreiundachtzig für die Fünf”: seine Anweisungen sind für Laienohren nur Zahlensalat.

Der König kommt herein gerannt. Sein Gesicht zeigt Anspannung und volle Konzentration. Er wirft hastig seinen roten Umhang ab und bekommt einen in schwarz übergestreift. Schließlich ist im Stück gerade seine Frau gestorben. Schon ist er wieder Richtung Bühne verschwunden.

Schneewitte ist geboren und mitten auf der Bühne steht der Kinderwagen. Hinter der Bühne positioniert sich ein Schauspieler an einem Mikrofon und beobachtet das Geschehen aufmerksam auf dem kleinen Bildschirm. Dann legt er los: leises Jammern und Greinen, Weinen und Schreien, bis lautes Babygebrüll den engen Hinterraum erfüllt.

Die große Schneewitte kommt keuchend von der Bühne. Sie atmet tief durch und schließt kurz die Augen, während die Kostümschneiderin an ihrem Kleid zupft und neu feststeckt. „Dankeschön!” Für ein kurzes Lächeln ist Zeit, bevor sie wieder verschwunden ist und auf dem kleinen Bildschirm auftaucht.

„Bereit zum Pausenumbau”, meldet der Inspizient in sein Mikro. Gewusel im Hinterraum. Die Regisseurin kommt dazu, sie hat den ersten Teil im Zuschauerraum verbracht. „Ein zurückhaltendes Publikum heute”, findet sie. „Aber auch wenige Kinder. Morgen Vormittag kommen Schulklassen.”

Fünfzehn Minuten später sind alle wieder auf ihren Positionen. Auf der Bühne muss Schneewitte für die Zwerge putzen. Hinten bläst eine Assistentin mit einem Gerät Dampf in einen Topf und drückt schnell den Deckel zu. Den Topf bekommt Schneewitte in die Hand gedrückt. Das steckt also hinter der scheinbar dampfend heißen Mahlzeit – nur eine Portion künstlicher Rauch.

Schließlich sind die anderthalb Stunden herum und der Applaus schallt künstlich durch die Tonübertragung in den Hinterraum. „Los, noch einmal nach vorne und verbeugen”, ruft jemand vom Bühneneingang den Schauspielern zu. Die Gesichter sehen erhitzt und erleichtert aus, als sie sich schließlich hier sammeln. „Das war super, das habt ihr gut gemacht”, lobt die Regisseurin.

Zehn nach halb neun. Die Schauspieler verschwinden in die Umkleiden, auf der Bühne werden Papierschnipsel zusammen gefegt. Das große Gerüst kann stehen bleiben, morgen Vormittag startet gleich die zweite Vorstellung. Nach großer Hektik und routiniertem Schauspiel kehrt sehr schnell Ruhe ein. Ein verdienter Feierabend.

Das Ende kommt zum Schluss

Freitag, 26. Februar 2010

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„Warum muss man sterben?”, Antworten auf  diese und viele andere Fragen, auf die sonst viele Erwachsenen keine Antwort wissen, findet man dafür im Stück „Adieu Herr Muffin”, das am Donnerstag im Kleckstheater vom Theater Karo Acht aus Hildesheim in Kooperation mit dem Theater für Niedersachen inszeniert wurde.

Von Friederike Vogel

Das Stück für Kinder ab vier Jahren handelt von Tod, Leben und wie man damit umgeht. Die elementaren Fragen eben, die so schwer zu beantworten sind. Anlass, sich mit diesem Thema auseinander zu setzten, gibt der traurige Tod von Herrn Muffin, das „herzallerliebste, kuscheligste Meerschweinchen der Welt.”

Das Bühnenbild mutet an, wie ein himmelblauer Karton, ganz so, wie die ehemalige Behausung des Nagetiers. An den Wänden hängen Bilder von Mohrrüben und Blumen. Als das Licht langsam hochfährt, kommt in Reihe und Glied ein musikalischer Trauerzug herein. Mit einer traurig schönen Melodie, gespielt auf Posaune und Trommel und dem toten Haustier im Schlepptau, ziehen die drei Schauspieler (Kian Pourian, Julia Solórzano und Sönke Franz) ein. Mit kurzen, zackigen Bewegungen, luftigen Dialogen und jeder Menge Musik erklären die Drei ihrem jungen Publikum das Geschehene.

Doch trotz des ernsten Themas gelingt es, dass es fröhlich und unbeschwert wirkt. Nicht Trübsal blasen über das Verlorene, sondern die Erinnerung feiern an die schönen Zeiten, die man gemeinsam erlebt hat, lautet die Devise. Und schon sind Szenen aus dem unbeschwerten Leben des Herrn Muffin zu sehen, wie er seine Frau Viktoria kennenlernt, wie er ihren Tod miterlebt.

In kindgerechter Art werden ebenso poetische wie philosophische Fragen aufgeworfen: Was passiert nach dem Tod? Auf der Bühne ist man sich einig: Herr Muffin soll in den Meerschweinchenhimmel. Doch wie kommt er dort hin? Muss er dafür getauft sein, oder reicht es, dass er ein gutes Schweinchen war? Und warum muss man eigentlich sterben? Auch dafür finden die Figuren eine Antwort: Wenn nicht ab und zu gestorben wird, gibt es bald zu wenig Knäckebrot um all die vielen Nager zu ernähren.

