Blog „Heidelberger Stückemarkt 2012“

Montag, 7. Mai 2012

…und damit geht der Stückemarkt 2012 zu Ende. Doch wir wissen ja: Nach dem Stückemarkt ist vor dem Stückemarkt.

In diesem Sinne. Auf Wiedersehen Stückemarkt.

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Auf Wiedersehen Heidelberg.

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Schön wars!

Für die Junge Bühne

Eure Vanessa

Die Preisträger im Überblick

Montag, 7. Mai 2012

Hier nun noch einmal alle Stückemarkt-Preisträger

Autorenpreis: Thomas Arzt für sein Stück Alpenvorland

Internationaler Autorenpreis: Dina Soliman für A´Raies

Jugendstückepreis: Fatima von Atiha Sen Gupta, beim Stückemarkt präsentiert in der Inszenierung des Staatstheater Hannover in der Regie von Mina Salehpour

Nachwuchspreis: Wolfram Höll für sein Stück Und dann

Publikumspreis: Katja Hensel für ihr Stück [önf] – womit keine Zahl rechnet

Zweitaufführungspreis: Villa Dolorosa von Rebekka Kricheldorf in der Regie von Erich Sidler, inszeniert am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken 

Autorenwettbewerb: Zwei Preisträger

Sonntag, 6. Mai 2012

Ein Gespräch mit Jury-Mitglied Stefan Keim nach der Preisverleihung

Junge Bühne: Die Jury hat sich im Autorenwettbewerb spontan für zwei Preisträger entschieden. Warum?

Stefan Keim: In der Jury wurden zwei Stücke heiß diskutiert. Das waren „Alpenvorland“ von Thomas Arzt und Wolfram Hölls Stück „Und dann“. Da wir den Preis nicht teilen wollten, haben wir nun neben dem Gewinner Thomas Arzt mit Wolfram Höll einen Nachwuchspreisträger.

Junge Bühne: Warum fiel die Wahl auf diese beiden Stücke? Welche Argumente waren ausschlaggebend für die Entscheidung?

Stefan Keim: Bei Alpenvorland hat uns beeindruckt, wie das Stück die Situation und Gefühlslage einer Generation 30 plus so ohne jede Sentimentalität und die Illusion, dass alles noch so wie früher sein kann, wiedergibt. Thomas Arzt entwirft psychologische Rollen. Zugleich arbeitet er mit Parallelmontagen von Szenen und monologischen Strukturen, die den Text durchbrechen. Wie ein Schnitzler für das heutige Theater.

Junge Bühne: Und was sprach für den Nachwuchspreisträger Wolfram Höll?

Stefan Keim: Das waren eher gefühlsmäßige und weniger rationale Aspekte. Durch seinen völlig irritierenden, lyrischen und musikalischen Text lässt einen das Stück nicht mehr los. Zugleich vermag der Text ganz unterschiedliche Bilder und Assoziationen hervorzurufen.

Junge Bühne: Dass so ausgiebig diskutiert wurde, lässt darauf schließen, dass das Niveau der Stücke in den Augen der Jury hoch war?

Stefan Keim: Das Niveau ist im Vergleich zu den vorigen Stückemärkten enorm gestiegen. Eine Ursache sehe ich darin, dass die Uraufführungen der Gewinnerstücke nun frei und nicht wie zuvor an den Stückemarkt gebunden sind. Diese größere Offenheit führt zu einer größeren Auswahl und besseren Stücken.

Helfer beim Stückemarkt

Sonntag, 6. Mai 2012

Andrea ist eine der zehn Hospitantinnen, die die Produktionsleiterin Anne Pöhlmann während des Stückemarktes unterstützen. Die 25-Jährige hat Islamwissenschaften studiert und spricht daher fließend arabisch. Ein großer Vorteil bei der Betreuung der ägyptischen Gäste.

Andrea holt die Gäste vom Flughafen ab, fährt sie zu ihrem Hotel und zu den jeweiligen Spielstätten. Sie begleitet die Gruppen bei den Proben und kümmert sich darum, dass sie gut untergebracht sind. Eine Aufgabe, die Andrea, wie sie sagt, jederzeit gerne wieder übernehmen würde. Es sei einfach spannend, Menschen aus fremden Kulturen kennenzulernen, schildert sie ihre Motivation. Darüber hinaus sei die Stimmung unter den Hospitantinnen sehr gut. „Wir verstehen uns richtig gut.“

Im Video begrüßt Andrea die Gäste aus Ägypten.

