Blog „Hospitanten-Blog Oper Düsseldorf 2011“

Premiere und Abschied – Ein letztes Mal hinter den Kulissen

Sonntag, 1. Mai 2011

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Ich hätte andere Schuhe anziehen sollen. Das denke ich, als ich mit „meiner“ Dramaturgin Anne zwanzig Minuten vor Vorstellungsbeginn durchs Treppenhaus eile. Unterm einen Arm trage ich meine kitschige Opernpremieren-Handtasche mit lilafarbenen Seidenrosen, unterm anderen die frisch gedruckten Programmhefte für „Così fan tutte“. Die wollen wir jetzt an Sänger, künstlerisches Team und die anderen Beteiligten der Produktion verteilen. Nur: Wo sind die bloß alle?

Sopranistin Sylvia Hamvasi mit offenbar dunklen Gedanken im Kopf

Sopranistin Sylvia Hamvasi (alle Inszenierungsfotos: Hans Jörg Michel)

„Der Eiserne geht runter“

Während auf der Bühne noch schnell letzte Lichtänderungen vorgenommen werden, herrscht dahinter eine zunehmend hektische Stimmung aus Aufregung und Anspannung. Ungeschminkte Sänger in Bademänteln tauchen kurz auf den Fluren auf und verschwinden wieder in den Garderoben. Dort stehen vor hell erleuchteten Spiegeln Maskenbildnerinnen und sortieren ihr riesiges Schminksortiment. Auf den Tischen sammeln sich schon die Premierengeschenke, Schoko-Osterhasen, Karten und Fotos. Die Regieassistentin verteilt Smiley-Magneten; eine Anspielung auf Magnet-Buttons aus der Inszenierung, die in den Proben nicht immer dort hielten, wo sie halten sollten. Die Feuerwehr macht ihren Sicherheitscheck, Techniker mit schweren Werkzeuggürteln laufen geschäftig über die Hinterbühne. Dann „geht der Eiserne runter“ – der metallene Sicherheitsvorhang – der rote Samtvorhang schließt sich, der Einlass beginnt.

Ensemble-Action auf der Bühne

Ensemble-Action auf der Bühne

Übertitel im Kabuff

All diejenigen, die nicht mehr auf oder hinter der Bühne arbeiten müssen, sind schon schick angezogen, immerhin ist gleich Premiere. Genau das wird uns jetzt zum Verhängnis, denn wir haben es immer noch eilig. In einem kleinen dunklen Kabuff muss die letzte Fassung der Übertitel auf den Computer gespielt werden. Da auf Italienisch gesungen wird, sind die wichtig, damit man alles versteht, was da auf der Bühne so vorgeht. Das Kabuff liegt hoch oben, in den oberen Zuschauerrängen. Durch ein winziges Fenster hat man einen Blick auf die Bühne, die von hier oben ganz klein aussieht.

Katarzyna Kuncio, Günes Gürle, Elzbieta Szmytka, Sylvia Hamvasi

Katarzyna Kuncio, Günes Gürle, Elzbieta Szmytka, Sylvia Hamvasi

Zwischen Freude und Nervosität

Fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn nehmen wir unsere Plätze im 2. Rang ein. Ganz ungewohnt, die Bühne mal von hier oben zu sehen, wenn man auf den Proben wochenlang im Parkett gesessen hat! Das Haus ist ausverkauft, 1260 Menschen sind gekommen. Während der Vorstellung bin ich hin und hergerissen zwischen Nervosität, Freude und Spannung vor jeder heiklen Stelle, die bei den Proben auch mal schief gelaufen ist. Gleichzeitig lese ich die Übertitel mit: Hoffentlich haben wir keinen Fehler übersehen!

Rosa Sonnenuntergang, mal ganz unromantisch

Meine Sorgen sind unbegründet: Alles läuft gut. „Das ist ja gar nicht romantisch!“ bemerkt eine ältere Dame irgendwann hinter mir und trifft es damit ziemlich genau: Romantisch ist diese „Così fan tutte“ – Inszenierung tatsächlich nicht – trotz einem Schattenrissbaum mit Liebespaar vor rosa Sonnenuntergangsstimmung in einer Szene.

Flirten vor Baum?

Flirten vor Baum?

Aber das will sie auch gar nicht sein. Spannend, ungewöhnlich und zeitweise ziemlich aufwühlend ist sie allemal.Wenn alle Protagonisten zu Mozarts mitreißender Musik gleichzeitig miteinander, durcheinander, gegeneinander agieren, hält man unvermittelt den Atem an und verfolgt gebannt dem beeindruckenden Bühnenwirbel, den die sechs großartigen Sänger erzeugen.