Mit Witz und Feingefühl wird den Kindern das Thema Sterben, Tod und Vergänglichkeit nahegebracht. „Nur eines ist im Leben klar, am Ende ist das Ende da”, ist die Erkenntnis am Schluss dieser anrührenden Geschichte. Das, und dass Niemand einfach ausgetauscht werden kann. „Man kann nicht einfach in die nächste Zoohandlung gehen und sich ein neues Meerschwein besorgen. Schließlich würde man sich ja auch keine neue Oma anschaffen, wenn die gestorben ist”. („Das liegt daran, dass es keine Omageschäfte gibt.” „ Aber Altersheime.”…) Allerhand Weisheiten hält dieses Stück parat und hilft, die elementaren Fragen rund um das Leben zu verstehen. Nicht nur für kleine, sondern auch für große Leute eine wunderbare Inszenierung, die das Herz berührt.

Exklusiv-Interview mit Superstar “Herr Muffin”!

Donnerstag, 25. Februar 2010

Es ist die Geschichte eines Shooting-Stars: Gestern noch bei trocken Brot im Holzverschlag auf Stroh untergebracht, spielt Herr Muffin nun die Hauptrolle in einem Stück, das sogar nach ihm benannt wurde: “Adieu, Herr Muffin”. Mit dem Theater Karo Acht reist das berühmteste Meerschweinchen der Theaterszene  aus Hildesheim an. Heute, um 10 Uhr und um 15 Uhr, ist er dann live auf der Bühne des Klecks-Theaters zu sehen. Herr Muffin spielt die Rolle eines alten Meerschweinopas, dessen Tage auf Erden gezählt sind. Unsere Redakteurinnen Katharina Nay und Tracy Stiehl haben Herr Muffin vorab zu diesem sensiblen Thema interviewt.

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War das deine erste große Rolle oder bist du schon ein „alter Hase”?

Das war bisher meine erste Rolle im Theater.

Wie, glaubst du, sieht der Meerschwein-Himmel aus?

Knäckebrot ohne Ende und was am Schönsten ist, man trifft dort seine Liebe wieder, in meinem Fall: Meine Frau Viktoria.

Was würdest du in dein Testament schreiben, wenn Du stirbst?

Also, ähm, ich kann ja nicht schreiben, aber meine ‘Besitzer’ Lisa, Valentin und Karl, die singen am Ende, “er hat ein schönes Leben”. Das gefällt mir.

Glaubst du, der Tod ist schmerzhaft?

Ach nö, es zwickt im Bauch, dann legt man sich hin und träumt von schönen Dingen aus seinem Leben.

Was würdest du gerne mit in den Himmel nehmen?

Mein blaues Haus, aber vielleicht gibt es das ja dort auch schon!?

Wie waren die Proben für dich? Ist es schwer so lange still zu liegen?

Ach nö, sterben geht ja schnell, aber die Scheinwerfer sind eher ein Problem, es ist extrem heiß und es piekst in den Augen.

Hattest du Mitspracherecht bei den Proben?

Klar, ich spiel doch die Hauptrolle.

Was isst du am Liebsten?

Gurken, Knäckebrot, Ruccola, Salatherzen und Löwenzahn.

Wie bist du angereist? Zu Fuß?

Ich bin mit dem Theaterbulli gekommen.

Wirst du hier bei “Hart am Wind” Freunde treffen, oder werden sie dich besuchen kommen wenn du spielst?

Mein Regiesseur kommt mich noch mal angucken und auch der Alex (Bühnenbildner) will mich live im Klecks sehen.

Wie sieht es mit der Verpflegung aus, da wir hier weder Knäcke noch Gurken haben, bist du ausreichend versorgt?

Meine Mitspieler und ich haben ne Menge Knäcke dabei.

Trägst du dein Fell lieber lang oder kurz?

Lang, ist doch Winter!

Wie ist dein Verhältnis zu Hamstern und Kanninchen?

Da kann ich nichts zu sagen.

Was hältst du von Tierversuchen?

Bäh!

Wie lautet dein Name?

Vorname: Herr, Nachname: Muffin

Und hast du einen Künstlernamen, als rennomierter Schauspieler?

Muffel oder Murkel, ganz nach Tagesform.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Liebe Eltern und ErzieherInnen, bitte kommt mit euren Kindern in mein Theaterstück. Habt keine Angst vor dem Thema! 43 Minuten ist es  lustig und schön, 2 Minuten ist es traurig und schön.

Was ist deine liebste Jahreszeit?

Winter.

Wie hoch ist deine Gage?

Darüber möchte ich nicht reden. Auf jeden Fall bin ich jetzt berühmt  und habe mein erstes Interview gegeben. Vielen Dank! Ich hoffe, wir sehen uns!

Adieu, euer Herr Muffin.

Wer ist eigentlich dieser Peer Gynt?

