Anne Laubner
4. Mai 2009
Soldat Ost. Soldat West. Schuld, viel Scheiße erlebt, Alkoholismus, symbolträchtige Bilder. Geister der Vergangenheit, Aufbrechen von Unbewusstem. Peng. Blut fließt. Psycho. Peng. Kein Entrinnen vorm Ich. – 20 Jahre Mauerfall. Ja, dieses Jahr. Falls es noch keiner mitbekommen hat, so wird man wohl anno 2009 mit DDR-Themen überhäuft. Nicht genug wurde dazu bis jetzt gesagt, geschrieben, gefilmt. Bis jetzt. Nun wird viel gesagt. Zum einstigen realexistierenden Sozialismus. Warum nicht auch schon in den letzten 20 Jahren? Vielleicht wird so viel gesagt, dass am Ende wiederum ein verzerrtes, verwässertes Bild entsteht. Die DDR ist in. Und längst untergegangen. Mit ihr viele Menschen. Bis heute und noch fortan. Man läuft Gefahr, dass sich DDR-Klischees im Kopf festsetzen. Oder wissen Sie/wisst ihr wirklich, wie grau die Gesichter, wie bunt die Paraden, wie senil die ZKler waren. Peng.
Matthias Slunitschek
4. Mai 2009
1. Rang, Reihe 1, Mitte. Von oben sieht Miriams genomische Formel aus wie Aufzeichnungen eines Messgeräts für Temperatur und Feuchte in einem Museum. Gerade in diesem Bild spiegelt sich auch das Verhältnis der Inszenierung “Black Tie” von Rimini Protokoll zum Theatersaal wieder. Das Messgerät ist notwendigerweise Teil einer Ausstellung. Nicht weil ein Kurator es zum Exponat erklärt, vielmehr weil es da (im Museum) ist und als ein solches vom Besucher betrachtet werden kann. (Gehen Sie mal nach Karlsruhe (ZKM) und beobachten das.)
Mit dieser SELBSTverständlichkeit, hier und jetzt (3.05., Städtische Bühne Heidelberg) ein ästhetisches Werk zu sein, kommt auch Miriam Yung Min Steins Biographie daher. Sie wird in einem Museen-Kontext vorgestellt, ist aber doch mehr diese Auswertung gemessener Daten, als das Ölgemälde an der Wand oder der Farb-Raum-Körper an der Decke.
Trotz alle dem bleibt “Black Tie” ein Theaterstück, kein Multi-Media-Vortrag, keine Info-Veranstaltung über Adoptionsverfahren von asiatischen Kleinkindern und die Praxis der Gen-Analyse, ein Theaterstück. Obwohl alles Thema wird: Miriam Steins Konturen verschwimmen zuweilen in der Projektion ihrer blau-grün-gelben Gensuppe, ein Video über die Adoption eines Kindes (Stein kommentiert: “Hier erfolgt die Warenübergabe”) macht einen übel und von irgendwelchen R’s oder DH’s in unserem genetischen Satz zu sprechen, die für irgendwelche Auffälligkeiten (Krankheiten) verantwortlich sind, wirkt in seiner informativen Belanglosigkeit irrsinns witzig. IST DAS EIN VON ALLER sprachlichen und dramatischen ARTISTIK BEFREITES AFFEKTTHEATER??? Eigentlich nicht so wichtig.
Viel interessanter: Was meinen Helgard Haug und Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) eigentlich, wenn sie sagen (Nachgespräch mit Axel Preuss), sie wollten das Theater [mit ihren Stücken] hinterfragen?
Ein schöner Sonntag war das.
Matthias Becker
5. Mai 2009
Ligna,
nein keine Holzfachmesse, sondern die Gruppe aus Hamburgs Kampnagel. Also Gruppe im weitesten Sinne. Man muss ja nicht immer alles in eine Schublade packen. Kann man aber in diesem Fall auch nicht wirklich. Performance, Radio, Theater, Gymnastik? Is auch egal. Hat spaß gemacht. Historische Abrisse über Brecht, Chaplin, Laban und Meyerhold. Durch Kopfhörer dringt in mich ein eine Stimme die mir sagt, was ich zu tun habe. Ich folge. Taste, laufe und springe. Ich beobachte dabei die anderen. Die machen das gleiche, aber zeitversetzt. Ich stelle mir vor wie das wohl von oben aussieht, was wir hier machen, dann widme ich mich den Leibesbetätigungen. Ich schwitze. Ich will nicht kategorisieren. Ich habe mich 70 min im Raum bewegt. Habe beobachtet, die anderen angesehen.