Jetzt wird’s traurig

Mit dem Applaus wird dann aber auch mir klar: Das war’s jetzt! Meine Hospitanz ist vorbei. Also, Achtung: Jetzt wird’s traurig. Wobei: Es würde den Blog sprengen, wenn ich alles schreiben würde, was ich jetzt schreiben könnte. Ich mache es also kurz: Tausend Dank für eine tolle Zeit, an die Oper am Rhein und vor allem an die Dramaturgie und das ganze Büro in der Heinrich-Heine-Allee!

In der Oper brennt noch Licht... Ein Besuch lohnt sich! (Foto: Hans Jörg Michel)

In der Oper brennt noch Licht... Ein Besuch lohnt sich! (Foto: Hans Jörg Michel)

… und natürlich vielen Dank an Euch Leser! Ich hoffe, meine Berichte aus der Welt hinter den Opern- und Ballettkulissen haben Euch gefallen/ inspiriert/ einen Einblick gegeben und Ihr habt Lust bekommen, selbst mal vorbei zu schauen! Vielleicht trifft man sich ja mal. Ich bin die mit der kitschigen Handtasche.

Alle Liebe und gutes Theater wünscht Euch an dieser Stelle zum letzten Mal

Eure Milena

Toi Toi Toi! – Am Samstag ist Premiere von Così fan tutte!!!

Freitag, 29. April 2011
Nein, das sind NICHT William und Kate...

(Foto: Hans Jörg Michel)

Trotz Live-Übertragung der britischen “”Traumhochzeit” in die Opernkantine, bin ich heute mit meinen Gedanken ganz woanders. Denn es war nicht nur mein letzter Arbeitstag: Am Samstagabend ist auch Premiere von “Così fan tutte”! Wir werden uns in Schale schmeißen und bei ausverkauftem Haus die Daumen drücken. Gespannt bin ich natürlich auch auf unser Programmheft. schließlich haben wir viel Zeit und Liebe hineingesteckt und bis spät in die Nacht Fotos ausgewählt …

Also: ToiToiToi!!! Ich werde Euch dann an dieser Stelle alles erzählen, was vor, auf und hinter der Bühne los war!

Eure Milena

Übrigens: Geheiratet wird in “Così” auch. Na ja, zumindest fast …

Von der Reinigungsfrau bis zum Regisseur – Wenn alle zusammenspielen, kann Großes entstehen

Donnerstag, 28. April 2011

Impressionen aus dem Opernbüro

Impressionen aus dem Opernbüro...

Das hätte fast der Anfang eines Krimis sein können: Auf dem Weg zur Arbeit komme ich an zwei großen LKW vorbei, die hinter dem Opernhaus geparkt haben. Eine große Holzkiste wird eingeladen, bewacht von einem muskelbepackten Typen mit einem Schäferhund, der mich feindselig anbellt (der Hund, nicht der Mann). Auf den Kisten steht „WITWE“. Aber nein, ich wurde nicht Zeuge der Beseitigung einer alleinstehenden Leiche, sondern bloß vom Abtransport des Bühnenbildes von Franz Lehárs „Lustiger Witwe“, die gerade auf dem Düsseldorfer Spielplan steht. So viel also zum Krimi.

... und im Gang hinter der Bühne

... im Gang hinter der Bühne ...

Von der Reinigungsfrau bis zum Regisseur

Spannend bleibt es trotzdem, denn die letzten Arbeiten für „Così fan tutte“ laufen auf Hochtouren. Schon vor Beginn der nächsten Probe ist vor, auf und hinter der Bühne ganz schön was los:

Während sich das Orchester im Graben einspielt, kontrollieren Techniker das Bühnenbild, Scheinwerfer gehen an und aus, die Sänger zupfen sich gegenseitig die Jacketts zurecht und sehen nach, ob alle Requisiten an ihrem Platz sind. Die Regieassistenten sind mal wieder überall gleichzeitig, um größere und kleinere Probleme zu lösen. Für alles ist jemand zuständig und sei es zum Aufwischen verschütteter Flüssigkeiten. Von der Reinigungsfrau bis zum Regisseur sind alle wichtig, damit das Ganze gelingen kann. Wenn dann tatsächlich alle zusammen arbeiten, finde ich das eines der schönsten Theatererlebnisse, die man haben kann.

... und in den Kulissen.

... und in den Kulissen.