Donnerstag, 25. Februar 2010

Von Julius Busch

Peer Gynt hat viele Gesichter. Er erfindet sich jeden Tag neu, hat immer den passenden Schraubenschlüssel parat, um die Schrauben der Wahrheit ein wenig zu lockern. Doch eins ist klar: Er will etwas aus sich machen, mehr noch, er will Kaiser werden. Dabei ist er sich für keine Flunkerei zu schade. Doch was ist Hirngespinst, was Realität? Regisseur Michael Talke nimmt den Zuschauer mit seiner Produktion “Ich, Peer Gynt” vom “Moks”-Theater Bremen mit auf eine Reise, in der Wirklichkeit und Illusion ineinander übergehen.

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Enthusiastisch kommt Mathias Bleier in den Raum gesprungen, begrüßt einige Zuschauer per Handschlag. Überschwänglich stellt er sich vor – Peer Gynt der Name. Stolz berichtet er von seiner Beliebtheit, die so groß sei, dass sogar die “Peer Gynt Suite” für ihn komponiert wurde. Schnell wird einem klar, dass dieser Kerl mit einer großen Portion Selbstbewusstsein daherkommt. Plötzlich wird die Selbstschwärmerei von einem bedrohlichen Kerl namens Aslak (Christoph Rinke) und seiner Bande unterbrochen, die ihn piesacken. Die Bande wird gespielt von Schülerinnen und Schülern eines Darstellendes-Spiel-Kurses des Alten Gymnasiums in Bremen. Die Inszenierung setzt an dieser Stelle geschickt chorisches Sprechen ein, um eine besonders bedrohliche Wirkung zu erzielen.

Der Zuschauer lernt Peer Gynts Mutter (Irene Kleinschmidt) kennen, die ziemlich verwirrt wirkt, in den entscheidenen Momenten jedoch immer einen flotten Spruch auf der Zunge hat und für Lacher im Publikum sorgt. Sie leidet sehr darunter, dass ihr Mann ein Trinker war und den Familienbesitz ver hat. Als sie Peer fragt, wo er gewesen sei, bekommt der Zuschauer die erste seiner eigenartigen, unterhaltsamen Geschichten zu hören. Seine Erzählungen werden mit viel Humor bildlich dargestellt und gerade die Momente, in denen die Grenzen zwischen Realität und Illusion am schwammigsten sind, fesseln am meisten.

Als er auf die schöne Solveig trifft, ist es Liebe auf den ersten Blick, was die Inszenierung klischeehaft mit steigenden Herzluftballons und einem leuchtenden Herz, das von der Decke heruntergefahren wird, darstellt. Man kann jetzt nur noch schwer erkennen, was Einbildung ist und was echt, doch genau das ist der Reiz dieses Stückes. Peer verstrickt sich immer mehr in ein Netz aus Lügen, bis er von Zuhause wegrennt.

Nun übernimmt Solveig die Rolle der Erzählerin, überredet Peer dann aber schließlich, nach Hause zurückzukehren. Dort findet er seine Mutter im Sterbebett. Musiker, als Skelette verkleidet, symbolisieren den Einzug des Todes, als sich Peer mit seiner Mutter auf eine letzte Fantasiereise begibt. Das bedrückte Schweigen in den Reihen zeugt davon, dass diese Momente besonders bewegten. Nach dem Tod der Mutter wird die Bühne besetzt von maskierten Figuren, die Peers Gesicht tragen und vorgeben, er zu sein. Jetzt beginnt er zu begreifen, wie wichtig es ist, man selbst zu sein. Die Rückkehr Solveigs macht das glückliche Ende perfekt. Besonders der Schluss setzt die Moral der Geschichte nahezu perfekt um.

Das Stück wird begleitet von Musikern der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, deren Einsätze die Emotionen des Stückes unterstützen. Besonders die Momente, in denen sie direkt in das Stück eingreifen, sind sehr humorvoll. Teilweise werden auch bekannte Melodien, wie zum Beispiel “In der Halle des Bergkönigs”, integriert. Alle Schauspieler verkörpern ihre Rollen sehr glaubwürdig, am stärksten hervorzuheben sind jedoch die Leistungen von Mathias Bleier und Irene Kleinschmidt (Peer Gynt und seine Mutter), die das Publikum schon mit der kleinsten Regung im Gesicht zu unterhalten wissen. Sprachlich befindet sich das Stück zwischen der Originalübersetzung des Ibsen-Klassikers und Alltagsdeutsch. Die langen Szenen, deren Schwerpunkt auf den Gefühlen, weniger auf der Sprache liegt, sind in der Tat etwas für Genießer. Wer auf schnellen Schlagabtausch und Action-Theater aus ist, kommt bei Peer Gynt über weite Strecken nicht auf seine Kosten. Wer sich jedoch von einer Welt voller Fantasie und Bildern verzaubern lassen will, der wird Peer Gynt lieben, so wie er es sich gewünscht hätte.

Drogen, Drogen, Drogen

Dienstag, 23. Februar 2010

“Welche Droge passt zu mir?”, heißt der provokante Titel der Inszenierung des Klecks-Theaters Hannover, die am Sonntag bei “Hart am Wind” gezeigt wurde. Redakteurin Lina Oberacker sah in der Arbeit von Regisseur Harald Schandry eine Mutter auf der Suche nach dem Mut, ihr Leben zu bewältigen.

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Hanna, eine junge Frau. Hausfrau, Mutter eines kleinen Jungen und Gattin ihres Mannes. Voller Liebe und Kraft soll sie sein. Das ist es doch, was von ihr erwartet wird. Der Sohn möchte eine Mutter haben, die ihn liebt. Der Mann ebenso. Und stark soll sie sein.

