Blog „Klubszene Festival 2015“

Endstation?

Dienstag, 14. Juli 2015

Junges DT Ende

 

Es ist der vierte Tag und die Klubszene 2015, sowie die heißen Sommertage, laut Wettervorhersage, nähern sich dem Ende.

Es ist kurz nach 18:15 Uhr und das Junge Ensemble des Deutschen Theaters Berlin, welches dieses Jahr die Rolle des Headliners übernimmt, führt sein Stück “ Das Glück hatte ich mir anders vorgestellt“ auf.

Sorgen machen die Haare

Das Stück richtet sich sehr stark nach dem autobiografischen Roman“ Warum das Kind in der Polenta kocht“ von Aglaja Veteranyi.

Frau Veteranyi erzählt aus ihrer Kindheit bei ihrer rumänischen Artistenfamilie, welche auf der Flucht vor der sozialistischen Republik Rumäniens bei einem Zirkus arbeitet.

Sie hat das Gefühl überall auf der Welt und trotzdem nirgendwo wirklich Zuhause zu sein.

Dieses Gefühl ist vielen tourenden Künstlern bestimmt bekannt.

Die Tatsache, dass ihre Familie auf der Flucht ist und sie ohne Sicherheit arbeiten muss, dürfte die Situation der Autorin kaum gebessert haben.

Im Gegenteil, sie erzählt über die ständige Angst zu wissen, man könnte von heute auf morgen die Arbeit verlieren, oder dass die eigene Mutter bei einer ihrer gefährlichen Auftritte ums Leben kommen könnte.

Das aus 21 Spielern bestehende Ensemble ( 18 beim Auftritt laut eigener Aussage ), bedient sich sehr stark der Erzählung von Texten neben ihrem Darstellenden Spiel.

Ein beeindruckendes Bühnenbild, sowie das Spiel der Darsteller dienen der Untermalung der einzelnen Erzählungen.

Die Untermalungen fallen sehr kreativ aus, wobei man das Hauptaugenmerk auf die Erzählungen richten sollte.

Mir haben sie jedenfalls sehr gefallen.

Die Betonung in der Aussprache und das Spiel der Darsteller wurde dem düsteren, melancholischen und leicht chaotischen Klima gerecht.

Gerade die Sprecher gaben sich Mühe die Situation der Autorin authentisch rüber zu bringen.

Abschließend kann ich nur sagen, dass die Geschichte die ohnehin schwierige Situation von Künstlern noch ins Extreme führt.

Insgesamt ein gelungenes Stück und ein, wenn man nur die Stücke beachtet, gelungener Abschluss, des Klubszene Festivals.

Michael Pajuelo

Foto: Klubszene2015

Odyssey 360°

Dienstag, 14. Juli 2015

odysee

Unsere Geschichte beginnt im Podewil an einem heißen Sommertag des dritten Zeitalters des insgesamt vier Tage dauernden Klubszene Festivals.

Es ist fast 19:40 Uhr und der CLUB 2 des Theaters an der Parkaue beginnt mit der Aufführung seines Stücks.

Eine Odyssee aus anderen Perspektiven.

Bei kurzer Betrachtung des Teasertextes und des Titels, welches den Namen „Nightmeer“ trägt, ist wohl klar, dass die Odyssee hier das Leitmotiv bildet. Zuschauer, welche beim Wort Odyssee Schlimmes befürchten, können beruhigt sein, denn auf eine lange Irrfahrt begibt man sich hier nicht.

Das Stück enthält einige der bekanntesten Szenen der Odyssee, modern interpretiert mit ein paar popkulturellen Referenzen. Darunter tauchen Hollywood-Filme wie „Herr der Ringe“ und „Bodyguard“ auf.

Wiederum aber auch ein aktuelles Thema, wie die derzeitige Flüchtlingssituation in der EU, welches einem die Odyssee nochmals aus einem anderen Blickwinkel betrachten lässt. Interessant welche Parallelen die Odyssee und die Situation der heutigen Kriegsflüchtlinge aufweist. Beide Geschichten involvieren Menschen die ein Kriegsgebiet verlassen mit der Hoffnung endlich wieder auf sicherem, nicht vom Krieg zerstörten Boden, leben zu können.

Die Schauspieler nutzen ein kleines Floß als ihre Bühne, welches kaum größer als 6 Quadratmeter sein dürfte. Wer davon nicht schon überrascht ist, wird bei der Tatsache, dass die jungen Schauspieler ihr Stück in einem 360 Grad Stil präsentieren, auf jeden Fall überrascht sein. Sie spielen in alle Richtungen und das kontinuierlich auf ihrer schon verkleinerten Bühne. Kein Abgang zwischen verschiedenen Szenen, kein großer Raum für intensive Bewegungen, kein unauffälliger Kostümwechsel. Obwohl diese Technik sehr schwierig zu praktizieren ist, haben sie aus meiner Sicht, den Raum gut genutzt.

