gestern abend wurde im zwinger INGA UND LUTZ gezeigt. weil in der printausgabe der OYUN heuer kein platz mehr war für die kritik von schülerin und OYUN-redaktionsmitglied elsa, wird es sie hier zu lesen geben. viel spaß mit elsa, INGA UND LUTZ!
fos
Shit Happens
Oder wie ein Schnellkochtopf dein Leben aus dem Gleichgewicht bringen kann

trash und splatter bei INGA UND LUTZ
Der Saal ist voll, mühsam finde ich noch einen Platz rechts außen, sogar noch relativ weit vorne, weil ein älterer Herr etwas zur Seite rutscht. Es strömen immer mehr Menschen in den Saal des Zwinger 3 in Heidelberg, immer und immer mehr, als würden sie angezogen von einer höheren Macht. Was diese Macht ist? Es ist ein Name, der alle Großes erwarten lässt, der des Nis-Momme Stockmann. Wer DER MANN DER DIE WELT ASS gesehen hat, mit dem Stockmann 2009 den Autorenpreis und den Publikumspreis des HEIDELBERGER STÜCKEMARKTS gewann, erwartet große Emotionen, Tragik und Komik, Dialoge, die einem das Herz zerreißen, die dem Zuschauer unbarmherzig den Spiegel vors Gesicht halten und ihn daran erinnern, dass ihm das Gleiche passieren kann, dass er doch auch nur ein Mensch ist. Wer zuletzt in EXPEDITION UND PSYCHIATRIE war, einem Stück, das Stockmann nicht nur geschrieben, sondern auch inszeniert hat, der erwartet wohl eher die große Wiedergutmachung. So oder so, der Saal ist zum Bersten voll, das Spiel beginnt. „Je perfekter das System, desto gigantischer und verheerender sein Zusammenbruch.” Ein Mann und eine Frau, die sich lieben, sich ergänzen, sich vertrauen. Inga und Lutz. Perfekt. Die Frau, die ein Kind will, die darauf drängt, endlich die kaputte Waschmaschine zu ersetzen. Der Mann, der sich lieber mit seiner Flintensammlung beschäftigt, als sich Problemen zu stellen, der es allen recht machen will, der seinen Job verliert, vom Amt als „unvermittelbar” eingestuft wird. Ein Sozialwissenschaftler, ein Akademiker, nutzlos geworden, ein Versager, der sich von seiner Frau Geld leihen will, um – auf Drängen seines besten Freundes – mit ihm eine eigene Firma zu gründen. Aber Lutz bekommt das Geld nicht, weil es für das gemeinsame Kind bestimmt ist, das er gar nicht haben will. Ein Paar in Berlin Neukölln, wo die „Depressionen architektonisch geplant sind”. Ein Paar kurz vor dem verheerenden Zusammenbruch. Ein einziger Tag im Leben von Inga und Lutz. Ganz normale Menschen in Neukölln sind das, die an einer Gesellschaft zerbrechen, die nur noch auf Geld aus ist, in der der Mensch nur funktionieren muss, in der nichts mehr echt ist. Und sie funktionieren perfekt, Inga (Anika Baumann) und Lutz (Philipp Richardt) und auch Britta (Theresa Langer) und Manni (Philipp Plessmann), ihre Freunde, sie alle erfüllen ihre Pflicht – und geraten doch ins Wanken. Sie versuchen mit aller Kraft, wieder ins Lot zu kommen, die Ordnung wieder herzustellen. Mit besten Absichten, aber ohnmächtig und verloren, stolpern sie in die Katastrophe und die Gewalt. Es sind ganz normale Menschen, die sich nach Glück sehnen, fern des Kapitalismus´. Also doch eher DER MANN DER DIE WELT ASS? Der Stoff, den er in INGA UND LUTZ verhandelt, liegt Stockmann sehr am Herzen und er ist eigentlich alles andere als komisch. Und doch ist er hier auf so kunterbunte und lustige Art und Weise aufbereitet, dass das Publikum immer wieder in Lachen ausbricht. Doch noch während man lacht, möchte man am liebsten weinen: So groß ist das Grauen der Situation. Der Stücktext ist manchmal bewegend, manchmal bedrückend – mit vielen ausdrucksstarken Metaphern und Bildern illustriert und hervorgehoben durch einen Erzähler, der das Geschehen immer wieder trocken kommentiert, als hätte er sich dieses Beispiel einer menschlichen Tragödie selbst ausgedacht. Regisseur Alexis Bug hat das Stück mit viel grellbuntem Plastikspielzeug und weißer Theke im schwarzen Raum in Szene gesetzt. Die Inszenierung vom Theater Braunschweig ist eine abstrakte, die den Text und das Innenleben der Protagonisten in den Mittelpunkt stellt und uns auf eindrucksvolle und überaus sehenswerte Weise demonstriert, dass ein nicht abgeholter Schnellkochtopf die kosmische Ordnung ins Wanken bringen kann.
Von Elsa Wellmann-Gilcher