Aber sie schafft es nicht, ihren Sohn zu lieben. Genauso wenig schafft sie es, ihrem Mann eine starke Gattin zu sein. Hanna schämt sich, sie schämt sich schrecklich für ihre Schwäche. Sie muss stark sein, um diese Schwäche zu überwältigen. So wie der Philosoph Seneka sagte, denn „Liebe ist unvereinbar mit Furcht.”

Immer wieder bezieht die Schauspielerin das Publikum mit ein. Lässt es sich verschiedene Situationen vorstellen. Immer wieder betont sie, dass wir uns nicht trauen, uns der Mut fehlt. Wir trauen uns nicht, bekannte Wege zu verlassen und uns zu neuen Ufern zu bewegen. Die Angst hält uns davon ab. Macht uns verletzlich, schwach.

Im Stück kommen zu diesem Zeitpunkt die Handwerker ins Haus. Über den Lehrling bekommt die Mutter, gespielt von Dagmar Poppy, so an ihre erste Tablette. Ihre Welt wird bunt, ist nun voller Liebe. Ihr Sohn ist der Beste der Welt. Ihr Ehemann der Tollste. Sie strahlt, ist sorglos, zufrieden und frei. Da lässt sich doch über die kleinen Nebenwirkungen, wie ein paar Läuse, leicht hinwegsehen.

„Es ist wichtig, nicht von Drogen abhängig zu sein.” Sie versucht, ihren Konsum zu rechtfertigen. Liest immer wieder Zitate von Seneka vor. Und Drogen, die nehmen wir schließlich nicht für uns, sondern für unsere Mitmenschen. Für diejenigen, von denen wir geliebt werden wollen.

Sie setzt sich mit der Materie auseinander, klärt uns über die verschiedenen Drogensorten und ihre Wirkungen auf. Und man muss auf seinen Körper aufpassen, betont sie.

Die Wirkung der Drogen lässt nach. Hanna kämpft mit sich. Denn man muss sich schließlich selbst unter Kontrolle haben. Ein Teufelskreis beginnt, die Drogen nehmen überhand. Als sie ungewollt von ihrem Mann schwanger wird, verliert sie die Macht über sich selbst. Pumpt Drogen in sich hinein, möchte das Kind verlieren. Mehr und mehr, immer mehr nimmt sie.

Das Bühnenbild ist schlicht gehalten, der Fokus liegt auf Dagmar Poppy. Fabelhaft und mitreißend stemmt sie die Rolle der jungen Hanna. Hin und wieder verlässt sie die Bühne, kommt ins Publikum. Selbstbewusst steht sie dann wieder vorne, reißt uns in ihren Bann. Die Momente des Entzugs sind authentisch dargestellt und regen einen zum mitfühlen an. Eine erwachsene Frau,  die doch nichts möchte, außer liebenswert zu sein. Eine Frau, die Verantwortung tragen sollte und doch dem Drogenkonsum erliegt. Ein Frau, die mit sich selbst kämpft. Mit der Situation überfordert ist. Den Konsum als einzigen Ausweg sieht, um Mut zu erfahren. Ein Stück, mit durchgehend steigender Spannung. Mit Sicherheit ein sehenswerter Part bei „Hart am Wind”.

Vom Rausch der Weiblichkeit

Dienstag, 23. Februar 2010

Es ist 17 Uhr an einem Sonntagnachmittag, es dämmert schon und ich stehe zusammen mit acht von neun Mädels des „Girls! Girls! Girls”-Ensembles des Jungen Schauspiel Hannovers in der Garderobe. Es duftet nach Parfum, Deo und jugendlichem Charme; kurzfristig haben sich die jungen Frauen dafür bereit erklärt, mir einen Einblick in den zurückliegenden Probenprozess und das persönliche Erleben jeder einzelnen Vorstellungen zu gewähren.

Von Redakteurin Tracy Stiehl

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Die neun attraktiven, jungen und blühenden Frauen im Alter zwischen 16 und 23 Jahren, die in Ives Thuwis’ Tanztheaterprojekt „Girls!Girls!Girls!” eine Party der Weiblichkeit feiern, erfahren und erleben in einer Collage aus Tanz, Gesang, Musik und Theater das Frau-Sein und geben dem Publikum gleich eine augenweidende Geschmacksprobe mit. Es ist ein Rausch der Farben, Emotionen und Sinneseindrücke, der ein Facettenreichtum der Weiblichkeit präsentiert.

Im Dezember 2008 starteten die Proben für das Tanztheaterprojekt, welches zu dieser Zeit noch den Arbeitstitel „Weibsbilder” trug. Nach etwa sechs Monaten stand Ende Mai 2009 die Premiere von „Girls!Girls!Girls!”. Auch Lars-Ole Walburg fand Gefallen an den Mädels und übernahm die Inszenierung für eine weitere Spielzeit. Die Mädels sind stolz, dass es auch 2009/2010 schon zu 20 Vorstellungen kam, doch die Nervosität bleibt, ebenso wie die Vorfreude. Nachdem sie bisher schon zwei Gastspiele hatten, folgt auch bald das dritte in Wien.