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Autorenwettbewerb

Sonntag, 6. Mai 2012

Lebensentwürfe und ihre Kraft, der Realität standzuhalten. Beziehungen, Einsamkeit, Zweisamkeit, Fremdheit und nicht zuletzt die Welt der Zahlen sind die Themen der sieben Theatertexte, die ins Rennen um den Autorenpreis gehen.

Reihaneh Youzbashi Dizaji nimmt die Zuhörer mit Sami, einer jungen Frau, die als Kind aus dem Iran nach Deutschland kam, auf den Weg in deren alte Heimat. Wo ist Samis Platz? Zwischen den Kulturen? Hiervon erzählt „Stuttgart. Teheran. Dialog”.

Vom Iran nach Kopenhagen, zum Weltklimagipfel 2009. Hier übersetzt Dolmetscherin Laura, eine Figur in Charlotte Roos Stück „Wir schweben wieder”, eine Rede von Hugo Chávez. Die große Weltpolitik. Zu Hause kämpft Lauras Freund Carl hingegen mit dem Alltag und seiner Depression. Der Blick auf das große Ganze gespiegelt durch die vielen ganz persönlichen Blicke auf die eigene Lebenswelt.

Die Lebenswelt von Volker und Ina dreht sich momentan um Kunst, Geld, ein geerbtes Haus und die Frage, ob es verkauft werden soll. Darüber sind sich die Figuren in „Verachtung” von Markus Bauer nicht einig.

Heidi und Hannes, ebenfalls ein Paar, Anfang 30, aus Thomas Arzts Stück „Alpenvorland” bauen sich ihr neues Zuhause mit all ihren Wünschen und Hoffnungen auf die Zukunft gerade erst auf. Doch Lebenskonzepte sind Entwürfe, die mit Leben gefüllt und geformt werden.

„Am Leben werden wir nicht scheitern” ist der Titel von Mario Salazars Stück, in dem Deutschland Krieg gegen einen unbekannten Feind führt. Schauplatz: der Hinterhof eines Mietshauses, in dem ganz verschiedene Figuren aufeinander treffen.

Plattenbauten, Stockwerke, Klingelknöpfe werden in Wolfram Hölls „Und dann” gezählt.

Zahlen spielen auch in „[önf] – womit keine Zahl rechnet”, ein Stück von Katja Hensel für Zuschauer ab elf Jahren, eine Rolle. Genauer gesagt die Zahl önf, eine bislang unbekannte Zahl. Sie will aufgenommen werden in die Riege von null bis neun. Doch zunächst wird sie als Fremde ausgegrenzt.

Wie aus Brot Fleisch wird…

Sonntag, 6. Mai 2012

Der Mann, der aus Roggenbrot und Tomatenmark ein Stück Fleisch brät…

Sonntag, 6. Mai 2012

…heißt Wolf Brückmann und ist Requisiteur am Theater und Orchester Heidelberg. Für die junge Bühne hat er die Tore zu seinem „Reich“ geöffnet und lässt uns einen Blick in die Welt der Illusion werfen.

Foto: Vanessa Renner

Foto: Vanessa Renner

Wolf Brückmann, Foto: Vanessa Renner

Wolf Brückmann, Foto: Vanessa Renner

„Wenn ich Effekte produziere, will ich das Publikum einen magischen Moment erleben lassen“, sagt Wolf  Brückmann.

Foto: Vanessa Renner

Foto: Vanessa Renner

Neue Perspektiven auf ein Theaterstück. Es passt in diese Kiste….zumindest die Requisiten.


Auf den ersten Blick werden die Requisiten für den Zuschauer gebaut. Wolf Brückmann betont jedoch, dass sie ebenso wichtig für die Schauspieler sind. „Sie helfen dem Schauspieler in seine Rolle zu finden, sie können der Hinweis oder die Stütze für einen Stimmungswechsel sein. Sie helfen dem Schauspieler also, das Programm seiner Figur abzuspielen.”