Danach sind wir zum Gastspiel aus Baden-Baden
„Morgen ist auch noch ein Tag“ vom Löhle
2 Alte kommen angerollt, der Mercedesstern unten am Rollator befestigt, verrät, dass diese beiden Alten etwas anders sind. Karl Auer( was für ein Name) ist aus seinem Beruf ausgeschieden und will jetzt zu hause lümmeln, nix machen. Nur seine Frau kommt damit nich klar. In knackig pointierten Dialogen eröffnet sich die Distanz von Mann und Frau. Die zwei Alten, wie kleine Teufel, bekehren Karl Auer endlich in den Club der Alten einzutreten. Der Club ist nicht nur Club, sondern auch eine kleine Organisation gegen Junge Menschen. Da wird sich vor ein Auto geworfen oder sich beim Vermieter beschwert. (UI, toll!) Schade, dass diese Aktionen nur an der Oberfläche kratzen und es keine Alten- Revolution gibt.Aber das is vielleicht auch ein anderes Stück. Jedenfalls bricht, das ganze ab und es bleibt offen ob es eine Versöhnung gibt. Ich mochte den langen Text über Karl Auer gleich zu beginn, der ins Publikum gesprochen wohl eine größere Kraft hätte entwickeln können. Die Dialoge und die Namen waren mir dann zu witzig (Theaterstadl). Auch eher unpassend, das Spiel der Schauspieler, diese spielten nochmals auf die Dialoge eine Spur Witzichkeit (kennt keine Grenzen…!). Schön, aber dass dieser Text abbricht und Leerstellen hinterlässt.
Die Gemeinsamkeiten des Philipp Löhle
Von Bastian Buchtaleck
Der junge Dramatiker und Hausautor am Maxim Gorki Theater Berlin Philipp Löhle war zentraler Bestandteil des Heidelberger Stückemarkts 2009. Als Lehrer leitete er eine Schreibwerkstatt. Als Mensch konnte man ihm im typischen Festivaldrumherum erleben und als Autor wurden drei seiner Stücke in einer Werkschau präsentiert. Neben „Genannt Gospodin (Aufführung am 5. Mai 2009 im zwinger 1), mit dem Löhle den Durchbruch schaffte, waren noch „Lilly Link oder schwere Zeiten für die Rev…“ (Aufführung am 7. Mai 2009 im zwinger 1) und „Morgen ist auch noch ein Tag“ (Aufführung am 4. Mai 2009 in der Städtischen Bühne Heidelberg) zu sehen. Zumindest für diese drei Stücke hat Philipp Löhle zu einem eigenen Stil und Themenkomplex gefunden.
Konkret: Es gibt Gospodin („Genannt Gospodin“), der Geld für unnötig hält und sich so ausgrenzt. Es gibt Lilly („Lilly Link oder schwere Zeiten für die Rev…“), die an den rev… Aktionen vergangener Tage festhält und sich so ausgrenzt. Und es gibt den Neu-Rentner Karl („Morgen ist auch noch ein Tag“), der nichts mehr tun will. Alle Stücke eröffnen die Frage: Wie leben in diesen kapitalistischen Zeiten? Die Hauptfiguren nehmen Haltungen ein, die konträr zu den gesellschaftlichen Gepflogenheiten stehen. Darum werden sie von ihrer Umgebung angefeindet. Adorno hat in „Minima Moralia“ den Satz geprägt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Aber genau das versuchen Löhles Figuren: Sie kehren dem ‘falschen Leben’ in der Gesellschaft den Rücken und streben ein individuelles ‘richtiges’ Leben an. Zugleich scheitern die Figuren in ihren Bestrebungen, aber nicht, weil es unmöglich wäre, richtig zu leben, sondern weil das falsche Leben das richtige immer sanktioniert oder einfach auffrisst.