Jede der jungen Frauen, die alle schon im Vorfeld Erfahrungen im Tanz und Theater gemacht haben, hat ihre eigene, spezielle und großartige Ausstrahlung, die nicht nur auf der Bühne zu sehen und zu spüren ist. Auch während des Gesprächs lässt sich die tiefe Verbundenheit der ganzen Gruppe, die eine Folge der intensiven Probenzeiten ist, fühlen. Monatelanges Ausprobieren und Intensivproben in den Ferien, trotz Abistress, haben sie zu einem Ganzen geschweißt, und das wird auch dem Publikum nicht entgehen.

Sie haben auf Ferien, Partys und Freunde verzichtet, und haben dafür eine großartige Theaterarbeit erfahren. Die Zusammenarbeit mit Ives Thuwis empfanden sie alle als angenehm und spannend, trotz blauer Flecke und blutender Füße. Auch die anfänglichen Hemmungen fielen schon nach den ersten Proben: „Ives war immer unser Papi.”

Die Mädchen waren sich einig, dass sie sogar viel über das Frau-Sein von ihm lernen konnten:„Er hat selbst so eine Weiblichkeit, nichts war uns peinlich, wir brauchten keine Hemmungen oder Ängste haben.” Insofern verkörpert Ives für die Mädels ein Vorbild, an dem sie sich oft ein Beispiel nahmen.

Das Regiekonzept des Regisseurs gab den Darstellerinnen viele Freiheiten in der Erarbeitung des Stückes: Er ließ sie sich ausprobieren, animierte sie zu Experimenten und rief sie immer wieder dazu auf, eigene Ideen einzubringen. Auch erlaubte sich Ives, die Mädels in Privatgesprächen zu beobachten und sich von ihrem Auftreten und Gesprächen inspirieren zu lassen.

Ziel war es, dass jede sich selber spielt, allerdings mit einem Schwerpunkt auf einer bestimmten Eigenschaft. Dass Annette Thora Wurtmann der Tollpatsch ist, wird keinem Zuschauer entgehen. Die Rollenarbeit dauerte über die ganze Probenzeit an und war teilweise erst kurz vor der Premiere abgeschlossen. „Wenn wir ‘ne Woche vor der Premiere wissen, wie das Stück wird, haben wir schon Glück” – ein humorvoller Versuch des Regisseurs, den Mädels die Sorge und den Druck zu nehmen. Schließlich stammen Musik-, Bühne- und Kostümideen alle von Ives und seinem Team. Für die Girls war jede neue Info und jede getroffene Entscheidung ein Highlight: „Ja! Wir bekommen noch ein zweites Kostüm!” Dennoch blieben sie in mancher Hinsicht bis zum Schluss skeptisch: „Ist diese Musik nur zum Proben da, oder gehört die zum Stück?”, „Was, Glitzer? Discokugeln?” Nichts desto trotz hatten alle neun Mädels vollstes Vertrauen in Ives Arbeit. Und dieser Glaube in die eigene Gruppe und das gesamte Team ließ „Girls!Girls!Girls!” zu einem erfolgreichen Projekt für das Publikum Hannovers werden. Freunde, Bekannte, Verwandte und „fremde” Zuschauer bestätigen diesen Erfolg mit ausverkauften Vorstellungen und Feedbacks im Sinne von „Geil!Geil!Geil!”. Jedoch sind auch hier die Rückmeldungen geschlechtsspezifisch: Weibliche Zuschauer nicken das gespielte ab, können sich mit den Personen auf der Bühne identifizieren und finden es toll, dass so viele schöne und spannende Facetten einer Frau gezeigt werden. Das männliche Publikum wird dagegen zum Nachdenken angeregt, blickt teilweise mit offenem Mund bewundernd und erstaunt auf die Bühne und stellt überraschte Fragen: „Wie bitte, ihr rülpst auch?”

Mädchen oder Frau- sind es Weibsbilder oder Girls, haben sie Spaß am Mädchen sein oder leben sie schon die Verantwortungen einer Frau? Ist ein Mädchen eine Frau wenn sie auch mal sexy ist, haben es Mädchen leichter als Frauen?

Die Mischung machts! Und es ist von Vorteil, wenn man sich beides offen hält!

Boys don’t cry: “Ein Hoffnungsträger sprengt alle Erwartungen – deshalb wird er von seinem Clan getötet”

Montag, 22. Februar 2010

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Von Katharina Nay

Mittwoch: Wir treffen uns mit Simon Helbling um 19.15 Uhr im Teestübchen auf dem Ballhofplatz. Obwohl um 20 Uhr die zweite Hauptprobe von „Boys don´t cry” beginnt und hinter der Bühne Hochbetrieb herrscht, wirkt der Dramaturg des Stücks relativ gelassen. Eine Viertelstunde habe er Zeit, um unsere Fragen zu beantworten, bevor er wieder zurück müsse, um die Hauptprobe zu sehen, sagt er. Weil es schwierig war, vorab eine Probe zu besuchen, sind wir nun begierig, etwas über das Stück und die Arbeitsweise der Regisseurin Heike M. Götze zu erfahren.