„Sterbender“ Sänger sucht bequeme Liegeposition

Während der Probe kommt es jetzt auf Details an. Noch sind auch Korrekturen auf offener Bühne und während des Spielens erlaubt. So kann es passieren, dass ein „sterbender“ Sänger sich höchst lebendig in eine bequemere Liegeposition ruckelt oder dass ein anderer seine Kollegin auf die richtige Position schiebt. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Sänger häufig nur „markieren“, statt „auszusingen“ und zum Teil besonders auf die Schonung ihrer Stimmen achten. Kein Wunder, denn eine Erkältung so kurz vor der Premiere wäre natürlich schlecht.

Die Sorge um die Stimme

… begleitet die Sänger aber ihr ganzes Berufsleben lang. Stimmschonungstipps, von denen ich mittlerweile gehört habe: Schals tragen, Bonbons mit Honigfüllung lutschen, viel Tee trinken, mit Bier gurgeln. Das kann einem manchmal ganz schön übertrieben vorkommen. Andererseits hängt der Beruf von diesem „Instrument“ ab. Wer z.B. Geige spielt, käme ja auch nicht auf die Idee, sie irgendwo herumliegen zu lassen oder stundenlang unnötiger Kälte auszusetzen, oder?

Was das wohl ist? Vorbereitungen für die Probe auf der Bühne

Was das wohl ist? Vorbereitungen für die Probe auf der Bühne

In der Hoffnung auf weiterhin glasklare Stimmen und gute Zusammenarbeit für diese letzte aufregende Woche

(für’s Stück und für mich, denn es ist tatsächlich schon meine letzte Woche!):

Ganz liebe Grüße,

Eure Milena

Frauenfeindlicher Flop oder geniales Meisterwerk? – Opernwerkstatt zur neuen Produktion

Montag, 25. April 2011

Gefährliche Liebschaften in "Cosi fan tutte" (Foto: Hans Jörg Michel)

Gefährliche Liebschaften in "Cosi fan tutte" (Foto: Hans Jörg Michel)

Mit dem Zusammenkommen von Sängern und Orchester (dazu mehr in meinem letzten Blog) ist der Entstehungsprozess der neuen Opernproduktion „Così fan tutte“ einen entscheidenden Schritt weiter. Der nächste Schritt ist nun gewissermaßen, wenigstens Teile der Inszenierung mal einem Publikum zu präsentieren. Genau das geschieht in der „Opernwerkstatt“. Hier bietet die Oper vor jeder Premiere einen kostenlosen Vorgeschmack einer neuen Produktion an. Der erste Teil ist jeweils ein Interview, das die Dramaturgie mit Mitarbeitern des künstlerischen Teams führt. Dieses Mal sitzen Regisseur Nicolas Brieger und Dirigent Axel Kober in der prallen Sonne auf dem Podest im Opernfoyer.

Vor der Probe auf der Nebenbühne

Vor der Probe auf der Nebenbühne

„So machen es alle Frauen“ ist kein Machospruch

Eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn haben wir den Tisch auf dem Podest in den Schatten gerückt, aber jetzt steht er schon wieder in der prallen Sonne, die durch die hohen Fenster herein scheint. Die Stuhlreihen sind trotz strahlendem Frühlingswetter bis auf den letzten Platz besetzt. Einige Gäste müssen sogar stehen.

Nicolas Brieger verrät, warum ihn dieses Stück so fasziniert, dass bei seiner Uraufführung 1790 ein Flop war und von empörten Zeitzeugen als „frauenfeindlich“ beschimpft wurde. Doch „Così fan tutte“ ist viel mehr als eine lustige Oper und wer im Fazit „So machen es alle Frauen“ bloß einen Machospruch sieht, macht es sich zu einfach.

Tatsächlich hat Mozart mit seiner letzten Oper ein kluges und – wie ich finde – sehr modernes Meisterwerk geschrieben, das tief in die menschliche Psyche blickt und dazu noch wunderschöne Musik bietet.

Tiefste Verzweiflung oder höchstes Glück? Wahrscheinlich beides... (Foto: Hans Jörg Michel)

Verzweiflung oder Glück? (Foto: H.J. Michel)

Sicherheitsnetz überm Orchestergraben

Davon können sich die Besucher in der anschließenden öffentlichen Probe überzeugen. Es ist zwar noch nicht „ernst“, aber die Spannung ist auf der Bühne und im Zuschauerraum schon zu spüren. Wie wird das wohl erst bei der Premiere?! Über die Inszenierung selbst wird heute noch nicht zu viel verraten.