Es gibt zwar eine Ausbildung zum Requisiteur. Viele von Wolf Brückmanns Kollegen sind jedoch wie er selbst Quereinsteiger.
Ein guter Requisiteur müsse findig sein, meint Wolf Brückmann. „Ich muss schnelle, einfache und sichere Lösungen für schwierige Dinge finden”, beschreibt er seinen Beruf.
An oberster Stelle steht dabei die Sicherheit. Denn „am Theater haben wir nur einen einzigen Versuch. Eine Klappe wie beim Film, die gibt es nicht.”
Requisiteure sind für den Zuschauer unsichtbar. Sie arbeiten hinter den Kulissen, im Verborgenen. Agieren sie auf der Bühne, sind sie vor den Blicken der Zuschauer geschützt. So werden zum Beispiel Drehbühnen eingesetzt, damit ein Requisiteur unbemerkt über die Bühne huschen kann.
Wolf Brückmann und seine Kollegen sind häufig die letzten, die nach einer Vorstellung das Haus verlassen. Während die Zuschauer schon längst auf dem Heimweg sind oder sich mit Bekannten im Theaterbistro über das Stück austauschen, kümmern sich die Requisiteure darum, dass Bühne und Requisiten wieder betriebsbereit sind – für die nächste Vorstellung. „Denn viele Special Effects funktionieren eben nur einmal. Dann muss man sie wieder neu bauen”, erklärt Wolf Brückmann.
Requisiteure sind auch die letzten, die ein Schauspieler hinter der Bühne vor seinem Auftritt sieht. „Ein inoffizieller Teil meines Jobs ist es da, gute Stimmung und viel Optimismus zu verbreiten”, lacht Wolf Brückmann mit einem sympathischen Augenzwinkern.

„Sag, gehört das noch zum Stück?“

Samstag, 5. Mai 2012

„Spielplan Deutschland“ von Anne Freybott und Georg Scharegg, Gastspiel Theaterdiscounter Berlin

Bereits das Bühnenbild bereitet Freude. Drei Tische aneinandergereiht. Frontal zum Publikum. Geschmückt mit allerlei kunterbuntem Pressematerial. Tragetaschen in knallorange und pink mit flotten Slogans bedruckt. Kleine fröhliche Anstecker, von denen sich der eine oder andere Schauspieler zur Sicherheit gleich mehrere an Jacke oder Pullover geheftet hat,  Schlüsselanhänger, Flyer. Ein ganzes Sammelsurium an Materialien und Einfällen aus den Presseabteilungen von Theatern.

Die Freude hält den gesamten Theaterabend über an. Denn hier wirft ein Stück einen scharfen, kritischen und zugleich humorvollen Blick auf die deutsche Theaterlandschaft.

Das Publikum wird mitgenommen auf eine rasante Reise quer durch Deutschlands Zuschauerränge. Von den Münchner Kammerspielen zur Landesbühne Lutherstadt Eisleben, über das Theater Bamberg, die Landesbühne Radebeul, das Anhaltische Theater Dessau hin zum Thalia Theater Hamburg. Dazwischen ein kurzer Stopp bei den Städtischen Bühnen Münster und dem Landestheater Memmingen. Ingolstadt, Kassel, Kiel, Leipzig und zurück nach Dessau.

Die Schauspieler springen auf eindrucksvolle Weise von Inszenierung zu Inszenierung, von Rolle zu Rolle. Sie rezitieren, singen, tanzen, musizieren. Mit wenigen Requisiten schaffen sie es, ein ganzes Repertoire an Stücken zu bestreiten. So wird die Handlung des Hamlet mit zwei Wasserflaschen und einem Stapel Notizblöcken nachgespielt. Don Giovanni steht ebenso wie ein Liederabend mit Katja Riemann und Texten von Sibylle Berg auf dem Programm.

Auch theaterwissenschaftliche Analysen und Interpretationsansätze fehlen nicht. Und immer wieder die impliziten Fragen: Was will Theater, was kann Theater und für wen wird es gemacht?

Die Antworten finden sich in Mottos und Vorworten aus Spielzeitheften der Stadt- und Staatstheater, die mit einem Blick auf die Realität vor Ort konfrontiert werden. Ansprachen an die Zuschauer über den Auftrag des Theaters werden einzelnen Statements von Theaterbesuchern gegenübergestellt. Eine Zuschauerin beschwert sich, warum sie von „Pension Schöller“ bis zur Pause nur fünf Prozent Schöller, aber 95 Prozent Protesttheater sieht. Eine andere Besucherin wundert sich während einer Inszenierung, ob das, was sie sieht, noch zum Stück gehört. „Oder schläfst du etwa schon?“, fragt sie ihren Begleiter empört.