Der Film “Boys don’t cry” von 1999 erzählt die Geschichte von Brandon Teena, einem charmanten Draufgänger, der neu nach Nebraska (USA) kommt. Als sich heraus stellt, dass er eigentlich Teena Brandon heißt und den Körper einer Frau hat, wird er von seinen neuen Freunden vergewaltigt und getötet. Was hat euch an diesem Stoff gereizt?

Die Hauptfigur ist transsexuell, also haben wir uns natürlich mit diesem Thema auseinander gesetzt. Aber die Frage ist ja, ob das überhaupt interessant ist. Die Transsexualität ist spannend, weil du den Fragen, die sie dir stellt, irgendwann nicht mehr ausweichen kannst. Ich persönlich habe das an meiner Herangehensweise an das Thema bemerkt. Anfangs dachte ich, Transsexuelle können ihr Geschlecht einfach ändern. Im Zuge der Recherche habe ich mit mehreren transsexuellen Menschen gesprochen und erfahren, dass sie Klischees bedienen müssen, um überhaupt als transsexuell anerkannt zu werden. Die Gesetzeslage ist wirklich diskriminierend. Du merkst dann auch bald, wie klischeebeladen du selber bist. Ich, der ich mich als einen liberalen, offenen und im Prinzip nicht in Rollenbildern denkenden Menschen empfinde, merke plötzlich, dass ich in Bezug auf Trans- oder Intersexualität kreuzblöd bin.

Was ist der Unterschied zwischen Trans- und Intersexualität?

Transsexuell ist jemand, der sich als ein anderes Geschlecht begreift, als jenes, das er biologisch hat. Ein intersexueller Mensch wurde früher als Zwitter oder Hermaphrodit bezeichnet und ist jemand, der biologisch sowohl über männliche als auch über weibliche Geschlechtsmerkmale verfügt. Man vermutet, dass auch Transsexualität körperliche Ursachen hat, aber dazu lässt sich schwerlich etwas sagen. Ich werde meine Kinder dahingehend erziehen, dass es drei Geschlechter gibt und nicht zwei: Mann, Frau und Intersexuelle(r).

Wohin habt ihr den Schwerpunkt der Inszenierung gelegt?

Im Laufe der Proben haben wir gemerkt, dass es spannender ist, zu untersuchen, in welcher Umgebung Verbrechen wie das an Brandon Teena passieren, welches Umfeld solche Taten hervorbringt und fördert, als die Geschichte eines Transsexuellen zu erzählen. In Falls City, wo ganz klar ist, was ein Mann oder eine Frau zu tun hat und warum die Liebesgeschichte zwischen Brandon und Lana so nicht stattfinden konnte, scheint so ein Verbrechen nur logisch. Wenn man unsere Inszenierung anschaut, dann steht nicht die Transsexuellengeschichte im Vordergrund, sondern mehr dieses Clan-Verhalten. Wie verhalte ich mich in einer Gruppe, was passiert, wenn plötzlich jemand kommt, der für mich zum Hoffungsträger wird. Auf den ich alles projezieren kann, was ich mir schon immer gewünscht habe und als Ausgleich diesen Utopiebringer, diesen Utopieengel finde, der dann überhaupt nicht das ist, für das ich ihn halten will.  Die Verletzung besteht dann nicht nur darin, dass ein biologisches Merkmal fehlt, ich also mein Gegenüber für jemanden gehalten habe, der er nicht ist, sondern auch darin, dass ich mich stärker als Frau empfunden habe, weil ich mein Gegenüber als Mann klassifiziert und erlebt habe. Das stellt mich in Frage und sprengt das Clan-Gefüge. In dieser sehr öden Kleinstadt in Amerika leben an sich sehr verzweifelte Menschen, die sich miteinander verbrüdern, um über die Runden zu kommen. Und dann taucht diese Figur auf, die den Horizont öffnet und dann die Erwartungen und Hoffnungen sprengt.

Das klingt so, als ob bei der Arbeit an der Inszenierung die Körperlichkeit eine große Rolle gespielt haben muss. War die Arbeit tatsächlich sehr körperlich?

Ja, Heike arbeitet sehr körperbetont. Sie hat für mich eine sehr starke Arbeitsweise gefunden, die nicht nach einer platten Psychologie funktioniert, sondern sie übersteigert psychologische Prozesse und macht sie dadurch für mich erfahrbar. Die Innerlichkeiten der Figur oder der Figurengruppe setzt sie auf eine Körper-Sprach-Choreographie. Heike arbeitet sehr stark rhythmisch und weniger psychologisch-naturalistisch.

Beim Überfliegen des Skripts zeichnet sich ab, dass sich Chor und Einzelstimmen abwechseln, dass es keine langen Monologe gibt.  Ist das Stück so temporeich oder täuscht der Eindruck?

Es ist ein temporeiches Stück.

Hat sich das Stück sehr verändert ihm Laufe der Proben? Habt ihr viel rausgenommen, was die Dramaturgie verändert hat?

Mit Heikes Arbeitsweise war es so, dass wir in den ersten zwei Wochen überhaupt nicht mit Text geprobt, aber ununterbrochen an der Fassung gearbeitet haben. Heike will die Schauspieler zuerst einmal mit Futter füllen. Wir haben Filme geschaut, irrsinnig viel getanzt und improvisiert. Die Schauspieler, die Inszenierung muss gefüllt sein, um den Stoff sichtbar machen zu können und das hat sowohl mit dem Text als auch mit einer bestimmten Körperlichkeit der SpielerInnen zu tun.