Nur so viel: Es wird ein Abend voller Liebesschwüre, Treuebrüche und Intrigen werden, bei dem ein Wasserschlauch nicht nur Glaswände nass macht und mehr als Tassen zu Bruch gehen. Über den Orchestergraben ist jedenfalls sicherheitshalber ein Netz gespannt …

PS:

Dieser Blick bleibt normalerweise den Künstlern vorbehalten... (Foto: H. J. Michel)

Dieser Blick bleibt normalerweise den Künstlern vorbehalten... (Foto: H. J. Michel)

Ihr wart noch nie in der Oper und findet klassische Musik sowieso langweilig? Wie wäre es mit einem Praxistest bei „Così fan tutte“? Ich biete Kulissenführungen an ;)

Einen schönen verbleibenden Ostermontag & eine gute Woche!

Eure Milena

Così tutti – Das erste Mal Probe mit Orchester für „Così fan tutte“

Freitag, 22. April 2011

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Schon auf dem Weg zur Probe, im Flur hinter der Bühne, höre ich es aus den Garderoben trällern. Im Orchestergraben werden Notenpulte zurechtgerückt und Geigen gestimmt, ein Oboist spielt Tonleitern. Bisher hat ein Pianist die Sänger auf den Proben von „Così fan tutte“ begleitet, doch heute wird zum ersten Mal das gesamte Orchester dabei sein. Natürlich haben die Musikerinnen und Musiker der Düsseldorfer Symphoniker schon parallel zu den Sängern geprobt. Jetzt kommt es aber darauf an, Sänger und Musiker – im wahrsten Sinne des Wortes – zum „Zusammenspiel“ zu bringen. Ich frage mich, ob es für die Musiker nicht seltsam ist, gar nichts zu sehen zu bekommen von dem, was auf der Bühne geschieht …

Puzzeln im Orchestergraben

Blick in eine Künstlergarderobe. Am Ständer hängen Probenkostüme bereit.

Blick in eine Künstlergarderobe. Am Ständer hängen Probenkostüme bereit.

Nachdem sich der Orchestergraben gefüllt und sich die Musiker eingespielt haben, stellt der Dirigent Axel Kober den Regisseur Nicolas Brieger vor. Heute wird er sich eher im Hintergrund halten, während Kober sich gemeinsam mit Sängern und Musikern ans Puzzle „Così fan tutte“ macht. Als sie loslegen, spüre ich den Unterschied sofort: Mit Orchester klingt alles viel „größer“, Mozarts Musik bekommt eine unglaubliche Kraft und berührt mich tief. Wow, das klingt richtig toll!

Zwischen den Szenen gibt es immer wieder Unterbrechungen für größere und kleinere musikalische Korrekturen. Für Laien mehr oder weniger kryptische Anweisungen wie „Forte-Attacken etwas stärker!“, „Nicht zu langsam die Achtel bei Takt 93“ (mein Klarinettenunterricht und die Fachwahl Musik im Abi kommen mir jetzt zu Gute), oder ein begeistertes „Diese wunderbaren Intervalle müssen noch zu hören sein“ reichen den Musikern zur Orientierung. Wenn eine Arie oder ein Duett danach noch einmal gespielt wird, höre ich den Unterschied zwar nicht jedes Mal, aber die Sänger nicken meistens zustimmend.

Blick in den Orchestergraben

Blick in den Orchestergraben

Kein Bier in der Tuba

Für sie ist aber nicht nur die Musik wichtig, sondern auch, Blickkontakt zum Dirigenten zu haben. Dafür sind in den Kulissen für die Zuschauer unsichtbar Monitore angebracht, so dass die Sänger ihn auch sehen, wenn sie scheinbar wo ganz anders hin schauen. Es tauchen auch neue Herausforderungen auf: Der spiegelnde Boden des Podestes auf der Bühne reflektiert das Scheinwerferlicht unangenehm auf die Notenpulte, das Bier aus Dosen, die in der Inszenierung vorne an der Rampe geöffnet werden, sollte besser nicht in die Tuba und Geigenkästen im Orchestergraben tropfen. Aber es ist ja noch ein bisschen Zeit bis zur Premiere!

Vorher wünsche ich Euch erstmal noch Frohe Ostern!

Eure Milena

Pizza holen in der Normalwelt – Warum ist Alltag am Theater eigentlich so anders?