Diese, von der Größe her, leicht spartanisch ausfallende Spielfläche ist aber auch eine Herausforderung, um manche dramatischen Szenen umzusetzen, wie zum Beispiel, das Ertrinken eines Passagiers oder der Kampf zwischen zwei Passagieren. Trotzdem spielt die Gruppe die unterschiedlichen Rollen mit Überzeugung und Energie.

Zusammengefasst ist es ein Klassiker aus einer komplett neuen Perspektive erlebt, sowohl vom Zuschauer als auch von den Darstellern.

Bravo !

Michael Pajuelo

Fotos: Klubszene2015

Jeanne d’Arc – Die Popikone

Mittwoch, 8. Juli 2015

klubszene_a

 

Die junge Neuköllner Oper parodiert das Heldentum per se.

Heldenepen erfreuen sich seit der Antike einer gleichbleibenden Beliebtheit: selbst heute, im ach so abgeklärten Jahrhundert des Individualismus‘ und des Internets, strömen wir immer noch in Scharen ins Kino, um uns den neuesten Marvel-Superhelden-Streifen anzusehen und irgendwelche Übermenschen anzuhimmeln.
Das junge Ensemble der Neuköllner Oper hat sich zusammen mit dem KiJuKuZ „Alte Feuerwache“ in ihrem Projekt „Odyssée d‘ Orléans- THE D’ARC KNIGHT RETURNS“ das Heldentum vorgenommen- und es gründlich persifliert.
Auf der Bühne sind zwar als milde Hommage an das Mittelalter ein paar Holzscheite, Kettenhemden und Schwerter verteilt- aber die Darsteller_innen tragen feuerrote Bob-Perücken und sprechen Denglisch. Die engelsgleichen Melodien, die sie singen, stehen im krassen Kontrast zu den bitterbösen Lyrics.
Sie bemängeln die künstliche Barbie-Perfektheit von Jeanne d’Arc und anderen historischen und zeitgenössischen Vorbildern. Sie wünschen sich keine cleane Heilige, sondern jemanden, der sie auch liebt, wen sie „halbnackt und total besoffen“ nach Hause kommen. Und sie sehnen sich nach einer klaren Ansage. Denn warum ist es ok und politisch, wenn sich „in Russland alle ausziehen“ und die, die das auf MTV machen, sind dann „einfach nur Bitches?“
Viel Herablassenheit, viel heitere Religionskritik aber auch todernste Angelegenheiten wie die Flüchtlingsproblematik werden hier zu einem schrillen Cocktail aus Popkultur und philosophischen Betrachtungen zur Emanzipation und Selbstfindung gemixt. Das Resultat:
Eine selbstironische, pechschwarze und politisch unkorrekte Hymne an die Imperfektion.
Dazu will der todernste Appell an die Zuschauer am Ende gar nicht so recht passen.
Text und Bild: Morgane Llanque

„Ihr und eure öffentliche Trauma-Produktion!“ – PULS – Ein Worst Case Szenario von den Akionist*innen

Montag, 6. Juli 2015

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Der dritte Tag des Klubszenefestivals im Podewil: Die Julihitze bringt selbst Hartgesottene ins Schwitzen, zum Glück gibt es den von Weinreben umrankten Außenbereich, in dem dehydrierte Gäste und Schauspieler etwas trinken und sich entspannen können.
Ich habe die Aktionist*innen, den Jugendklub des Maxim Gorki Theaters, schon letzten Sommer mit „Kritische Masse“ im Studio R gesehen: das feministische Stück beleuchtete die vielen Facetten des Frau-Seins so persönlich und intensiv, dass es die Zuschauer und mich von den Stühlen riss. Meine Erwartungen an den Nachfolger „Puls“ sind dementsprechend hoch.
Um kurz vor 5 geht es dann los: Die Treppe hoch in den Theatersaal: Das Bühnenbild ist schlicht, aber ausdrucksstark: Drei schwarze Wände, umwickelt in halbtransparente Plastikfolie. Die 17 Schauspieler_innen kommen auf die Bühnenbretter getanzt, der Boden ächzt bei jedem ihrer kraftvollen Schritte. Thema des Stückes: Angst. Angeborene und Anerzogene. Im Laufe des Lebens entwickelte und eingeimpfte Angst. „Ihr und eure öffentliche Trauma-Produktion!“ rufen sie uns, als Repräsentanten der Gesellschaft, anklagend zu.

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Das Stück ist sehr physisch: die Darsteller_innen zentrieren sich in einer zitternden und keuchenden Masse, zerfallen in einzelne Individuen oder Pärchen, tragen und heben sich gegenseitig in die Luft und rennen immer wieder an die Außenwände, um die riesige Folie mit Kreppband zu befestigen, damit sie bloß nicht zu Boden fällt.