Habt ihr die Fassung parallel zu den Proben geschrieben?

Ja, genau. In der ersten Phase haben wir immer wieder auch nach den Proben an der Textfassung gearbeitet. Gelenkt durch die Dinge, auf die wir mit den Schauspielern während des Probierens stießen. Dann stand das Grundgerüst, das durch den Probenprozess natürlich immer wieder Veränderungen unterlag. Wir haben projektartig geschrieben und haben die Ergebnisse der Proben ins Skript einfließen lassen.

Nach den zwei Wochen seid ihr dann chronologisch Szene für Szene vorgegangen?

Nein. Die Arbeitsweise war ein lautes Sprechen über das Thema. Dann gab es einen Teil Improvisation, mit dem Körper arbeiten, Bühne erkunden, Musik finden, etwas mit Tanz versuchen und immer wieder lesen. Heike ist auch mit der Sprache sehr akribisch, genauso wie sie mit den Körpern unglaublich akribisch arbeitet. Das Lesen war ein Durchlesen, ein Präzisieren. Eine erste szenische Probe gab es in diesem Sinne gar nicht. Irgendwann fügt sich dann alles so zusammen, dass in den Improvisationen Texte einfließen. Ich könnte gar nicht mehr sagen, ob wir bei der ersten Szene angefangen haben.

Arbeitest Du schon länger mit Heike zusammen?

Ja, wir haben 2007 das erste Mal zusammen gearbeitet. Das war in Zürich an der Hochschule, für ihre Diplominszenierung “Spieltrieb” von Juli Zeh. Damit hat sie den Preis der Körberstiftung gewonnen. Einmal habe ich in den Endproben eines Stücks mitgeholfen, in dem sie die Hauptrolle übernommen hatte und 2009 haben wir zusammen mit Markus Gerber in der Roten Fabrik in Zürich eine siebentägige Dauerperformance gemacht. Wir kennen uns persönlich sehr gut und sprechen immer über unsere Arbeiten. Aber es ist nicht so, dass ich ihr Standarddramaturg bin.

Was glaubst du möchte Heike in den Zuschauern auslösen, wenn sie ihre Arbeit so direkt auf das Publikum ausrichtet?

Das macht sie zum Glück ohne größere Intention. Heike arbeitet nicht mit dem Vorsatz, dass beim Zuschauer dies oder jenes passieren muss, sondern lädt ihn ein, sich dem Geschehen direkt auszusetzen.

Was bedeutet es, dass sie sich so direkt an die Zuschauer wendet?

Sie arbeitet nicht mit der Absicht, dies oder jenes zu einer bestimmten Zeit zu erreichen, sondern sie lässt sich vom Thema führen. Sich an die Zuschauer richten, wie sich auch die Figuren sehr häufig die Zuschauer anschauen, den Spielpartner nicht dirket anspielen, das ist ein Interesse, das geht, glaube ich, auf ihre grundsätzliche Haltung zum Theater zurück.

Lässt sich das Ensemble von dieser Arbeitsweise tragen?

Jeder hat seine ganz eigene Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber wir haben tolle Schauspieler, wir hatten riesiges Glück. Sie sind von Anfang an mitgegangen, damit hier gemeinsam eine Geschichte erzählt wird. Das ist vielleicht der Punkt: Man erzählt gemeinsam eine Geschichte. Die anderen sind nicht nur Zuspieler für den Leidensweg von Brandon. Die Schauspieler waren begeistert auf der Probe, sie haben sich mit dem Stoff auseinandersetzen wollen, sie haben sich von Heke führen lassen.

Es scheint auf den ersten Blick ein sehr amerikanischer Stoff zu sein. Lässt sich dieser Stoff übertragen oder ist er aus anderen Perspektiven lesbar?

Wir haben gemerkt, dass wir auf der falschen Fährte sind, wenn wir davon ausgehen, dass es nur dort hätte passieren können. Auch geht dieses Stück über das Thema der Transsexualität hinaus und stellt Fragen nach Grenzen, Grenzenlosigkeit, Identität und an die Selbstwahrnehmung. Wir finden es interessant, danach zu fragen, wie menschliches Miteinander funktioniert und was passiert, wenn man Menschen verunsichert, indem man ihre Kleingefüge sprengt.

Wenn man Fotos von Brandon Teena sieht, würde man ihn ohne das Hintergrundwissen selbstverständlich als Jungen erkennen und akzeptieren.

Ja, das ist verblüffend. Uns geht es noch immer so. Es gibt Tage, an denen wir Fotos anschauen oder den Dokumentarfilm sehen und denken: “Ja klar, das ist eine Frau. Was habt ihr für ein Problem?” Und es gibt genauso Tage, an denen wir denken: “Das ist ganz klar ein Mann”. John Lotte, einer der Mörder, hat im Dokumentarfilm gesagt: “Warum ist mir das nicht aufgefallen? Wo ist der Adamsapfel? Die Gesichtszüge.. Natürlich ist es eine Frau, ich war nur zu blöd.” Und daran merkt man, wie schnell diese geschlechterspezifische Zuordnung erfolgt. Diese Zuordnung ist eigentlich eine kulturelle und keine psychologische oder biologische. Wenn eine Frau ein Kind gebiert und der Satz kommt: “Es ist ein/e…”, erfolgt die Zuordnung. Im alltäglichen Leben sehe ich die Eier nicht, Brüste mal mehr mal weniger. Aber nicht, wie es zwischen den Beinen ausschaut. Für unser Stück bedeutet es, dass diese Menschen auf der Suche nach einem Mann waren, wie Brandon vorgab, einer zu sein. Das war die ideale Kombination: Er wollte akzeptiert werden und sie wollten in ihm einen solchen Mann sehen.