Mittwoch, 20. April 2011

Die Hinterbühne - Eine Welt für sich

Die Hinterbühne - Eine Welt für sich

Beim Durchblättern meines Kalenders habe ich erstaunt festgestellt, dass ich nun schon die 8. Woche an der „Oper am Rhein“ bin! Da müsste ich mich hier in Düsseldorf eigentlich langsam auskennen. Stimmt: Ich kenne mittlerweile ziemlich gut den Weg von meiner Haustür durch den zunehmend blühenden Hofgarten bis zur Oper. Außerdem: Den Weg zwischen Oper und Probebühne in Duisburg (per eigenem Opern-Busshuttle), zwischen Oper und Kantine (Pasta geht immer) und zwischen Oper und Pizzabäcker (wohin unser Büro bei schönem Wetter schon mal die Mittagspause verlegt). Die Stadt kenne ich eigentlich kaum, stattdessen bin ich in der Parallelwelt Theater angekommen. Aber was ist am Theateralltag – abgesehen von Bühnenzauber und Co – eigentlich so anders als am „normalen Alltag“?

Die Sänger von "Così fan tutte" auf dem Plakat (Foto: Hans Jörg Michel)

Die Sänger von "Così fan tutte" auf dem Plakat (Foto: Hans Jörg Michel)

Arbeiten, wenn andere frei haben – und umgekehrt

Sicher liegt das auch an den Arbeitszeiten. Ich arbeite schon mal, wenn andere frei haben – und umgekehrt. Zum Beispiel bei Abendproben. Die beginnen oft erst um 18 Uhr und dauern bis 22 Uhr oder noch länger. Gerade jetzt, in der Endproben für „Così fan tutte“, gehört das dazu.

Aber es gibt doch auch Tage, an denen ich zu ganz normalen Bürozeiten arbeite?! An solchen Tagen ist es vielleicht die Art der Arbeit, die meinen Bürotag von anderen unterscheidet (ob er besser oder schlechter ist, ist Geschmackssache, für mich aber ganz klar: Besser!). Beispiel Bibliothek: Nie bin ich nur in den Regalreihen zu einem Thema unterwegs, das Suchen & Stöbern nach „guten Büchern“ führt mich in die verschiedensten Ecken. Mal geht es um antike „Blutrituale“, mal um Mythen über Wölfe, Fotos von Liebespaaren, Labyrinthe, das Leben Stravinskys oder einen Roman von Virginia Woolf. Was für ein Triumphgefühl, das gesuchte Buch dann aus dem Regal zu ziehen!

Schon fast selber Kunst ...

Schon fast selber Kunst - Kabel für die Bühnentechnik

Der ganz normale Bühnenwahnsinn

Und dann kann es manchmal passieren, dass ich bei Sonnenschein in den Katakomben der Oper verschwinde und nach der Probe wieder nach draußen trete – und es ist dunkel. Während drinnen auf und hinter der Bühne der ganz normale Wahnsinn herrschte, Liebesschwüre geschworen wurden, Freundschaften zerbrochen sind oder das Bühnenschicksal sonst wie zugeschlagen hat, ist die Welt draußen unverändert. Obwohl ich das nun längst gewohnt bin, fühlt es sich jedes Mal wieder gleich an: Ein bisschen verrückt, ein bisschen besonders, ein bisschen verwirrend. Alltag am Theater eben.

Gerade aus der Probe raus und noch schnell für Euch gebloggt!

Eure Milena

b.08 – Bei der Premiere des neuen Ballettes

Samstag, 16. April 2011

Ich hab sie, die Karte für die Premiere!

Ich hab sie, die Karte für die Premiere!

Ein Pappkarton voller blauer Hefte kann ein sehr schöner Anblick sein. Gleich zwei davon halten wir in den Händen, als wir am Samstagabend in schicken Premierenklamotten an der Pforte stehen und auf die Tänzer und anderen Beteiligten von b.08 warten. Zuvor haben wir bereits eine Runde durch die Garderoben gemacht und an jedem Platz eines der druckfrischen Programmhefte hinterlassen – neben Schokoladenmarienkäfern und den selbstgebrannten CDs von Musiker Paul Pavey, auf denen in blauer Schrift ein großes „Toi Toi Toi“ steht. Auch im Flur stapeln sich schon Merci-Schokolade und Gummibärchen: Nervennahrung und „Bühnenhupferl“ für die Premiere. Hinter der Bühne stehen die Rosen bereit und duften durchs ganze Treppenhaus.

