Ich hätte andere Schuhe anziehen sollen. Das denke ich, als ich mit „meiner“ Dramaturgin Anne zwanzig Minuten vor Vorstellungsbeginn durchs Treppenhaus eile. Unterm einen Arm trage ich meine kitschige Opernpremieren-Handtasche mit lilafarbenen Seidenrosen, unterm anderen die frisch gedruckten Programmhefte für „Così fan tutte“. Die wollen wir jetzt an Sänger, künstlerisches Team und die anderen Beteiligten der Produktion verteilen. Nur: Wo sind die bloß alle?
„Der Eiserne geht runter“
Während auf der Bühne noch schnell letzte Lichtänderungen vorgenommen werden, herrscht dahinter eine zunehmend hektische Stimmung aus Aufregung und Anspannung. Ungeschminkte Sänger in Bademänteln tauchen kurz auf den Fluren auf und verschwinden wieder in den Garderoben. Dort stehen vor hell erleuchteten Spiegeln Maskenbildnerinnen und sortieren ihr riesiges Schminksortiment. Auf den Tischen sammeln sich schon die Premierengeschenke, Schoko-Osterhasen, Karten und Fotos. Die Regieassistentin verteilt Smiley-Magneten; eine Anspielung auf Magnet-Buttons aus der Inszenierung, die in den Proben nicht immer dort hielten, wo sie halten sollten. Die Feuerwehr macht ihren Sicherheitscheck, Techniker mit schweren Werkzeuggürteln laufen geschäftig über die Hinterbühne. Dann „geht der Eiserne runter“ – der metallene Sicherheitsvorhang – der rote Samtvorhang schließt sich, der Einlass beginnt.

Ensemble-Action auf der Bühne
Übertitel im Kabuff
All diejenigen, die nicht mehr auf oder hinter der Bühne arbeiten müssen, sind schon schick angezogen, immerhin ist gleich Premiere. Genau das wird uns jetzt zum Verhängnis, denn wir haben es immer noch eilig. In einem kleinen dunklen Kabuff muss die letzte Fassung der Übertitel auf den Computer gespielt werden. Da auf Italienisch gesungen wird, sind die wichtig, damit man alles versteht, was da auf der Bühne so vorgeht. Das Kabuff liegt hoch oben, in den oberen Zuschauerrängen. Durch ein winziges Fenster hat man einen Blick auf die Bühne, die von hier oben ganz klein aussieht.
Zwischen Freude und Nervosität
Fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn nehmen wir unsere Plätze im 2. Rang ein. Ganz ungewohnt, die Bühne mal von hier oben zu sehen, wenn man auf den Proben wochenlang im Parkett gesessen hat! Das Haus ist ausverkauft, 1260 Menschen sind gekommen. Während der Vorstellung bin ich hin und hergerissen zwischen Nervosität, Freude und Spannung vor jeder heiklen Stelle, die bei den Proben auch mal schief gelaufen ist. Gleichzeitig lese ich die Übertitel mit: Hoffentlich haben wir keinen Fehler übersehen!
Rosa Sonnenuntergang, mal ganz unromantisch
Meine Sorgen sind unbegründet: Alles läuft gut. „Das ist ja gar nicht romantisch!“ bemerkt eine ältere Dame irgendwann hinter mir und trifft es damit ziemlich genau: Romantisch ist diese „Così fan tutte“ – Inszenierung tatsächlich nicht – trotz einem Schattenrissbaum mit Liebespaar vor rosa Sonnenuntergangsstimmung in einer Szene.

Flirten vor Baum?
Aber das will sie auch gar nicht sein. Spannend, ungewöhnlich und zeitweise ziemlich aufwühlend ist sie allemal.Wenn alle Protagonisten zu Mozarts mitreißender Musik gleichzeitig miteinander, durcheinander, gegeneinander agieren, hält man unvermittelt den Atem an und verfolgt gebannt dem beeindruckenden Bühnenwirbel, den die sechs großartigen Sänger erzeugen.
Jetzt wird’s traurig
Mit dem Applaus wird dann aber auch mir klar: Das war’s jetzt! Meine Hospitanz ist vorbei. Also, Achtung: Jetzt wird’s traurig. Wobei: Es würde den Blog sprengen, wenn ich alles schreiben würde, was ich jetzt schreiben könnte. Ich mache es also kurz: Tausend Dank für eine tolle Zeit, an die Oper am Rhein und vor allem an die Dramaturgie und das ganze Büro in der Heinrich-Heine-Allee!

In der Oper brennt noch Licht... Ein Besuch lohnt sich! (Foto: Hans Jörg Michel)
… und natürlich vielen Dank an Euch Leser! Ich hoffe, meine Berichte aus der Welt hinter den Opern- und Ballettkulissen haben Euch gefallen/ inspiriert/ einen Einblick gegeben und Ihr habt Lust bekommen, selbst mal vorbei zu schauen! Vielleicht trifft man sich ja mal. Ich bin die mit der kitschigen Handtasche.
Alle Liebe und gutes Theater wünscht Euch an dieser Stelle zum letzten Mal
Eure Milena