Klub3

Diese beiden Elemente sind es schließlich auch, von denen das Stück getragen wird: Die düstere Performance, bei der sich alle auf der Bühne hemmungslos auspowern, und die Folie als Metapher für die Ambivalenz der Angst: man kann sich in ihr einwickeln, um sich vor der Welt und den eigenen Erwartungen zu verbergen. Sie kann Schutz geben, sie kann aber auch beschränken und ersticken.
Während die Aktionist*innen all diese Möglichkeiten durchspielen, erzählen sie in einzelnen Monologen von ihren Ängsten. Fast alle davon thematisieren die Zukunft: was wenn ich schwanger werde? Was wenn ich NICHT den oder die perfekte Partner_in finde? Und keinen Job, der mich glücklich macht? Und keine Aufgabe, die allem einen Sinn verleiht? Am Ende schließlich sind sie es, die die Folie niederreißen. Und Mut fassen.
Obwohl mich die Performance wie schon bei „Kritische Masse“ wieder mitreißen konnte, erscheinen die Monologe diesmal teilweise recht willkürlich. Wenn dann eine der Schauspieler_innen mit heruntergelassenem Kiefer ihr zukünftiges Ich in einem zutiefst Klischeebelasteten Neubrandenburg-Szenario erlebt, fragt man sich, ob es dem Stück nicht besser getan hätte, sich etwas weniger auf das karikierte Später und etwas mehr auf das reale Jetzt zu konzentrieren.
Andererseits, vielleicht ging es ja auch genau darum: die Lächerlichkeit der ständigen Selbstgeißelung zu zeigen. Und uns zu mahnen, dass wenn unsere ungewisse Zukunft schon furchtbar sein sollte, wenigstens die Gegenwart voll und ganz ausgekostet werden muss.
Trotz ein paar Längen war es ein unterhaltsamer Theaterabend. Nicht zuletzt der leidenschaftlichen Spielfreude der Darsteller wegen.

Text: Morgane Llanque

Fotos: Matías von Bennewitz Baudoin

 

„Glück und Erlösung“ – Junge Deutsche Oper, 01.07.2015

Montag, 6. Juli 2015

Geld ist böse. Menschen, die arbeiten, sollten höher gestellt sein, als Menschen, die nicht arbeiten. Um ein gutes Leben zu führen, ist es nicht nötig, übermäßig viel zu haben. Man braucht Geld, um zu tun, was einem Spaß macht. Geld ist Gift.

…aber macht es eigentlich glücklich?

Diese Frage diskutierten am Mittwochabend zehn Jugendliche, von oben bis unten schwarz gekleidet. Um ihr auf den Grund zu gehen, wurde vor keinem Mittel zurückgeschreckt; es wurde fleißig erzählt, gebaut, soundcollagiert, gestritten, offenbart, Sokrates zu Rate gezogen, aber vor Allem: musiziert, musiziert, musiziert! Von Flöte über Gitarre und Klavier bishin zur eigenen Stimme wird hier nichts ausgelassen, um Musik zu machen – mit dem größten Selbstverständnis von den Darstellern selbst und auch noch live! Ob in einer eindringlichen Version von „Ich wär so gerne Millionär“ oder in Madonnas „Material girl“ auf Blockflöte – in der Musik fühlen sich die Darsteller eindeutig Zuhause. Kaum kommt die Musik ins Spiel, fangen die schwarzen Blümchen da vor mir auf der Bühne wie wild zu blühen an; Energie, Dynamik, Leidenschaft sind förmlich greifbar!

Erstaunlich zu sehen oder besser gesagt zu hören, welch musikalisches Potenzial das unromantische Thema Geld doch birgt.

Schnell wird allerdings klar: Hier geht es nicht nur um Geld.

Habe ich als Mensch einen „Marktwert“? Und, oh Gott, entscheiden Menschen, ob sie mich lieben anhand dieses Marktwertes? Darf ich nur mit jemandem zusammen sein, der denselben Marktwert hat, wie ich? Woran messe ich den Wert anderer Menschen für mich? Und woran wird mein Wert eigentlich gemessen??? Vielleicht an der Anzahl der Kamele, die im Marrakesh Urlaub für mich geboten werden (30!)? An der Arbeit, die ich leiste? Denn wir Menschen sind schließlich Arbeiter! Oder?

Und, oh Gott, entscheiden Menschen, ob sie mich lieben anhand Marktwertes?

In welchen Momenten fühle ich mich wertvoll? Wenn ich meiner Oma eine Freude mache, indem ich ihr durchs Telefon aus ihrer Lieblingsoper vorsinge. Oder wenn mein Opa mir für eine erledigte Aufgabe eine selbstgebastelte Medaille überreicht.

Geschichten werden erzählt. Geschichten, die mir etwas über die Darsteller verraten, sie verletzlich machen. Dieses Stück ist damit nicht nur ein Stück; es ist ein einzigartiges Goldstück, das vor Persönlichkeit nur so strahlt!

Wenn mich die Junge Deutsche Oper an jenem Abend im Juli eines gelehrt hat, dann das: Geld ist nicht gleich Wert… und, wow, auch mit Aktenkoffern kann man musikalische Höchstleistungen vollbringen,Hut ab!

Zwar hätte ich mir ab und an ein bisschen mehr musizierende Schauspieler anstelle von schauspielenden Musikern gewünscht, bin aber dennoch unendlich dankbar für diesen Abend, denn ich weiß jetzt: Die Finanzkrise ist gar keine richtige Krise! Puh!

Rebecca Skarabis