Wolf und Lamm? Szene aus "Unleashing the Wolf" (Foto: Gert Weigelt)
Wolf und Lamm? Szene aus “Unleashing the Wolf” (Foto: Gert Weigelt)

Aufgetürmte Haare und ein paar Tipps aus der Dramaturgie

Durch eine „geheime“ Tür schlüpfe ich schließlich ins Foyer und bin auf einmal mitten unter dem Publikum. Meine Lieblingsbeschäftigung vor Premieren ist das Beobachten der Gäste. Zu diesem Anlass machen sich alle natürlich besonders fein. Man sieht viele glänzende Stoffe und polierte Schuhe, aufgetürmte Damenfrisuren und das ein oder andere ausgefallene Outfit.

Eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn findet dann die Einführung in den Abend statt: Hier bekommt man Informationen rund um die Choreographien, erfährt mehr über Musik, Choreographen und Hintergründe. Gerade bei einer oft recht abstrakten Bühnenkunst wie Ballett finde ich diese „Leitfäden“ sehr hilfreich. Mit ein paar Tipps aus der Dramaturgie verstehe ich so viel mehr von Tanzproduktionen, die ich nicht kenne.

Ensemblechoreographie in "Streichquartett" (Foto: Gert Weigelt)

Viele Tänzer auf der Bühne in "Streichquartett" (Foto: Gert Weigelt)

Bienengesumm im „Streichquartett“

Der Abend beginnt mit Martin Schläpfers preisgekröntem „Streichquartett“. Nach ihrer Uraufführung 2005 beim ballettmainz „reiste“ die Choreographie in die Niederlande und wurde vom Nationalballett Amsterdam getanzt. Nun ist sie in Düsseldorf „angekommen“: Mal bedrohlich, mal humorvoll, mal expressiv, passend zur Musik des Komponisten Witold Lutosławski, die mich zwischendurch an Bienenkorbgesumm erinnert und einmal sogar an eine Türklingel, die nervtötend oft gedrückt wird. Bei diesem „Streichquartett“ kann man sich nicht ausruhen, sehr wohl aber aufwühlen lassen.

"Two" ist eines der beiden Stücke von Hans van Manen in b.08

"Two" ist eines der beiden Stücke von Hans van Manen in b.08 (Foto: Gert Weigelt)

Pas de deux und Solo für drei

Weiter geht es mit zwei Stücken von Hans van Manen: „Two“ und „Solo“. Wie der Titel schon sagt, ist „Two“ ein Pas de deux. Es erzählt von der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau – ob Liebespaar oder Mutter und Sohn bleibt dem Zuschauer überlassen.

„Solo“ wird (wie der Titel nicht sagt) von drei Tänzern getanzt, denn für einen alleine wäre die Choreographie zu Bachs Violinsuite einfach kaum zu schaffen. Das Stück dauert nur sieben Minuten, doch die haben es in sich. Man will fast den Atem anhalten bei so rasantem Tempo, Einfallsreichtum und Virtuosität. Beim Applaus gibt es Bravorufe und drei strahlende Tänzer.



Ein losgelassener Wolf

Hin- und hergerissen zwischen Traum und Albtraum - Tänzer der Uraufführung des Abends
Hin- und hergerissen zwischen Traum und Albtraum – Tänzer der Uraufführung des Abends (Foto: Gert Weigelt)

Beim letzten Stück wird es besonders spannend: „Unleashing the Wolf“ von Martin Schläpfer und der niederländischen Choreographin Regina van Berkel ist die Uraufführung des Abends (siehe Fotos). Der Titel heißt soviel wie „den Wolf von der Leine lassen“ oder „den Wolf loslassen“. Eine kraftvoll-wilde, poetisch-rätselhafte Choreographie. Zwischendurch glaube ich, eine Geschichte „zu sehen“, dann wieder schaue ich nur zu und lasse die rasch wechselnden Bilder auf mich wirken. Toll ist die Musik von Paul Pavey, der als Percussionist, Pianist und Sänger auf mehreren Instrumenten gleichzeitig zu spielen scheint.

Am Ende stimme ich irgendwie erleichtert in den Schlussapplaus ein. Auch bei tollen Stücken, weiß man schließlich nie, wie es ankommt! Jetzt geht’s auf die Premierenfeier. Da kann ja nun wirklich nichts mehr schief gehen!