Gemeinsam ist den Figuren auch, dass sie in einer Zweierbeziehung leben, diese jedoch zu Beginn des Stücks zerbricht. Sie verlieren mit ihrer engsten Bezugsperson ihren Halt und bekommen so erst die Möglichkeit, eine extremere Haltung einzunehmen. Stilistisch wechseln sich monologisch gesprochene Erzählpassagen mit knackigen, manchmal auch witzigen, absurden oder grotesken Dialogen ab. Die Erzählpassagen kommentieren die Dialoge oder leiten sie ein – sie haben etwas episches. Die Dialoge dagegen sind sehr weltlich, ohne dass in ihnen Weltschmerz geredet wird. Sie sind nicht Träger von Handlung oder Gefühlen, sondern beides entwickelt sich aus ihnen.
Von Josef Simon
6. Mai 2009
br: willst du nicht mal berichten, was auf der bühne los ist?
bl: schon.
br: warum machst dus dann nicht?
bl: gut, von welcher?
br: sehr lustig.
bl: von der bühne vorne, meinst du?
br: naja, jedenfalls mal nicht nur von deiner eigenen, du egozentriker.
bl: warum kritisiert du mich?
br: machst du doch auch ständig.
bl: das stimmt doch gar nicht.
br: doch. Und du bist eitel.
bl: wunderbar. ich würde mal gerne gospodin zitieren: deine sicht.
br: wer ist denn gospodin?
bl: eine figur aus einem stück, so wie ich.
br: aha.
(bloggy überlegt.)
br: du langweilst mich.
bl: aha.
br: du inspirierst mich nicht.
bl: aha.
br: du schmorst die ganze zeit nur in deinem eigenen saft und suchst die ganze zeit irgendwelche anerkennung und schulterklopfer. das ist krank.
bl: ich bin also krank.
(brocki nickt.)
bl: okay, danke. dann weiß ich ja bescheid.
…
br: brösmeli hat papi gesagt.
bl: ich weiß.
br: ich wollte dich aufbauen.
bl: kein problem. es geht mir gut.
(brocki lächelt.)
bl: weißt du, so ein leben auf dem markt ist anstrengend. es gibt sehr viele angebote und man weiß nie, was man wirklich braucht.
br: mh.
bl: vorgestern zum beispiel gab es ein stück, bei dem man selber mitmachen konnte. die zuschauer wurden mit kopfhörern ausgestattet und dann kamen verschiedene anweisungen. und das komische war: die leute sind sofort aufgesprungen um mitzumachen. ich hab das gefühl, viele menschen brauchen jemanden, der ihnen sagt, wos langgeht.
br: so wie du.
bl: was? nein. ich bin doch ein freigeist.
br: wenn du mich nicht hättest, wüsstest du auch nicht wos langgeht.
bl: so ein quatsch. ich bin selbständig.
br: deine sicht
Von Georg Bütow
9. Mai 2009
Wer ist der Beste? Wer bleibt in Erinnerung? Wer ist der Gewinner?
Seit 3 Tagen und manchen Nächten sitzt die Schreibwerkstatt zusammen und berät sich- Augenringe, bleiche Gesichter, Kaffee, Zigaretten, Diskussionen bis zum Morgengrauen. Handgreiflichkeiten, Zerwürfnisse, anschließendes in den Armen liegen, Verzweiflung, Euphorie, Migräne, Kopfschmerzen, Abkühlung durch einen Aphorismus, Bluthochdruck, man könnte sagen, die Krönung des neuen Königs der jungen Dramatiker beschäftigt die Schreibwerkstättler bis in die Träume.
Wer ist Ihr Favorit?
Gnadenlos, ohne Rücksicht auf die eigene körperliche und seelische Gesundheit zermartern wir uns hier die Schädel. Wer wird es sein? Der junge Mann mit den Kopfhörern? Die attraktive Griechin? Der kontrovers diskutierte Scherz? Der geheimnisvolle Schweizer aus dem Gletschereis? Oder doch jemand ganz anderes?
Sie attackierten unser Unterbewusstsein, sie brachen unser Herz, erhellten uns den Tag und raubten uns die Nacht. Jetzt steigt der Druck: Das nervöse Sextett muss sich bis Samstag um 15.00 einigen, wer den Autorenpreis der Schreibwerkstatt erhält, diesen heißumkämpften Lorbeerkranz der Poesie.
Schreiben Sie uns Ihre Favoriten!
Es wird eine lange Nacht…
P.S. Der Jurypreis der Schreibwerkstatt bestand dieses Jahr aus einem Lorbeerkranz und einem Custom- Fitted Geschenk für den Sieger
Daniel Mezger mit Findlinge