Hart am Wind_„Die Reise nach Ugri-La-Brek hab ich auf dem Grabbeltisch gefunden”

Montag, 22. Februar 2010

Ruth Rutkowski, Regisseurin und Gründerin der freien Theatergruppe „FensterZurStadt” in Hannover, entführt mit jeder Inszenierung in eine neue Welt. Zu „Hart am Wind” wurde ihr Musiktheaterstück „Die Reise nach Ugri-La-Brek” (Sonntag, 16 Uhr und Montag 10 Uhr) eingeladen, das schon in Korea und Japan aufgeführt wurde und den Jugendtheaterpreis der Lottostiftung bekommen hat. Jugendredakteurin Lena Kalisch hat mit Ruth Rutkowski über den spannenden Weg gesprochen, den ein Bilderbuch zurück legt, bis es zu einer Inszenierung auf der Bühne geworden ist.

„Die Reise nach Ugri-La-Brek” ist ja ursprünglich ein Bilderbuch. Vor welche Schwierigkeiten hat euch die Bearbeitung in eine Inszenierung gestellt?

Natürlich war es erst mal herausfordernd: Kann man ein Bilderbuch überhaupt auf die Bühne bringen? Das Buch setzt sich zusammen aus einer sehr assoziativen Sprache und sehr klaren, fantasievollen Bildern, die sehr dominant sind und oft die halbe Seite einnehmen. Die Geschichte lässt viel Raum für Fantasie. Von Beginn der Proben an waren neben zwei Schauspielern zwei Musiker dabei, die zum Text komponiert haben. Die Musik macht es möglich, die Farben, die in dem Bilderbuch so viel erzählen, zu transportieren.

Woher nimmst du deine Ideen?

Das kommt immer ganz darauf an. Manchmal kommen die Ideen durch Räume, die an sich schon so viele Geschichten zu erzählen haben. Manchmal sind es einfach Zufälle. „Die Reise nach Ugri -La-Brek” lag zum Beispiel auf dem Grabbeltisch bei Karstadt. Ich habe es für meinen Sohn mitgenommen weil es mir einfach äußerlich gefallen hat, aber erst Zuhause beim Vorlesen habe ich bemerkt, was für eine tolle Geschichte das ist. 2008 wurden wir mit dem Stück nach Korea und Japan eingeladen. Durch die Reiseinspiration sind wir auf die Idee gekommen, mit den Texten von dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami zu arbeiten, und so folgten neue Inszenierungen.

Haben sich die Reaktionen der Zuschauer in Japan von den Reaktionen in Deutschland unterschieden?

Die Reaktionen fallen immer ganz anders aus. Jeder interpretiert das Stück individuell und jede Interpretation ist richtig. Die japanischen Zuschauer waren sehr konzentriert und diszipliniert. Wir haben das Stück auf deutsch aufgeführt und ein paar Mal stand ein Übersetzer auf und gab eine kurze Zusammenfassung auf japanisch, das wurde dann von uns musikalisch begleitet – das war lustig, man hatte das Gefühl, das gehöre so ins Stück.

Wie hat dein Sohn auf die Inszenierung reagiert?

„Mama, das kenn ich! Das ist die Reise nach Ugri-La-Brek” Mittlerweile hat er das Stück bestimmt zehn Mal gesehen und war auch schon mit seiner Schulklasse drin. Da war er natürlich stolz, weil sein Papa mitspielt.

In vielen Inszenierungen kommen die Kostüme größtenteils von dir. Hast du auch eine Schneiderlehre gemacht?

Nein. Im Westen gabs so tolle kurze Turnhosen mit einem runden Saum. Bei uns im Osten ist man da natürlich nicht ran gekommen. Aber meine Mutter hatte eine Nähmaschine und so habe ich angefangen, zu improvisieren, zu erfinden, und mir meine Klamotten selbst zu machen. Das ist auch noch so eine Herzensangelegenheit.

Was für einen Berufswunsch hattest du als Kind?

Trainerin. Ich habe Leichtathletik gemacht und hatte so einen tollen Trainer. Nicht nur, dass er gut aussah, er war einfach ein toller, motivierender Trainer. Eigentlich bin ich das ja auch geworden. Ich arbeite mit einem Team, das ich motivieren und überzeugen muss.

Wenn du einen Wunsch frei hättest…?

Ich war noch nie an einem weißen Strand mit Palmen und blauem Meer. Ja, das klingt kitschig aber ich habe noch nie so ein Bild vom Paradies gesehen. Schon im Osten wusste ich, dass ich so einen Ort nicht besuchen könnte weil ich ja eben dort lebte. Aber jetzt würde ich gerne mal an so einen Ort, fünf Tage lang, mit meinem Freund.