Es grüßt Euch herzlich,

Eure Milena

Und, ja: Auch Tutus kommen auf die Bühne - allerdings sitzen sie in Brusthöhe...
Und, ja: Auch Tutus kommen auf die Bühne – allerdings sitzen sie in Brusthöhe… (Foto: Gert Weigelt)

„Der Titel ist ein Schwamm“ – Pressegespräch zum neuen Ballettabend b.08

Freitag, 8. April 2011

"Streichquartett" von Martin Schläpfer (Foto: Gert Weigelt)

"Streichquartett" von Martin Schläpfer (Foto: Gert Weigelt)

An der Pforte stehen alle noch ein bisschen unschlüssig herum: Vier Journalistinnen, ein Fotograph, das künstlerische Team von b.08 und wir aus der Dramaturgie. Schließlich geht es durch viele Türen und Treppenhäuser und durch das leere Foyer der Oper zur „VIP-Lounge“. Der Raum sieht nicht so spektakulär aus, wie der Name vermuten lässt, aber man hat einen schönen Blick auf den Park und auf einem großen Tisch stehen Wasser, Kaffee und Kekse bereit. Pressereferentin Tanja Brill leitet das Gespräch und stellt Fragen an die Künstler. Das sind: Ballettchef Martin Schläpfer, Choreograph Hans van Manen, Choreographin Regina van Berkel und Musiker Paul Pavey.

"Two" von Hans van Manen (Foto: Gert Weigelt)

"Two" von Hans van Manen (Foto: Gert Weigelt)

Aufnahmegerät im Wasserglas

Hans van Manen zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Choreographen. Er und Martin Schläpfer kennen sich schon lange. Seine Stücke sind wichtiger Bestandteil des Repertoires des „Balletts am Rhein“. „Ich fühle mich hier ein bisschen zuhause“, sagt er. Mit Goldringen an den Fingern, markanter Brille und extravagantem Jackett ist van Manen das genaue Gegenteil von Schläpfer, der ein schlichtes schwarzes Sakko trägt. Mit viel Humor und niederländischem Akzent erzählt er nicht nur von seinen Stücken,sondernauch von seiner Arbeit: „Mit anderen Choreographen kann ich selten über das Choreographieren reden. Da redet man lieber darüber, was man gegessen hat.“ Einmal schlägt er vor Eifer das Aufnahmegerät um, daseine Journalistin in einem leeren Wasserglas vor ihm platziert hatte. „Ist es noch heil?“ fragt er besorgt – und mit Blick auf das leuchtend rote Aufnahmesignal: „Ja, es brennt.“

"Solo" von Hans van Manen (Foto: Gert Weigelt)

"Solo" von Hans van Manen (Foto: Gert Weigelt)

Während die Journalistinnen in ihren Ringblöcken Notizen machen, erzählt auch Martin Schläpfer von den Stücken des Abends. „Man wird geflogen und man wird überflogen“, sagt er zu seinem Ballett „Streichquartett“ und kommt schließlich zur Uraufführung, die am Samstag zu sehen sein wird: „Unleashing the Wolf“ („Den Wolf von der Leine lassen“/ „Den Wolf loslassen“), choreographiert von Martin Schläpfer und Regina van Berkel. Ein Titel, der Fragen aufwirft. „Der Titel ist ein Schwamm“, erklärt Schläpfer, er lasse viel Raum für Assoziationen.

"Unleashing the Wolf" von Martin Schläpfer und Regina van Berkel (Foto: Gert Weigelt)

"Unleashing the Wolf" von Martin Schläpfer und Regina van Berkel (Foto: Gert Weigelt)

Es ist das erste Mal, dass er mit jemand anderem zusammen eine Choreographie entwickelt hat. Geht das überhaupt? Regina van Berkel erzählt, dass Schläpfer seine Choreographie alleine entwickelt hat und sie darauf eingegangen sei, „ich wünschte mir, wie eine Brise immer wieder kurz aufzutauchen.“ Die Musik dazu kreiert Paul Pavey, der mit seinen Trommeln, einem Tam-Tam, dem Klavier, der Stimme und ein paar weiteren exotischen Schlaginstrumenten nicht verborgen bleiben, sondern selbst auch auf der Bühne zu sehen sein wird.

Papageien im Baum

Nach einer guten Stunde haben die Journalistinnen alles gefragt und die Runde löst sich auf. Auf einmal entdeckt Martin Schläpfer draußen auf einem Baum grüne Papageien. Er stürmt ans Fenster und ist ganz begeistert: „Ich hätte Zoowärter werden sollen, nicht Choreograph“, sagt er und beobachtet die Vögel. Und für einen Moment ist – mitten im Endproben- und Terminstress – alles ganz einfach.