Eine Statistik der Top zwölf der auf deutschen Bühnen inszenierten Stücke einer Spielzeit veranschaulicht auf ganz eigene Art und Weise den „Spielplan Deutschland“.

Der Blick, den das Stück auf diesen „Spielplan“ wirft, ist ein frischer und erfrischender Blick. Die Fragen nach dem Ort des Theaters in der Gesellschaft sind es wert, immer wieder diskutiert zu werden. Schön, wenn es auf so humorvolle Weise gelingt.

„Mehr davon?“ ist die knappe Frage, die am Ende der Inszenierung auf die Leinwand, die im Verlauf des Stücks die einzelnen Stationen der Theaterreise anzeigte, projiziert wird. Ja bitte. Mehr davon.

Eindrücke von der Bühnenbegehung…

Samstag, 5. Mai 2012

“Wie auf Klassenfahrt”

Samstag, 5. Mai 2012

Interview mit Daniel Nerlich am Rande der Bühnenbegehung

Daniel Nerlich mit Regisseurin Mina Salehpour, Foto: Vanessa Renner

Daniel Nerlich mit Regisseurin Mina Salehpour, Foto: Vanessa Renner

Im Mittelpunkt von Fatima steht eine Gruppe von Jugendlichen. Als Fatima auf einmal mit dem Hijab, der traditionellen muslimischen Kopfbedeckung, aus dem Urlaub zurückkehrt, beginnen ihre Freunde über die möglichen Ursachen ihrer Verwandlung zu spekulieren. Daniel Nerlich spielt im Stück Fatimas Freund. Junge Bühne: Ihr seid gerade aus Hannover angekommen. Was passiert jetzt?

Daniel Nerlich: Als Schauspieler will man sofort die Bühne sehen. Vor allem natürlich, wenn man sie noch nicht kennt. Wie sieht alles aus, wie passt das Bühnenbild.

Junge Bühne: Das erfahrt ihr dann bei der Bühnenbegehung?

Daniel Nerlich: Genau. Da bekommen wir alles zu sehen, auch die Garderoben und die ganze Umgebung der Bühne. Dann können wir auch noch ein wenig proben.

Junge Bühne: Was ist an einem Gastspiel so besonders?

Daniel Nerlich: Es prickelt schon mehr als sonst. Ich mag das, denn es ist alles andere als Routine. Es ist alles neu, man kennt das Publikum nicht. Und dann hat es schon auch so etwas von Klassenfahrt, wenn man mit der gesamten Truppe wegfährt.

Junge Bühne: Werdet ihr Schauspieler bei der Bühnenbegehung dann auch schon langsam nervös? Oder ist das für euch so sehr Alltag, dass ihr gar nicht mehr aufgeregt seid?

Daniel Nerlich: Das ist Typsache. Vielleicht auch ein wenig abhängig von der Rolle, die man spielt und der Erfahrung, die man schon hat. Aber ich kenne auch ganz alte Hasen, die noch nervös sind.

Junge Bühne: Wie ist das bei dir?

Daniel Nerlich: Ach, ich sehe Lampenfieber als etwas Positives. Ich meine die Aufregung schützt vor Unaufmerksamkeit. Für mich ist das Lampenfieber der Weg in die Konzentration. Aber natürlich bekommt man mit der Zeit immer mehr Routine und kennt sein Handwerk immer besser.

Junge Bühne: Du sprichst das Handwerk an. Fällt es dir schwer, in verschiedenen Stücken gleichzeitig zu spielen?

Daniel Nerlich: Nein nein. Das ist mein Job, das ist selbstverständlich. Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Man hat da in seinem Gedächtnis für die verschiedenen Rollen einzelne Schubladen. Die ziehst du auf und holst den Text raus. Aber natürlich gibt es Figuren, die man mehr mag und andere weniger.

Junge Bühne: Welche magst du?

Daniel Nerlich: Ich spiele gern die schwierigen Figuren. Figuren, die nicht so nah bei mir sind. Denn Ich will was erleben, wenn ich auf die Bühne gehe.