Samstagabend um 19:30Uhr heißt es: ToiToiToi und Daumendrücken zur Premiere! ich bin dabei und werde berichten…

Herzliche Grüße

Eure Milena

Es geht in die heiße Phase!

Mittwoch, 6. April 2011
Das Bild erkennen Einige von Euch bestimmt wieder, aber es passt an dieser Stelle einfach so gut!

Das Bild erkennen Einige von Euch bestimmt wieder, aber es passt an dieser Stelle einfach so gut!

Am kommenden Samstag ist Premiere des neuen Ballettabends  b.08! Das Programmheft ist so gut wie fertig, auf und vor der Bühne wird an letzten Details gefeilt, Endproben bis spät Abends stehen auf dem Probenplan und ich freue mich schon auf eine schöne Premiere.

Heute wurde b.08 schließlich auch der Presse vorgestellt. Wie das war und was das mit grünen Papageien zu tun hat, erzähle ich Euch, sobald ich mal wieder rechtzeitig aus Büro und Zuschauersaal rauskomme. Ganz bald, versprochen!

Bis dann und genießt die Frühlingssonne!

Eure Milena

Verbotene Musik – Oper mal anders

Sonntag, 3. April 2011

Am vergangenen Freitag sangen mitten in der Düsseldorfer Altstadt junge Sänger der Deutschen Oper am Rhein ganz offiziell „verbotene Musik“. Wie, was, warum?!

Thea Hummel spielt "die Jüdin" in Brechts gleichnamigem Text

Thea Hummel spricht und spielt "die Jüdin" aus Brechts gleichnamigem Text

Fast versteckt zwischen Kneipen und Würstchenbuden liegt das Geburtshaus des Dichters Heinrich Heine, das heute die „Müller&Böhm Literaturhandlung“ ist. In einem kleinen Saal im hinteren Teil der Buchhandlung finden regelmäßig kulturelle Veranstaltungen statt. Dieses Mal ist es „Verbotene Musik“, eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper am Rhein, die keine hundert Meter entfernt liegt. Es handelt sich um Lieder von Komponisten, die im Nationalsozialismus und Stalinismus verboten waren. Gesungen werden sie von drei Sängern des „Opernstudios“, das zur Oper gehört und in dem junge Nachwuchssänger gefördert werden.

Alma Sadé und Dmitry Lavrov
Alma Sadé und Dmitry Lavrov

Eingerahmt werden diese Lieder von Bertolt Brechts Text „Die Jüdin“: Eine Frau packt Koffer und telefoniert dabei mit verschiedenen Personen, sagt einen Spieleabend ab und organisiert den Haushalt. Man tippt auf eine Reise, einen Urlaub vielleicht. Erst später begreift man, dass sie Jüdin ist und vor den Nazis flieht. Den Text spricht die Schauspielerin Thea Hummel, Idee und Konzept kommen aus der Dramaturgie.

Alles ein bisschen kleiner, aber mit viel Charme

Ob Regieassistentin, Lichtmodell oder Videokamerafrau – ich habe heute gleich mehrere Aufgaben. Denn es gibt an diesem Abend weder Maskenbildnerin, noch Garderobiere oder Techniker, wie sie zu jeder Veranstaltung im großen Opernhaus dazugehören würden. Alles ist ein bisschen kleiner und improvisierter. Aber das macht auch den besonderen Charme des Abends aus. Die Sänger haben ihre Kostüme eben selbst mitgebracht, Dramaturg Bernhard Loges hat den Überblick, und den Regler für die Scheinwerfer hochzufahren und die Veranstaltung per Video festzuhalten, schaffe ich auch ohne Probleme.

Judita Nagyová

Judita Nagyová

Die lesen meinen Text!
Gleich nach Einlassbeginn strömen die Zuschauer in den Saal. Bald sind alle vorhandenen Sitzgelegenheiten besetzt. Und ja, unser Programmheft wird auch gelesen. Ich versuche zu erkennen, ob jemand den Text liest,den ich geschrieben habe und tatsächlich: Die lesen meinen Text! Kurz bevor es los geht, bin ich dann doch etwas angespannt. Aber alles klappt und am Ende gibt es viel Applaus. „Ich bin ganz überrascht. Mit so was hab ich gar nicht gerechnet“, meint eine junge Zuschauerin danach. Oper muss eben doch nicht immer große Bühne sein!

Wer nachlesen möchte:

Der Text des Abends ist aus „Furcht und Elend des Dritten Reiches, Suhrkamp 1970.

So oder so spannenden Lesestoff und hoffentlich viel Sonne wünscht Euch,

Eure Milena